Die Menschen auf St. Martin lassen sich nicht in ihrem Tempo beschleunigen. „Wer kommt, muss verlangsamen“, sagt Angie Soeffker, und sie spricht aus Erfahrung. Denn darauf hat sich auch die 55-jährige Hamburgerin eingelassen. 2015 kam sie mit ihrer Familie nach St. Martin, ohne die überschaubare Karibikinsel jemals zuvor besucht zu haben. Haus und Job ließ sie zurück, so wie den Rest ihres alten Lebens.

Mutig? Ach was! „Vielleicht ein bisschen verrückt“, sagt sie und lacht „das Risiko war ja nicht groß.“ Trotz 7300 Kilometern Entfernung zur alten Heimat blieb die Familie schließlich in Europa. Der Norden der von zwei Ländern geteilten Antilleninsel gehört zu Frankreich, ist westlichster Punkt der EU. Gezahlt wird mit dem Euro, gern mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Das stets wohltemperierte Klima wirkt aufs Gemüt.

Die Hamburgerin Angie Soeffker lebt seit 2015 auf der Insel St. Martin.

120 verschiedene Nationalitäten – eine Insel

Soeffker ist geblieben, und nicht nur sie: Die 73.000 Insulanerinnen und Insulaner gehören rund 120 unterschiedlichen Nationalitäten an. Etwas weniger als die Hälfte lebt auf dem größeren französischen Teil, die anderen im Süden der Insel, der autonomes Land ist und zum Königreich der Niederlande gehört. Gesprochen wird ein munterer Sprachenmix – in erster Linie Englisch und Französisch. Zurechtzukommen auf der „freundlichen Insel“, so ihr Slogan, fällt nicht schwer.

Berühmteste Einflugschneise der Welt

Sint Maarten, der Süden, kommt trubelig daher, mit seinem Flughafen samt dem spektakulären Maho Beach am Ende der Einflugschneise, mit Kreuzfahrtterminal, verdichteter Bauweise und dem fröhlich bunten Casinostädtchen Philipsburg ist er das mondäne Empfangsportal der Insel. Beschaulicher ist da schon der dünner besiedelte Nordteil, die sogenannte French Side, also französische Seite. Amerikaner, die das Gros der Besucher ausmachen, prägen den niederländischen Teil, lieben aber den Norden besonders für seine kulinarischen Kleinode.

Das bekannteste Kuriosum der Insel: Der schmale Maho Beach liegt direkt vor der Landebahn des internationalen Flughafens und fasziniert nicht nur ausgewiesene Planespotterinnen und Planespotter. Hier sind die landenden Flieger zum Greifen nah, die startenden pusten die unvorsichtigen Zuschauerinnen und Zuschauer sogar ins Wasser.

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Kulinarisch ist Vielfalt angesagt

Fast-Food-Ketten sucht man vergebens, gastronomische Vielfalt ist angesagt – von den Ablegern französischer Sternerestaurants bis hin zu bodenständiger kreolischer Kost in den fröhlichen Lolos mit Meerblick. Diese inseltypischen Gaststätten voller (Lokal-)Kolorit reihen sich insbesondere in Marigot und Grand-Case gesellig aneinander. Der Ruf als kulinarische Hauptstadt der Karibik eilt St. Martin voraus, mit einem neuen Festival soll dieser von nun an jährlich im November verfestigt werden.

Johnny Cake gibt's fast überall

Eine Speise gehört stets dazu: Der Johnny Cake, ob pur, süß oder herzhaft gefüllt, ist immer zu haben. Das einfache und haltbare Gebäck, das nie fehlen durfte, wenn die St. Martinois aufs Meer fuhren oder Besuch vom nahe gelegenen britischen Anguilla anrückte, ist vielseitiges und nahrhaftes Nationalgericht. Journey Cake (Reisekuchen) gilt daher als wahrscheinlicher Namensursprung.

Natürlich hat auch die Antilleninsel gelitten unter der Pandemie. Die Touristen hätten kommen dürfen, blieben aber fern. Und das ausgerechnet in einer Zeit, als es nach Irma endlich wieder aufwärts gehen sollte.

Philipsburg ist die trubelige Hauptstadt des holländischen Inselteils der Karibikinsel.

Der Hurrikan, der das Eiland im September 2017 mit voller Wucht traf, hat seine Spuren hinterlassen – in den Menschen und an Gebäuden. Nach wie vor sind Schäden sichtbar, der Wiederaufbau ist unvollendet. Die Inselbewohner haben aus dieser Not eine Tugend gemacht, haben Wände und Mauern mit Street Art versehen: Die kunstvollen Murals sind farbenfroh leuchtende Hoffnungsschimmer.

