Der Spreewald, die Uckermark oder Städtetrips nach Potsdam und Frankfurt (Oder) sind bekannte Reise-Highlights in Brandenburg. Ein absoluter Geheimtipp ist dagegen das Oderbruch an der Grenze zu Polen. In den abgeschiedenen Landschaften verbergen sich schöne Urlaubsziele, die noch nicht überlaufen sind.

Auch aus historischer Sicht gibt es in der weitläufigen Region Spannendes zu entdecken. Das belegt das „Europäische Kulturerbe-Siegel“. Die Auszeichnung einer gleichnamigen EU-Initiative wird in diesem Sommer offiziell verliehen und rückt das Oderbruch als beispielhaftes „Vorbild für die europäische Einigung“ sowie für die „Ideale und Geschichte Europas“ in den Fokus. Eine Reise in den Osten Brandenburgs lohnt sich also allemal. 

1. Mit dem Fahrrad auf den Spuren von Fontane

Das Oderbruch lässt sich am besten mit dem Fahrrad erkunden, zum Beispiel auf der „Fontane-Tour“, einem 220 Kilometer langen Rundkurs. Die Route führt zu Orten, die das Wirken des Brandenburger Dichters Theodor Fontane beeinflusst haben und die er in seinen Büchern „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ selbst beschreibt. Auf seinen Ausflügen hat er kaum einen Ort ausgelassen. 

Unter den Zwischenstopps der Route ist auch das Wohnhaus seines Vaters in Schiffmühle. Über das Fachwerkhäuschen und den „vorüberschleichenden und von gelben und weißen Mummeln überwachsenen Flusse“ schreibt Fontane in seinem autobiografischen Roman „Meine Kinderjahre“.

Einst Wohnhaus, jetzt Museum: In diesem hübschen Häuschen in Schiffmühle lebte einst der Vater von Theodor Fontane.

Heute wird das Fontane-Haus als kleines Museum betrieben, in dem unter anderem die Küche von Haushälterin Luise Papke besichtigt werden kann, die sowohl für ihre Schweigsamkeit als auch für ihre Pfannkuchen und ihren Kaffee bekannt war. Die Besucherinnen und Besucher werden mit einem Spruch über der Haustür verabschiedet: „Nun lebe wohl und lass dich noch mal sehen“ – die Worte von Louis Fontane beim letzten Besuch seines Sohnes in Schiffmühle. 

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Für den Einstieg in die Fontane-Radtour empfehlen sich zum Beispiel Gusow und Bad Freienwalde, der ältesten Kurort Brandenburgs. Beide Orte sind in etwa einer Stunde und 15 Minuten mit dem Zug vom Berliner Hauptbahnhof erreichbar.

2. Einkehr beim „Feuchten Willi“ im Denkmaldorf

Das heutige Oderbruch gibt es erst seit Mitte des 18. Jahrhunderts. Bis dahin war die Region ein weitestgehend unbesiedeltes Überschwemmungsgebiet im Oker-Delta. 1753 ließ König Friedrich II. die Flächen mit enormem Aufwand trockenlegen und machte den Weg für Tausende Kolonisten frei, die sich im Oderbruch niederließen und einen vielfältigen Lebens- und Wirtschaftsraum schufen.

Die schönen Fachwerkhäuser in Neulietzegöricke stehen unter Denkmalschutz.

Der erste Ort, der nach der Trockenlegung angelegt wurde, ist Neulietzegöricke. Der hübsche Ortsteil der heutigen Gemeinde Neulewin steht vollständig unter Denkmalschutz. Besucherinnen und Besucher können sich vom Ortsbürgermeister persönlich zu den schmucken Fachwerkhäusern führen lassen – der „Dorfschulze“ schlüpft dafür in die Rolle eines Einwohners zur Zeit der Dorfgründung.

Nach dem Rundgang durch das putzige Dorf sollte eine Pause im Kolonisten-Kaffee neben der Kirche eingeplant werden. Betreiberin Martina serviert Kaffeespezialitäten, eine Auswahl an frischen Torten und Blechkuchen sowie herzhafte Kleinigkeiten.

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Für den großen Hunger empfiehlt sich die Einkehr in die Gaststätte zum feuchten Willi. Der lustige Name geht auf einen alten DDR-Film zurück.

3. Radle auf der Eisenbahnstrecke nach Polen

Die Oderbruchbahn war mit mehr als 40 Stationen einst die Lebensader des Oderbruchs. Die Eisenbahnstrecke ist schon lange stillgelegt, 1994 rollte der letzte Zug. Dort, wo früher die Schienen verliefen, verläuft nun ein Radweg zur Grenze nach Polen.

Die Route ist 123 Kilometer lang und führt von Fürstenwalde nach Wriezen. Unterwegs stoßen die Tourenfahrerinnen und Tourenfahrer immer wieder auf Relikte alter Eisenbahnzeiten. Bei einem Zwischenstopp im ehemaligen Waren-Umschlagsplatz in Groß Neuendorf kann man in einem alten Bahnwaggon direkt an der Oder übernachten und sich auf einer Riesenschaukel vergnügen.

Riesenschaukel am Oderufer: In Groß Neuendorf können Besucherinnen und Besucher in einem ehemaligen Eisenbahnwaggon übernachten.

