Ein bisschen scheint sich Gianfranco Kozlovic immer noch zu wundern: „Mein Großvater“, sagt er, „hat immer hier in diesem Haus im Norden Istriens gewohnt. Und dennoch lebte er in vier politischen Systemen.“ Geboren wurde sein Opa  Anfang des 20. Jahrhunderts im österreichisch-ungarischen Kaiserreich, 1918 wurde die Halbinsel Italien zugeschlagen, 1943 kamen die deutschen Besatzer, und nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm Tito in Jugoslawien die Macht. Viel Geschichte birgt dieser weit ins Mittelmeer hineinragende Zipfel Land.

Familie Kozlovic gehörte zu den ersten Winzern

Nur eines ist über mittlerweile vier Generationen immer gleich geblieben: Die Familie Kozlovic baut Wein auf der mal rötlich-eisenhaltigen, mal lehmig-weißen Erde Istriens an.

Es begann mit gerade einem Hektar. Inzwischen überziehen Reben die Hügel unterhalb der mittelalterlichen Festungsruine von Momjan. Gianfranco Kozlovic und seine Frau Antonella zählten in den Neunzigerjahren zu den ersten Winzerinnen und Winzern mit eigenem Grund und Boden im nun kroatischen Istrien. Heute wird sein Wein auch in internationalen Sterneküchen kredenzt.

Auf ihrem Weingut empfangen ­Antonella (links) und Gianfranco Kozlovic Reisende, die ihre Wein probieren möchten.

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Klimawandel sorgt für andere Anforderungen

Die beiden wissen, dass die Entwicklung weitergehen muss. Der Klimawandel macht ihnen zu schaffen: „Unsere traditionelle Weinsorte Malvasia kommt mit der brennenden Sommersonne gut klar, aber beim Teran experimentieren wir mit biologischen weißen Farben, die das Licht reflektieren. Wir denken auch über eine Art Sonnensegel für die Trauben nach“, sagt er. Die fünfte Generation, seine beiden Töchter, werden bald beginnen, nach Lösungen zu suchen.

Ideenreich sind die Menschen in Istrien allemal, mussten sie auch sein in entbehrungsreichen sozialistischen Jahrzehnten. Von den Jugoslawien-Kriegen Anfang der Neunzigerjahre blieb die Halbinsel an der nördlichen Adria zwischen dem Golf von Triest und der Kvarner Bucht weitgehend verschont. Doch flüchteten viele aus den umkämpften Gebieten hierher.

Weg von Plattenbauten hin zu Luxushotels

Danach begann für den Tourismus eine neue Zeitrechnung: weg von Plattenbauten und hin zu anspruchsvollen Beherbergungen. Heute zählt das venezianisch anmutende Rovinj an der Ostküste mit seiner vom Meer umspülten Altstadt – und einem Campinile wie auf dem Markusplatz – zu den besten Hoteladressen des Landes. Ein Konzern steht für die edelsten Häuser, und der aus Deutschland stammende Hotelchef Peter Lösch sagt im Brustton der Überzeugung: „Ich werde weniger am Gewinn gemessen als daran, ob am Ende des Jahres die Qualität besser geworden ist.“

Rovinj gehört zu den Städten, in denen sich ein Besuch lohnt.

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Das vielerorts verlassene Hinterland abseits der Küstenstädte musste erst wiederbelebt werden. Heute ziehen mittelalterliche Bergdörfer wie die Künstlerkolonie Groznjan mit ihren verwunschenen Gassen und bunten Galerien Besucherinnen und Besucher an. Motovun thront auf einem 280 Meter hohen Hügel und lugt manchmal regelrecht aus den Wolken darunter hervor.

Museumsbetreiber ist ein Unikum

Hartnäckiges Durchhaltevermögen beweist der Designer und Fotograf Sergio Gobbo im früheren Fischerdorf Novigrad, heute ein schmucker Urlaubsort mit Uferpromenade. Sein privates Museum Gallerion über die österreichisch-ungarische Flotte der K.-u.-k.-Krriegsmarine eröffnete er 2007. Für Besucherinnen und Besucher ist das Sammelsurium von Schiffsmodellen, Kapitänsuniformen, Schiffsschrauben, Gemälden, Seekarten, Kanonenkugeln und Torpedos kaum zu überschauen.

