Braun und dickflüssig gluckert es im Keller des Kurhauses Egger. Ich stecke einen Zeh in die Masse und sofort umhüllt mich die wabernde Hitze. „Jetzt das andere Bein“, befiehlt die Mitarbeiterin lachend. Ein paar Sekunden Überwindung und Luftanhalten ob der heißen Flüssigkeit, und schon sitze ich bis zum Hals im Moor.

Die Küchenuhr neben mir tickt. 20 Minuten in der Wanne bei 41 Grad Celsius. So lange hat der Morast die Möglichkeit, seine heilenden Einflüsse auf meinen Körper auszuüben. Die Nebennierenrinde zur Hormonabgabe zu stimulieren zum Beispiel, den Spiegel des Stresshormons Cortisol zu senken, die Körpertemperatur auf ein künstliches Fieber hochzuerhitzen und so die Abwehrkräfte zu stärken.

Das Naturwunder kommt in der Region bei Moorbädern zum Einsatz.


Das Kurhaus Egger steht im bayerischen Bad Aibling, nur durch eine Straße getrennt vom Kurpark, der das Herzstück bildet der Kurstadt im Chiemsee-Alpenland. Seit 170 Jahren baut die Stadt mit ihren knapp 20.000 Einwohnerinnen und Einwohnern im Landkreis Rosenheim ihre Geschichte um die heilende Erde herum. Die hat die letzte Eiszeit vor etwa 12.000 Jahren hier im Untergrund zurückgelassen.

Vom Gletscher zum Hochmoor

Als sich der Gletscher zurückzog, bildete sich im Inntal der Rosenheimer See. Weil dieser im Lauf der Jahrhunderte verlandete, blieben wegen des hohen Grundwasserspiegels feuchte Mulden zurück, in denen altes Gras und Moos nicht zu Humus wurde, sondern sich als feuchtes Hochmoor ablagerte. Durch weiteren Regen und die Vertorfung der Moose und Gräser an der Oberfläche wächst das Moor auch heute noch – pro Jahr einen Millimeter. In den vergangenen 10 000 Jahren hat es das Moor so auf beeindruckende zehn Meter gebracht.

Aktuelle Deals

1895 wurde Bad Aibling zum Heilbad

Mitte des 19. Jahrhunderts eröffnete der Königliche Bayerische Gerichtsarzt Desiderius Beck in Bad Aibling seine Soolen- und Moorschlamm-Badeanstalt. Der Grundstein für die Anerkennung Aiblings als Heilbad im Jahr 1895 war gelegt. „Zunächst wurden vor allem Frauen mit Kinderwunsch behandelt“, sagt Osteopath Andreas Egger. Die Wärme trägt zur Entspannung der Gebärmutter bei, Entzündlichkeiten wie bei Endometriose gehen zurück, außerdem stimulieren die im Moor enthaltenen Säuren die Produktion verschiedener Hormone.

Andreas Egger ist Osteopath in Bad Aibling. Er vertraut auf die Heileigenschaften des Moores.

Moorbehandlung gegen Long Covid

Im Laufe der Zeit erweiterte sich die Liste der Indikationen auf eine beachtliche Länge: Bad Aiblinger Moor soll helfen bei Rheuma, Arthrose, Ischias, Gicht, peripheren Durchblutungsstörungen, Hautkrankheiten und Bandscheibenschäden. Außerdem eignet sich das Moor laut dem 56-Jährigen für die Nachbehandlung von Unfallfolgen sowie die nicht operative Behandlung von Prostata- und Blasenleiden. Neu auf der Liste findet sich auch die Behandlung von Burn-out und Long Covid. Zusammen mit der Ludwigs-Maximilian-Universität München hat man das Programm „Mit Moor zum inneren Gleichgewicht“ entwickelt.


