Es sind die Stille und die Weite, eine Art meditatives Gleiten durch die Natur, das eine Hausbootreise wohl am besten beschreibt – manche sprechen vom Camping auf dem Wasser.

Und ja, tatsächlich drängt sich dieser Vergleich auf wohlige Weise immer wieder auf – wenn man abends in seine kleine Kajüte krabbelt, die Beine lässig vom Plastikstuhl über die Reling hängt oder die Taue, fast wie Zeltleinen an Heringen, an den Pollern vor Schleusen und Co. abspannt. Es ist die Einfachheit des Lebens auf dem Boot, die die Gedanken immer wieder in Richtung Camper, Zelt und Co. abschweifen lassen.

Wer das Leben im Einklang mit der Natur liebt, der wird auch die Vorzüge einer Hausbootreise schnell für sich entdecken.

Auf den Wasserstraßen durchs Land

Die Niederlande mit ihren unzähligen Kanälen und Wasserstraßen lassen sich hervorragend vom Wasser aus erkunden. Los geht es diesmal in Loosdrecht – mit einem stattlichen Zwölf-mal-vier-Meter-Boot.

Nach einer umfangreichen Einführung durch die Crew in der Loosdrechter Locaboat-Basis heißt es: Leinen los für die „Haastrecht“ und die „Aalsmeer“, mit der wir unterwegs sein werden. Wir nehmen Kurs auf Utrecht. Eine kurze Irritation darüber, dass wir das Boot ohne Führerschein fahren dürfen, wischt Basisleiter Menno ­Terpstra lässig weg.

Währenddessen steuert er das Schiff gekonnt vom Steg zwischen den anderen Booten hindurch – Steuer nach rechts, ein bisschen Schub vom Bugstrahlruder nach links. „Das ist überhaupt kein Pro­blem“, sagt er.

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Menno Terpstra, ­Leiter der Loosdrechter Locaboat-Basis, erklärt den Hobbykapitäninnen und -kapitänen die Technik des Hausboots.

Nach der Einweisung geht's los

In gemütlichem Tempo geht es über die Loosdrechter Seenplatte, über Kanäle auf die Vecht, vorbei an wunderschönen alten Villen der ­feinen Amsterdamer und ­Utrechter Indus­triellengesellschaft, entlang liebevoll gestalteter Gärten. Das Auge kann sich kaum sattsehen.

Vom Wasser aus wird deutlich, die Niederländerinnen und Niederländer haben ein gutes Händchen dafür, ihre Gärten in wahre Kleinode zu verwandeln – gemütliche Sitzsäcke, Outdoorküchen und Saunen, Wasserrutschen, die von Baum­häusern direkt in den Kanal führen ...

Ohne Gewässerkarte geht nichts

Doch zurück aufs Boot: Das wichtigste Accessoire dieser Reise ist schnell ausgemacht. Die Gewässerkarte weist den Weg über die Kanäle und Flüsse. Auf ihr sind sämtliche Schleusen, Brücken und Anlegeplätze (mit und ohne Strom, das ist entscheidend!) verzeichnet. Ohne sie ist man als Hobbykapitänin oder -kapitän aufgeschmissen. Wer sich ohne Vorbereitung und Karte auf Hausboottour begibt, wird ziemlich sicher ein kleines Lehrgeld zahlen müssen.

In der Gewässerkarte sind sämtliche Schleusen, Brücken und Anlegeplätze aufgeführt. Ohne sie läuft an Bord nichts.

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Auf Pausenzeiten achten

Die Niederländerinnen und Niederländer sind sehr bedacht auf ihre Pausen und Schließzeiten. Längst nicht jede Brücke öffnet zu jeder Zeit, nicht jede Schleuse ist rund um die Uhr besetzt – und manchmal funktionieren sie auch gar nicht. Und so kann ohne gute Vorbereitung aus dem meditativen Gleiten schnell eine adrenalinträchtige Sause werden – zumindest, wenn die Eckpfeiler der Reise klar abgesteckt sind. Und so schließen sich bei unserer Ankunft im Unistädtchen Utrecht auch direkt hinter uns zum letzten Mal die Schleusentore für diesen Tag. Glück gehabt!

Zwischendurch in die Stadt

Der Nervenkitzel ist schnell vergessen, als wir die hübschen Gassen in Utrechts Stadtkern hinunter bis zur Oudegracht schlendern. Sie ist das Herz der quirligen Metropole, die als viertgrößte Stadt der Niederlande als die kleine, etwas weniger touristische Schwester Amsterdams gilt.

Den tiefliegenden Kanal, der sich in einer langen Kurve durch das Stadtzentrum zieht, säumen unzählige Bars und Restaurants in Gewölbekellern. Am Abend sind sie mit bunten Lichterketten hell erleuchtet. Am besten lässt sich die Studierendenstadt entlang der unzähligen Kanäle auf zwei Rädern erkunden.

Immer dicht hinter der „Haastrecht“: die „Aalsmeer“.


Nach einer Stärkung im Bunk, einer zur Bar umgebauten Kirche, setzen wir unsere Reise in Richtung Oudewater fort. Von den Fußwegen entlang der Kanäle winken uns Fußgängerinnen und Fußgänger immer wieder freundlich zu. Als Hausbootfahrende scheinen wir eine gewisse Sympathie zu genießen. Mit einer gewissen Lässigkeit steuern wir die Pénichette „Haastrecht“ inzwischen über Kanäle und Flüsse, passieren Brücken und machen mit den dicken Tankern in Schleusen fest.