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Künstlerin Ruby Bute ist eine Inselberühmtheit

Auch Menschen von der Insel kommen hier zu Ehren. „Das hätte man schon viel früher machen sollen“, findet Ruby Bute. Die Inselkünstlerin, die sich sowohl mit Gemälden als auch Gedichten einen Namen gemacht hat, kennt einige der Street-Artistinnen und -Artisten persönlich, hat sie unterrichtet.

Die knalligen Farben der Karibik prägen auch das Werk der 79-Jährigen, die ihrer Kreativität auf einem Landsitz unter einem beeindruckenden Kapokbaum freien Lauf lässt. „Als ich den Baum sah, wusste ich: Das ist der Platz für mich.“ Ihre hölzerne Muse ist für sie eindeutig weiblich: Ruby Bute spricht von „ihr“, wenn sie liebevoll über den Baum redet, der Namensgeber für ihre Silk Cotton Grove Art Gallery in Marigot ist.

Inselkünstlerin Ruby Bute malt, zeichnet und dichtet.


Mit großer Produktivität hat die stolze Frau ihren Lebensunterhalt stets selbst bestritten, als alleinerziehende Mutter. Als erste Frau überhaupt veröffentlichte sie auf St. Martin ein Buch. Ihre Gemälde fanden Anklang bis Europa. Die niederländische Königin Beatrix hat sie ausgezeichnet, daran denkt sie gern zurück. Eines ihrer Werke, über die Folgen von Irma, wurde in Regierungsgebäuden von Den Haag ausgestellt.

Rastafari lebt in den Bergen

So weit würde Jah Bash auf keinen Fall gehen – in seinen philosophischen Exkursen vielleicht, aber eben nicht physisch. Der 64-jährige Rastafari lebt seit Jahren auf einer kleinen Farm in den Hügeln von St. Martin. Eine Schule hat er nur zwei Jahre lang besucht, alles Wesentliche fürs Leben hat er sich als Autodidakt angeeignet, Mutter Natur ist seine Lehrerin.

„Mein Garten spricht eine universelle Sprache“, sagt Bash, der nach eigener Auffassung zu viel Energie abgibt für ein soziales Miteinander und daher das Eremitendasein bevorzugt.

Rastafari Jah Bash betreibt in den Hügeln von St. Martin eine Biofarm, die er seit Jahren nicht mehr verlassen hat.


Einsam fühlt er sich nicht, er ist sogar verheiratet. Seine Frau indes lebt im Dorf. Die Farm verlässt Jah Bash nie, er wüsste nicht, warum. Geld verdient er mit dem Verkauf seiner lokalen Bioprodukte und von Obst und Gemüse. Gegen jedes Leiden ist ein Kraut gewachsen in seiner grünen Oase, so Bash.

Strände sind wahre Postkartenmotive

Wer St. Martin einen Besuch abstattet, sollte seefest sein. Sowohl auf der Atlantikseite als auch der Karibikküste wartet die Insel mit atemberaubenden Stränden an türkisfarbenen Buchten auf. Postkartenmotive en masse. Allesamt sind öffentlich zugänglich, manche direkt von den Hotels aus, andere sind nur zu Fuß erreichbar. Oder eben per Boot: Ob mit dem Katamaran oder kräftigem Außenborder, ein Tag auf dem Wasser darf nicht fehlen.

Grüne Hügel machen das Inselinnere von St. Martin aus. Auch Wanderinnen und Wanderer kommen hier auf ihre Kosten.

Mit Captain V auf Bootstour

Vetea Kerdraon, auch „Captain V“ genannt, gehört zu den Insulanern, die dafür und davon leben. Der 24-Jährige mit dem polynesischen Namen kurvt das Privatboot des elterlichen Betriebs „Blue Pelican“ meisterhaft durch die Wellen, bringt seine Passagierinnen und Passagiere zu den herrlichsten Buchten und Schnorchelspots – etwa zu den naturbelassen Inselchen Tintamarre und Pinel, die atemberaubende Blicke auf St. Martin bieten.

Vetea Kerdraon bietet Bootstouren rund um St. Martin und zu den Nachbarinseln an.


