Viel Zeit sollte man an diesem Ort nicht verlieren. Es gibt einfach zu viel zu sehen, zu erfahren und zu genießen in den Dolomiten.

Pietro Rottonara weiß das. Er ist 77, noch immer als Skilehrer aktiv und an einem sonnigen Tag unser Guide im Skigebiet von Alta Badia. Seine gute Laune auf der Piste gipfelt immer wieder in einem Wort: „Andiamo!“

Auf geht’s also auf den bestens präparierten Pisten dieses 130 Kilometer großen Skigebietes. Doch kaum haben wir Schwung geholt, nimmt Rottonara schon wieder das Tempo raus. „Aber langsam“, ruft er über seine Schulter, „man sollte das genießen.“

Pietro Rottonara ist mit 77 Jahren immer noch ein eleganter Skifahrer – und kehrt gern in die Scotoni-Hütte ein.

Mit einer geschmeidigen Beweglichkeit, um die ihn viele Jüngere beneiden dürften, legt er sich in den Hang. Lange Kurven verschaffen Skifahrerinnen und Skifahrern die Zeit auf der Piste, damit man nicht zu schnell zu viel verpasst. „Sciare con gusto“, sagt Rottonara – „Skifahren mit Genuss“.

Skifahren im Unseco-Weltnaturerbe

Es ist eine eigentlich unmögliche Zeitrechnung, die dennoch aufgeht. Die langgezogenen, meist blauen und roten Abfahrten machen ein gemächliches Tempo möglich. Alles andere wäre auch ein Jammer, schließlich fährt man hier durch ein geschichtsträchtiges Unesco-Weltnaturerbe, vorbei an den so typischen Felsformationen, aus denen sich aus manchen Spalten und Ritzen eingefrorene Wasserfälle quetschen. Majestätischer Stillstand. Doch das war hier nicht immer so.

Aus den Felsspalten quetscht sich ein vereister Wasserfall.

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Einschusslöcher erinnern an Gefechte

Nicht jedes Loch hat sich in tausendjähriger Erosion in das Bergmassiv hineingebohrt. Am Lagazuo, dessen höchster Zipfel sich bis auf 2.778 Meter emporstreckt, standen sich im Ersten Weltkrieg italienische und österreichische Truppen gegenüber. Im Sommer sind die Schützengräben, die damals in die Dolomiten geschlagen wurden, an manchen Stellen noch zu erkennen. Im Winter belegen die durch den Dauerbeschuss gerissenen Löcher in den Felsen den Stellungskampf um Südtirol.

Ladinerinnen und Ladiner sind eine Minderheit

An dieser Stelle fasst sich Rottonara lieber so kurz wie möglich. Krieg ist nicht sein großes Thema. Er ist nur froh, dass die Zustände von damals längst überwunden sind. Zumindest hier. Heute könne man Südtiroler und Italiener sein, ohne sich zerrissen zu fühlen. Und in seinem Fall kommt noch eine dritte Zutat für eine gelungene Identität dazu – Rottonara ist Ladiner. Das ist eine kleine, stolze und vor allem zähe Minderheit. In einigen wenigen Tälern Norditaliens zählt sie etwa 30.000 bis 35.000 Menschen.

Majestätische Schönheit: Im Skigebiet von Alta Badia führen die Pisten direkt durch das Unesco-Naturerbe.

Ladinisch ist Schulfach

Ursprung der Sprache ist das sogenannte Vulgärlatein, das nach dem Zusammenbruch des Römischen Reiches in den unzugänglichen Schluchten überlebt hat, bis heute und trotz der über Jahrhunderte andauernden Germanisierung und Italianisierung. Die ladinische Sprache und Kultur hat das alles überdauert. In den Kommunen des Alta-Badia-Tals hat das Ladinische auch heute seinen festen Platz – gemeinsam mit den Amtssprachen Deutsch und Italienisch wird es auch in den Schulen gelernt.

