Der beste Johnny ist eine Frau. Brett Beer parodiert beim Kostümwettbewerb Patrick Swayze als Tanzlehrer im Film „Dirty Dancing“ so gut, dass sie bei der Abstimmung vom Publikum den lautesten Applaus erhält. Die 39-Jährige im rebellisch schwarzen Johnny-Outfit beeindruckt besonders durch ein Elvis-artiges Ganzkörper­zucken.

„Wir hatten unfassbar Spaß“, erzählt Beer am nächsten Morgen beim Frühstück. Ihre drei Freundinnen Amber Musenbrock, Jamie Dumstorff und Julie Brown sitzen neben ihr. Die vier Frauen kennen sich seit der Highschool. Alle sind in und um Germantown, Illinois, aufgewachsen, leben heute aber an unterschiedlichen Orten.

Julie Brown (von links), Amber Musenbrock, Brett Beer und Jamie Dumstorff, hier vor Babys Hütte, sind „Dirty Dancing“-Fans seit ihrer Kindheit.

Besuch am Drehort ist Reise in die Vergangenheit

Einmal im Jahr treffen sie sich zum Girls Weekend, also einem Mädelswochenende, wie sie es nennen. Die Stimmung, das kann man sich vorstellen, war ziemlich ausgelassen am ersten Abend ihres Wiedersehens mit Pizza und Flaschenbier. Sie sind im Schulzeit-Erinnerungsrausch hier, am Drehort von „Dirty Dancing“.

Sechsmal im Jahr lädt Heidi Stone, Geschäftsführerin der Mountain Lake Lodge, zum Dirty-Dancing-Weekend ein. Dann verwandelt sich ihr Urlaubsresort in den südlichen Appalachen von Virginia in Kellerman’s Mountain House, wie die Ferienanlage im Film hieß.

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Linda (links) und Amanda Dubbs mit den berühmten Melonen vor dem Haupthaus der Mountain Lake Lodge, die als Kellerman’s Mountain House mehrfach jährlich ein beliebtes Ziel von „Dirty Dancing“-Fans ist.

See war ausgetrocknet

Vor zehn Jahren, als Stone hier anfing, stand der Betrieb kurz vor dem Aus. „Alles war verkommen“, erzählt sie. Niemand investierte mehr Ideen und Geld in Gebäude und Gelände, was wohl auch daran lag, dass der See, in dem Baby und Johnny The Lift übten, die berühmte Hebefigur aus der Schlussszene, ausgetrocknet war. Schließlich erkannten die Eigentümer doch, welchen Schatz sie inmitten üppiger, teilweise unberührter Natur haben. Die Appalachen werden hier Blue Ridge Mountains genannt. Sie schimmern tatsächlich blassblau.

Früher war hier der See, in dem Baby und Johnny im Film im Wasser die Hebefigur übten. Eine Hinweistafel erinnert an die berühmte Szene.

Selfie vor Baby's Cabin

Beliebtester Selfiehintergrund ist Baby’s Cabin, die Hütte, in der Frances ­„Baby“ Houseman, gespielt von Jennifer Grey, mit ihrer Familie im Film wohnte. Im nächsten Frühjahr kehrt Grey an den Ort ihres größten Kinoerfolgs zurück, um die Fortsetzung des Kultfilms zu drehen. Eine bessere Reklame könnte sich die Geschäftsführerin nicht wünschen. Bekannt ist bereits, dass der Tanzfilm in den Neunzigerjahren spielt. Die heute 62-jährige Grey will, wie sie in einem Interview sagte, Menschen die Angst vor dem Älterwerden nehmen, indem sie zeige, „dass bestimmte Dinge nicht nur jungen Leuten vorbehalten sind“.