Oudewater hält, außer guter Gastronomie und der typischen niederländischen Grachtenhäuser, nicht allzu viel bereit. Das wahre Highlight erwartet uns, als wir aus dem kleinen Ort hinausgleiten. Die vor uns liegende, unspektakulär aussehende Brücke hat es in sich – offenbar.

Zumindest werden 2 Euro fällig, um sie zu passieren. Darauf weist ein kleines Schild hin. Allerdings: kein Knopf diesmal, der in waghalsigen Manövern von Bord aus gedrückt werden muss, keine Leine, keine Handynummer. „Und nun?“, fragen wir uns ein bisschen ratlos. Die Ampel zumindest zeigt ein rotes-grünes Licht, eigentlich ein gutes Zeichen. Denn das bedeutet, dass die Brücke zwar geschlossen, wohl aber in Betrieb ist.

Bei einer Fahrt mit dem Hausboot durch die Niederlande gibt es zahlreiche Brücke und Schleusen.


Holzschuh wird zur Kasse

Noch während wir uns beraten, öffnet sich das Fenster des Schleusenhäuschens. Eine Angel taucht auf. An ihr baumelt ein Holzschuh. Mit einem freundlichen „Goede dag“ schwenkt der Schleusenwärter das Konstrukt in Richtung Boot. Schwups. Gefangen. 2 Euro rein und schon öffnet sich die Brücke. Die Fahrt geht weiter.

Wenn es als Hausbootkapitänin oder -kapitän eines braucht, dann ist es eine gute Portion Gelassenheit und den Glauben daran, dass es für jede Unwägbarkeit eine Lösung gibt. Auch wenn dieser mitunter kräftig ins Wanken geraten kann. Bei der Weiterfahrt nach Gouda ist es soweit.

Vor der Brücke geht nichts mehr

Schon von Weitem leuchtet die Ampel der Goverwellebrug, der Gouverneursbrücke, doppelrot – entgegen der Auskunft, die wir zuvor bekommen haben. Kein gutes Zeichen! Und auch beim langsamen Heranfahren tut sich einfach nichts.
Ein paar Telefonate und zaghafte Annäherungsversuche später – möglicherweise passt der Kahn doch darunter durch, immerhin handelt es sich nur um wenige Millimeter –, dann die Gewissheit. Yvonne Schön, unser Guide vom Hausbootverleih, teilt sie uns mit: „Wir stecken fest! Die Brücke ist kaputt, vor morgen früh wird das nichts.“

Was bleibt uns also anderes übrig: Wir machen fest – in ländlicher Idylle zwar, allerdings ohne Strom und ein gutes Stückchen vor den Toren Goudas. Da zahlen sich die Fahrräder an Deck aus, die mit uns reisen. Per Drahtesel geht es nun in die Stadt, die dank ihres Käsemarktes weltberühmt ist. Auch eine Tour durchs Umland lohnt sich. Die Seenplatten und die von Windmühlen gesäumten Kanäle sind ein wahres Fest fürs Auge.

In der Umgebung von Gouda gibt es viele Sehenswürdigkeiten wie diese alte, noch funktionstüchtige Mühle direkt am Kanal.


Den Schlusspunkt der Reise bildet Rembrandts Geburtsstadt Leiden, die mit ihrer malerischen Innenstadt mit unzähligen Kanälen und Grachtenhäusern besticht. Hier lässt es sich wunderbar durch die Einkaufsstraßen bummeln. Ganz an den Zauber Utrechts und Amsterdams reicht die älteste Universitätsstadt des Landes aber nicht heran. Das mag daran liegen, dass uns die Sonne auf den letzten Metern der Reise doch noch verlassen hat und es angefangen hat zu regnen.

Selbst Regen stört nicht

An Bord stört das nicht so sehr, der kleine Scheibenwischer vorm Innensteuerstand ermöglicht freie Sicht und Fahrt, und man macht es sich eben bei holländischem Lakritz und Koffie im Inneren des Boots gemütlich. Von einem Vorhaben hält uns der unerbittliche Regen des letzten Reisetages gewiss nicht ab: Wir kommen wieder. Mit guter ­Vorbereitung und einer gehörigen Portion Gelassenheit.

Tipps für deine Reise in die Niederlande

Anreise: Mit dem Auto nach Loosdrecht oder mit dem Zug nach Breukelen in den Niederlanden. Von dort ist es nur noch ein kurzer Transfer zur Loosdrechter Bootsbasis am Hafen.

Beste Reisezeit: Die Hausbootsaison in den Niederlanden ­dauert von März bis ­Ende Oktober.

Bootsanbieter: Verschiedene Anbieter vermieten Hausboote, die sich führerscheinfrei steuern lassen. Locaboat Holidays hat Bootsbasen in Loosdrecht und Alphen. Ein Hausboot für vier bis sieben Personen ist in der Hochsaison (Mitte Juni bis Mitte September) ab 2.275 Euro pro Woche mietbar. In der Nebensaison gibt es Boote für zwei bis fünf Personen ab 1.057 Euro.

Unbedingt mitnehmen: Wetterfeste Kleidung, robuste Handschuhe für die Schleusen und zum Tauefestziehen. Ohropax, die Boote sind hellhörig. Powerbank(s) – Strom ist an Bord ein kostbares Gut, Landstrom gibt es nur in (manchen) ­Häfen.

Die Reise wurde unterstützt von ­Locaboat ­Holidays. Über Auswahl und Ausrichtung der Inhalte ­entscheidet ­allein die Redaktion.