Der Biglietto-Verkäufer am Bootsanleger von Fondamenta Nuove fragt lieber noch mal nach: „Sicher nur die einfache Fahrt nach Torcello?“ An diesem nebligen Frühjahrsmorgen warten nur eine Handvoll Reisende und Einheimische auf den Wasserbus der Linie 12.

Sie verbindet die Lagunenmetropole Venedig mit den Inseln im Norden: Murano, Burano und Torcello. In der Regel ist das ein Eintagesrundtrip, ein bis zwei Stunden pro Insel und wieder zurück. Aber wir wollen bleiben, auf Torcello, der kleinsten und verlassensten der drei Inseln. Diesem Ort, an dem die Zeit stehen geblieben zu sein scheint, während sie sich in Venedig immer hektischer dreht.

Viel ruhiger als Venedig: In Torcello liegen Boote im Kanal.

Ein paar Minuten später pflügt das Vaporetto durch das stille, schwere Wasser der Lagune, entlang der langen Reihe muschelbesetzter und vom Brackwasser zerfressener Fahrrinnenmarkierungen, vorbei an der Friedhofsinsel von San Michele. Erster Halt: Murano – die Insel der Glasbläser. In Burano mit seinen pittoresken, bunt getünchten Häuschen steigen wir um in das kleinere Boot der Linie 9, das alle Viertelstunde nach Torcello pendelt.

Flach liegt das Ziel vor uns, ein schmaler Streifen Marschland, eingekeilt zwischen Wasser und dem Himmel, vor dem sich kantig der Glockenturm und der hoch aufragende Giebel der Basilica Santa Maria Assunta abzeichnen.

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Torcello: Das ist „Venedig vor Venedig“

Torcello, das war „Venedig vor Venedig“, wie die Leute hier sagen. Der Legende nach flohen die ersten Siedler vor den Heeren des Hunnenkönigs Attila im 5. Jahrhundert auf die Insel. Lange bevor sich Venedig aufschwang, die Lagune und weite Teile des Mittelmeers zu beherrschen, war Torcello Bischofssitz und Machtzentrum des Archipels mit wohl 10.000 Einwohnern sowie sieben Kirchen und Klöstern.

Davon zeugen nur noch wenige sichtbare Überreste. Eine Malaria-Epidemie im 12. Jahrhundert dezimierte die Bevölkerung und die Überlebenden verließen das sumpfige Eiland. Selbst die Steine der Gebäude nahmen sie mit für die neuen Häuser und Palazzi Venedigs.

Der Exodus setzt sich bis heute fort: Zehn Menschen sollen hier noch leben, keiner davon jünger als 70 Jahre. „Die Zeit hat hier selbst die Spuren der Geschichte ausgelöscht“, schreibt die Historikerin Élisabeth Crouzet-Pavan. Vielleicht verströmt die Insel gerade deshalb solch einen magischen Zauber auf ihre Besucher.

Ziel für Künstler und Einsamkeitssuchende

Torcello ist in so ziemlich allem das Gegenteil von Venedig: Hier ist es still statt laut, ruhig statt hektisch, und während Venedig kaum Gärten und Bäume hat, blüht die grüne Insel im Frühjahr auf. Von der Anlegestelle zieht sich ein gepflasterter Weg entlang dem Canale Maggiore. Ein paar Minuten Fußweg landeinwärts spannt sich der geländerlose Steinbogen der Ponte del Diavolo über den Kanal.

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Um die Teufelsbrücke auf Torcello ranken sich einige Legenden.

Die mittelalterliche Brücke ist das vielleicht beliebteste Fotomotiv der Insel. Nach einer der zahlreichen Geschichten, die sich um die Teufelsbrücke ranken, soll jedes Jahr an Heiligabend der Teufel in Gestalt einer schwarzen Katze hier erscheinen. Aus dem Wasser unter der Brücke steigen leise blubbernd Luftblasen aus dem gashaltigen Untergrund der Insel. Ein paar Händler haben ihre Souvenir-Stände aufgebaut.

Der Kanal endet in einem kleinen Hafenbecken, an dem auch die Locanda Cipriani liegt. Hier nahm die Wiederauferstehung Torcellos als Sehnsuchtsort ihren Anfang, als sich 1948 der Schriftsteller Ernest Hemingway für Wochen einmietete. Sein Zimmer Santa Fosca ist noch heute weitgehend so eingerichtet wie damals. Fernseher sucht man vergebens, stattdessen findet man Regale voller Bücher.

Die kleine Insel Torcello hat nur wenige Einwohnerinnen und Einwohner. Doch für einen Ausflug im Sommer ist sie beliebt.

Auf Torcello schrieb Hemingway seinen Roman „Über den Fluss und in die Wälder“, in dem seine letzte Reise einen ehemaligen Weltkriegsgeneral nach Venedig führt. Auf Hemingway folgten Künstler, Politiker und Prominente. Im Foyer der Locanda hängen Fotos der jungen Queen Elizabeth II. mit Prinz Philip.

