Gemächlich rollt das Faultier über uns seinen Kopf zwischen die Arme. Ein Schutzreflex. Denn geheuer ist ihm nicht, was da in den Sichtbereich seiner mit dunklem Fell umrandeten Augen kommt. Kein Wunder. Dieser Teil des Rio Negro liegt zwar unweit einer größeren Stadt, das Tier hatte bisher dennoch wenig Grund, sich an Menschen zu gewöhnen. Es hängt an einem Baum am Rande des schwarzen Flusses.

Ist auch am Rio Negro in Brasilien zu Hause: das Faultier.

Flüsse sind wie Lebensadern

Die Gemächlichkeit passt zur Umgebung: Der Amazonas-Regenwald ist der größte Wald der Welt. Und auch wenn die schlimmen Meldungen über Feuer und Rodungen oft die Nachrichten bestimmen, sind große Teile der sechs Millionen Quadratkilometer unberührt. Auch, weil sich ein gigantisches Netz aus Flüssen wie Lebensadern durch das ewiggrüne Paradies zieht. Ein Paradies, das oft so undurchdringlich ist, dass immer noch jedes Mal, wenn Forscher und Forscherinnen neue Areale erkunden, sie sofort auf neue Arten stoßen.

Kreuzfahrten beginnen in Manaus

Der Weg zu dem Faultier war weniger herausfordernd und abenteuerlich. Von der Stadt Manaus fahren Schiffe ins Grüne. Es gibt tage-, teilweise wochenlang dauernde Linienfahrten mit Booten, auf denen Reisende Hängematte an Hängematte ihrem Ziel entgegentuckern – aber auch Luxuskreuzfahrtschiffe, die die Erkundung komfortabel wie einen Hotelaufenthalt machen.

Die „La Jangada“ aus der Luft betrachtet – umgeben von Grün und Blau, (fast) Dauerzustand auf der Tour.

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Wir reisen mit der nach Jules Vernes Amazonas-Erzählung benannten „La Jangada“. Das Boutiqueschiff hat kaum Tiefgang (1,3 Meter) – was dann wichtig wird, wenn die Seitenarme des aus Osten kommenden Amazonas und des aus Westen verlaufenden Rio Negro nur wenig Wasser führen. Vor Manaus treffen sich die Flüsse, der eine fast schwarz, der andere bräunlich. Der hellere Teil wird in Brasilien als Solimões River bezeichnet und heißt erst ab dem Encontro das Águas, also dem Treffen der Wasser vor Manaus, tatsächlich Amazonas. Viele Meilen fließen die Flüsse sichtbar getrennt nebeneinander, ehe sie sich vermengen.

Der Rio Negro ist meist spiegelglatt – so sieht man die „La Jangada“ auch mal doppelt.

Manaus entstand dank Kautschukboom

Manaus mit mehr als zwei Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern ist Hauptstadt des Bundesstaates Amazonas und industriell geprägt. Dank niedriger Steuern produzieren hier große Unternehmen, obwohl Manaus nur auf dem Luft- und Wasserweg erreichbar ist.

Dass hier einst eine Stadt entstand, lag am Kautschukboom Mitte des 19. Jahrhunderts. Kurzzeitig war das Naturlatex der Bäume im Urwald mehr wert als Gold – allerdings nur bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Mit dem Ende der Nachfrage begann der Niedergang. Das edle Opernhaus zeugt von guten Zeiten. Drumherum ist an vielen Gebäuden der Lack ab. Als Ausgangspunkt für eine Expedition zu Wasser bleibt Manaus aber wichtig.


So begann auch diese Reise in einem der Häfen. Der Chef unserer Expedition ist Raphael Rocha Sá, ein 40-jähriger Brasilianer aus Santarém im Norden, der früh mit seinen Eltern nach Französisch-Guayana ging und später in Frankreich lebte. Sie wurden deportiert, er kam ins Kinderheim, dann nach Frankreich.

Raphael Rocha Sá kennt sich in der Gegend bestens aus und gibt als Führer gern sein Wissen weiter.

Er arbeitete als Bäcker, dann in der Touristik. 2001 kam er zurück, suchte seine Eltern und fand die Natur. „Ich lernte mehr über den Regenwald, über die vielen Arten, die Bedeutung, die Geschichte, die Mythen.“ Zum Beispiel, dass die Tränen des Mondes den Amazonas schufen. Eine von zig Legenden. Nun fährt er den Fluss hinauf und hinab, mal auf der 1.000-Meilen-Tour, mal nur ein paar Tage lang.

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Wilde Tiere, wohin man schaut

Das Faultier im Baum ist nicht das einzige Tier, das uns begegnet. Majestätisch schwingen sich Aras und andere Papageien über uns durch die Luft. Tukane sitzen in den Bäumen. Die „La Jangada“ führt kleine Speedboote mit sich, mit denen wir die Nebenarme des Flusses erkunden. Im Dickicht schrecken wir leuchtend blaue Schmetterlinge auf. Im Dunkel entdecken wir Krokodile. Bei einer Wanderung durch den Urwald sehen wir Käfer, die Erdlöcher von Spinnen, jede Menge Ameisenstraßen.

Gelbbrustaras gehören zu den zahlreichen tierischen Bewohnern im Amazonas-Urwald.

Nur hören können wir den Capitão do mato. Führer Rocha Sá berichtet, dass dieser Vogel Schreilaute von sich gibt, wenn Menschen in der Nähe sind. Für Reisegruppen lustig. Für Sklavinnen und Sklaven in der Zeit des Kautschukbooms gefährlich: „So konnten die Gutsherren verorten, wo Geflüchtete sich grob aufhalten“, erklärt Rocha Sá.