So beständig wie die Ladiner sind einige Dinge in Alta Badia. Das sonnige Wetter im Winter etwa. Oder die mehr als 50 Hütten, die es entlang der Pisten gibt. Jede für sich ist einzigartig, denn jede einzelne davon wird privat betrieben. Restaurantketten haben sich hier nicht niedergelassen. Und so hat auch jedes einzelne dieser Häuser eine eigene Geschichte zu erzählen.

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Einkehr in der Scotoni-Hütte

Eine besondere Bekanntheit hat die Scotoni-Hütte. Rottonara verweist sehr gern darauf, schließlich hat er vor 50 Jahren, als das Gebäude auf ziemlich genau 2.000 Metern Höhe entstand, beim Bau mitgeholfen. „Ich habe damals auch Steine aus den Felsen für die Hauswände geschleppt“, sagt er stolz. Entsprechend gern ist er hier – und entsprechend gern ist er hier gesehen.

In der Scotoni-Hütte bereitet Chef Christian Agreiter Steaks und Filets für die vielen Gäste zu – schnell, aber ohne Hektik und vor allem gekonnt.


Das Besondere im Scotoni ist das Einfache. Das Herz der Hütte ist der offene Grill in der Mitte des Gebäudes, auf dem der Chef Christian Agreiter riesige Steaks und zarte Filets grillt und so mit Hingabe und beeindruckender Ruhe einen ganzen Raum und eine Terrasse voll mit hungrigen Skifahrerinnen und Skifahrern bekocht.

Agreiters Familie betreibt die Hütte vom ersten Tag an – und er setzt auf das, was sich in all der Zeit bewährt hat: eine einfache Küche mit besten Zutaten aus der Region, dazu Mineralwasser aus der eigenen Bergquelle, Prosecco aus eigener Herstellung und eine Karte mit 400 Weinen.

Gestärkt auf die Piste

Bestens gestärkt lässt sich der Rest des Tages gut auf der Piste verbringen. Denn wenn man erst einmal im Scotoni eingekehrt ist, hat man eigentlich schon alles richtig gemacht. Man befindet sich dann nämlich auf der siebeneinhalb Kilometer langen und angenehm zu fahrenden Armentarola-Piste. Unten angekommen wartet eine spezielle Fortbewegungsmethode auf die Skifahrerinnen und Skifahrer.

Mit dem Noriker-Pferdegespann geht es für Skifahrerinnen und Skifahrer besonders entspannt durchs beeindruckende Weltnaturerbe.

Pferdegespann statt Skilift

Es gibt hier keine Gondel und keinen Lift, wer weiter will, muss 3 Euro (nur in bar) bezahlen, sich an einem Seil festhalten und von einem Noriker-Pferdegespann ziehen lassen – der wohl ökologischste Lift des Alpenraums. „Das ist aus der Not geboren. Weil das Gelände ein Naturpark ist, durfte hier kein Lift gebaut werden“, erzählt Skilehrer Rottonara zur Vorgeschichte.

Der Kaiserschmarrn im Schutzhaus schmeckt

Es ist nur eine Besonderheit von vielen entlang der Alta-Badia-Pisten. Gemeinsam ist den allermeisten, dass ihnen das Zeitliche offenbar wenig anhaben kann. So lohnt sich auch die Fahrt hinauf zur Heiligkreuz- oder La-Crusc-Kirche. Neben dem kleinen Gotteshaus, das neben den Pisten steht und dessen Wände voll hängen mit gerahmten Danksagungen von Gläubigen, befindet sich das Schutzhaus Heiligkreuz, bekannt für seinen guten Kaiserschmarrn.

Die Heiligkreuz- oder La-Crusc-Kirche steht vor einem Felsmassiv der Dolomiten. Die Schutzhütte daneben ist seit mehreren Generationen in Familienbesitz.

