Auf einem Schild neben der alten Registrierkasse steht „Traue niemals einem dünnen Koch“. Auf den Tellern liegen Waffeln, Pancakes, Eier und gebratener Speck – ein Frühstück, so amerikanisch wie die sechs US-Flaggen, die vor dem Restaurant im Wind wehen.

Koch Kevin Clyde lächelt breit. Zwei Tische weiter sitzt Ehefrau Beth und blickt über die Gläser ihrer Brille. „Wenn ihr wieder zu Hause seid, erzählt ihr am besten niemandem von diesem Ort“, sagt die Restaurantchefin und klingt dabei beinahe ein bisschen verschwörerisch. „Wir sind das bestgehütete Geheimnis der Welt.“

Das bestgehütete Geheimnis der Welt

Dabei geht es ihr gar nicht so sehr um das Restaurant. In Medora, einem kleinen Dorf in Norddakota, betreibt sie seit 1981 zusammen mit Ehemann Kevin das Cowboy Café – direkt neben dem Theodore-Roosevelt-Nationalpark. Nur etwa 100 Menschen wohnen im Örtchen, doch in der Touristensaison wird es voll. 2021, sagt Beth Clyde, sei ihr bestes Jahr gewesen. Nicht trotz Corona, sondern wegen.

Kevin und Beth Clyde sind stolz auf ihr Cowboy Café in Medora und die Schönheit der Umgebung rund um das kleine Örtchen in Norddakota.


Denn so, wie viele Deutsche während der Pandemie Orte wie die Sächsische Schweiz oder die Bayerischen Alpen für sich entdeckten, begannen sich auch die Amerikanerinnen und Amerikaner wieder für den einstigen wilden Westen zu interessieren. Der Great American West, zu dem die fünf Bundesstaaten Nord- und Süddakota, Idaho, Montana und Wyoming gehören, ist für viele, die in die USA reisen, nicht die erste Wahl. Dabei lässt es sich hier wirklich erleben – das echte Amerika. Am besten bei einem ­Roadtrip.

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Von Rapid City nach Mount Rushmore

Wir beginnen unsere Reise in Rapid City in Süddakota. Innerhalb einer halbstündigen Autofahrt ist von hier aus Mount Rushmore erreichbar. Bereits Anfang der Vierzigerjahre wurde das Denkmal mit den vier in Stein gehauenen Präsidentenköpfen (Lincoln, Roosevelt, Washington, Jefferson) in den Black Hills fertiggestellt und ist seitdem eine der meistbesuchten Touristenattraktionen der USA. Aber Deutsche? Die verirren sich selten hierher, versichert der Schrankenwärter am Parkplatz.

Am Mount Rushmore sind die vier Köpfe der einstigen US-Präsidenten George Washington (von links), Thomas Jefferson, Theodore Roosevelt und Abraham Lincoln in Stein gehauen.


Und nebenbei fällt uns erstmals auf, was die Menschen hier „Dakota Nice“ nennen: Die Nettigkeit und Offenheit der Einheimischen, die gern mit Besucherinnen und Besuchern plauschen, zieht sich durch den gesamten Trip. Der Stolz auf ihre Heimat ist aufrichtig. Doch wer einen Blick hinter den Patriotismus wirft, findet – wie so oft – auch Fragwürdiges. Bei den Lakota-Indianerinnen und -Indianern etwa gilt der Berg als heilig, das Denkmal der Weißen als Schande.

Crazy Horse wird Denkmal der Superlative

Ein anderes riesiges Memorial wenige Meilen entfernt ist da durchaus als Gegenentwurf zu verstehen. Wenn Crazy Horse, ein berühmter Krieger der Native Americans, und sein Pferd irgendwann einmal fertig ins Gestein geschlagen sind, wird ihr Denkmal zehnmal so hoch sein wie die Köpfe am Mount Rushmore und um ein Vielfaches breiter. Nach bisher 80 Baujahren ist zwar nur das Gesicht des Lakota-Anführers zu sehen (vermutete Bauzeit bis zur Fertigstellung: weitere 100 Jahre), aber allein das raubt den Atem.

Region bietet viel Unterschiedliches

Der Gegensatz der Riesendenkmäler ist bezeichnend für die Region, die auch sonst so viel Unterschiedliches zu bieten hat. Der Black-Hills-Gebirgszug, die Badlands mit ihren markanten, zerfurchten Canyons, enge Straßen durch in Stein geschlagene Tunnel und dichte Pinienwälder zum Beispiel. Der Needles Highway führt uns entlang malerischer Landschaften bis vor die Tore des Custer-State-Nationalparks.

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Der Needles Highway führt durch besonders malerische Landschaften.

Der ist zwar nicht ganz so bekannt wie Yellowstone (in Wyoming und Montana) und Glacier (in Montana), aber mehr als ein Geheimtipp. In großen Herden ziehen Bisons durch offenes Grasland. Präriehunde leben hier genauso wie Antilopen, Hirsche und Kojoten. Und wer nicht will, muss nicht mal das Auto verlassen und sieht doch alles – zum Beispiel auf dem 30 Kilometer langen Wildlife Loop.

Unser Roadtrip führt uns weiter zum Roosevelt-Nationalpark in Norddakota. Das ist auch motorisiert ein echter Ritt – mehrere Hundert Kilometer Strecke, Abzweige gibt es kaum, nur lange Straßen, winzige Örtchen und dann und wann mal eine Tankstelle irgendwo entlang des Weges.

