Die Sonne geht auf über der Baja California, der kleine Butch rennt durch das Gebüsch, ohne Leine, wie fast immer. Und Heike Pirngruber marschiert los, durch eine fantastische Landschaft, wie sie sagt. Es dauert nicht lange, bis Butch sich an einer der zahlreichen Kakteen einen Dorn eingefangen hat, doch die 49-Jährige ist inzwischen geübt darin, die Dornen aus dem Fell des jungen Hundes zu ziehen. 

Rund 15 Kilometer haben Heike Pirngruber und Butch vor sich, so weit wollen sie heute gehen, ehe sie wieder das Zelt aufschlagen, ein Lagerfeuer machen, Konserven kochen. So geht das jeden Tag, seit Monaten. Heike Pirngruber und Butch sind nämlich auf einer Mission unterwegs: Sie wandern, um Geld für den Klimaschutz zu sammeln.

Erst mit dem Rad, jetzt zu Fuß unterwegs

Seit fast neun Jahren ist Heike Pirngruber Vollzeitreisende und berichtet darüber auf ihrem Blog „Pushbikegirl“. Im Mai 2013 radelte die heute 49-Jährige los, durch 59 Länder. Sie reiste von Skandinavien in den Balkan und durch Asien, setzte in die USAüber und bereiste Nordamerika bis hinunter nach Nicaragua. Nach einer kurzen Pause in Deutschland ging es weiter über Spanien und Marokko, an der Küste entang, nach Ghana.

Das Mädchen aus einem Dorf in Baden-Württemberg, das sich vornahm, die Welt zu sehen, verwirklichte sich Jahre später genau diesen Traum.

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Nach einem erneuten kurzen Aufenthalt in der Heimat sollte es weitergehen in Südamerika. Heike Pirngruber war genug geradelt, deshalb wollte sie sich einen Esel kaufen, als Wegbegleiter und Gepäckträger, und die Panamericana zu Fuß abwandern. Sie flog nach Kolumbien. „Corona hat meine Pläne enorm verändert. Ich hing wegen des strikten Lockdowns erst einmal in Kolumbien fest“, berichtet sie dem reisereporter via Sprachnachricht, während sie durch abgelegene Landschaften in Mexiko streift.

Wandern auf dem Arizona-Trail

Als sich die Möglichkeit ergab, in die USA zu reisen, tat Heike Pirngruber genau das. Sie wanderte den Arizona-Trail und den Colorado-Trail und machte dann, unter anderem aus Visumsgründen, eine Pause in Mexiko. Dort, im Bundesstaat Baja California, traf sie den kleinen Butch auf einer Farm – und statt einem Esel nahm sie sich eben einen Hund als Gesellen mit.

„Ich wollte aus der Situation, die es nun einmal gab, das Beste machen. Und ich wollte immer etwas für die Umwelt tun“, sagt die 49-Jährige. Auf ihren Reisen durch inzwischen insgesamt 101 Länder sei sie immer wieder mit den Folgen des Klimawandels konfrontiert worden – und erlebt, wie wichtig Artenschutz ist. Es sei Zeit, etwas zurückzugeben. 

Geld für den Klimaschutz sammeln

Ihr Plan: Einmal quer durch die USA laufen, von der Westküste zur Ostküste, um für den Klimaschutz zu werben und Geld für das Pflanzen von Bäumen zu sammeln. „From Sea to Sea for Trees“ nannte sie ihr Projekt. Erst hatte sie überlegt, sich gegen die Plastikverschmutzung zu engagieren, doch sie fand keine passende Organisation. Nun gehen alle ihre gesammelten Spenden an die Plattform One Tree Planted, die pro gespendetem US-Dollar einen Baum pflanzt. Spenderinnen und Spender können gar selbst entscheiden, auf welchem Erdteil der Baum gepflanzt werden soll.

