Nachhaltigkeit und Reisen: Geht das überhaupt zusammen? Denn egal, ob wir in den Urlaub fliegen, mit dem Auto fahren oder mit dem Schiff unterwegs sind – bereits die An- und Abreise können häufig verheerende Auswirkungen auf das Klima haben. Das Umweltbundesamt hat in einer Untersuchung nachgewiesen, dass touristische Aktivitäten auf verschiedene Weisen das Klima belasten, beispielsweise durch den Verbrauch von Energie und den Ausstoß von Luftschadstoffen. Aber auch Unterkünfte und Freizeitaktivitäten können sich auf die Biodiversität auswirken.

„Umweltbewusster reisen“ – immer mehr Verbraucherinnen und Verbraucher wollen das zu ihrem Vorsatz machen, wenn es um ihren nächsten Urlaub geht. Wie reagieren die Reiseveranstalter auf den Klimawandel und auf das veränderte Planungs- sowie Buchungsverhalten ihrer Kundschaft?

Tui-Projekte im Bereich Nachhaltigkeit

„Tui war vor 30 Jahren mit der ersten Nachhaltigkeitsabteilung in der Touristik Vorreiter – und wir wollen diese führende Rolle beim Thema Nachhaltigkeit auch in der Zukunft ausfüllen“, sagt Unternehmenssprecherin Susanne Stünckel. „Wir werden uns weiterhin darauf konzentrieren, unseren ökologischen Fußabdruck deutlich zu verringern. Dabei zielen wir nicht nur auf unsere Emissionen, sondern auch auf die Themen Wasser, Energie und Abfall.“

Um die Ziele in Sachen nachhaltiger Tourismus umzusetzen, will Tui aktuelle „Daten, Fakten und wissenschaftliche Erkenntnisse“ einbinden, erklärt Stünckel. Außerdem sollen die Urlaubsgebiete als echte Partner in die Pläne einbezogen werden. „Von Bildung bis Mobilität und von Müllvermeidung bis grüner Energie – in einem mehrjährigen Projekt und zahlreichen Einzelinitiativen zeigen wir, wie Nachhaltigkeit vor Ort aussehen kann.“

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Die Erkenntnisse und Erfahrungen sollen später auf andere Destinationen übertragen werden, so die Tui-Sprecherin. Nicht zuletzt soll eine digitale Sustainability Academy eröffnet werden, in der sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter rund um das Thema Nachhaltigkeit informieren und weiterbilden können.

Ein nachhaltiger Umgang mit den Ressourcen sei ein wichtiges Thema: „Seit 2015 haben konzernweit 43 Millionen Tui-Urlauber in grünen Hotels übernachtet“, sagt Sprecherin Stünckel. Grüne Hotels seien Unterkünfte mit Nachhaltigkeitszertifizierung, die zum Beispiel verstärkt auf ihre CO₂-Bilanz und ihr Abfallvolumen achten würden. Zudem setze Tui vor allem auf „die Reduzierung und Vermeidung von Emissionen“, um auch künftig „die Umweltauswirkungen von Flugzeugen, Schiffen und Hotels weiter zu verringern“.

Auf Helgoland übernachten Urlaubende im Wikkelhouse, einem Tiny House aus Pappe.

Dabei gehe es „um eine echte Reduzierung“, betont Stünckel. „Off-Setting, also der Kauf von Zertifikaten zum Ausgleich für von uns getätigte Emissionen, sehen wir als letzte Möglichkeit.“ So werde bei jeder unternehmerischen Entscheidung die Nachhaltigkeit ganz bewusst bewertet. „Gerade auch bei Innovationen und Investments wie bei unserer Flugzeugflotte, bei Schiffen oder der Energieversorgung für unsere Hotels.“

Studiosus setzt 2021 auf CO₂-Kompensation

„Unserer Gäste waren schon immer besonders aufgeschlossen für Nachhaltigkeitsthemen“, sagt Frano Ilic. Der Studiosus-Sprecher hat festgestellt, dass „die Erwartungshaltung an einen Reiseveranstalter, Antworten auf offensichtliche Herausforderungen wie den Klimaschutz zu präsentieren, nochmals gestiegen ist“.

