Die letzten Sonnenstrahlen des Tages tauchen die frisch sanierte Fassade der mittelalterlichen Kathedrale von Santiago de Compostela in goldenes Licht. Das imposante Bauwerk mit dem Grab des Apostels Jakobus ist das Ziel des Jakobsweges und beeindruckt nicht nur Pilgerinnen und Pilger, die die 100.000-Einwohner-Stadt besuchen.

Diesem geweihten Ort verdankt Santiago die Compostela seine Bedeutung als drittwichtigster Wallfahrtsort des Christentums – nach Rom und Jerusalem. Vor der Pandemie kamen 2019 laut Pilgerbüro rund 350.000 Pilger auf dem Jakobsweg in die Unesco-Welterbestadt. Wallfahrten erfreuen sich seit den Achtzigerjahren wieder steigender Beliebtheit.

Beeindruckend: Die Westfassade der Kathedrale in Santiago de Compostela.

Bestseller hat viele zum Pilgern gebracht

Doch der Weg zieht nicht nur Pilger an, denn auch ohne religiösen oder spirituellen Beweggrund lohnt es sich, den gelben Pfeilen und Muschelsymbolen am Wegesrand zu folgen – ganz gleich, ob zu Fuß, mit dem Rad oder dem Auto. Dabei gibt es nicht nur einen Jakobsweg: Der bekannteste ist – nicht zuletzt durch Hape Kerkelings Bestseller „Ich bin dann mal weg“ – der Camino Francés.

Der zweitbeliebteste Weg ist laut Pilgerbüro der Portugiesische Weg, dessen kurze Variante in Porto beginnt, genau wie diese Reise. Vor der Kathedrale von Porto weist ein Pfeiler mit der Streckenangabe von 248 Kilometern und dem gelben Pfeil mit Muschel den Weg nach Galicien.

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Auf dem Jakobsweg sind immer wieder auch Radfahrerinnen und Radfahrer unterwegs – wie hier bei Ponte de Lima.

Porto: Bahnhof ist einen Besuch wert

Doch bevor man sich auf den Weg macht, lohnt sich ein Bummel durch die Altstadt Portos, die steil am Hang liegt, während unten im Tal der Fluss Douro zum Atlantik fließt. Ein echtes Juwel ist der Bahnhof São Bento wegen der schönen Azulejos, der typisch portugiesischen Fliesen, die Szenen aus der portugiesischen Geschichte und dem Alltagsleben zeigen. „Rund 20.000 Fliesen schmücken den im Jahr 1916 eröffneten Bahnhof“, verrät Reiseleiterin Olga Gonçalves.

Die geflieste Eingangshalle des Bahnhofs Sao Bento in Porto ist ein beliebtes Fotomotiv.


Auch die schönen Kaffeehäuser mit Jugendstilcharme, wie etwa die Confeitaria do Bolhão an der Markthalle, sind einen Besuch wert. Genauso wie die Portweinkellereien auf der anderen Seite des Flusses in Vila Nova de Gaia. Wer rechtzeitig vor Sonnenuntergang eine der hohen Brücken über den Douro überquert, hat einen fantastischen Panoramablick auf Porto im Abendlicht.

Dem Lauf des Douro Richtung Atlantik folgen auch die gelben Pfeile an der Uferpromenade. Von hier geht’s Richtung Norden nach Barcelos, einer Stadt mit rund 120.000 Einwohnern, die vor allem wegen einer Legende bekannt ist, die wie so vieles in der Region eng mit dem Jakobsweg verbunden ist.

Hahn von Barcelo ist legendär

Die Geschichte erzählt von einem Bauern, der nach Santiago de Compostela pilgern wollte. Von einem reichen Landbesitzer wurde er des Diebstahls bezichtigt, vor Gericht gestellt, schuldig gesprochen und zum Tod verurteilt. Vor seiner Hinrichtung verlangte der Bauer, den Richter zu sprechen, der ihn verurteilt hatte. Der Richter aß gerade einen gebratenen Hahn, als ihm der Verurteilte sagte, dass der Hahn als Zeichen seiner Unschuld vom Teller springen und während seiner Hinrichtung krähen würde. Genauso kam es. Der Richter ließ eilig die Hinrichtung stoppen und den Pilger weiterziehen.

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Der sagenumwobene Hahn prägt nicht nur das Stadtbild von Barcelos, sondern ist in ganz Portugal sehr beliebt.


„Jeder Portugiese kennt die Legende vom Hahn von Barcelos und hat mindestens ein Exemplar zu Hause“, erzählt Reiseleiterin Gonçalves. Es sei eine Art Landesmaskottchen, was auch die vielen Hähne im Stadtbild erklärt, wo sie in allen erdenklichen Formen, Größen und Farben auftauchen. Der Hahn soll beschützen und Glück bringen.

Stippvisite in Braga lohnt sich

Nur etwa 20 Kilometer entfernt von Barcelos liegt jenseits des Jakobsweges Braga. Die Stadt ist das religiöse Zentrum Portugals. Oberhalb Bragas befindet sich ein viel besuchter Wallfahrtsort: die Kirche Bom Jesus do Monte. Das markanteste Merkmal ist die barocke Treppenanlage, die zickzackförmig hinauf zur Kirche führt. Der Ausblick von oben ist traumhaft, ganz gleich, ob man sich die 585 Stufen hinaufquält oder die Seilbahn nimmt.

Bei Braga befindet sich der Wallfahrtsort Bom Jesus da Monte mit seiner zickzackförmigen Treppenanlage.

