Bevor jemand widersprechen kann, hat Baptiste de Huysser schon ein dunkles Dubbel eingeschenkt: „Das nächste Bier hat 9 Prozent, willkommen in Belgien.“ Das kastanienbraune Bier ist komplex. Trotz des hohen Alkoholgehalts ist es nicht so süß und malzig wie deutsche Dunkelbiere. Dafür ist eine Vielzahl von Aromen zu schmecken. Lakritz. Oder das indische ­Gewürz Garam Massala zum Beispiel.

Wallonien: Auswahl an Bieren scheint grenzenlos

De Huysser ist Salesmanager in einer kleinen Brauerei in Brunehout, in der Nähe der französischen Grenze. Das prämierte Bier, das hier gebraut wird, ist organisch und frei von Gluten. Ein Alleinstellungsmerkmal der Brasserie de Brunehout (Rue des Panneries 17). Das braucht die Brauerei auch. Denn in Wallonien, dem französischsprachigen Süden Belgiens, ist das Angebot an guten Bieren grenzenlos. Die belgische Bierkultur zählt seit 2016 zum Unesco-Weltkulturerbe.

Baptiste de Huysser präsentiert die organischen Biere der Brasserie Brunhout.

Deutscher Biersommmelier kauft vor Ort ein

„Es passt nicht nur Wein zum Essen. Von den Wallonen kann man lernen, wie man auch Bier wunderbar mit Essen kombinieren kann“, sagt Silvio Reiß. Der Stolberger hat ein eigenes Geschäft für besondere Biere in seiner Heimatstadt. Regelmäßig fährt er über die Grenze, um bei den Brauereien vor Ort einzukaufen.

Häufig sind diese an Abteien angeschlossen. „Das Brauen passte früher sehr gut in den klösterlichen Kontext. Die Mönche hatten viel Zeit. Und das Bier war wegen seiner Kaloriendichte ein guter Energiespender“, sagt Reiß.

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Sommelier Silvio Reiß verköstigt die Biere der Brasserie Brunehout.


Damit er nicht bloß Halbwissen über die Biere vermittelt, hat Reiß sich zum Biersommelier ausbilden lassen. Auf eine der vielen Biersorten angesprochen, kann der Rheinländer eine ganze Reihe von Lebensmitteln und Gerichten aufzählen, die das Geschmackserlebnis abrunden. Sogar zu Fritten, der Lieblingsspeise der Belgier, hat er den passenden Biertipp: ein ­9-prozentiges helles Triple.

Mit dem Fahrrad gleich mehrere Brauereien besuchen

In der Westwallonie (Provinz Hennegau) rund um die Stadt Tournai mit ihrem mittelalterlichen Stadtkern gibt es eine Vielzahl an Dörfern, in denen sich authentische belgische Brauereien befinden. Mit dem Fahrrad lassen sich gleich mehrere von ihnen an einem Tag besuchen. Etwa die Familienbrauerei Dupont in Tourpes (Rue Basse 5). Sie war ursprünglich eine Farm. ­Bekannt ist sie daher auch für das Saisonbier, beziehungsweise Farmhouse Ale.

Im Restaurant La Forge kann man die Biere der Familienbrauerei Dupont verköstigen. Sie ist spezialisiert auf die Herstellung von Bieren in Flaschengärung.


Das Bier ist trüb und hat eine schöne Schaumkrone, die aber schneller als beim deutschen Bier wieder verschwindet. „Ganz typisch für belgische Biere sind die wilden Hefen“, sagt Silvio Reiß, kurz bevor er das Glas vor der Nase schwenkt. Geschmacklich ist das Saison kräuterig, ein bisschen pfeffrig. Das örtliche Café La Forge serviert dazu Käsewürfel mit Selleriesalz und eine hausgemachte Wurst.

Dubuisson ist die älteste Brauerei der Wallonie

Die Brasserie Dubuisson liegt nur wenige Kilometer entfernt im Örtchen Pipaix (Chaussee de Mons 28). Auch wenn es von außen nicht so anmutet, handelt es sich um die älteste Brauerei der Wallonie. In der Familienbrauerei in der achten Generation weiß man, wie man braut – und auch wie man das Bier vermarktet. Neben dem Verköstigungsraum ist ein modernes Museum angeschlossen: das Beerstorium. Hier können Besucherinnen und Besucher beispielsweise mit einer Virtual-Reality-Brille in eine Brauereigaststätte vergangener Tage reisen.

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Vor dem Beerstorium von ­Dubuisson steht eine meterhohe Trollfigur aus Holz. Der Troll gilt als Maskottchen der Brauerei.

Troll ist das Markensymbol

Das Vermarktungsgeschick der Familie erkennt man auch auf den Bierflaschen. In einer fantasybegeisterten Zeit entschied man sich für einen Troll als Markensymbol. Das Cuvee-des-Trolls, ein blondes Ale, riecht nach Zi­trusfrüchten und Bananen. Der Sommelier erkennt aber auch Ähnlichkeiten zum klassischen Pils.

Brauen mit der alten Dampfmaschine

Wie unterschiedlich das Brauen in Belgien sein kann, zeigt ein Besuch bei Jean-Louis Dits, ebenfalls in Pipaix (Rue du Maréchal 1). Der Geschichtslehrer braut in der Brasserie a Vapeur mithilfe einer Dampfmaschine – nirgendwo sonst auf der Welt gibt es so etwas noch. Die Geräte (die neueste Maschine ist von 1952), die dafür im Einsatz sind, könnten auch in einem Handwerksmuseum stehen.

Jean-Louis Dits braut noch mit einer Dampfmaschine – das ist weltweit einzigartig.