Studiosus hat nach eigenen Angaben den Anspruch, dass alle Angebote nachhaltig gestaltet sind, das heißt sozialverträglich und ökologisch vertretbar. „2021 haben wir in puncto Nachhaltigkeit nochmals einen großen Schritt gemacht und alle Reisen von Studiosus und Marco Polo durch umfassende CO₂-Kompensation klimaschonend gestellt“, sagt der Studiosus-Sprecher. „Dabei werden alle Treibhausgasemissionen durch Investitionen in Klimaschutzprojekte ausgeglichen – vom Flug über die Transporte im Zielgebiet bis hin zu Übernachtungen und Verpflegung.“

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Das Geld für die CO₂-Kompensation würde in den Bau von Biogasanlagen in Nepal fließen, so Ilic. Ein Projekt, das „nach den Gütekriterien des Goldstandard überprüft wurde und dessen höchste Anforderungen erfüllt“.

Was hält Studiosus von der Idee des Deutschen Reiseverbandes (DRV), mithilfe eines Tools den CO-Ausstoß einer jeden Reise zu beziffern und dann auf eine freiwillige Kompensation durch die Kundschaft zu hoffen? Der Reiseveranstalter sieht das skeptisch und verweist auf die Erfahrungen der vergangenen Jahre, in denen die freiwillige Kompensation nur sehr wenig genutzt wurde. Ilic: „Das entspricht aber nicht nur dem Verhalten der Studiosus-Gäste, sondern ist ein Phänomen, das den Gesamtmarkt betrifft. Deswegen glauben wir nicht an die freiwillige CO₂-Kompensation und haben sie in den Reisepreis eingeschlossen.“

Gebeco will weniger Zubringerflüge

Für Gebeco gehört Nachhaltigkeit „zu unserer Unternehmensphilosophie“, sagt Geschäftsführer Michael Knapp. Um die Nachhaltigkeit der Reisen regelmäßig überprüfen und ausbauen zu können, hat Gebeco einen speziellen Kriterienkatalog entwickelt, der von TourCert – einer gemeinnützigen Organisation für Zertifizierungen im Tourismus – geprüft ist.

Der Katalog erhält neun Kriterien. Zum Beispiel: 50 Prozent der Übernachtungen sind in nachhaltigen Unterkünften, bei Flügen, die zwischen 800 und 3800 Kilometer lang sind, beträgt die Reisedauer mindestens eine Woche, bei längeren Distanzen mindestens zwei Wochen. Und die Reise muss mindestens einen Besuch eines Umwelt- oder Sozialprojekts mit hohem Begegnungsanteil enthalten.

Gebeco plant für 2022, „die Anzahl der Zubringerflüge weiter zu reduzieren und Gäste noch stärker auf das im Preis inkludierte Zug-zum-Flug-Ticket zu lenken“, sagt Knapp. Außerdem sollen die Themen Verringerung des CO₂-Ausstoßes und Kompensation noch stärker in den Fokus rücken.

„Nachhaltigkeit bedeutet einen Mehrwert für alle und steht für eine bessere Reise-Qualität. Das muss noch deutlicher werden. Dann ziehen die Reisenden auch mit und werden künftige Änderungen mittragen und sogar einfordern“, meint der Gebeco-Geschäftsführer. „Aktuell nehmen wir vor allem wahr, dass Gäste viel bewusster reisen und sich im Vorfeld weitaus detaillierter mit dem Reiseland beschäftigen.“

Zu dem Tool, das von Futouris und DRV entwickelt wird und das den CO₂-Ausstoß einer jeden Reise analysiert, sagt Knapp: „Als Gründungsmitglied von Futouris sind wir bei diesem Thema bereits aktiv mit involviert und treiben die Entwicklung mit nach vorne.“

Seit Ausbruch der Pandemie ist das Thema Nachhaltigkeit bei den Urlaubern etwas in den Hintergrund gerückt.

FTI-CEO Ralph Schiller

FTI arbeitet an der Weiterentwicklung des Grünen Blattes, „ein Signet, das im ersten Schritt in den Systemen der Reisebüros Hotels kennzeichnet, die besonders nachhaltig sind und dafür zertifiziert wurden“, erläutert Ralph Schiller, CEO bei der FTI Group. „Dem Grünen Blatt und den Möglichkeiten für nachhaltiges Reisen widmen wir uns in unserem nächsten Quarterly mit einer Doppelseite. Hier geben wir Lesern allgemeine Hinweise.“

Konkret werde es dann beim Buchen: „Sowohl in seiner Buchungsbestätigung als auch in den Reiseunterlagen findet der Gast den Vorschlag, das CO₂ seiner Reise zu kompensieren“, sagt Schiller. Auch FTI ist Mitglied bei Futouris und trägt diese Entwicklung mit.