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Sie startete im April in Washington, in der Nähe von Seattle, und arbeitete sich südostwärts vor. Butch saß dabei in einem Wagen, Heike Pirngruber zog ihn samt literweise Wasser, Nahrung und der Ausrüstung. Manchmal schliefen sie im Zelt, manchmal übernachteten sie bei fremden Menschen, „um zu sehen, wie die Leute leben“. Sie mag die Abwechslung, berichtet Heike Pirngruber, mal, wie in Westafrika, so viele Menschen, dass man ihnen nicht aus dem Weg gehen kann, dann wieder die Ruhe und Abgeschiedenheit in Baja California, wo man tagelang keinen anderen Menschen sieht. 

Wegen der Waldbrände in den USA ist Heike Pirngruber mit Hund Butch und Pilgerwagen nach Mexiko ausgewichen.

Doch das Jahr 2021 war nicht nur wegen Corona ein extremes Jahr, sondern auch aufgrund der verheerenden Hitze in vielen Teilen der Welt – und das betraf auch Heike Pirngruber und ihren „Walk Across America“: „Es wurde immer schwieriger mit der Hitzewelle. Wir kamen nicht richtig vorwärts, jeden Tag hatte es über 40 Grad, das war zu viel für Butch, der erst fünf Monate alt war“, sagt Heike Pirngruber. Als die Waldbrände begannen und die beiden kurz vor Idaho standen, wurde klar: „Es bringt nichts.“ Im Juli 2021 endete der Spendenlauf – aber nur vorübergehend. 

Denn der Gedanke, auf nachhaltige Art zu reisen und dabei für den Klimaschutz zu werben, blieb vom Abbruch unberührt. „Wir müssen etwas für die Umwelt tun. Corona ist irgendwann nicht mehr das Thema Nummer eins, aber die Klimakrise ist die eigentliche Krise, die wir haben. Da ist Corona nichts dagegen“, sagt Heike Pirngruber.

Also reisten Butch und sein Frauchen nach Mexiko und machten sich auf den Weg, in Baja California fernwandern zu gehen. Für Butch wurde ein neuer Trailer gekauft und sie haben Testläufe gemacht. Denn die Bedingungen in Baja California sind hart: „Das ist Wüste, sonst nichts.“ Fast 50 Kilo muss Heike Pirngruber ziehen, die Hälfte davon macht Wasser aus. 

„Wir sind guter Dinge, dass wir das alles hinbekommen“, sagt Heike Pirngruber, „wir sind schon eine Weile unterwegs und kommen auch vorwärts. Langsamer als gedacht, aber das ist auch egal. Es geht nicht um Geschwindigkeit, es geht um Spaß.“ Und auch während sie die mexikanische Halbinsel erwandert, sammelt sie Geld. Bisher sind rund 7000 US-Dollar zusammengekommen, das Ziel von 50.000 US-Dollar ist noch weit entfernt. 

Der Plan war eigentlich, in den USA mit Menschen ins Gespräch zu kommen und auf diese Weise Spenden zu sammeln. Doch schon unterwegs merkte sie, dass sie online viel mehr Spenden generierte als persönlich. So setzt sie in Baja California nun komplett auf die Plattform. „Wegen Corona gehen sich die Menschen aus dem Weg, das hat die Kontaktaufnahme schwierig gemacht“, erzählt die ehemalige Kamerafrau.

In Washington habe es einige abgeschreckt, dass sie als Wanderin wie eine Obdachlose aussah. „Die Leute waren nicht besonders aufgeschlossen und und nicht besonders freundlich, das hat mich frustriert.“ In Oregon sei das ganz anders gewesen, Menschen hätten Butch und ihr häufig gar einen Schlafplatz angeboten und für sie gekocht, sagt Heike Pirngruber.

Rund 15 Kilometer täglich wandern Heike Pirngruber und Butch nun durch die „grandiose, gigantische Landschaft“ Mexikos. Meistens stehen sie morgens mit dem ersten Sonnenlicht auf, denn lange ist es nicht hell. Sie packen zusammen, machen sich auf den Weg, frühstücken (und Butch hält sein Nickerchen), wandern, schlagen das Zelt auf, essen wieder. Nur zwischendurch übernachten sie in Unterkünften, um mal zu duschen. Manchmal machen sie auch Pause. Sie habe ja keinen Stress, sagt sie. 