Das nächste Etappenziel – nun wieder direkt auf dem Jakobsweg – ist Ponte de Lima. Der Weg führt vorbei an Weinbergen, Maisfeldern und durch Eukalyptushaine – sattes Grün, so weit das Auge reicht. Kehrseite der üppigen Pracht: Es regnet häufig. Ohne wetterfeste Kleidung sollte man nicht losziehen. Der Weg ist gut ausgeschildert und an einigen Stellen sind sogar die mittelalterlichen Gehwegplatten wieder freigelegt.

Viele außergewöhnliche Unterkünfte

„50 Prozent des Tourismus in der Region machen Pilger und Wanderer aus“, berichtet Olga Gonçalves unterwegs. Der Jakobsweg hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einem wichtigen Tourismuszweig entwickelt. Davon profitieren auch die Herbergen am Weg. Außer einfachen Pilgerherbergen stehen Reisenden viele, teilweise außergewöhnliche Unterkünfte offen – zum Beispiel das Paço de Calheiros Manor House, der Familiensitz der Grafen von Calheiros. Das 700 Jahre alte Anwesen liegt in einer idyllischen Landschaft umgeben von Weinbergen.

Im Haus des Grafen Francisco de Calheiros sind Reisende und Pilger seit Jahrhunderten willkommen.


Graf Francisco de Calheiros (71) bewohnt das stattliche Herrenhaus. Als Besucher fühlt man sich hier um Jahrhunderte zurückversetzt. „Der Paço de Calheiros beherbergte schon im Mittelalter Pilger“, sagt der Hausherr stolz. Zum Beweis zeigt er auf die entsprechende Stelle im Codex Calixtinus, einem mittelalterlichen Buch über den Jakobsweg. Dort ist der Familiensitz als Herberge eingezeichnet. Auch im Wappen der Calheiros’ tauchen die Muscheln von Santiago auf. Sie galten als Symbol des Glaubens und der militärischen Macht, sagt der Graf.

Fluss ist Grenze zwischen Portugal und Spanien

Von Ponte de Lima geht es weiter Richtung Galicien. Der Fluss Minho bildet die natürliche Grenze zwischen Spanien und Portugal. Bei der Festung Valença kann man den Fluss ohne jegliche Grenzkontrolle überqueren. Landschaft, Architektur und sogar die Sprache unterscheiden sich kaum, nur die Uhr muss um eine Stunde vorgestellt werden. Galicien und Nordportugal sind seit jeher eng miteinander verbunden. „Madrid scheint so manchem Galicier nicht nur von der Kilometerzahl weiter entfernt als Porto“, bemerkt Reiseleiter Tommi Alvarellos Laine.

Nur kulinarisch gibt es einige Unterschiede zwischen Nordportugal und Galicien. Während die Portugiesen gern eine Kohlsuppe namens Caldo Verde und Kabeljau servieren, bietet die galicische Küche mehr Abwechslung. „Galicien ist ein Fisch- und Meeresfrüchteparadies“, schwärmt der galicische Reiseleiter. In den fjordähnlichen Buchten der Rias Baixas herrschen ideale Lebensbedingungen für allerlei Muschelarten und Austern. Die reiche Ernte kann man beispielsweise in den schönen Markthallen von Santiago de Compostela bestaunen.

Die Jakobsmuschel ist nicht nur ein Symbol des Pilgerweges, sondern auch frisch auf dem Fischmarkt von Santiago de Compostela zu finden.


Ein besonderes kulinarisches Erlebnis bietet Lucia Freitas. Die Köchin ist mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet und betreibt zwei Restaurants in der Stadt. Die 39-Jährige kauft gern selbst bei den Marktfrauen ein, die sie inspirieren und ihr neue Impulse geben. „Die Sardinen sind gerade hervorragend“, sagt Freitas beim Marktbesuch und lässt sich reichlich davon einpacken. Recht hat sie: Sie sind köstlich, ebenso wie die anderen kleinen Kunstwerke, die sie kreiert.

Wein wächst auf Granitgerüsten

Zum guten Essen gehört auch ein guter Wein. Und der wächst an den grünen Hängen Galiciens wegen des feuchten und kühlen Klimas hochgebunden auf Gerüsten aus Granit. „Der Stein wird bei Tage von der Sonne aufgeheizt und gibt in den kühlen Nächten die Wärme wieder an die Reben ab“, erklärt Adrian Navia vom Weingut Pazo Baión die Anbauweise.

Adrian Navia vom Weingut Pazo Baion erklärt die besondere Anbaumethode in Galicien.

Bevorzugt wird die Rebsorte Albariño angebaut, was übersetzt „die kleine Weiße vom Rhein“ bedeutet. Lange wurde vermutet, die Rebsorte sei mit dem Riesling verwandt, denn der Legende nach gelangte sie über den Jakobsweg nach Galicien. Doch neueren wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge stimme das nicht, sagt der Weinexperte. Trotzdem sieht man auch an dieser Geschichte, wie nahezu alles in der Region mit dem Jakobsweg verbunden ist.

Tipps für deine Reise nach Portugal und Spanien

Anreise: Lufthansa fliegt täglich direkt von Frankfurt am Main nach Porto und je nach Saison mehrmals die Woche nach Santiago de Compostela.

Beste Reisezeit: Von Juni bis September regnet es weniger häufig. Es ist oft sonnig und um die 20 Grad Celsius warm. In Nordportugal ist es dabei meist ein wenig wärmer als in Galicien. Die Winter sind mild, für gewöhnlich frostfrei, aber sehr feucht.

Die Reise wurde unterstützt von Gebeco. Über Auswahl und Ausrichtung der Inhalte entscheidet allein die Redaktion.