Auch dieses Haus hat eine lange Tradition, erbaut wurde es 1718, seit Generationen wird es geführt von der Familie von Karin di Irsara. Sie blickt täglich auf „meine Kirche“, wie sie sagt. Dabei ist ihr hier eine Ungerechtigkeit widerfahren: „Meine Schwester ist hier getauft, meine Töchter auch. Ich nicht. Meine Taufe war im Winter, in der Kirche gibt es aber nur im Sommer Gottesdienste.“

An der Wand in der Heiligkreuz- oder La-Crusc-Kirche hängen zahlreiche gerahmte Danksagungen von Gläubigen.

Maso Runch: Gutes vergeht nicht

Ist das der Gipfel der Beständigkeit? Nein, noch nicht ganz. Der findet sich im Tal, in einem urigen Restaurant mit dem Namen Maso Runch in Badia. Den Hof gibt es seit 200 Jahren, seinen Charakter hat er kaum verändert – einfach, ursprünglich und familiär. Enrico Nagler führt ihn seit 40 Jahren mit seiner Frau Maria. Die ladinische Kultur und Kulinarik haben sie hier eingefroren.

Gastliches Haus: Das Maso Runch verwöhnt seine Gäste in einem angenehm unaufgeregten Ambiente mit typisch ladinischen Spezialitäten.

Gerstensuppe zum Auftakt

Im Maso Runch muss man sich nur Gedanken über den Wein machen. Gegessen wird das, was auf den Tisch kommt. Sechs Gänge für 38 Euro, ein Menü, das noch nie verändert wurde. Schon der Auftakt ist gut: Gerstensuppe hört sich nicht für jeden lecker an, hier aber schmeckt sie köstlich. Nach einer Menge Teigtaschen folgt irgendwann mit den Schweinerippchen mit Kraut der Höhepunkt dieser ladinischen Gourmetreise.

Köstliche Spezialität: Mit der Graupensuppe beginnt der ladinische Genuss im Maso Runch.


So gut das auch alles schmecken mag: Ist es nicht irgendwann an der Zeit, daran etwas zu ändern? Nagler zuckt zufrieden mit den Schultern: „Ich glaube nicht, aber vielleicht werden das die Kinder ja mal machen.“ Sohn Christian steht in der Küche und winkt ab: „Seit 29 Jahren wurde die Karte nicht verändert. Das bleibt auch so. Unser Essen haben wir perfektioniert. Und das gibt es so an keinem anderen Ort, nur hier.“ Klingt nach einer typisch ladinischen Logik. Genuss braucht halt seine Zeit. Die muss man sich nur nehmen.

Tipps für deine Reise nach Südtirol

Anreise: Der Weg nach Alta Badia führt mit dem Auto über Innsbruck und die Brennerautobahn. Von der italienischen Grenze sind es noch knapp anderthalb bis zwei Stunden bis zum Ziel. Mit dem Zug geht es über München ­zunächst nach Fortezza/Franzensfeste – von hier ist es noch knapp eine Stunde Fahrt mit dem Mietwagen oder Taxi in die Ortschaften des Skigebiets von Alta Badia.

Beste Reisezeit: Die Skisaison dauert von Mitte Dezember bis Anfang April. Auch im Sommer lohnt sich eine Reise nach Alta Badia. Dann sind ausgedehnte Wanderungen oder aber Mountainbiketouren und BMX-Abfahrten auf neu angelegten Fahrradwegen („Bike Beats“) durch die Unesco-Region möglich. 

Unterkünfte: Die Hotels und Pensionen sind fast ausschließlich familiengeführt – etwa das in La Villa/Stern zentral gelegene Garni La Ciasota oder das unmittelbar an Skischule und Lift gelegene Antines-Hotel in La Villa/Stern.

Weitere ­Informationen: Tagesskipässe kosteten in der Hauptsaison für Erwachsene 68 Euro, für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahren 48 Euro. Für sechs Tage werden 343 Euro fällig (für Erwachsene) – für Kinder und Jugendliche sind es für diesen Zeitraum 240 Euro.

Die Reise wurde unterstützt von ­Alta Badia. Über Auswahl und ­Ausrichtung der Inhalte entscheidet allein die Redaktion.