Im mit Comicfiguren geschmückten Gastraum schenkt Dits seine kreativ mit Koriander, schwarzem Pfeffer oder Kastanienblättern gebrauten Biere aus. Die sind eher etwas für Kennerinnen und Kenner als für den Bierliebhaberinnen und -liebhaber im klassischen Sinne.

In der Wallonie wird Genuss großgeschrieben. Die Einrichtung der Häuser ist hier im Allgemeinen einfach gehalten, dafür seien die Kühlschränke häufig gut bestückt. „Ein hochwertiges Essen, dazu eine passend ausgewählte Flasche Bier – das hat hier eine ganz andere Wertschätzung und zählt mehr als irgendwelche Statussymbole“, sagt Silvio Reiß.

50 Biersorten auf der Getränkekarte

Die Taverne Saint-Gery in Aubechien (Place d’Aubechies 2) hat mehr als 50 verschiedene Biersorten auf ihrer Karte. Zu fast jedem Bier bekommen die Gäste das individuell passende Glas – häufig eine Art Pokal. Weil das Restaurant zuletzt in einer bekannten Fernsehsendung zu sehen war, reisen Gäste aus ganz Wallonien an, um hier zu speisen. Beispielsweise Escaveche, ein regionales Fischgericht, bei dem gekochte Forelle kalt in einer hellen Essigsoße serviert wird.

Trappistenbrauereien sind immer klosternah

Viele Brauereien in Belgien haben einen Bezug zu einem Kloster. Aber nur ein paar wenige zählen zu den sogenannten Trappistenbrauereien. Davon gibt es weltweit nur zehn. Doch was bedeutet das? Die Trappisten gelten als der strengste Orden in der katholischen Kirche. „Das sind sozusagen die Ultras unter den Mönchen“, sagt Silvio Reiß.

Um als Trappistenbier bezeichnet werden zu können, müssen bestimmte Kriterien erfüllt sein: Ein Mönch muss den Brauprozess beaufsichtigen, es dürfen nur regionale Zutaten verwendet werden, und die Brauerei muss in unmittelbarer Nähe des Klosters stehen.

Eine typisch wallonische Vorspeisenplatte: Auch der Käse wird oftmals in den Trappistenbrauereien hergestellt.


„Die Trappisten haben früher auf Fleisch verzichtet. Bier war für sie auch ernährungsphysiologisch wichtig“, sagt Silvio Reiß. Auch bei den Mönchen spielt die Hefe eine ganz entscheidende Rolle. „Die ist teilweise mehr als 100 Jahre alt. Die Trappisten haben weltweit die größten Bibliotheken an Hefestämmen.“

Und diese Hefen werden natürlich für die Biere verwendet, für die Gärung im Tank und die spätere Flaschengärung. Vielen klösterlichen Bieren wird beim Abfüllen noch Zucker zugesetzt. So kann die Hefe im Glasgefäß noch weiter arbeiten und Alkohol erzeugen.

Fernwanderweg führt zu Trappistenabteien

Fünf der weltweit nur zehn Trappistenbrauereien befinden sich in Belgien. Sie heißen Westmalle, Orval, Achel und Rochefort. Das wohl größte und bekannteste Trappistenbier kommt aus Chimay am Fuß der Ardennen. Hier beginnt auch der Fernwanderweg der Trappistenabteien der Wallonie.

Das Klosters Abbaye de Scourmont steht direkt am Fernwanderweg der Trappistenabteien der Wallonie.

Käserei ist oft nicht weit weg

Direkt neben der eindrucksvollen Abtei Notre-Dame de Scourmont, befindet sich das Espace Chimay, wo man mehr über die Geschichte des weltbekannten Bieres erfahren und das Brauerzeugnis in der Auberge de Poteaupre (Rue Poteaupré 5) verköstigen kann. Wie die meisten Trappistenbrauerein verfügt auch Chimay über eine eigene Käserei.

Eine besondere Spezialität vor Ort ist deshalb auch die gebackene Käsekrokette – in der würzigen oder milden Variante. Dazu empfiehlt Silvio Reiß ein Chimay Rouge oder ein Triple (immer zwischen 7,5 und 12 Prozent). Letzteres war früher übrigens dem Abt vorbehalten, erklärt der Sommelier. Die Mönche tranken das einfache Blonde, das nicht ganz so komplex ist wie die hochprozentigeren länger ­gärenden Biere.

Tipps für deine Reise nach Belgien

Anreise: Der schnellste Weg nach Tournai führt über Brüssel. In die belgische Hauptstadt kommt man zum Beispiel von Köln aus mit dem Zug in weniger als zwei Stunden. In Brüssel kann man dann umsteigen und erreicht die mittelalterliche Stadt an der Grenze zu Frankreich in rund einer Stunde. Mit dem Auto empfiehlt sich die Route über Lüttich und Charleroi (E 42). Von Aachen aus ist Tournai in zweieinhalb Stunden erreichbar. Genauso schnell ist man in Chimay.

Die Wallonie mit dem Rad: Die Wallonie, insbesondere die ­Gegend um Leuze, lässt sich wunderbar mit dem Rad erkunden. Orientierung bietet das Knotenpunktnetz. Die Radtour „Authentische Brauereien um Leuze-en-Hainaut in der Wallonie Picarde“ enthält die drei im Text beschriebenen Bierstationen. Man fährt auf ländlichen Wirtschaftswegen durch ­bäuerliche Landschaften. ­Typische Orte säumen den Weg.
Fahrräder und E-Bikes kann man zum Beispiel bei La Véloterie (Place ­Crombez 10) in Tournai ausleihen.

Die Reise wurde unterstützt von ­Belgien-Tourismus Wallonie. Über ­Auswahl und Ausrichtung der Inhalte entscheidet allein die Redaktion.