Egger schwört vor allem bei Menschen, die an der Wirbelsäulenerkrankung Morbus Bechterew leiden, auf die erstaunlichen Heileigenschaften des Moors: „Wir haben Patienten, die kommen einmal im Jahr für drei Wochen. Nach 20 Moorbädern können sie durch den Anstieg des körpereigenen Cortisols etwa acht Monate auf Medikamente verzichten und dennoch ohne Schmerzen einer normalen Arbeit nachgehen.“

So kommt das Moor in die Wanne

Dafür, dass das Moor aus dem Boden in die Wanne kommt, sorgen der 57-jährige Max Panradl und sein gleichnamiger Sohn. Letzterer hat sich mit 23 Jahren vor Kurzem dazu entschlossen, den Betrieb des Vaters zu übernehmen, der seit 1964 zusätzlich zum 1938 gegründeten Transportunternehmen vor allem im Moor seinen Umsatz machte. Keine Selbstverständlichkeit, eher ein Wagnis, schließlich drehte der damalige Gesundheitsminister Horst Seehofer dem florierenden Bäderbetrieb in Bayern mit seiner Gesundheitsreform 1997 quasi über Nacht den Geldhahn zu.

Weiterlesen nach der Anzeige

Anzeige

Max Panradl baut Moor ab und stellt es Kurkliniken bereit.


Die Bäderkur, bis dato eine Pflichtleistung der Krankenkassen, wurde zur Kannleistung, die Zahl der in Deutschland verschriebenen Badekuren schmolz innerhalb von 25 Jahren dramatisch von ehemals 900.000 auf 34.000. „Wir bauen heute im Jahr so viel Moor ab, wie wir früher im Monat verkaufen konnten“, sagt Panradl senior. „Früher fuhren hier zwei Lkw quasi Tag und Nacht zu den Kurkliniken, heute reicht ein Laster am Abend zweimal in der Woche.“

Panradl steht mit seinem Sohn, der eine Gärtnerausbildung gemacht hat, am Rand eines 6,5 Hektar großen gepachteten Feldes, das einst für den Torfabbau trockengelegt wurde. Aus sogenannten vorgeschädigten Flächen, die Entwässerungsrohre aus Ton durchziehen, darf auch heute noch zu medizinischen Zwecken Moor geholt werden. Das Hochmoor auf der gepachteten Fläche hätte längst ausgebaggert und Heilungswilligen in Wannen dargeboten werden sollen. „Aber so, wie es heute aussieht, reicht die Moormenge hier noch 25 Jahre“, sagt Max Panradl.

Krankenkassen zahlen wieder für die Badekur

Dass Sohn Max dennoch weitermachen will, liegt nicht nur daran, dass die Badekur seit diesem Jahr wieder zur Pflichtleistung der Krankenkassen ernannt wurde und die Region seither auf einen Wiederaufschwung des Geschäfts mit dem schwarzen Gold hofft. Die Familie ist schlicht auch überzeugt davon, dass das Moor heilsam ist, und fühlt sich zum Abbau schon aus persönlichen Gründen verpflichtet.

„Vor zwanzig Jahren lag ich mit vier Bandscheibenvorfällen schon fast auf dem OP-Tisch. Es hieß, dass sie alles versteifen müssen. Dann hab ich es mit Moorpackungen und zehn Sitzungen beim Rolfer versucht. Es hat geklappt. Fünf Jahre später konnte ich sogar wieder Ski fahren“, sagt Panradl, der das Moor bei Magen-Darm-Beschwerden sogar trinkt. „Wenn wir ohne Chemie, allein mit den Wirkstoffen aus unserer heimischen Natur, so viel bewirken können, ist das doch ein Segen.“

Moor ist Garant für die Artenvielfalt

Wer hier vom Moor lebt, der liebt es auch – und sorgt sich deshalb auch um die Nachhaltigkeit. Schließlich gilt das Moor als wertvoller CO2-bindender Wasserspeicher der Region, der vor allem in Zeiten des Klimawandels von immenser Bedeutung und natürlich auch Garant für Artenvielfalt ist.

Das Moor gilt als wertvoller Wasserspeicher der Region.


Denn das Moor aus der Wanne wird nach Gebrauch wieder abgepumpt, in den Tanker geladen und auf Renaturierungsflächen zurück in die Landschaft gebracht. Dort wächst es weiter, einen Millimeter pro Jahr. Und die zwischenzeitliche Nutzung als Heilschlamm hat für die Natur sogar Vorteile.

„Durch das Erwärmen keimen alte Samen neu, auf unseren Flächen wächst zum Beispiel deshalb wieder der gefährdete Sonnentau“, sagt Panradl und stapft über den Weg, der durch die 70 Hektar Renaturierungsfläche führt, die das Land Bayern als Ausgleichsfläche für die Erweiterung der Autobahn 8 gekauft hat. Schlangen gebe es hier in Massen. Und eine Wildnis, die ihresgleichen sucht. „Hier fühl ich mich wie in Kanada“, sagt Panradl, atmet tief ein und lacht glücklich.