Affen kommen aufs Boot

Ebenfalls nur hören können wir am frühen Morgen den Chor der Brüllaffen. Immer mehr Tiere fallen ein in einen skurril wirkenden Singsang. Zu sehen bekommen wir sie nicht. Dafür die kleinen Totenkopfaffen: Sie klettern hinab zu unserem Speedboat, greifen sich Bananen und verschwinden.

Überall im Amazonas-Urwald begegnen Reisenden exotische Tiere – wie etwa dieser Totenkopfaffe.


All das geschieht in der sagenhaften Natur am Fluss, dessen Wasseroberfläche meist so still ruht, dass sich die Pflanzen perfekt spiegeln. „Die Bäume sind eigene Ökosysteme, gewachsen auf wenig Erde, die Wurzeln reichen selten tief“, berichtet unser Guide. „Dafür entstehen an den Stämmen, an den Wurzeln, an den Blättern kleine, fragile Welten.“

Darin schlummern Wunder und Wohltäter: „50 Prozent der Grundstoffe für alle Medikamente kommen aus diesem Wald“, sagt der 40-Jährige. Unterteilt ist er in drei Arten von Lebensraum: Schwemmland, von Hoch- und Niedrigwasser gezeichnet, Festland und Igapó, einfach gesagt dauerhaft überschwemmter Wald.

Indigene Stämme bleiben meist unter sich

Bei einem anderen Ausflug erleben wir eine andere Seite des Gebiets um Manaus, das wir per Schiff sternförmig erfahren. Denn der Urwald ist nicht nur Kulisse beeindruckender Tiersichtungen. Sondern auch Lebensraum von Menschen.

In den Tiefen des Urwalds gibt es indigene Völker, die bisher kaum oder gar nicht mit dem in Berührung kommen, was gemeinhin als Zivilisation gilt. Auch stadtnah leben im ewigen Grün noch Stämme, die zwar Anschluss an die moderne Welt haben, dennoch meist für sich bleiben.

Gui ist Häuptling der Comunidade Indígena Cipiá.

Rosafarbene Delfine sind einzigartig

Wir treffen den 38-jährigen Gui. Sein portugiesischer Name ist Francis Vaz, hier spielt der aber keine Rolle – Gui ist der Häuptling der Comunidade Indígena Cipiá. An die Hütte, vor der er uns begrüßt, sind diverse Symbole gemalt. Ein Delfin zum Beispiel, der die Natur symbolisiert und Wächter des Volkes ist. Der Amazonas ist übrigens Heimat der einzigen rosafarbenen Delfine.

Eine Besonderheit im Amazonas: Die Delfine hier sind rosafarben. Über die Zeit hat sich die Farbe wegen der Zusammensetzung der Nährstoffe im Fluss verändert.

Häuptling bewahrt Traditionen

Vaz heißt uns mit Tänzen willkommen, unterstützt von vielen anderen des 40-köpfigen, fünf ethnische Gruppen umfassenden Stammes. Das ist keine Unterhaltungsfolklore, sondern Vermittlung des Werte- und Lebenskanons. „Die Kinder lernen von Geburt an unsere Rituale“, erklärt der Häuptling. Seine Funktion hat er von seinem Vater geerbt.

Seine Kinder gehen in eine gewöhnliche Schule, ein Boot holt sie morgens ab. Im Haus der Weisheit, in dem wir uns befinden, lernen sie dazu: Jagen zum Beispiel. Und wie Tapioka, eine Stärke aus der Maniokwurzel, die in der Gegend als Kartoffelersatz allgegenwärtig ist, verarbeitet wird. Aber auch, welche Fische genießbar sind – und dass Piranhas wirklich gefährlich sind.

Piranhas sind eine reale Gefahr – wer blutend ins Wasser fällt, bekommt Probleme, selbst die kleinen Fische haben schon hochgefährlich scharfe Zähne.


Hört man ihm zu und hört man von diesem Einklang mit der Natur, stellen sich aber auch schwierigere Fragen. Nach dem Klima zum Beispiel, und ob hier die globale Erwärmung spürbar ist. „Wir merken, dass seit Jahren die Regenfälle stärker werden“, sagt Vaz. Überschwemmungen sind für sein am Wasser gebautes Dorf eine Gefahr von vielen.

Seine Erfahrungen sind spannend und verstärken, was sich seit Tagen erhärtet: den Willen, das alles hier unbedingt zu schützen. Die Menschen, die Pflanzen. Und natürlich Tiere wie das Faultier. Die Begegnung mit diesem sanften, langsamen Wesen ist nur einer von vielen einmaligen Eindrücken.

Tipps für deine Reise nach Brasilien

Anreise: Mit dem Flugzeug von Frankfurt am Main nach Rio de Janeiro oder São Paulo in Brasilien und von dort weiter nach Manaus.

Veranstalter: Verschiedene Anbieter haben Kreuzfahrten auf dem Amazonas im Programm. Der Reiseveranstalter Lernidee Erlebnisreisen bietet Kreuzfahrten auf der „La Jangada“ exklusiv für den deutschsprachigen Raum an. Eine sechstägige Amazonas-Flusskreuzfahrt mit Besuch in Rio, dem Pantanal und am Iguassu ist für August/September und April/Mai, ab 7420 Euro ab/bis Deutschland buchbar. Die große Expedition „1000 Meilen auf dem Amazonas“ ab/bis Manaus nach Tabatinga als 16-tägige Reise mit 13-tägiger Flusskreuzfahrt (Termine im März/Februar sowie Oktober/November) ist ab 6620 Euro mit Flügen ab/bis Deutschland buchbar.

Die Reise wurde unterstützt von Lernidee Erlebnisreisen. Über Auswahl und Ausrichtung der Inhalte entscheidet allein die Redaktion.