Brie Johanson hat „Dirty Dancing“ 500-mal gesehen. Die 45-Jährige aus Aldie, Virginia, ist mit ihrem Mann Richard angereist, den der Kinohit an „eine Zeit des Übergangs“ erinnert, an das Ende der Schulzeit und der jugendlichen Unbeschwertheit, an die Suche nach der eigenen Stimme und dem eigenen Weg, so wie es auch die 17-jährige Baby im Film erlebt. Vielleicht werden die Zuschauerin und der Zuschauer in Teil zwei erfahren, ob sie tatsächlich dem Friedenscorps beigetreten ist, wie sie es vorhatte; was aus den Idealen der jungen Frau 35 Jahre später geworden ist.

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Brie und Richard Johanson sind aus Aldie in Virginia zu dem „Dirty Dancing“-Wochenende angereist. Sie hat den Film nach eigenen Angaben 500-mal gesehen.


„Dirty Dancing“ spielt im Sommer 1963, in der Atempause zwischen Kuba-Krise und Kennedy-Attentat. Bald schon werden die USA in den Vietnamkrieg eintreten. Babys Story ist teilweise autobiografisch. Auch Drehbuchautorin Eleanor Bergstein verbrachte die Sommer ihrer Kindheit und Jugend mit ihren Eltern in einer Feriensiedlung, die in den Catskill Mountains nördlich von New York lag. Dort, im sogenannten Borscht Belt, gab es Hunderte dieser Resorts, in denen vor allem jüdische Amerikanerinnen und Amerikaner Urlaub machten. Auch dort tanzte man Mambo und keinen verklemmten Foxtrott.

Gruppentanz im Mambo-Rhythmus

In der Mountain Lake Lodge wird ein Cocktail namens Mambo Magic serviert, doch tanzen zu lernen so wie Baby und Johnny würde wohl Wochen dauern. Wir haben nur heute Zeit. Die Tanzlehrer Debbi Richey und Dennis Williams geben sich alle Mühe. Sie zeigen uns einen einfach erscheinenden Gruppentanz im Mambo-Rhythmus. Es gibt nur zwei Anweisungen: „Quick quick slow“ und „Don’t forget to smile“ („Vergesst nicht, zu Lächeln“). Beides gleichzeitig zu schaffen – ziemlich kompliziert. Letztendlich wird viel gelacht.

Für ein Foto an den See

Die Sache mit dem See, diese Kuriosität, beschäftigt viele der 300 Gäste. Warum das Wasser von Zeit zu Zeit ver­sickert, lässt sich nur erahnen. „Eine geologische Besonderheit“, erklärt Geschäftsführerin Stone. Zuletzt war der Mountain Lake im Jahr 2020 zu einem Drittel gefüllt. Zurzeit endet der weiße Bootssteg wieder in staubiger Steppe. Gestrüpp macht sich breit. Kaum vorstellbar, dass der See im Normalfall etwa fünf Meter tief ist.

Ein paar Paare versuchen trotzdem, The Lift für ein Foto nachzustellen. Auch ohne See. Die meisten scheitern an der akrobatisch anspruchsvollen Übung. Selbst der durchtrainierte Swayze schaffte dies bei den Dreharbeiten nicht ohne Hilfe. Unter Wasser stützte ihn jemand.

Jennifer Grey und Patrick Swayze bei der berühmten Filmszene im See.


Julie-Anne Dupont feiert ihren 40. Geburtstag am Mountain Lake. Zusammen mit ihrem Mann Adam Turbin hat sie das Filmquiz gewonnen. „Wenn der Film im Fernsehen läuft, sehen wir ihn uns an“, sagen die beiden aus Ottawa. Für sie scheint „Dirty Dancing“ eine Art Topberieselung mit Tiefgang zu sein.

Geschichte ist immer noch aktuell

Vordergründig wird die Geschichte einer ersten Liebe erzählt. Hintergründig geht es um die Überwindung gesellschaftlicher Gräben, indem die wohlerzogene Arzttochter Baby trotz aller Widerstände mit Bad Boy Johnny anbandelt. Dass ihr Vater Johnnys Tanzpartnerin Penny behandelt, die sich nach einer illegalen Abtreibung vor Schmerzen krümmt, katapultiert den Plot sogar ins Jetzt. Julie-Anne findet es „erschreckend“, dass das Thema Schwangerschaftsabbruch in den USA heute wieder so umstritten ist wie damals.

