Vor den deckenhohen Panoramafenstern des Zuges breitet sich der Wilde Westen aus: Rubinrote Steilwände ragen in den blauen Himmel. Auf einer Klippe stehen turmartige Sandsteingebilde. In etlichen Windungen hat sich der Colorado River in Abertausenden von Jahren seinen Weg durch das Gestein gesucht. Der Rocky Mountaineer folgt jeder dieser Kurven, das Rattern der Eisenbahnräder auf den Gleisen hallt von den Wänden der Schlucht wider.

Ruby Canyon: Naturwunder in Colorado

Der Vishnuschiefer, aus dem die Wände der Schlucht bestehen, ist auch im Grand Canyon in Arizona zu finden. Doch wir befinden uns im Ruby Canyon im Westen des US-Bundesstaates Colorado. Die farbenprächtige, 40 Kilometer lange Schlucht kann nur auf zwei Wegen durchquert werden: beim Rafting auf dem Fluss oder per Zug. Die Etappe gehört zu den Höhepunkten der Reise im Rocky Mountaineer.

Ein Highlight der Reise mit dem Rocky Mountaineer ist die Fahrt durch den Ruby Canyon.

Colorado: Erste USA-Reise des Rocky Mountaineer

Die gleichnamige Eisenbahngesellschaft bietet seit 1990 Zugreisen an – zunächst auf drei Strecken durch den Westen Kanadas, nun auch in den USA. Auf der der Route „Rockies to the Red Rocks“ geht es in zwei Tagen von Denver in Colorado nach Moab in Utah mit Zwischenübernachtung in Glenwood Springs. Der Zug fährt durchschnittlich 55 Kilometer pro Stunde. Doch bei spannenden Ausblicken wird gebremst.

Zugführer Zach Lucas hält seine Schaffnermütze fest und streckt den Kopf aus dem Fenster: „Wir nennen das Kodak-Geschwindigkeit“, sagt er und lacht. Die Reisenden wollten ja schließlich jede Menge Fotos machen. Lucas hat bereits in der Walt Disney World in der Unterhaltungsabteilung gearbeitet, dann wechselte er als Lokführer auf die Schiene. Im Rocky Mountaineer verbindet er beide Welten. „Wir haben viele Aufgaben, müssen Historiker, Entertainer und Restaurantleiter sein“, erzählt er.

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Zugführer Zach Lucas hat viele Aufgaben: „Wir müssen Historiker, Entertainer und Restaurantleiter sein.“

2022 ist die erste offizielle Saison des Zuges in den USA – auch ihm selbst verschlage es noch oft den Atem, sagt der Zugführer. „Ich bin die Strecke jetzt etwa 50-mal gefahren, doch ich entdecke jedes Mal etwas Neues.“

Colorado zeichnet sich durch eine vielfältige Landschaft aus: Der Osten ist geprägt von Graslandschaften und Ackerbau, das Zentrum von hohen und schneebedeckten Bergen und heißen Quellen, im Westen dominieren die Canyons. Die Farbe der Sandsteinfelsen wechselt während der Fahrt von Gelb über Grau und Orange zu Dunkelrot – je näher der Zug der Grenze Utahs kommt.

Innerhalb von Minuten kann sich die Aussicht drastisch ändern. Wo eben noch trockene Wüste war, erstrecken sich kurze Zeit später im Grand Valley Weinberge und Obstgärten, so weit das Auge reicht. Die Stadt Palisade ist berühmt für ihre saftigen Pfirsiche. Sie wachsen zu Füßen des Mount Garfield, des höchsten Punktes einer Sandsteinbergskette mit dem Namen Book Cliffs.

Auch Tiere lassen sich beobachten: In den Bergen leben Blaureiher, Weißkopfseeadler, Wanderfalken, Maultierhirsche und Wüstenbockschafe. „Letztes Jahr haben wir sogar vier Bären gesehen“, erinnert sich Lucas. „Da war sogar ein Jungtier im Fluss, das seinen Kopf gehoben und den vorbeifahrenden Zug angeschaut hat. Es war atemberaubend.“ Wer so eine Beobachtung macht, hat Glück. Sie ist sehr selten.

