Ballonpilotinnen und ‑piloten haben viele Gegner. Scherwinde, Fußkälte, Windinversionen, Hochnebel, Überlandstromleitungen, Funklöcher, Berghänge – aber sie haben auch einen großen Verbündeten: Sie haben Zeit.

An diesem kalten Wintermorgen stehen Sophie Miannay und ihr Helfer Jacky auf einer großen, tief verschneiten Wiese im Kaiserwinkl in Tirol. Der etwa 130 Kilo schwere Ballon, der zweiflammige Brenner und der massive Weidenkorb liegen noch verstaut im Anhänger ihres schweren Geländewagens. Skeptisch blicken die beiden in den bleiernen Himmel. Keine Bergspitze ragt aus der tief hängenden Wolkendecke heraus – und im Kaiserwinkl gibt es eine Menge Bergspitzen.

Crews bereiten den Start vor

Wenige Meter weiter herrscht bereits geschäftiges Treiben. Mit fauchenden Brennern blasen andere Crews rund 3000 Kubikmeter heiße Luft in ihre Ballonhüllen. Große Werbeschriftzüge, ein Smiley, ein Brauereilogo und sogar das riesige Handwerkermaskottchen einer Baumarktkette richten sich langsam auf.

Die ersten Ballons richten sich langsam auf – sobald das Wetter besser wird, kann es losgehen.

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Alpine Ballooning ist das größte Ballonevent im Alpenraum

Rund 50 Balloncrews nehmen am jährlichen Alpine-Ballooning-Event im Kaiserwinkl teil, der größten Veranstaltung ihrer Art im Alpenraum. Eine Stunde zuvor saßen alle in der großen Festhalle in Kössen beim morgendlichen Briefing. Detailliert ging es um Wetter, Wertungsprüfungen, Windgeschwindigkeiten und ‑richtungen in verschiedenen Höhen. Und die heutigen Passagierinnen und Passagiere wurden den Balloncrews zugeteilt. Wer allerdings keine Tiroler Mundart beherrscht, hat nicht viel verstanden.

Wie gut, dass die Pilotinnen und Piloten einander helfen, wo sie nur können. So erfährt auch Miannay, eigentlich Zahnärztin im französischen Amiens, von den militärischen Sperrgebieten (die nicht überquert werden dürfen) in ihrer Nähe – und von dem Reporter, der heute ihr Mitflieger ist. Oder Mitfahrer? Dazu später mehr.

Sophie Miannay aus dem französischen Amiens gehört beim Alpine Ballooning zu den Pilotinnen.

Eine Ballonfahrt ist immer improvisiert

Über der Startwiese zeigen sich kleine, hellblaue Wolkenlücken. Der erste Ballon hebt ab – und verschwindet im Nebel. Über Funk gibt der Pilot durch, wie mächtig die Wolkendecke ist. Miannay schüttelt den Kopf, beginnt aber langsam mit ihren Vorbereitungen. Nach rund 20 Minuten steht der markante, bunte Amiens-Ballon aufrecht. Aber starten will Miannay noch nicht. „Zu gefährlich“, erklärt sie – zu wenig Sicht und tückische Winde.

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Sie deutet auf einen Ballon, der knapp unter den Wolken auf einen bewaldeten Berghang zutreibt und notlanden muss. Allerdings hört sich das schlimmer an, als es ist, denn eigentlich ist jede Landung mit einem Ballon eine Art Notlandung. Schließlich gibt es keine Landebahn und keinen vorausberechneten Landeplatz. Eine Ballonfahrt endet immer improvisiert.

Sophie Miannay bereitet den Start mit dem Heißluftballon vor.

Und plötzlich geht es los

Der Himmel ist längst blau, als Miannay das Startkommando gibt. Und jetzt zeigt sich die ganze Routine der Pilotin. Während in anderen Körben hektische Betriebsamkeit herrscht, weil ihre Ballone von unsichtbaren Winden erfasst und fortgetrieben werden, schießt der Amiens-Ballon mit – im Wortsinn – Vollgas senkrecht wie ein Fahrstuhl an ihnen vorbei, bis Miannay eine Windströmung erwischt, die das fragile Konstrukt aus Holz, Leder, Metall, Stoff und heißer Luft in die gewünschte Richtung schiebt. Der Brenner erlischt, und auf einmal ist es ganz still.