Im Shop gibt's Shirts mit Zitaten

Im Shop gibt es T-Shirts mit den beiden bekanntesten „Dirty Dancing“-Zitaten. „Nobody puts Baby in a corner“, das für die deutsche Fassung sehr frei mit „Mein Baby gehört zu mir“ übersetzt wurde. Gern gekauft wird auch das „I carried a watermelon“-Shirt („Ich habe eine Wassermelone getragen“). Die Szene, in der Baby mit einer Wassermelone im Arm eine Treppe erklimmt, bevor sie erstmals mit Johnny tanzt, wurde nicht am Mountain Lake, sondern am Lake ­Lure in North Carolina aufgenommen, dem zweiten Drehort des Films.

Am Tisch der Housemans essen

Mit Melonen lassen sich wohl alle fotografieren, auch Linda und Amanda Dubbs, Mutter und Tochter aus Hanover, Pennsylvania. Auf diesen Film können sich die Generationen einigen. Auch deshalb ist er Kult. Die beiden stehen vor dem Haupthaus, das 1936 aus Sandstein erbaut wurde. An der Fassade wurde seitdem nichts verändert. Auch die Restauranteinrichtung ist original „Dirty Dancing“. Wer will, sitzt beim Dinner am selben Tisch wie die Housemans. Ein Blick in die Küche, in die sich die ungewollt schwangere Penny in ihrer Verzweiflung verkroch, ist nicht gestattet, aber Koch Michael Porterfield lässt sich gern ausfragen.

Original „Dirty Dancing“: Der Tisch, an dem die Housemans im Restaurant saßen.


Der 65-Jährige arbeitete schon zur Zeit der Dreharbeiten hier. „Patrick Swayze war damals noch kein richtiger Star“, erinnert er sich. „Er trank Bier mit uns, und einmal nahm ich ihn auf meinem Motorrad mit nach ­Blacksburg.“ Weil Swayze ein einziges Mal auf dem Sozius saß, wollten Porterfield im Laufe der Jahre einige Fans die Maschine abkaufen.
Wie heißt das meistgespielte Lied auf unserem Retrotrip? Richtig. „(I’ve Had) the Time of My Life“. Es ist wenig überraschend auch der letzte Song, den der DJ bei der Party am Samstagabend auflegt. Und danach gibt’s noch ein Flaschenbier vor Baby’s Cabin.

Tipps für deine Reise nach Virginia

Anreise: Von verschiedenen deutschen Flughäfen gibt es täglich Flüge zum Washington Dulles International Airport. Von dort geht es weiter nach Roanoke in Virginia. Vom Flughafen zur Mountain Lake Lodge empfiehlt sich ein Mietwagen. Fahrtzeit: etwa 70 Minuten.

Einreise: Deutsche müssen mindestens 72 Stunden vor der Anreise online eine Esta-Einreisegenehmigung beantragen. Kosten: 21 US-Dollar.

Mountain Lake Lodge: Die Ferienanlage ist ganzjährig ­geöffnet. Baby’s Cabin und Zimmer 232 im Haupthaus, in dem ­Patrick Swayze während der Dreharbeiten übernachtete, sind ohne Aufpreis buchbar. Dirty Dancing Weekends finden zwischen April und Oktober statt. Preis pro Person für zwei Übernachtungen im Doppelzimmer: ab 799 US-Dollar, also etwa 825 Euro. Darin ­enthalten sind Vollpension (ohne ­alkoholische ­Getränke), Filmvorführung, Tanzkurs, Quiz und Rasenspiele. Nächste Termine: 28. bis 30. April 2023, 23. bis 25. Juni 2023.

Die Reise wurde unterstützt von der Capital Region USA. Über Auswahl und Ausrichtung der Inhalte entscheidet allein die Redaktion.