Wer gerade einen Urlaub plant, ist mit vielen Unabwägbarkeiten konfrontiert: Das Chaos an vielen Flughäfen strapaziert nicht nur die Nerven vieler Reisender aufs Äußerste – es dämpft zugleich die Reiselust bei allen, die gern später noch in den Urlaub fliegen möchten. Geht der Flug in die Karibik im Winter, oder muss das gesamte Jahr über mit kurzfristigen Stornierungen gerechnet werden? 

Auch die Corona-Pandemie ist noch nicht vorbei. Obwohl derzeit die allermeisten Länder ihre Regeln lockern, zeigt ein Blick in die vergangenen Jahre: Im Herbst könnte sich die Situation wieder verschlechtern. Es könnten erneut Reisebeschränkungen drohen.

Viele Menschen stehen also vor der Frage: Sollte ich jetzt schon eine Flugreise für die Herbst- und Wintermonate buchen? Tatsächlich gibt es laut einer aktuellen Studie des Kreditversicherers Allianz Trade gute Gründe dafür.

Grund 1: Die Kerosinpreise steigen weiter

Hauptursache für den hohen Kostendruck ist der Krieg in der Ukraine. Die Treibstoff-Preise sind laut der Studie in diesem Jahr bereits um satte 89 Prozent gestiegen. Und ein Ende der Preisspirale ist noch nicht in Sicht. „Es wird erwartet, dass die Preise weiter nach oben klettern“, heißt es in der Marktanalyse. Da die Airlines das Sparpotenzial in der Corona-Krise 2020 und 2021 bereits weitestgehend ausgeschöpft haben, gibt es kurzfristig nur einen Ausweg: teurere Flugtickets.

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Seit Mai sind die Ticketpreise in Europa laut Allianz Trade bereits um 12 Prozent gestiegen. Bis Ende 2022 rechnet der Versicherer sogar mit einer durchschnittlichen Preissteigerung in Höhe von 21 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Zusammen mit dem höheren Passagieraufkommen werde dies die Einnahmen der Fluggesellschaften in Europa im Vorjahresvergleich zwar um 102 Prozent steigern – doch das werde nicht reichen, um die finanziellen Corona-Verluste zu kompensieren.

Eine Maschine von Eurowings wird am Flughafen Düsseldorf betankt. Die Kerosinpreise sind seit dem Frühjahr deutlich gestiegen.

Die Internationale Flug-Transport-Vereinigung (IATA) erwartet nach den Krisenjahren 2020 (137,7 Milliarden US-Dollar Verlust) und 2021 (42,1 Milliarden US-Dollar Verlust) keine vollständige Erholung im Jahr 2022. Vielmehr wird ein weiteres Minus in Höhe von 9,7 Milliarden US-Dollar prognostiziert. Milo Bogaerts, CEO von Allianz Trade: „Wir gehen davon aus, dass die meisten europäischen Fluglinien erst 2023 wieder die Gewinnzone erreichen werden.“ Heißt: Das Preisniveau für Flugtickets dürfte bis mindestens dahin weiterhin hoch bleiben.

Grund 2: Keine Anreize für mehr Personal

Neben den Ausgaben für Kerosin sind Löhne und Gehälter der zweitgrößte Kostenfaktor für die europäischen Fluggesellschaften. Die Fixkosten für Personal machen laut der Studie 25 Prozent des Umsatzes aus – um Verluste auszugleichen, hätten die Airlines die Größe ihrer Belegschaften 2021 um 8 Prozent reduziert.

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Für eine Aufstockung des abgebauten Personals gebe es angesichts des Kostendrucks durch die Kerosin-Preise nun aber „kaum Anreize“. Die Folge: Es wird vorerst weniger Flüge und damit auch weniger Spielraum für Preissenkungen geben.

Grund 3: Die Bahn macht Druck

Auch perspektivisch bleibt der Markt für die Fluggesellschaften laut der Studie herausfordernd. Zusätzlich zu Löhnen und Treibstoffpreisen setzt der Klimawandel die Airlines unter Druck.

Immer mehr Kundinnen und Kunden wollen aufgrund des hohen Schadstoffausstoßes auf Flüge verzichten. Davon profitieren die europäischen Bahnbetriebe, die laut der Analyse durchschnittlich 85 Prozent weniger CO2 ausstoßen, als der Flugverkehr. Beispiel: Auf einem Flug von Paris nach Amsterdam emittiert jeder Passagier und jede Passagierin 96 Kilogramm CO2– im Zug sind es nur 13 Kilogramm, also 86 Prozent weniger.

