Zurück in die Schweiz, das kann sich Karin Wenger nicht vorstellen. Zumindest aktuell nicht. 20 Jahre lang hat sie im Ausland gelebt und gearbeitet. Arbeiten in Bern? „Nein, das geht noch nicht“, erzählt sie. Es wäre die Alternative gewesen, die Sicherheit. Stattdessen sitzt sie an diesem Morgen auf ihrem Segelboot, das in einer Bucht vor der Karibik-Insel Martinique liegt, und erzählt via Whatsapp-Call über ihr neues Leben.

Im vergangenen Jahr stand sie vor der Entscheidung, was nach April 2022 passieren würde. Ihr Vertrag als Südostasien-Korrespondentin für den Schweizer Radiosender SRF lief aus. „Es war klar, dass eine Änderung ansteht“, erzählt ihr Lebensgefährte Alexander Kiermayer. Die Idee nahm Formen an: ein Sabbatical. Was Abenteuerliches wollten sie machen – und wenig später war das Paar im Besitz eines Segelboots.

Karin und Alex lernten sich beim Tauchen vor Borneo kennen, seit August sind sie mit ihrem Segelboot „Mabul“ in der Karibik unterwegs.

Mit diesem Segelboot, das sie „Mabul“ nennen, nach der Insel, auf der sie sich einst kennenlernten, liegen sie nun vor Martinique. Seit einer Woche schon, es fehlt an Wind fürs Weitersegeln. „Auf einem Segelboot ist man den Naturkräften ausgesetzt“, sagt Karin. Also machen sie das Beste aus der Situation: Sie erkunden die Insel, bessern das Boot aus und kaufen für die nächsten Monate ein. Das Leben auf dem Boot, es entschleunigt und macht gelassen.

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Borneo, Thailand, Karibik: Zwei Weltenbummler auf dem Schiff

2019 lernten sich die Schweizerin und der Bayer kennen, auf einem Tauchboot vor Borneo. Sie machte ein Radiostück über Sea Gypsies, eine Art Boot-Nomadentum. Er war als Urlauber und begeisterter Taucher an Bord. Es ging schnell bei den beiden, schon wenige Monate später wollte der heute 38-Jährige seine Heimat hinter sich lassen und zu ihr nach Bangkok ziehen.

Doch dann kam die Corona-Pandemie, und alles wurde anders. Sie wollte eigentlich nur einige Tage sein Leben kennenlernen und machte Heimaturlaub in München sowie Rosenheim mit ihm. Februar 2020. Dann kam Corona, Lockdown, eine sehr lange Einreise-Sperre in Thailand.

Karin und Alex sehen auf ihrem Trip die schönsten Strände der Karibik.

Corona brachte die Thailand-Pläne des Paares durcheinander

Zwei Monate lang lebten sie in seiner Ein-Zimmer-Wohnung, die bereits gekündigt war. Danach zogen sie durch Deutschland und die Schweiz, quartierten sich bei verschiedenen Freunden ein. „Das war ein gutes Training fürs Leben auf dem Boot“, sagt sie, „es war sehr eng und wir hatten sehr wenig.“

Im Januar 2021 schließlich brachen sie auf nach Thailand, sein neues Leben, ihr altes. Sie nahmen sich eine Wohnung am Meer und irgendwie kam die Idee auf, eine Segelschule zu besuchen. Sie machten einen Segelkurs und begannen, Segelboote zu chartern, um damit herumzureisen.

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Ein altes Segelboot ist eine „schwimmende Werkstatt“

„Auf der ersten Reise ging alles schief“, sagt sie. „Jeden Tag tauchte ein Problem auf.“ Doch sie arbeiteten als Team und gaben nicht auf. Er, der Elektrotechniker und Handwerker. Sie, die Kommunikation und Sprachen kann, den neu gegründeten Blog der beiden, „Sailing Mabul“, sowie den Podcast mit Inhalt bestückt. „Alleine auf dem Boot wäre ich ein Totalausfall“, sagt sie lachend, „Alex ist echt gut, er schafft es immer, alles zu reparieren, ob Toilette oder Ankerwinde.“

Nicht immer ist das Wasser in der Karibik ruhig und angenehm zu besegeln, wie Alex hier erlebt.

Eigentlich wollten sie noch mehr üben, ehe sie sich ein eigenes Boot zulegen. Sie buchten für vier Wochen ein Boot in Griechenland, für Juli 2022, es sollte so eine Art Generalprobe werden, ob ihnen das Leben auf dem Boot auch für länger als einen kurzen Urlaub taugt. Doch kurz nachdem sie erstmals nach einem Segelboot schauten, im April, fanden sie die „Mabul“, damals noch „Pepper“ genannt. Eigentlich hatten sie gelesen, dass es oft mehrere Jahre dauert, bis man ein passendes Segelboot findet.