In den Zwischenwaggons des Rocky Mountaineer lassen sich die Fenster öffnen – optimal für Fotos und frischen Wind.

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Architektonische Besonderheiten

Architektonisch eine Besonderheit ist der Abschnitt zwischen Denver und dem Skiort Winter Park: Der Zug fährt durch 30 Tunnel, die hier näher zusammenliegen als auf jeder anderen Bahnstrecke der USA. Mit zehn Kilometern ist der Moffat-Tunnel mit Abstand der längste.

Dessen Name ist eine Hommage an Bahnpionier David Moffat. Ab 1902 baute er an einer Zugverbindung von Denver nach Salt Lake City. Die größte Herausforderung war die Überwindung der südlichen Rocky Mountains. Über eine Reihe von Kehrschleifen fuhren die Züge über den Rollins-Pass auf gut 3500 Metern – die höchstgelegene schmalspurige Hauptstrecke, die je in Nordamerika gebaut wurde.

Die Fenster im Rocky Mountaineer sind fensterhoch. Komplett verglaste Wagen wie in Kanada sind in Colorado aber derzeit nicht unterwegs.

Der Bau verschlang rund 14 Millionen Dollar – das gesamte Vermögen Moffats. Dabei war die oberirdische Strecke nur als Übergangslösung gedacht. Der Bahnpionier plante bereits den zehn Kilometer langen Tunnel, der die Fahrzeit zwischen Denver und dem Pazifik um mehr als vier Stunden verkürzen sollte. Doch dessen Eröffnung im Jahr 1928 erlebte Moffat nicht mehr. Er starb 1911 in New York, wo er neues Geld für den Eisenbahnbau auftreiben wollte.

Die Strecke ab Denver teilt sich der Rocky Mountaineer mit anderen Bahnunternehmen. Manchmal biegt der Panoramazug auf ein Nebengleis ab und lässt die schnelleren Züge der Amtrak-California-Zephyr-Linie vorbeidüsen – in einer Landschaft, die am besten in einem langsameren Tempo erkundet wird. Die Passagierinnen und Passagiere nehmen die kurzen Unterbrechungen gelassen. Niemand hat es eilig anzukommen. Auch den Blick aufs Handy können sie sich sparen: WLAN gibt es an Bord nicht.

Dafür spielt Kulinarik eine große Rolle. Während der zweitägigen Reise gibt es Frühstück und Lunch, außerdem Snacks und Getränke. Beides wird in den Waggons der Silverleaf-Klasse direkt am Platz serviert. In einem Loungewaggon mixt die Zugbegleitung Drinks, die Reisende in Sesseln genießen können.

Frühstück à la Colorado mit Aussicht.

Frische Küche an Bord

„Dabei setzen wir viel auf regionale Produkte, um die Gemeinden zu unterstützen, durch die wir reisen“, sagt Zach Lucas, „wir haben Aprikosen aus Palisade und eine scharfe Soße aus Park City.“ Der Whiskey stamme aus einer Destillerie im 3000-Einwohner-Dorf Basalt. Und ein Bäcker aus Glenwood Springs bringe morgens vor Abfahrt des Zuges frische Zimtschnecken.

Bis zu drei Hosts sind für die maximal 56 Reisenden pro Silverleaf-Waggon zuständig – vom Empfang über den gastronomischen Service bis zum Entertainment. Einer von ihnen ist August Bont. Er macht die Fahrgäste per Ansage auf die wichtigsten Punkte entlang der Strecke aufmerksam. Außerdem hat er die eine oder andere Ganovengeschichte auf Lager.

August Bont serviert Essen und Getränke – und erzählt zwischendurch Wissenswertes zu Colorado. Und so manche Gaunergeschichte hat er auch auf Lager...

„Jetzt wird es aufregend“, sagt Bont und unterbricht das Ausschenken der Getränke. Er zeigt auf den Ort Parachute, eine kleine Ansammlung von Häusern neben den Gleisen. „Hier hat 1904 der letzte Zugüberfall auf der Schmalspurstrecke der Eisenbahngesellschaft Denver and Rio Grande Railway stattgefunden.“ Drei Männer hatten gehört, dass eine Goldladung aus Glenwood Springs kommen sollte. Im Morgengrauen verschafften sie sich Zugang zum Zug, schossen mit Revolvern aufs Personal, sprengten den Safe mit Dynamit. „Aber da war gar kein Gold“, erzählt Bont. „Die Räuber flohen, doch einige Sheriffs folgten ihnen. Es kam zur Schießerei.“ Einer der Ganoven kam ums Leben, die anderen konnten fliehen.