Seit die Badekur wieder zur Pflichtleistung der Kassen gekürt wurde, steht man im Bad Aiblinger Kurhaus in den Startlöchern zum Aufbruch in eine hoffnungsvolle Zukunft. An alte Zeiten anknüpfen kann man nicht so einfach, schließlich ist in den vergangenen 25 Jahren Flaute einiges an Infrastruktur verloren gegangen. Und auch an Wissen.

Modernes Image soll jüngere Menschen locken

Vielen jungen Ärzten sei allein die Existenz der Option einer Bäderkur unbekannt. Aber Thomas Jahn, Kurdirektor von Bad Aibling, will sowieso lieber über eine moderne Zukunft reden. „Mit weißen Fliesen und Edelstahlwannen im Keller werden wir gerade die jüngeren Menschen nicht mehr locken können. Wir werden das Kurhaus Egger modernisieren und schick machen, und 2024 rechnen wir mit der Eröffnung des neuen Therapiezentrums“, sagt Jahn, der auch Vorsitzender des Bayerischen Heilbäderverbands ist. „Da ist dann alles vom Feinsten.“

Entspannung lässt sich in der Gegend in der Therme Aibling finden.


Aber auch der Papierkram bedürfe einer Generalüberholung. „Es existieren hundert verschiedene Anträge von hundert verschiedenen Kassen, die muss eine Arzthelferin alle per Hand ausfüllen. Das ist ein irrsinniger Aufwand, das muss alles dringend digitalisiert werden.“

Kur soll wieder hip werden

Locken will Bad Aibling, das schon jetzt stolz ist auf seinen für Kurortverhältnisse relativ jungen Gästedurchschnitt von 52 Jahren, vor allem die junge Generation, die Prävention und Gesundheitsvorsorge durch Kur nach Jahns Meinung nicht mehr als Malus in der Personalakte ansehe, sondern als etwas, das der Gesunderhaltung der Arbeitskraft und so dem Individuum, aber auch der Gesellschaft im Ganzen dient. Jahn ist optimistisch: „Wir können dahin kommen, dass die Kur wieder hip ist.“

Tipps für deine Reise nach Bayern

Anreise: In die Region Chiemsee-Alpenland fährt man am besten mit dem Auto – von München aus auf der A 8 Richtung Rosenheim. Mit der Bahn geht es auf direktem Weg von München nach Bad Aibling.

Unterkunft: In Bad Endorf, wo es auch eine Therme gibt, empfiehlt sich das Thermenhotel Ströbinger Hof, das über einen unterirdischen Zugang zur Bad Endorfer Therme nebenan verfügt. Am Rand von Bad Aibling wartet der Schmelmer Hof bald nicht nur mit Zimmern, sondern auch mit einem nebenliegenden Therapiezentrum auf Erholungssuchende.

Attraktionen: In den Thermen von Bad Aibling und Bad Endorf kann man das Heilwasser, aber auch eine Vielzahl an Saunen ausprobieren. Auch ein Spaziergang durch die Sterntaler Filze in Bad Feilnbach lohnt sich. Wer schon mal da ist, macht auch einen Abstecher an den Chiemsee und besucht sowohl die Schlossinsel Herrenchiemsee als auch die kleine, beschaulichere Schwester Frauenchiemsee, auf der noch heute Klosterschwestern zu Hause sind.

Wer Abwechslung braucht, besucht die Fraueninsel.

Restaurants: Im Gasthaus Pfeiffenthaler in Bad Feilnbach (Kufsteiner Straße 10) kann man in einem gemütlichen Gastraum mit Kachelofen zünftig bayerische und dennoch moderne Küche genießen. In Bad Aibling bietet sich Das Lindner (Marienplatz 5) in ebenso landestypischem Stil oder das etwas jüngere und modernere Genussart (Kirchzeile 12) an.

Die Reise wurde unterstützt von Chiemsee-Alpenland Tourismus. Über Auswahl und Ausrichtung der Inhalte entscheidet allein die Redaktion.