Wildpferde grasen im Theodore-Roosevelt-Nationalpark.

Am Painted Cnyon beginnt der echt Westen

Die Landschaften wirken gleichzeitig endlos, ändern sich dann aber meist ganz plötzlich. Auch kurz vor Medora, wenn aus Grasland wieder Badlands werden. Hier schimmern die Canyons nicht mehr graubraun, sondern in bunten Farben. Am Painted Canyon, sagt Restaurantbesitzerin Beth Clyde stolz, „da beginnt der echte Westen“. Hier kamen einst nur Cowboys auf Pferden weiter.


Der Eingang zum südlichen Teil des Roosevelt-Parks liegt nur etwa 250 Meter entfernt vom Cowboy Café. Anders als beim Custer-Park im Nachbarstaat gibt es mehr bergiges Terrain. Deshalb können Besucherinnen und Besucher mit Glück Wildpferde vor dem Canyonpanorama sehen. Auch hier gibt es Bisonherden und Kojoten, außerdem Elche und fast 200 Vogelarten. Denen begegnet man auch auf den vielen Wanderwegen. Wer die Natur erkunden will, sollte allerdings immer vorher im Internet nachschauen, ob alle Straßen intakt und alle Aussichtspunkte erreichbar sind.

Im Makoshika State Park durch die Badlands wandern

Unsere Suche nach der schönsten Landschaft führt uns abermals weiter, diesmal in einen Park in Montana. Der Makoshika State Park ist deutlich kleiner, aber vor allem für Wanderinnen und Wanderer einen Stopp wert. Hier gibt es weniger große Wildtiere, dafür wandern Besucherinnen und Besucher mitten in den unwirtlich erscheinenden Badlands, statt auf klassischen Wanderwegen.

Mitten in den Badlands: Im Makoshika State Park in Montana kommen Besucherinnen und Besucher den beeindruckenden Steinformationen besonders nah.


„Das ist schon eine Besonderheit“, betont Parkmanager Riley Bell, „unsere Gäste sagen oft: Es fühlt sich einzigartig an.“ 2021 kamen 150.000 Besucherinnen und Besucher – ein Rekord. „Wir sind ein netter Zwischenstopp auf dem Weg vom Teddy-Roosevelt-Nationalpark nach Yellowstone oder zum Glacier“, sagt Bell. Vor allem, wer den Glacier-Nationalpark mit den namensgebenden Gletschern besuchen möchte, sollte aber weit im Voraus planen: Die Zufahrt ist drastisch begrenzt.

Devils Tower is beliebt bei Kletternden

Bevor es zurück nach Süddakota geht, steht für uns ein Stopp in Wyoming an: am berühmten Devils Tower. Der aus Lavagestein entstandene Teufelsturm ragt inmitten von grünen Feldern wie ein Fremdkörper aus der Erde – und war deshalb Kulisse in Steven Spielbergs Alienfilm „Unheimliche Begegnung der dritten Art“. Geübte Kletterinnen und Kletterer können den Devils Tower besteigen. Ansonsten reichen zwei Stunden für einen Stopp – aber den sollten Reisende unbedingt einplanen.

Geübte Kletterinnen und Kletterer können den Devils Tower in Wyoming erklimmen – für alle anderen gibt es zwei Rundwege drum herum.


Auf dem weiteren Weg nach Süddakota geht es nach dem Park in die bewaldeten Gebiete der Black Hills. Wer gern ein paar Dollar in Spielautomaten wirft, sollte einen Halt im touristischen Westernörtchen Deadwood einplanen, das als „Kleines Las Vegas“ bekannt ist.

Beste Aussichten am Spearfish Canyon

Wer mehr Wert auf landschaftliche Schönheit legt, fährt in den nahen Spearfish Canyon mit seinen Wasserfällen und durchaus herausfordernden Wanderwegen. Auf dem 76 Trail zum Beispiel geht es durch den Wald ein ganzes Stück steil bergauf. Zur Belohnung kann man den Blick in die Ferne schweifen lassen und hat von hier beste Aussichten – auf den echten, nicht mehr ganz so wilden Westen.

Tipps für deine Reise nach Amerika

Anreise: Direktflüge in den Great American West gibt es nicht – aber über Gateway-Flughäfen wie Denver viele unkomplizierte Möglichkeiten, schnell ans Ziel zu kommen.

Einreise: Deutsche müssen mindestens 72 Stunden vor der Abreise ­online eine Esta-Einreisegenehmigung beantragen. Kosten: 21 US-Dollar.

Beste Reisezeit: Ein Roadtrip durch die Great-American-West-Staaten lohnt sich von April bis Oktober, allerdings ist außerhalb der klassischen Tourismussaison nicht alles geöffnet. Die beginnt am Memorial Day (letzter Montag im Mai) und dauert bis Labor Day (erster Montag im September).

Veranstalter: Verschiedene Veranstalter bieten Roadtrips in der Region an. Zu den Spezialisten gehört Argus Reisen aus Bovenden, der auch individuelle Routen zusammenstellt.

Die Reise wurde unterstützt von The Great American West. Über Auswahl und Ausrichtung der ­Inhalte entscheidet allein die ­Redaktion.