Alex flog nach Grenada, wo die „Pepper“ stand, und investierte mehrere Monate Zeit, um das Schiff auf Vordermann zu bringen – und kam nur für den bereits gebuchten Griechenland-Trip wieder nach Europa zurück. Bei der Generalprobe lernten sie viel, sagen sie, „vor allem, wie man es nicht macht“, so Karin.

Seglerpaar in der Karibik: „Man muss auch das Reisen lernen“

Sie wollten in vier Wochen möglichst viel sehen, nahmen sich zu viel vor, und das ohne wirkliche Erfahrungen, dazu hatten sie wöchentlich im Wechsel Freunde und Freundinnen an Bord. „Man muss auch das Reisen lernen. Jetzt legen wir mehr Pausen ein und wollen auch die Orte kennenlernen“, sagt sie. „Es ist ein ganz anderer Lebensstil, wenn man lange unterwegs ist“, ergänzt Alex. 

Von Griechenland ging es zurück nach Grenada, wo sich auch Karin mit der „Mabul“ anfreundete. Dann ging es los, von Grenada gen Norden, nach St. Vincent und die Grenadinen. „Das Wasser ist so klar, immer wieder werden wir von Schildkröten begleitet“, sagt Alex. Nun wollen sie Martinique ansteuern, wo seine Mutter an Bord geht, dann soll es weiter gen Dominica, Guadaloupe bis nach Mexiko gehen. 

Es geht nicht immer alles glatt, wie das auf Reisen eben oft ist. Jeden Tag ein neues Problem. Mal reißt der Keilriemen, mal bockt der Motor. „Segelboote sind schwimmende Werkstätten“, sagt Alex. Er brachte einige Vorkenntnisse mit, aber ohne handwerkliches Geschick wäre solch eine Reise nicht machbar. Wobei, die beiden loben die Seglergemeinschaft, alle würden sich gegenseitig helfen und unterstützen. 

Ein Jahr auf einem Segelboot – eine Herausforderung

Komfortabel ist das Leben an Bord aber nicht immer. 13 Meter lang ist die „Mabul“, bietet damit immerhin etwas Platz. Aber das alte Schiff ist eng, Alex muss drinnen leicht geduckt gehen, erzählt er. „Für uns beide ist es wunderbar. Und temporär können wir auch zu viert auf dem Boot sein“, sagt er. 

Auch die Zweisamkeit mussten sie lernen. Man muss sich verstehen, auch mal in Ruhe lassen, sagt Karin. „Jedes Paar sollte mal einen Monat auf einem Segelboot zusammen verbringen, ehe es heiratet“, sagt sie lachend. Man müsse lernen, mit Stress und Flauten umzugehen.

Allerdings: Auch aufgrund der Reparaturen und der wundervollen Gegend, in der sie unterwegs sind, wird es nicht langweilig. „Wir gehen morgens nach dem Aufstehen erst einmal schwimmen. Man lebt generell sehr im Einklang mit der Natur, muss sich anpassen“, berichtet Karin. Das setze aber auch Kräfte und Kreativität frei, es gebe viel weniger Ablenkungen. 

Erst die Eingewöhnung auf dem Boot, dann Zeit für weitere Projekte

Nur in einer Sache sind sie sich noch nicht komplett einig: Sie hofft, künftig auch mehr Zeit an Land zu verbringen. Derzeit sind das im Schnitt nur ein, zwei Stunden am Tag. In Dominica will sie mehr wandern, Vulkane und Seen erkunden. „Ich sehe das Boot noch immer mehr als Vehikel, Alex könnte einfach nur auf dem Boot bleiben.“

Immer wieder legen die beiden auch an Land an und erkunden die Inseln.

Noch sind sie damit beschäftigt, sich mit dem Seglerleben zu arrangieren und sich mit der „Mabul“ vertraut zu machen. Doch für die Zukunft wollen sie sich zudem ehrenamtlich engagieren, etwa in einem Projekt für Meeresschutz. Sie will dann mehr schreiben, er mehr aus dem Mobile Office arbeiten. 

Wie lange sie unterwegs sein wollen? Erst einmal hat sie bis September 2023 frei. Sie zögert noch, er jedoch glaubt, dass das noch erweitert wird. Und sollte die Einsamkeit mal zu groß werden, greift wieder die Seglergemeinschaft: Kürzlich waren sie zu einem Konzert eingeladen – auf einem anderen Boot.