Apropos Übernachtung: Eine weitere unkonventionelle Unterkunft bietet der Erlenhof in Kienitz. Auf dem Schäferhof können Gästinnen und Gäste in einem von sechs Schäferwagen übernachten, die lediglich mit einem schmalen Bett, einem Ofen, einer Lampe und zwei Sitzplätzen ausgestattet sind. Morgens werden die Besucherinnen und Besucher vom Mähen der Schafe und Lämmer geweckt.

Doch zurück zur Radroute: Noch mehr Eisenbahnromantik gibt es im Eisenbahnmuseum in Letschin, das unter anderem preußische Abteilwagen und alte Stellwerksanlagen präsentiert. 

Ehemalige Eisenbahntrasse: Die Europabrücke über der Oder wird für den Radverkehr umgebaut.

An der Grenze knüpft die Route direkt an das polnische Radwegenetz an. Um die Oder auf der ehemaligen Eisenbahnbrücke („Europabrücke“) bei Neurüdnitz zu überqueren, müssen sich Radfahrerinnen und Radfahrer aber noch etwas gedulden. Die spektakuläre Konstruktion wird derzeit für den Radverkehr umgebaut und soll Anfang September offiziell eröffnet werden.

4. Gipfel stürmen in der Märkischen Schweiz

Brandenburg besteht nur aus flachen Landschaften? Weit gefehlt! In der Märkischen Schweiz können sich Touristinnen und Touristen bei echten Bergwanderungen auspowern. Auf dem Oberbarnimer Hochplateau zwischen Falkenberg und Bad Freienwalde gibt es eine 23 Kilometer lange Wanderroute, die über fast 1000 Höhenmeter führt und 2021 für den Titel „schönster Wanderweg Deutschlands“ nominiert wurde.

Von den Aussichtstürmen auf der „Gipfelstürmer-Tour“ eröffnen sich tolle Ausblicke auf das Oderbruch.

Die idyllische Hügellandschaft mit ihren tiefen Tälern wurde einst von Eiszeitgletschern geformt. Der höchste Berg ist mit 162 Metern der Watzmann – von bayrischen Arbeitern augenzwinkernd nach dem rund 2700 Meter hohen Vorbild in den Berchtesgadener Alpen benannt. 

Das Highlight der anspruchsvollen Wanderroute ist die Aussicht vom Bismarckturm auf das spektakuläre Schiffshebewerk Niederfinow und auf die Teufelsklamm. 

5. Mit dem Kanu auf der alten Oder paddeln

Wie das Oderbruch vor der Trockenlegung ausgesehen hat, können Touristinnen und Touristen bei einer Kanu-Tour auf der Alten Oder vom Hafen in Wriezen nach Oderberg erahnen.

Die 26 Kilometer lange Paddelroute durch die idyllischen Hügellandschaften im Barnim führt an knorrigen Bäumen, alten Kalksteinöfen, großen Schilfzonen und weitläufigen Landschaften vorbei und ist dank der antreibenden Strömung in etwa sechs Stunden schaffbar.

Für eine gemütliche Fahrt mit Zwischenstopps an sehenswerten Orten, etwa Bad Freienwalde, der Badestelle an der Brücke von Neugaul sowie Altranft, sollten für die Kanu-Tour trotzdem zwei Tage eingeplant werden.

6. Großes Theater, DDR-Geschichte und Handwerkskunst

Ein kultureller Leuchtturm des Oderbruchs verbirgt sich im Ort Zollbrücke am Oderufer östlich von Bad Freienwalde. Der kleine Ort ist Heimat des Theaters am Rand – das vermutlich östlichste Theater in Deutschland. Betreiber sind Akkordeonist Tobias Morgenstern und Schauspieler Thomas Rühmann, die aus der ARD-Serie „In aller Freundschaft“ bekannt sind. Sie haben aus einer winzigen Bühne eine beliebte Theater-Spielstätte mit Open-Air-Bühnen und einem Zirkuszelt erschaffen.

Das Theater am Rand in Zollbrücke haben Tobias Morgenstern und Thomas Rühmann liebevoll aufgebaut.

Zu den kulturellen Highlights an der Oder zählt auch das Filmmuseum Kinder von Golzow, in dem die längste Dokumentation der Filmgeschichte gezeigt wird. Die Filmemacherin Barbara Junge und der Filmemacher Winfried Junge haben von 1961 bis 2007 die Lebenswege von 18 Menschen begleitet. Das Filmmaterial mit einer Gesamtlänge von 45 Stunden eröffnet tiefe Einblicke in die Geschichte der DDR und der Wiedervereinigung. Wer genügend Zeit mitbringt, kann sich die ein oder andere Folge im museumseigenen Kino anschauen.

Interessante Einblicke in die Geschichte der Region zeigt auch das Oderbruchmuseum in einem historischen Gutsbauernhof in Altranft. Die Ausstellung erklärt die technischen Details des Wassersystems, mit dem das Oderbruch einst trockengelegt wurde. Dabei kommen auch Einheimische zu Wort, die über ihr Handwerk, die vielen Veränderungen und den Wandel ihres Heimatdorfes erzählen.