Heike Pirngruber

Manchmal fehlt ihr der Kontakt zu Menschen, denn in Baja California ist es ziemlich einsam. „Ich bin gerne alleine, aber ich bin auch gerne mit Menschen zusammen. Es muss die richtige Balance sein.“ Und es nervt sie „kolossal“, dass sie zum hundersten Mal Nudeln mit Soße essen. Sie kann nicht jeden Tag frisches Gemüse und Obst zu sich nehmen, eher dreimal die Woche als dreimal am Tag.

Sie ist dem Wetter ausgeliefert, ob Sturm, Regen, Hitze oder Schnee: „Ich kann nicht einfach die Heizung oder die Klimaanlage anmachen.“ Das gebe ihr ein besseres Gefühl dafür, was Menschen in anderen Regionen der Welt durchmachen. Pragmatisch habe sie das werden lassen. Und dankbar. „Zwei Wochen leiden, mit Kackwetter, Wasser fast ausgegangen, fast niemanden getroffen – das macht keinen Spaß, aber es relativiert sehr viel. Die Welt ist nicht nur Sonnenschein.“ 

Sowieso: „Das sind die Entbehrungen, die man hat für das Abenteuer, das man bekommt. Ich wollte es nicht eintauschen“, sagt Heike Pirngruber. Jeder Tag auf einem Wanderweg sei besser als ein Tag im Büro. „Auch bei mir ist nicht jeder Tag unbedingt spannend, das ist okay so.“ Entschädigt wird sie mit Freiheit, Bewegung, tollen Landschaften und einzigartigen Begegnungen. „Wenn du durch die Wüste läufst, da kommt dir am Tag ein Auto entgegen, das hält garantiert an. Die Leute fragen, ob man Wasser oder Essen braucht. Das sind ganz intensive Begegnungen, die ganz anders ablaufen.“

Reisen mit Hund ist eine Herausforderung

Auch mit Butch läuft es super, selbst wenn das Reisen mit Hund noch einmal eine spezielle Herausforderung ist, weil Heike Pirngruber immer für zwei denken muss. „Butch passt sich wunderbar an, hat viel erlebt in seinem jungen Alter. Ich bin seine Bezugsperson, das Zelt sein Zuhause. Da, wo das Zelt steht, schläft er“, fasst die Weltenbummlerin zusammen. Der Hund genieße es, immerzu draußen zu sein, die Wildnis zu erleben und meist ohne Leine zu laufen.  

Nur manchmal macht es die Sache mit dem Hund schwierig, mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen. In den USA, so Heike Pirngruber, sei es einfach gewesen, weil alle Butch geliebt hätten. In Mexiko sind Hunde hingegen eher keine Kuscheltiere, viele Menschen haben Angst. „Man muss insgesamt mal sehen, wie das weitergeht. In muslimischen Ländern sind Hunde ja auch nicht so beliebt. Und generell: Kann ich mit Butch im Hotel übernachten? Nehmen uns noch Leute auf?“  

Für ihre Reisen braucht sie nicht viel. Heike Pirngruber ist quasi die Definiton von Minimalismus. Ein T-Shirt, eine Hose, sagt sie, seit neun Jahren. Sie lebt von Erspartem aus ihrem vorherigen Leben als Kamerafrau beim ZDF, sie lebt von Spenden ihrer Leserinnen und Leser, die ihren Blog verfolgen, von Aufträgen als Influencerin (auf Instagram folgen ihr 26.500 Menschen) sowie davon, dass sie Fotos und Artikel ihrer Reise verkauft.

Der größte Kostenfaktor: die Schuhe. Aktuell halten sie nur rund 700 Kilometer, dann müssen neue her. „Ich muss mich mal um andere Schuhe kümmern, auf Dauer wird mir das so zu teuer.“