Flugzeug am Himmel.

„Seit Ausbruch der Pandemie ist das Thema Nachhaltigkeit bei den Urlaubern etwas in den Hintergrund gerückt“, hat Schiller festgestellt. „Die Menschen fragen jetzt in erster Linie nach Absicherungsmöglichkeiten, Hygienekonzepten, Einreise-Auflagen oder Umbuchungsoptionen.“ Man gehe aber davon aus, dass das Interesse für nachhaltigen Urlaub mit Abklingen der Pandemie wieder stärker werde.

„Die Menschen wollen zu einem sehr großen Teil bewusster reisen, dafür müssen mehr Angebote geschaffen werden und Infos klar und transparent kommuniziert werden.“

DER Touristik hat eigenen Nachhaltigkeits-Katalog

DER Touristik hatte 2021 für ihre Marke Dertour erstmals einen Katalog in Magazinform (Magalog) mit nachhaltigen Produkten aufgelegt. Im nächsten Jahr will der Reiseveranstalter damit seine Produktlinie „Bewusst Reisen“ weiter ausbauen. „Darin bündeln wir nachhaltigere Reiseangebote, um die Aufmerksamkeit gezielt für bewusstes Reisen zu stärken“, sagt Ulrike Braun, Leiterin Corporate Responsibility der DER Touristik Group.

Der Mangalog bietet eine Auswahl unserer Hotels mit Nachhaltigkeitszertifizierung gemäß des Global-Sustainable-Tourism-Council-Standards sowie Ausflüge, die Kriterien des verantwortungsvollen Reisens entsprechen. Außerdem Insider-Tipps zu Projekten der DER Touristik und ihrer Partner im Bereich Umwelt, Soziales und Gesellschaft und eine beispielhafte Darstellung des CO₂-Fußabdrucks der Reise und die Möglichkeit zur Kompensation.

Auch die Umsetzung des Projekts „Klimabilanzierung“ steht auf dem Plan. Futouris, die Brancheninitiative für Nachhaltigkeit, und DER Touristik erarbeiten dafür eine Machbarkeitsstudie zur Erstellung eines CO₂-Katasters. „Ziel ist es, bereits existierende Methoden und Tools für die Berechnung des Klima-Fußabdrucks von Reisen sowie für Unternehmensstandorte zu analysieren, um Verbesserungspotenziale zu identifizieren“, erklärt Braun. DER Touristik will so klimaschonende Reisealternativen entwickeln und fördern. Außerdem sollen Gäste noch intensiver über die Klimaauswirkungen der verschiedenen Reiseangebote informiert werden.

Denn: „Bei der Entscheidung für die konkrete Urlaubsreise spielt das Thema Nachhaltigkeit bisher nur eine eingeschränkte Rolle“, sagt Braun, die immer noch eine Lücke zwischen Einstellung und Verhalten sieht. „Die meisten Kunden, und so beobachten wir das auch für Reisende der DER Touristik, finden Nachhaltigkeit gut, es ist aber nur einer unter vielen Aspekten bei der Reiseplanung und -entscheidung – neben zum Beispiel Hotellage, Freizeitangebot, Kinderbetreuung.

Urlaub in der Natur auf dem Pragser Wildsee.

Alltours unterstützt Kindernothilfe

Auch Alltours hat das Thema Nachhaltigkeit im Blick. Der Reiseveranstalter „legt bei der Zusammenarbeit mit den Hotels großen Wert darauf, dass diese ressourcenschonende und klimaschützende Technologien einsetzen“, sagt Unternehmenssprecher Murat Ham. So würden beispielsweise verstärkt lokale, nachhaltig produzierende Anbieter eingebunden werden. Auch, um den Gästen das Alltagsleben im Urlaubsland näherzubringen.

Außerdem unterstützt Alltours mit Spenden das Projekt der Kindernothilfe „Grüne Schule: Bildung und Ökologie“ auf Haiti. Dabei sollen Kinder zu „Öko-Bürgern“ werden. „Ziel ist es, über die Kinder und Jugendlichen einen Bewusstseinswandel der Bevölkerung zu erreichen und Natur sowie Menschen in Einklang zu bringen“, erklärt Ham.