Der ehemalige französische Präsident Giscard D’Estaing grüßt ebenso von den Wänden wie Lady Di oder Elton John. „Während die Einwohner die Insel verließen, haben die Besucher sie entdeckt“, sagt der Inhaber Bonfacio Brass. Sein Urgroßvater Giuseppe Cipriani, der Schöpfer des Bellini-Cocktails, gründete neben der Locanda unter anderem die legendäre Harry’s Bar in Venedig.

Kleine Insel mit großer Vergangenheit

Nur ein paar Schritte weiter eröffnet sich inmitten von Pinien und Zypressen der historische Ortskern mit der Basilika Santa Maria Assunta, der Kirche Santa Fosca und dem kleinen archäologischen Museum. Wie zufällig dahingewürfelt liegen hier die Relikte der Vergangenheit: geborstene Säulentrommeln, Reliefs mit alten Wappen und dazwischen der aus einem einzigen Steinblock gehauene Thron des Attila.

Der Hunnenkönig selbst hat wohl nie die Insel betreten, stattdessen dürfte einer der frühen Inselbischöfe auf dem steinernen Sitz gethront haben. Gegenüber liegt die Basilika Santa Maria Assunta, die zurückreicht ins Jahr 639 n. Chr. und damit das älteste bekannte Gebäude der ganzen Lagune ist. Sie ist vor allem bekannt durch ihre kunsthistorisch bedeutenden Mosaiken wie die großflächige Darstellung des jüngsten Gerichts auf der Eingangswand. Vom Glockenturm, dem Campanile, geht der Blick weit über die Insel und die Lagune bis nach Venedig. An klaren Tagen zeichnen sich im Norden sogar die Dolomiten ab.

Blick von oben auf Torcello in der Lagune von Venedig.

Manchmal birgt die Insel sogar für ihre Bewohnerinnen und Bewohner noch Überraschungen. Das weiß etwa Nicoletta Piccoli, deren von Kletterrosen umranktes Haus im Schatten der Basilika steht.

Die Antiquarin wollte die alten Weinreben in ihrem Garten bereits weghacken, als ein zufällig vorbeikommender Winzer entdeckte, dass es sich um die für verloren gehaltene venezianische Dorona-Rebsorte handelte, welche vor Jahrhunderten überall auf den Laguneninseln angebaut wurde.

Der Entdecker besitzt heute ein Weingut auf der Nachbarinsel Mazzorbo, das ganz der goldenen Traube und dem Wein mit seinem mineralisch-salzigen Geschmack gewidmet ist, und Nicoletta Piccoli hat sich längst angefreundet mit dem Weinberg in ihrem Garten.

An der Nordwestküste lohnt der Besuch des früheren Anwesens des italienischen Malers und Künstlers Lucio Andrich. Nicht nur wegen der Bilder und Kunstgegenstände, sondern auch wegen der besonderen Lage an der Küste, wo sich Flamingos und Kormorane beobachten lassen und wo im späten Frühjahr die Blüten des Strandflieders die Uferlandschaft in ihre Farbenpracht tauchen.

Am Abend gehört die Insel wieder ihren Bewohnern

Es gibt ein Torcello am Tag und eines am Abend. Wenn die Schatten am späten Nachmittag länger werden, verlassen die Tagesbesucher die Insel. Die Händler klappen ihre Stände zusammen und verschnüren die Planen. Jetzt haben wir die Insel fast für uns alleine.

Die Kirche Santa Fosca ist eine Sehenswürdigkeit auf Torcello.

Die Abendsonne taucht die steinernen Zeugen der Vergangenheit in ein warmes Licht und eine tiefe Ruhe legt sich über die ganze Insel, die nur vom Gezirpe der Insekten und dem Vogelgezwitscher unterbrochen wird.

Am nächsten Morgen schnattert unter dem Fenster eine einsame Ente am Hafen. Der modrige Geruch des Lagunenwassers steigt in die Nase, am Himmel kreisen die Möwen. Langsam erwacht die Insel. Etwas später auf dem Boot nach Burano fühlen wir uns, als würden wir zurückkehren von einem fernen Ort und aus einer anderen Zeit.

Die beste Zeit für eine Reise: Frühjahr und Herbst

Als schönste Reisezeit für Torcello wie auch für die anderen Laguneninseln gilt das Frühjahr, wenn die Pflanzen auf der Insel zu blühen beginnen, und der Frühherbst, wenn es noch warm ist und die Küstennebel aufziehen. Besucher nehmen von Venedig oder dem Festland den Wasserbus nach Burano und von dort die Linie Nummer 9. Auf der Insel gibt es zwei Unterkünfte: die Locanda Cipriani und die Pension Ca' Torcello.