Sergio Gobbo betreibt ein Museum im früheren Fischerdorf Novigrad.


Diskussionsfreudig steht der 72-Jährige inmitten seiner über Jahrzehnte gesammelten Schätze und weiß zu jedem Ausstellungsstück eine Geschichte. Das Multiethnische und das Multinationale will er mit Blick auf die mörderische Vergangenheit ins Zentrum rücken. „Eigentlich bräuchte ich einen vielfach größeren Ausstellungsraum, am besten in Pula, dem einstigen Standort der Kriegsmarine“, sagt Sergio. So schnell dürfte er seine Pläne nicht aufgeben.

Mit Olivenöl zum Erfolg

Eine Erfolgsgeschichte schreiben die Brüder Tedi und Sandi Chiavalon. Als ihr Großvater 1997 starb, begannen die Jugendlichen, sich für dessen Jahrhunderte alten Olivenbäume zu interessieren – und pflanzten die ersten hundert eigenen. Während ihre Schulfreunde Fußballkarten sammelten, lernten sie alles über den Olivenanbau.

Die Brüder Sandi (links) und Tedi Chiavalon sind für ihr Olivenöl bekannt.


„Viele Jahre haben wir unsere Produkte aus einer Garage heraus verkauft“, sagt der 44-jährige Tedi Chiavalon. Da ahnte er schon, dass Olivenöl bei Kennerinnen und Kennern bald eine ähnliche Wertschätzung genießen würde wie Wein. Heute haben die vielfach für ihre Produkte ausgezeichneten Chiavalon-Brüder einen eleganten Tastingraum, in dem Besucherinnen und Besucher den grünen, scharfen, fruchtigen und auch bitteren Noten des flüssigen Goldes nachspüren können.

Vom Tastingroom der Ölmühle Chiavalon blickt man auf Olivenbäume.

Transparenz ist heute wichtig

„Wir arbeiten biologisch und komplett digital“, sagt Chiavalon. Bald soll jede Kundin und jeder Kunde die Herkunft der erstandenen Flasche Öl nachverfolgen können. „Transparenz ist wichtig bei extra nativem Olivenöl. Bei dessen Herstellung wird oft geschummelt.“ Die Ernte von 9.000 eigenen Bäumen füllen die Brüder ab. Verkauft wird möglichst direkt – unter anderem an 48 New Yorker Restaurants.

„So schlimm die Corona-Pandemie auch war, etwas habe ich daraus gelernt: Nach all den harten Aufbaujahren weiß ich, dass es noch andere Werte im Leben gibt als Geldverdienen“, sagt Chiavalon. Außerdem, so fügt er mit einem schelmischen Lächeln hinzu, „will ich das schöne Istrien genießen. Wieso soll ich hier immer nur arbeiten, wenn so viele andere herkommen, um Urlaub zu machen?“

Tipps für deine Reise nach Istrien

Anreise: Mit dem Auto empfiehlt sich der Weg über Slowenien oder Italien. Mit dem Flugzeug geht es am besten nach Pula, sonst nach Triest oder Rijeka.

Attraktionen: Bei der Winzerfamilie Kozlovic (Vale 78, Momjan, 52460 Buje) lässt sich eine Weinprobe, eine Kellereitour oder auch ein Picknick in den Weinbergen buchen.
Die Brüder Chiavalon (Salvela 50, 52215 Vodnjan) laden zu einer Verkostung ihres Olivenöls ein.

Das Marinemuseum Gallerion hat eine ganz eigene Geschichte

Weitere Informationen: Der Tourismusverband informiert auf seiner Website. Dort gibt es auch ein Link zum lesenswerten Istrien Magazin 2022.

Die Reise wurde unterstützt vom TVB der Region Istrien. Über Auswahl und Ausrichtung der Inhalte entscheidet allein die Redaktion.