Früher oder später kommen sie wieder. Sicher nicht alle, aber doch einige Vlieländerinnen und Vlieländer zieht es wieder auf die kleinste der niederländischen Nordseeinseln zurück. Dabei wirkt Vlieland erst einmal recht unscheinbar, wenn man sich ihr mit der Fähre von Harlingen aus nähert – vor allem im winterlichen Grau. Dünenlandschaften, langgezogene breite Strände und viel Nadelwald tun sich auf, zumeist Pinien, um die Dünenlandschaft zu befestigen.

Kegelrobben warten schon am Strand

Doch schon kurz vor dem Einlaufen in den Hafen zieht ein kleines Naturschauspiel die Aufmerksamkeit der Fährgäste auf sich. Eine Kegelrobbenkolonie liegt am Strand. Gänzlich unbeeindruckt von der sehr dicht passierenden Fähre rekeln sich die behäbigen Meeressäuger im Sand. Ein paar wenige Strandspaziergänger beobachten das Spektakel aus der Nähe.

Die Insel Vlieland ist von Harlingen aus mit der Fähre erreichbar.

Nordseeinsel ist ein Naturparadies

Vlieland liegt am weitesten draußen von allen Inseln im Wattenmeer, das seit 2009 zum Unesco-Weltkulturerbe gehört. Gut eineinhalb Stunden dauert die Überfahrt. Hier gibt es Strand und Wasser, so weit das Auge reicht – und Ruhe.
Selbst der Strand ist zu dieser Jahreszeit gänzlich verlassen. Jedenfalls fast. Unzählige kleine Strandläufer, eine von 200 Vogelarten, die auf der Insel leben, flitzen zum Beispiel am Strandabschnitt im Osten der Insel umher und suchen nach Nahrung im flachen Wasser. Bei einem Spaziergang vom Strandpavillon Oost, einer Strandbar auf Holzständerwerk, die zu dieser Jahreszeit fest verrammelt ist, in Richtung Hafen liegt außerdem eine Robbe am Strand.

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Auf der Insel Vlieland bekommen Kegelrobben im Winter ihren Nachwuchs, deswegen sind sie häufig am Strand zu sehen.


Doch die noch recht kleine Ausgabe der Meeressäuger ist erst die Vorhut, nur wenige Meter weiter liegen sie: etwa acht bis zehn stattliche Kegelrobben mit ihren Heulern, aus dem Wasser beobachten die Männchen die Kolonie und den Strand. Die Tiere in freier Wildbahn aus nächster Nähe zu erleben entfaltet schon einen ganz besonderen Zauber.
„Die Kegelrobben bekommen ihre Babys im Winter und ziehen sich dafür hier bei uns an den Strand zurück“, erklärt Meeresbiologe Lars Kuijpens.

Wohnungen sind sehr begehrt

Der 27-Jährige lebt seit acht Jahren auf der Insel, sechs Jahre davon im Wechsel im Zelt auf dem Campingplatz und in einer Wohnung, die seinem Arbeitgeber De Noordwester, einem Wattzentrum und Naturkundemuseum im einzigen Ort auf der Insel, gehört. Wohnungen und Eigentum sind in Oost-Vlieland sehr begehrt. Es gibt eine lange Warteliste mit Interessenten.

Lars Kuijpens ist Meeresbiologe. Für das Naturkundemuseum De Noordwester führt er Interessierte durch das Watt und über die Insel Vlieland.


Seit gerade mal zwei Jahren bewohnt Kuijpens ein kleines Häuschen unterhalb des gerade mal zehn Meter hohen Leuchtturms, der aber auf der mit 42 Metern höchsten Düne der Insel über allem thront und einen Panoramablick bietet.
„Es ist der kleinste Leuchtturm in den Niederlanden“, erzählt Kees Visser, bei einer Fahrt in seinem liebevoll hergerichteten Tuktuk (mit Sitzheizung) über die Insel.