Der Zugverkehr habe gegenüber den Airlines zudem den Vorteil, dass die meisten Betriebe und ihr rund 200.000 Kilometer langes Schienennetz in Europa in staatlichem Besitz seien und damit finanziell unterstützt würden. Darüber hinaus plant die Europäische Kommission bis 2040 ein transeuropäisches Bahnnetzwerk, das 424 Städte mit Hochgeschwindigkeitszügen verbinden soll.

Selbst wenn die Fluggesellschaften wieder das wirtschaftliche Vorkrisen-Niveau erreichen würden, gehen die Analysten davon aus, dass die Bahn in Zukunft über 50 Prozent des Marktanteils für Reisen in Europa einnehmen werde – spätestens wenn die Bahntickets für beliebte Routen, zum Beispiel von Paris nach London (Bahnpreis aktuell 194 Euro hin und zurück, Flug 101 Euro) oder von München nach Mailand (Bahnpreis aktuell 176 Euro hin und zurück, Flug 129 Euro) günstiger werden als Flugtickets.

Ein französischer TGV und ein deutscher ICE stehen im Bahnhof Paris-Est. Die EU will das Hochgeschwindigkeitsnetz in Europa deutlich ausbauen.

Um wettbewerbsfähig zu bleiben, müssten die Airlines laut der Studie „stark in nachhaltige Lösungen wie neue energieeffiziente Flotten und einen nachhaltigeren Treibstoffverbrauch“ investieren. Umweltfreundliche Kraftstoffe seien aber etwa 2,5-mal teurer als herkömmliches Kerosin und die Entwicklung sogenannter emissionsfreier Flugzeuge nicht nur kostspielig, sondern auch langwierig. Bis zur Bereitstellung der neuen Technologien müsste also auch mehr Geld in die kurzfristige Erneuerung der Antriebe fließen, die im Betrieb wiederum vergleichsweise teuer sein dürften. 

4. Du kannst die Reise absichern

Wer Angst hat, die Reise im Winter nicht antreten zu können, hat mehrere Möglichkeiten. Viele Reiseveranstalter bieten seit der Corona-Pandemie kundenfreundliche Stornofristen, die deutlich verkürzt sind.

Bei Tui ist beispielsweise „Tui Protect“ für alle Reisen bis 30. April 2023 inkludiert. Heißt: Wer in einer behördlich angeordneten Quarantäne ist und die Reise deswegen nicht antreten kann, erhält das Geld zurück. Bei Alltours können Neubuchungen (bis 31. August 2022) für Abreisen bis 30. April 2023 bis 14 Tage vor Abreise kostenlos umgebucht oder storniert werden. Auch andere Anbieter haben solche Programme – hier gilt es: informieren und AGB genau checken.

Zudem gibt es Extra-Versicherungen, die über die normale Reiserücktrittskostenversicherung hinaus zahlen – beispielsweise dann, wenn Menschen wegen einer Quarantäne den Urlaub nicht antreten können.

Fazit: Nicht auf Last-minute-Angebote hoffen

Die europäischen Fluggesellschaften befinden sich laut der Allianz-Studie in einem dramatischen Überlebenskampf. Um die finanziellen Verluste aus den vergangenen zwei Jahren zu kompensieren, müssen sie die Kosten senken. Doch das ist angesichts der steigenden Energiepreise kaum möglich.

Für die Transformation müssten die Airlines trotz der angespannten Lage in den nächsten Jahren zudem mehr Geld in die Entwicklung investieren. Die Analysten von Allianz Trade rechnen damit, dass die Unternehmen mithilfe von Digitalisierung und künstlicher Intelligenz weiteres Personal einsparen werden, um die Flottenerneuerungen zu finanzieren. Das allein genüge aber nicht – zusätzliche Finanzspritzen aus dem Kapitalmarkt seien unausweichlich. Über dem Flugmarkt hängen also dunkle Wolken.

Für Verbraucherinnen und Verbraucher heißt das: Es gibt wenig Hoffnung auf einen Sinkflug der Ticketpreise. Im Gegenteil. Die Ticketpreise werden lauft der Studie weiter steigen. Bei der Planung einer Flugreise im Herbst oder Winter könnte das Warten auf Last-minute-Angebote also nach hinten losgehen. Wer einen Urlaub im dritten Jahresquartal plant, sollte schon jetzt nach Angeboten suchen.