Auf den ersten Blick wirkt Ami-dong wie ein ganz gewöhnliches Dorf in der Hafenstadt Busan, nach der Hauptstadt Seoul die zweitgrößte Stadt Südkoreas. Verwinkelte, labyrinthartige Gassen schlängeln sich zwischen farbenfroh gestrichenen Häusern hindurch, steile Treppen führen am Berghang hinauf.

Doch wer näher hinschaut, entdeckt hier und da und auch überall die Grabsteine, aus denen das Dorf gebaut wurde. Sie sind als Trittsteine in Treppen und als Ecksteine in Häuser eingearbeitet, sie verstecken sich in Mauern und liegen in Blumenbeeten.

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Ein japanischer Friedhof wird zum Zufluchtsort

Das Dorf Ami-dong entstand während des Korea-Krieges, der 1950 ausbrach, nachdem Nordkorea in den Süden einmarschiert war. Hunderttausende Menschen flohen damals Richtung Süden. Zuflucht fanden viele von ihnen in Busan an der Südostküste Südkoreas – eine der wenigen Städte, die Nordkorea während des Kriegs nie eroberte.

Doch durch den Ansturm wurde der Platz in Busan knapp. Einige der Neuankömmlinge ließen sich deswegen in Ami-dong nieder, einem Friedhof am Fuß der Berge von Busan. Während der japanischen Besatzung Koreas von 1910 bis 1945 waren hier japanische Bürgerinnen und Bürger bestattet worden, danach wurde der Friedhof aufgegeben.

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Grabsteine dienten als Baumaterialien

Als die Geflüchteten während des Korea-Kriegs nach Busan strömten, hatten sie dort kaum Baumaterialien zur Verfügung. Also begannen sie, die japanischen Gräber abzubauen. Aus Brettern, Friedhofsmauern und aus den Grab- und Gedenksteinen entstanden kleine Häuser und schließlich ein ganzes Dorf.

„In dieser dringenden Situation, als es kein Land gab, war dort ein Friedhof, und die Menschen schienen das Gefühl gehabt zu haben, dort leben zu müssen“, sagte Kong Yoon-kyung, Professor für Stadtplanung an der Pusan ​​National University, gegenüber CNN.

Als Nord- und Südkorea 1953 ein Waffenstillstand unterzeichneten, verließen einige der Geflüchteten Busan, andere aber blieben. 70 Jahre später hat sich der Zufluchtsort in ein beliebtes Urlaubsziel im Meer verwandelt, bekannt für seine Strände, Berge und Tempel. Viele der Häuser wurden im Laufe der Jahre restauriert und blau oder grün angestrichen. 

Das „Grabsteindorf“ ist heute eine Touristenattraktion

Die Vergangenheit von Ami-dong ist bei einem Spaziergang durch das Dorf aber weiterhin deutlich sichtbar. Auf einigen Grabsteinen lassen sich sogar noch die Namen, Geburtstage und Todesdaten der Verstorbenen erkennen, andere Steine sind nach Jahrzehnten im Freien verwittert oder wurden mit Zement übergossen.

In einem Artikel aus dem Jahr 2008 berichtet Kim Jung-ha von der Korea Maritime University, Anwohnerinnen und Anwohner hätten im Laufe der Jahre immer wieder Gestalten in Kimonos gesehen, die auftauchten und dann wieder verschwanden – Legenden zufolge die Geister der Verstorbenen, die auf dem Friedhof bestattet wurden.

Ob mit oder ohne geisterhafte Besucherinnen und Besucher – heute ist Ami-dong als „Tombstone Culture Village“ eingetragenes Kulturerbe von Busan und eine Touristenattraktion.

Am Eingang zum Dorf bietet ein Informationszentrum eine kurze Einführung in die Geschichte der Stadt und eine Karte mit den wichtigsten Grabsteinen. Wie CNN berichtet, informiert an der Straße außerdem ein Schild darüber, dass in Ami-dong eine Gedenkstätte entstehen soll, wenn die überall verstreuten Grabsteine ​​eingesammelt wurden.