Der Leuchtturm der Insel Vlieland ist mit gerade mal zehn Metern Höhe der kleinste Leuchtturm der Niederlande.

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Im Notfall per Hubschrauber aufs Festland

Visser ist gebürtiger Vlieländer, auch ihn hat es nach Jahren auf dem Festland und Jobs in der Hotellerie zurück in seine Heimat gezogen. Nach einer schweren Erkrankung in seinen Vierzigern lockten Ruhe und Entschleunigung in der Heimat. Gebürtig heißt auf Vlieland: im Elternhaus geboren. Ein Kranken- oder Geburtshaus hat die 1.150-Seelen-Gemeinde Oost-Vlieland, die im Sommer mit Touristinnen und Touristen auf bis zu 11.000 Menschen anwächst, nicht. In Notfällen werden die Einwohnerinnen und Einwohner sowie Urlauberinnen und Urlauber per Hubschrauber aufs Festland nach Leeuwarden gebracht.

Kees Visser fährt Touristinnen und Touristen bei Wind und Wetter in seinem Tuktuk über die Insel Vlieland. Dazu gibt es reichlich Insiderwissen.


Wer auf Vlieland lebt oder Urlaub macht, wird um vermeintliche Entbehrungen nicht herumkommen: Die kleine Einkaufsstraße (Dorpsstraat) des Ortes bietet zwar viele kleine hübsche und inhabergeführte Läden, wie den Surfershop Beachy, das Bekleidungsgeschäft Holy Crab oder Houters Warenhuis, wo es so ziemlich alles zu kaufen gibt. Auch unzählige kleine Bars und Restaurants säumen die Straße. Doch wer im Urlaub ausgiebig bummeln, Party machen oder Kunst und Kultur in großem Stil erleben möchte, ist hier gänzlich falsch.

Kunst aus Strandgut: Die Flaschenverschlüsse wurden allesamt am Vlieländer Strand gefunden. Neu arrangiert zeigen sie die Insel aus der Vogelperspektive.


Vlieland lebt vom großen Zauber im Kleinen und von der wunderbaren Natur und Ruhe. So wie die Region Friesland, zu der Vlieland gehört, generell. Ihr etwas spröder Charme überzeugte 2018 bereits die Macher des Reiseführers „Lonely Planet“, die die Region auf Platz drei der schönsten Orte Europas wählten.

Mit dem Tuktuk die Insel erkunden

Mit Vissers Tuktuk geht es auf der sonst nahezu autofreien Insel entlang von Salzwiesen, Süß- und Salzwasserpoldern, Cranberrysträuchern und Dünenlandschaften fast ganz in den Westen der Insel. Hier liegt die „Sahara des Nordens“, wie der schier endlos wirkende Natursandstrand Vliehors auch genannt wird. Von den Dünen aus, die hier betreten werden dürfen, bekommt man nur einen ungefähren Eindruck von der Weite dieses Naturreservats.

Erkunden lässt sich dieser Höhepunkt der Insel am besten mit dem Vliehors-Expres. Das umgebaute Militärfahrzeug bringt Reisende zum Drenkelingenhuisje, einer aufgeständerten Holzhütte, die einst Schiffbrüchigen als Unterschlupf diente. Heute ist sie von Strandgut umgeben.

Das Drenkelingenhuisje, eine ehemalige Schutzhütte für Schiffbrüchige, ist ein beliebter Anlaufpunkt im Naturreservat Vliehors auf Vlieland.

Einst gab es zwei Orte

Vlieland hat viele Geschichten zu erzählen. Visser kennt sie (fast) alle. Etwa die von West-Vlieland, dem zweiten Dorf der Insel, das bereits 1736 im Meer versunken ist. Einst war es der Hauptort der Insel. Wer dort lebte, habe nichts mit den Leuten aus dem Osten der Insel zu tun haben wollen. Der heute so schmucke Hauptort der Insel mit seinen hübschen kleinen, bunten Häusern galt einst als die „dunkle Seite der Insel“, wie Visser erklärt. Dort lebte die ärmere Bevölkerung, gab es mehr Kriminalität. Dieser Tage erinnert nur noch eine Gedenktafel am Eingang zum alten Rathaus der Insel an die Zeit, als es noch zwei Dörfer auf Vlieland gab.

