Seit 2006 ist er ein ständiger Begleiter auf Flugreisen: ein kleiner, durchsichtiger und wiederverschließbarer Plastikbeutel. Dort hinein müssen Flüssigkeiten gepackt werden, ehe es durch die Sicherheitskontrolle am Airport geht.

Denn seit mehr als 16 Jahren dürfen nur noch Flüssigkeiten in Behältern mit einer Größe von maximal 100 Milliliter ins Handgepäck – und diese verpackt in ebenjenem transparenten Beutel mit höchstens einem Liter Fassungsvermögen. Doch bald könnte damit Schluss sein – dank einer neuen Technologie!

In Irland gilt keine 100-Milliliter-Begrenzung mehr beim Handgepäck 

Und die ist bereits im Einsatz: Der Shannon Airport an der Westküste Irlands war der erste Flughafen in der EU, der die Flüssigkeitsbegrenzung abgeschafft hat. Im Oktober 2021 hat der Airport ein neues Sicherheitskontrollsystem eingeführt, genannt State-of-the-Art-Computer-Tomografie (CT), das für 2,5 Millionen Euro auf dem Markt ist.

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Mit der neuen Computer-Technologie wird beim Sicherheitscheck an das Personal gemeldet, ob die Flüssigkeiten im Handgepäck gefährlich sind oder nicht.

Dieses Hightech-Sicherheitssystem macht es möglich, dass auch Flüssigkeiten, die sich in Koffer oder Rucksack befinden, gescannt werden können. Damit müssen Reisende die Flüssigkeiten nicht mehr separat durch die Sicherheitskontrolle schicken, sondern können sie im eigenen Gepäck verstaut lassen. Auch Laptops und andere technische Geräte dürfen im Koffer bleiben.

Sicherheitskontrolle dauert nur noch halb so lange

Außerdem können alle Flüssigkeiten, Gele, Cremes und Medikamente in beliebiger Größe im Handgepäck verstaut werden. So können Reisende Sonnencreme, Wasserflaschen und Co. wieder mit ins Handgepäck nehmen.

Der Airport geht davon aus, dass die Sicherheitskontrolle pro Fluggästin und Fluggast nur noch halb so lange dauern wird – und hat darin auch einen Vorteil erkannt: Die Menschen könnten sich dann länger in den Shops und der Gastronomie am Flughafen aufhalten, ehe sie ins Flugzeug steigen.

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In München soll 100-Milliliter-Begrenzung ab 2023 entfallen

Auch andernorts ist das neue CT bereits installiert, etwa am JFK-Airport in New York – und am Airport München. Drei Jahre lang wurden die Geräte hier in einem der Terminals getestet. Nun wurde entschieden, dass der Münchner Flughafen ab 2023 komplett auf CT umrüstet. Damit soll nach Angaben des Flughafens auch die Flüssigkeitsbegrenzung von 100 Millilitern entfallen.

Ist das der Startschuss für den flächendeckenden Ausbau in ganz Deutschland? „Der Flughafenverband ADV setzt sich bei der Bundespolizei dafür ein, dass auch an den deutschen Flughäfen modernste Kontrolltechnik zum Einsatz kommt“, teilt ADV-Hauptgeschäftsführer Ralph Beisel dem reisereporter mit. Für die Beschaffung der Geräte seien aber die Behörden verantwortlich.

Für Beschleunigung sorgen könnte eine Entwicklung im Januar 2023: Dann nämlich wird am Flughafendrehkreuz Frankfurt die Steuerungsverantwortung vom Bund auf den Flughafenbetreiber übertragen. „Erstmals erhält ein Flughafen die Zuständigkeit für die Beschaffung neuster Kontrollgeräte und wird unverzüglich mit der Installation von CT-Geräten beginnen“, so Beisel. Zunächst sollen im nächsten Jahr sieben der neuartigen Scanner dort installiert werden.

Der Einsatz der neuen Technologie sei eine Win-win-Situation für alle Beteiligten: „Unter Wahrung des hohen Sicherheitsniveaus profitieren die Passagiere von beschleunigten und stressfreien Abläufen“, sagt der ADV-Hauptgeschäftsführer.

Der Flughafen Schiphol in Amsterdam hat das neue CT-Programm bereits seit zwei Jahren installiert und war damit Vorreiter in Europa, verzichtet aber weitestgehend noch auf eine Aufhebung der 100-Milliliter-Regelung. „Da die Restriktionen bezüglich Flüssigkeiten im Handgepäck an den allermeisten Flughäfen noch in Kraft sind, könnte es auf einem Rückflug oder bei einem Transfer Probleme verursachen“, begründet Pressesprecher Dennis Muller dem reisereporter das Vorgehen.

London-Heathrow will Flüssigkeits-Beschränkung Mitte 2024 aufheben

Die Frage, ob Schiphol auf die 100-Milliliter-Regelung verzichten werde, wenn andere Flughäfen in Europa den ersten Schritt machen, ließ Muller unbeantwortet. Denn das könnte in naher Zukunft passieren: Die britische Regierung plant, bis Mitte 2024 alle Flughäfen mit neuen 3-D-Scannern auszustatten und die Regeln für die Menge von Flüssigkeiten dann fallen zu lassen

In Heathrow begann bereits im Jahr 2017 ein Testlauf mit neuen CT-Geräten. Ursprünglich war geplant, den Londoner Flughafen bereits 2022 komplett auf die modernen Scanner umzustellen. Wegen der Pandemie wurde die Frist verschoben.

Sind bald überall wieder Wasserflaschen im Handgepäck erlaubt?

Doch wie ist es möglich, dass erste Flughäfen die Regel abschaffen, wenn diese doch in einer EU-Verordnung festgehalten ist? Laut EU-Verordnung muss sichergestellt sein, dass es sich um keinen Sprengstoff oder andere explosive Flüssigkeiten handelt.

Hintergrund für die Verordnung war 2006 ein vereitelter Anschlag in Großbritannien, als Attentäter flüssigen Sprengstoff an Bord bringen und dort zusammenmischen und explodieren lassen wollten. 

Das kann der neue Computertomograf: Er ermöglicht es dem Sicherheitspersonal, die Flüssigkeiten genauer zu beurteilen und festzustellen, ob eine Gefahr von ihnen ausgeht oder nicht. Ist also sichergestellt, dass der Scanner alle gefährlichen Flüssigkeiten findet, können alle anderen Flüssigkeiten in quasi unbegrenzter Menge mit ins Gepäck. So sehen es auch die europäischen Luftsicherheitsregelungen vor.