Wasser ist in Amiens allgegenwärtig. Ein kompliziertes Netz filigraner Kanäle hat der französischen Stadt den Beinamen „Venedig des Nordens“ eingebracht. Kleine Holzbrücken führen über das 300 Hektar große Wasserreich, das rund zwei Stunden nördlich von Paris liegt.

Geschaffen wurden die Wasserstraßen vor Jahrhunderten durch die Einheimischen. Im sumpfigen Hinterland der Stadt gruben sie seit dem Mittelalter Torf aus der Erde, um ihn als Brennstoff zu verwenden. Die entstandenen Gräben füllten sich über die Zeit mit dem Wasser der Somme, die durch Amiens fließt.

Eine Brücke führt auf einen der blühenden Gärten in Amiens.

Die Stadt der schwimmenden Gärten

Inmitten der schmalen Kanäle entstanden dabei Hunderte winziger fruchtbarer Inseln, auf denen seitdem Obst, Gemüse und Getreide angebaut werden. Hortillonnages werden die schwimmenden Gärten genannt, ihre Gärtnerinnen und Gärtner heißen Hortillons – abgeleitet vom lateinischen Wort „hortellus“, was „kleiner Garten“ bedeutet. 

Vor dem Aufkommen von Supermärkten gab es in Amiens mehrere Hundert Hortillons, die ihre Produkte auf „Barques à cornet“, langen Booten mit einem erhöhten spitzen Ende, in die Stadt transportierten.

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Eine Postkarte von 1910 zeigt den Markt auf dem Wasser: Auf Booten transportieren die Gärtner ihre Waren auf der Somme.

Heute arbeiten nur noch etwa zehn Vollzeit-Gärtnerinnen und -Gärtner auf den Inseln. Jeden Samstag bringen sie ihr frisches Gemüse und Blumen auf den Lebensmittelmarkt am Place Parmentier im Herzen der Stadt. Die traditionellen Boote der Hortillons werden hauptsächlich genutzt, um Besucherinnen und Besucher durch das Labyrinth an Kanälen zu fahren.

Gemüse, Kunst und Kultur

Wer hier unterwegs ist, entdeckt auf den Inseln neben Gemüsebeeten auch beeindruckende Kunstinstallationen. Jedes Jahr von Mai bis Oktober findet in Amiens das Internationale Gartenfestival statt. Künstlerinnen und Landschaftsgestalter aus aller Welt präsentieren dann ihre Werke inmitten der Sumpflandschaft. Einige Installationen wechseln jährlich, während andere dauerhaft zu sehen sind.

Wer dagegen mehr über die Geschichte der Inseln erfahren möchte, findet im Musée des Hortillonnages Fotos und traditionelle Gegenstände, die das Arbeitsleben der Gemüsegärtner von Amiens veranschaulichen.

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Geschäfte und Häuser im Viertel Saint Leu.

Das Tor zu den schwimmenden Gärten ist das malerische Gerberviertel Viertel Saint-Leu. In seinem Hafen findet der Wochenmarkt statt, auf dem die Gärtnerinnen und Gärtner aus den schwimmenden Gärten ihr frisches Gemüse verkaufen.

Neben den Wasserwegen prägen Mühlen, dichtgedrängte Häuser und Cafés das mittelalterliche Viertel. Besucherinnen und Besucher schlendern vorbei an Kunstgalerien, Büchereien und Antiquitätenläden oder genießen einen Kaffee mit Blick auf die Kanäle und Seitenarme der Somme.

Die größte Kathedrale Frankreichs

Neben den schwimmenden Gärten ist Amiens vor allem für ihre majestätische Kathedrale bekannt. Die Notre-Dame d'Amiens steht nicht weit entfernt von Saint-Leu und ist mit 145 Metern Länge, 43 Metern Höhe und 200.000 Kubikmetern Raumvolumen die flächenmäßig größte Kathedrale Frankreichs.

Das Gebäude aus dem 13. Jahrhundert gehört zum Unesco-Weltkulturerbe und ist mit etlichen Statuen und Schnitzereien geschmückt. Einer Legende nach ist darunter auch einer der Hortillons, der sein Artischockenfeld für den Bau der Kathedrale gespendet hatte.

Die gotische Kathedrale von Amiens: Unesco-Weltkulturerbe.

Jedes Jahr im Juli und August sowie zur Weihnachtszeit wird die Fassade der Kathedrale mit der beeindruckenden Licht-Show „Chroma“ beleuchtet. 40 Minuten machen Licht, Pixel und Musik das Architekturerbe nach Einbruch der Dunkelheit zu einem Gesamtkunstwerk.

Sehenswert ist auch der mittelalterliche Glockenturm Belfried. Er war nicht nur Bestandteil des ersten Rathauses der Stadt, sondern für lange Zeit auch ein Gefängnis. Wer die knapp 100 Stufen bis nach oben bezwingt, hat einen Panorama-Blick über die berühmte Kathedrale und die Stadt an der Somme – und kann mit etwas Glück auch dem Carillon, dem Glockenspiel im Turm, lauschen. 

Auf den Spuren von Jules Verne

Ihre malerischen Straßen und Buchten haben bereits vielen Kunst- und Literaturschaffenden als Inspiration gedient, darunter auch Jules Verne. Der Autor der großen Romane „In 80 Tagen um die Welt“ und „20.000 Meilen unter dem Meer“ wohnte von 1882 bis 1900 in seinem „Haus am Turm“ in Amiens.

Das Haus von Schriftsteller Jules Verne in Amiens.

Besucherinnen und Besucher können das Haus besichtigen und auf einem Stadtrundgang über eine App den Spuren des Schriftstellers folgen.

Eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten auf seinen Spuren ist der Cirque Jules Verne, einer der letzten aus Stein gebauten Zirkusse Frankreichs. 1889 weihte Jules Verne das Gebäude ein, seit 2011 gehört es zu den nationalen Zentren der Zirkus- und Straßenkunst Frankreichs. 

Der Zirkus Jules Verne auf einer Postkarte von 1910.

Preisgekrönte Macarons

Wer beim Stadtbummel in Amiens eine Stärkung braucht, sollte unbedingt die Macarons aus den Cafés von Amiens probieren. Im Unterschied zu den klassischen französischen Macarons sind sie dort ein weiches Keksgebäck aus valencianischen Mandeln, Zucker, Honig, Eischnee, Süßmandelöl und Bittermandeln.

Bekannt wurde die süße Spezialität durch die Chocolatier-Familie Trogneux, die sie seit 1872 mit unveränderter Rezeptur herstellt. Der Familie Trogneux entstammt übrigens auch Brigitte Macron, die Frau des französischen Präsidenten. 

Brigitte und Emmanuel Macron kommen beide aus Amiens und lernten sich dort auf dem Gymnasium kennen. Macron war damals Schüler in der elften Klasse, seine heutige Frau unterrichtete Französisch. Um einen Skandal zu vermeiden, zog Macron nach Paris und machte dort seinen Schulabschluss.