Eine Gedenktafel erinnert an das zweite Dorf, das es einst auf der Insel Vlieland gab.


Heute sind die Oost-Vlieländer stolz auf ihre eigene Kirche, die komplett aus Strandgut errichtet wurde, wie die Kanzel aus Wrackteilen und der Turm aus alten Türen, und auf ihre kleine Eisbahn, die höchstens alle Jubeljahre mal zufriert. „Dann und wenn Schnee liegt, bekommen die Schulkinder sogar schulfrei“, erzählt Visser.

Besonderes Bier aus der Inselbrauerei

Einen Besuch wert ist auch die Inselbrauerei Fortuna von Bojan Bajic. Mit seiner Frau Editha ist Bajic vor etwa 20 Jahren als Flüchtling aus dem ehemaligen Jugoslawien in die Niederlande gekommen. Seitdem hat er sich auf Vlieland zunächst im Zimmerservice und als Fahrradmechaniker durchgeschlagen, ehe er ein kleines Kino samt Eiscremeshop eröffnete. Vor zwei Jahren kam die Brauerei hinzu. Sie beherbergt auch ein kleines Kino mit Kapelle.

Unternehmer Bojan Bajic führt unter anderem die Inselbrauerei Fortuna Vlieland.

Das Besondere neben der auffälligen Architektur: Das Bier wird komplett mit dem Grundwasser der Insel gebraut: „Das beste Wasser weltweit“, behauptet zumindest Bajic. Nach anfänglichem Gegenwind durch die Inselbewohner aus Sorge um die Grundwasservorräte, die einzige Wasserquelle auf der Insel, ist das Inselbier Fortuna Vlieland heute in vielen Restaurants und Bars auf der Insel erhältlich. Und Bajic ist stolz, sich mit seiner Idee eines inseleigenen Produkts durchgesetzt zu haben.

Schafe und Ziegen pflegen die Landschaft

Außer der autarken Grundwasseraufbereitung und -versorgung wird auf Vlieland auch der Natur- und Dünenschutz großgeschrieben. Wer die Insel erkundet, begegnet mit etwas Glück nicht nur Robben, sondern auch Vierbeinern: Die mehr als 300 wilden Soayschafe und mehrere Ziegenherden halten den Baumbestand in Schach und sorgen dafür, dass der Wald sich nicht auf die weitläufigen Dünen ausdehnt. Die wilde Schönheit der Natur gehört schließlich mit zum Markantesten, was Vlieland zu bieten hat.

Tipps für deine Reise in die Niederlande

Anreise: Mit dem Auto oder dem Zug nach Harlingen. Autos bleiben gegen Gebühr auf dem dortigen Großraumparkplatz, denn Vlieland ist autofrei. Vom Parkplatz gibt es einen Shuttle zum nahen Fährhafen. Von dort dauert die Überfahrt 95 Minuten. Am Fährhafen gibt es mehrere Fahrradverleihe.

Attraktionen: Eine eineinhalbstündige Tuktuk-Safari mit Kees Visser ist ab zwei Personen buchbar. Die Teilnahme kostet 25 Euro pro Person.
Die eineinhalbstündige Rundfahrt mit dem Vliehors-Expres ist für 24,50 Euro (Jugendliche und Erwachsene) und 17,50 Euro (Kinder bis zwölf Jahre) buchbar.
De Noordwester: Das Watt- und Naturkundemuseum zeigt ein komplettes Pottwalskelett und zahlreiche weitere Naturschätze und Fundstücke aus dem Wattenmeer. Hier können auch Watt- und Inselexkursionen gebucht werden.

Die Reise wurde unterstützt von Visit Wadden. Über Auswahl und Ausrichtung der Inhalte entscheidet allein die Redaktion.