Die Sonne scheint auf die atemberaubende Bergkulisse von Wildem und Zahmem Kaiser, die Dutzenden bunten Ballonfarbtupfer am Himmel und das glückliche Gesicht der Pilotin. „Ich kann die Winde erspüren“, sagt sie. „Das ist ein berauschendes Gefühl.“

Den Kaiserwinkl zu Füßen

Der Kaiserwinkl liegt den Crews zu Füßen und präsentiert alle Vorteile seiner Kessellage: fruchtbar, wasserreich und vielfältig. Hier sanft geschwungene Grasberge, dort schroff aufragende Felswände – wie gemacht für einen Aktivurlaub. Alles auf kleinem Raum und ohne lange Anfahrten: So enden alle Mountainbike-Downhillstrecken wieder im Kessel. Kössen, der Name des Hauptortes, ist übrigens eine alte Tiroler Bezeichnung dafür.

Wenn die vielen Ballons beim Alpine Ballooning beinahe lautlos über die Landschaft gleiten, lohnt sich die Aussicht auch für die am Boden Gebliebenen.

Vielfältige Outdoor-Aktivitäten

Der Kaiserwinkl wirbt mit dem Slogan „Aufregend, wenn du es willst“. Canyoning, Rafting, Bergsteigen, Klettern, E- und Mountainbiken im Sommer – im Winter Alpin- und Langlaufski, Paragliding, Eislaufen, Reiten, Rodeln oder Snowtubing. Das alles hat Wanderführer Andi Schwentner am Vortag bei einer Schneeschuhwanderung aufgezählt, bis ihn die Sonne unterbrach, die plötzlich den Wilden Kaiser in unwirkliches Licht tauchte. „Ah“, sagte Andi grinsend, „jetzt wird’s scho a bissl kitschig, oder?“

Allerdings war das nichts im Vergleich zu dem Anblick, der sich aus dem Ballon bietet. Der mitfahrende (oder mitfliegende ?) Reporter muss sich jedoch noch ein bisschen an den Gedanken gewöhnen, dass ihn nur ein knapp hüfthohes Weidengeflecht von einem Sturz aus zwei Kilometern Höhe trennt. Irgendwann leitet Miannay den Sinkflug ein, hält Ausschau nach einem geeigneten Landeplatz – und trifft ihn mit verblüffender Genauigkeit. Plötzlich sind wir von Helferinnen und Helfern umringt und mit vereinten Kräften ist der Ballon bald verstaut.

Fahren oder fliegen?

Zu klären bleibt noch die Frage, ob ein Ballon „fährt“ oder „fliegt“. Während Ballonpilotinnen und ‑piloten im deutschen Sprachraum darauf bestehen, dass sie „fahren“ – schließlich habe ein Ballon keine Steuerung und sei quasi nur „Mitfahrer“ im Wind, schütteln französische und luxemburgische Pilotinnen und Piloten im Kaiserwinkl entrüstet den Kopf. „Mon dieu!“ (mein Gott!), ruft Miannay aus. Schließlich fliege der Ballon im Himmel und fahre nicht auf der Erde. Und dann zitiert sie frei nach Asterix: „Die spinnen, die Deutschen!“

Tipps für deine Reise nach Tirol

Alpine Ballooning: Das nächste Alpine Ballooning im Kaiserwinkl findet vom 21. bis 28. Januar statt. Dabei treten etwa 50 Ballonfahrerteams aus fünf Nationen an. Ein Highlight ist das Night Glowing mit Choreografie zu Musik am Mittwoch, 25. Januar. Passagierfahrten finden je nach Wetterlage statt. Eine Mitfahrgelegenheit ist ab 280 Euro pro Person buchbar. Anmeldungen und Informationen gibt es bei Irmgard Moser, Telefon (00 43)  67 63 72 50 51 und per E‑Mail an irmgard.moser@bnet.at.

Ein Highlight des jährlichen Alpine Balloonings im Kaiserwinkl ist das Night Glowing.

Die Reise wurde unterstützt vom Tourismusverband Kaiserwinkl. Über Auswahl und Ausrichtung der Inhalte entscheidet allein die Redaktion.