Angie Soeffker ist mit an Bord. Unter dem Label „Zauber der Karibik“ begleitet sie Touristen über die Insel, berichtet von Land und Leuten, weiß von Besonderheiten, aber auch Schrulligkeiten zu berichten. „Burn-out kennt hier niemand“, spielt sie auf das ganz eigene Tempo der Insel an. Runterkommen von der mitteleuropäischen Hektik, das ist ihr inzwischen gelungen. Auf Knopfdruck ging das nicht. „Ich habe etwa ein Jahr gebraucht“, erinnert sich die Hanseatin.

Der Sonnenuntergang über dem Meer ist nicht nur schön, sondern auch verschmerzbar: Auch nach der Dämmerung bleibt es auf St. Martin stets angenehm warm.


Die Langsamkeit und Gelassenheit hätten ihren eigenen Charme, den sie nicht missen möchte. „Man muss allerdings immer frühzeitig los“, räumt sie ein. Selbst wenn sie mit einer Gästegruppe unterwegs sei, müsse sie Bekannten die gebührende Aufmerksamkeit schenken, wenn sie ihren Weg kreuzten.

Mit einem einfachen „Hallo“ sei es da nicht getan, ein kurzer Schnack sei das Mindeste. „Man schenkt sich gegenseitig Zeit.“ Egal, ob sich dadurch ein Stau bildet auf der Straße. Gehupt wird dabei durchaus. Ausgesprochen viel sogar. Aber nie aggressiv. Nur zum Gruß und Dank. Man kennt sich, man sieht sich auf St. Martin.

Tipps für deine Reise nach Saint Martin

Das Reiseziel: St. Martin ist mit 96 Quadratkilometern die kleinste Insel der Welt, die sich zwei Staaten teilen. Der Norden (Saint Martin) gehört zu Frankreich, ist Teil der Europäischen Union. Der Süden (Sint Maarten) ist autonomes Land im Königreich der Niederlande. Amtssprachen sind Englisch, Französisch und Niederländisch.

Anreise: Ein Visum ist nicht erforderlich, zur Einreise ist aber ein Reisepass nötig, da der Flughafen im Inselsüden und damit nicht im Schengenraum liegt. Es gibt (noch) keine Direktflüge aus Deutschland. Die besten Verbindungen gehen über Amsterdam oder Paris. Die Flugzeiten von dort betragen etwa neun Stunden. Der internationale Inselflughafen Princess Julianna ist berühmt für die spektakuläre Einflugschneise am Maho Beach. Die landenden Flugzeuge sausen nur wenige Meter über die Köpfe der Touristen hinweg.

Beste Reisezeit: Durch die Äquatornähe ist das Klima beinahe gleichbleibend auf St. Martin. Die maximalen Temperaturen liegen das gesamte Jahr über bei etwa 27 bis 30 Grad. Hauptsaison ist zwischen November und Ostern. Ab Juni beginnt die Hurrikanzeit, die im September ihren Höhepunkt erreicht.

Unterkünfte: Das Hotel Grand Case Beach Club (drei Sterne) steht an zwei herrlichen Strandbuchten und in fußläufiger Entfernung zum Fischerstädtchen Grand-Case.
Das exklusive und hochpreisige Fünf-Sterne-Hotel Belmond La Samanna steht direkt am traumhaften Strand von Baie Longue.
Das etwas entlegene Fünf-Sterne All-Inclusive-Hotel Secrets Resort & Spa für steht in einer Bucht im Inselnorden mit Blick auf Anguilla.

Attraktionen: Bootstouren zu den schönsten Stellen rund um die Insel und zu den Nachbarinseln Anguilla und St. Barth bietet etwa Blue Pelican Boat Charter an.
Quads zum Leihen und deutschsprachige Touren gibt es in Oyster Pond.

Essen: Das Karibuni Restaurant auf der Naturschutzinsel Pinel ist ein Highlight am Wasser – aber nur mit dem Boot erreichbar.
Die Villa Hibiscus bietet exklusive Küche auf dem Gipfel des Pic Paradis.
Der Franzose Hubert Tarbouriech verwöhnt seine Gäste im Les Galets, Orient Bay persönlich mit Sterneküche am Pool.
Das Rainbow Café in Grand Case steht atmosphärisch am Strand.

Währung: Im französischen Teil wird mit Euro bezahlt, im Süden mit dem Antillen-Gulden. Überall wird der US-Dollar akzeptiert.

Die Reise wurde unterstützt von St. Martin. Über Auswahl und Ausrichtung der Inhalte entscheidet allein die Redaktion.