Butch Cassidy – und andere Gaunerlegenden

Bis heute ist nicht bekannt, wer die zwei entkommenen Räuber waren. Bei dem Toten soll es sich um Harvey „Kid Curry“ Logan von der Wild Bunch Gang handeln, die zwischen 1896 und 1901 mehr als ein Dutzend Banken und Züge ausraubte. Die bekanntesten Mitglieder waren aber Butch Cassidy und Harry „The Sundance Kid“ Longabaugh. Waren sie vielleicht die beiden Geflohenen?

An den Legenden über die Ganoven kommt jedenfalls niemand vorbei, der durch Colorado reist. Sie schafften es sogar auf die große Leinwand: 1969 kam der Film „Butch Cassidy und Sundance Kid“ mit Robert Redford und Paul Newman in die Kinos.

Bank- und Zugüberfälle hatten in Colorado vor allem ab Mitte des 19. Jahrhunderts während des Wirtschaftsbooms Konjunktur. 1858 wurde in der Nähe des heutigen Denvers Gold am South Platte River gefunden. Mit dem folgenden Goldrausch begann auch die Geschichte der Eisenbahnen in dem US-Bundesstaat.

Glenwood Springs bei Sonnenaufgang: Die Reisenden des Rocky Mountaineers verbringen eine Nacht in der für ihre heißen Quellen bekannten Stadt.

Schürfer strömten, mit der Aussicht auf Edelmetalle und Bodenschätze, in Scharen in die Berge der Rocky Mountains. Innerhalb kürzester Zeit entstanden Städte mitten im Nirgendwo – für die entlegenen Orte wurden die Züge zur Lebensader. Zu den bedeutendsten Bergbaustädten gehörten Telluride, Aspen und Leadsville. Vor allem der Ausbau des Schienennetzes der Denver and Rio Grande Eisenbahn sorgte für einen großen Aufschwung in der Region.

Doch die 1893 beginnende Wirtschaftskrise setzte dem Bergbauboom ein Ende. Die Schließung vieler Bergwerke ließ die Arbeitslosigkeit rasant ansteigen. Viele der erst wenige Jahre zuvor gegründeten Städte wurden wieder verlassen. Noch heute erinnern Geisterstädte an den Goldrausch.

Die Gleise aber sind geblieben – statt der Edelmetalle transportieren Züge heute Reisende durch die spektakuläre Landschaft des Wilden Westens. Denn die ist das wahre Gold der Rocky Mountains.

Tipps für deine Reise nach Colorado

Anreise: Reisende erreichen Colorado über den Denver International Airport. Direktflüge gibt es zum Beispiel von Frankfurt am Main aus.

Einreise: Deutsche müssen mindestens 72 Stunden vor der Abreise online eine Esta-Einreisegenehmigung beantragen.

Zugfahrt:„Rockies to the Red Rocks“ ist die erste Route des Rocky Mountaineers in den USA. Die zweitätige Reise von Denver nach Moab kostet ab 1310 Euro in der Silverleaf-Klasse und ab 1782 Euro in der Silverleaf-plus-Klasse – hier haben die Gäste unter anderem auch Zugang zum Loungewagen inklusive Cocktails. Eine Zwischenübernachtung in Glenwood Springs ist im Reisepreis eingeschlossen. Der Zug verkehrt zwischen April und Oktober.

Gesundheit: Denver ist als Mile High City bekannt, weil sie eine Meile (1609 Meter) über dem Meeresspiegel liegt. Wegen der Höhe und der trockenen Luft sollten Reisende sich in Colorado häufig ausruhen und viel Wasser trinken.

Diese Reise wurde unterstützt vom Colorado Tourism Office. Über Auswahl und Ausrichtung der Inhalte entscheidet allein die Redaktion.