Die Ursache – Unfall, Selbstmord oder Verbrechen – ist selten zu klären. Denn trotz Videoaufzeichnung kann nicht jeder Winkel an Bord überwacht werden. Im Jahr 2019 wurden nach Angaben von Statista „Mann-über-Bord-Vorfälle“ (Kurzform: MOB) auf internationalen Gewässern gemeldet. Nur neun Passagiere konnten gerettet werden. 

Wer sieht, dass eine Person über Bord geht, muss „Mann über Bord!“ rufen, dazu die Info, auf welcher Schiffseite das geschehen ist. Dann passiert auf der Brücke folgendes: Auf den Kreuzfahrtschiffen wird sofort der Wachführer oder wachhabende Offizier verständigt. Zur Markierung der Unfallstelle werden unverzüglich Rettungsringe und Westen ins Wasser geworfen, die Maschinen stoppen.

Der Wachoffizier oder Wachführer muss schnellstmöglich Generalalarm auslösen und den Rettungs-Radartransponder (SART) auswerfen lassen. Dann leitet er ein entsprechendes Rudermanöver oder einen Drehkreis ein, um zur Unfallstelle zurückzufahren, und informiert den Kapitän oder Schiffsführer.

Der macht die Maschine klar zum Manövrieren, drückt die MOB-Taste am GPS, stellt auf Handsteuerung um, trägt die Unfallposition in die Seekarte und den Unfall ins Schiffstagebuch ein. Dann lässt er ein Einsatzboot klarmachen. Dieses macht sich direkt auf die Suche nach der vermissten Person.

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Wie oft wird der Ernstfall geübt?

Das „Mann-über-Bord-Manöver“ muss mit jedem neuen Schiff und jeder neuen Mannschaft geübt werden, denn es hat im Ernstfall Priorität vor allen anderen Dingen.

Was aber sollten Menschen tun, die selbst vom Kreuzfahrtschiff gefallen sind? Und durch welche Umstände kommt es überhaupt zu Stürzen von Bord?

Kaum einer fällt „aus Versehen“ von Bord

Die gute Nachricht zuerst: In der Regel fällst du nicht einfach so von einem Schiff. Besonders Kreuzfahrtschiffe seien auf die Sicherheit der Passagiere ausgelegt, erklärt Professor Ross Klein, Gründer von „Cruise Junkie“ dem „Condé Nast Traveller“. Es komme sehr selten vor, dass ein Passagier tatsächlich über Bord „falle“. In der Regel springe man über Bord, werde geschubst oder geworfen. 

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Alkohol beeinflusst nachlässiges Verhalten, bei dem Menschen über Bord gehen könnten

Michael McGarry von der internationalen Vereinigung für Kreuzfahrtgesellschaften CLIA ergänzt, dass die meisten Fälle das Resultat von Vorsatz oder Leichtsinn seien. Und: Häufigste Ursache sei verantwortungsloses Verhalten infolge von Alkoholkonsum.

In einem Statement der CLIA heißt es, dass Sicherheitsregulierungen wie Mindesthöhen für Reling und Balkongeländer sowie Barrieren verhindern würden, dass verantwortungsvolle Kreuzfahrtpassagiere einfach von Bord fallen: „Es gibt keine bekannten Fälle, in denen ein verantwortungsbewusst Handelnder versehentlich von einem Kreuzfahrtschiff gefallen ist.“

Wie du dich nach einem Sturz vom Kreuzfahrtschiff verhältst

Welches Verhalten empfehlen Experten fürs Überleben auf hoher See? Autor und Professor Mike Tipton zufolge hängen die Überlebenschancen bei einem Sturz von Bord von mehreren Faktoren ab, darunter die Höhe des Falls, die Wassertemperatur und die Wetterbedingungen. 

Auch die Reaktionsgeschwindigkeit der Rettungsteams sowie die Schwimmkünste und mentale Verfassung der Über-Bord-Gegangenen spielen eine Rolle. Das Beste, was Passagiere in so einer Situation tun könnten, sei, in den ersten Minuten im Wasser ruhig zu bleiben und sich treiben zu lassen, um die Energiereserven zu schonen.

„Mann über Bord“: Selten sind die Betroffenen so gut ausgerüstet wie hier bei einem Übungsmanöver.

„Mann über Bord“: So lange kann man im Meer überleben

Beim Eintauchen ins kalte Wasser könne es zum Kälteschock kommen, wodurch Betroffene beim reflexhaften Einatmen zu viel Wasser schlucken. So eine Reaktion sei aber normal und nach kurzer Zeit wieder vorbei, so Tipton gegenüber dem „Telegraph“. Am wichtigsten sei es, Ruhe zu bewahren und sich positive Gedanken zu machen. Immerhin könne man in 15 Grad kaltem Wasser bis zu sechs Stunden überleben. 

In Gewässern mit weniger als 25 Grad Wassertemperatur sei es am besten, sich nicht zu bewegen, da bei Bewegung tatsächlich mehr Körperwärme verloren ginge, als wenn man sich nicht bewege, erklärt Tipton. 

Wie ein Fötus treiben lassen und wenig bewegen

Wer eine Schwimmhilfe wie einen Rettungsring zur Hand habe, solle diese am Körper festbinden, da es nach wenigen Minuten im kalten Wasser schwerfalle, sich festzuhalten. Wer keinen schwimmenden Gegenstand in der Nähe hat, sollte sich am besten in eine Art Fötusposition begeben, also Arme und Beine nah an den Körper bringen, um möglichst viel Wärme am Körper zu halten. 

Und: Sobald eine Rettungsboot kommt, nicht sofort alle Anspannung abfallen lassen. Viele Menschen in Seenot würden in den Minuten der Rettung ertrinken, weil sie ihren Körper zu schnell entspannen.

Die Sicherheit von Kreuzfahrtschiffen wird regelmäßig geprüft

Auch vonseiten der Reedereien gibt es natürlich Maßnahmen, die „Mann über Bord“-Vorfälle verhindern sollen. Die CLIA gibt an, dass ein durchschnittliches Schiff Dutzende angekündigte und unangekündigte Sicherheitsinspektionen durchlaufe – pro Jahr. Dabei würden Tausende speziefische Anforderungen überprüft, die von der International Maritime Organization (IMO) festgelegt würden.

Zudem würden gerade Kreuzfahrtveranstalter, deren Schiffen auf dem Meer unterwegs sind, die internationalen Anforderungen übertreffen.