Schilder, die zum umweltbewussten Handeln auffordern, finden sich inzwischen überall: im Wald, am Strand, in Parks. Darauf liest du dann Dinge wie: „Leave nothing but footprints. Take nothing but pictures. Keep nothing but memories. Kill nothing but time.“ Sie geben ein pittoreskes Motiv und erinnern daran, keinen Müll zu hinterlassen, nichts aus der Natur mitzunehmen und auf alle Lebewesen, auch die kleinsten, achtzugeben.

Umweltbewusstsein ist ein Trend – auch in der Reisebranche. Denn auch, wenn Reisen nicht gerade als klimafreundlich bekannt sind, wollen viele Menschen möglichst wenig Schaden dabei anrichten. Zwei Drittel der deutschen Reisenden gaben der Studie YouGov zufolge 2019 an, dass es ihnen wichtig ist, umweltfreundlich zu reisen. Die Folge: Eco-Lodges und Bio-Label, CO2-neutrale Hotels und umweltschonende Initiativen in der Mobilität sind auf dem Vormarsch.

Unterkünfte, die sich damit auszeichnen, besonders klimaneutral zu sein, besonders wenig Müll zu produzieren und sich für die Communitys vor Ort einzusetzen, sind gefragt. Doch wie echt ist dieses Umweltbewusstsein?

Baby-Schildkröten schlüpfen in einer Schutzzone am Strand von Bali.

Greenwashing – was ist das eigentlich?

Unter Greenwashing versteht man das Schönfärben (wörtlich übersetzt: Grünwaschen) von Umweltthematiken. So gibt es Unternehmen, die damit werben, besonders umweltfreundlich, nachhaltig oder sozial verträglich zu produzieren. Bei genauerem Betrachten mag das vielleicht noch für ein einzelnes Projekt stimmen, im Großen und Ganzen aber nicht. 

Da viele Firmen erkannt haben, dass den Menschen Nachhaltigkeit immer wichtiger wird, boomt der Markt mit den irreführenden Aussagen. Zu diesen zählt sowohl, wenn Unternehmen sich grüner darstellen als sie sind. Aber auch, wenn sie bewusst Lügen verbreiten.

Auch beim Reisen ist dieser Trend angekommen und Reiseveranstalter, Übernachtungsstätten sowie Reiseziele brüsten sich damit, besonders grün und nachhaltig zu sein.

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Strand auf der Insel Mindoro.

2019 warb der Coco Beach auf den Philippinen etwa damit, wieder sauber zu sein. Der Ruf als vermüllter Strand eilte der Gegend voraus und plötzlich war kein Müll mehr zu sehen. Zumindest vordergründig nicht. Denn ein dänischer Urlauber fragte sich, wo der Müll wohl geblieben war – immerhin sah er nie, dass dieser von der Insel abtransportiert wurde. Er wurde fündig: Mitten im Urwald, hinter den Hotelanlagen, war der Abfall versteckt.

Doch wie können Reisende vermeiden, in solche Fallen zu tappen?

Greenwashing im Tourismus: Das Geschäft mit den Eco-Labels

Eine Möglichkeit, sich abzusichern, ob die Art des Tourismus tatsächlich nachhaltig ist, sind Gütesiegel. Aber auch hier gilt Vorsicht: Du solltest tatsächlich nach den EU-weit oder international standardisierten Gütesiegeln schauen. Denn tendenziell kann jedes Unternehmen einfach ein neues Gütesiegel ins Leben rufen und sich selbst verleihen. Das sieht dann vielleicht auf der Website gut aus, ist aber nichts wert.

Andere Auszeichnungen wiederum werden zwar als Umwelt-Siegel vergeben, beachten aber nur einen Aspekt: So mag ein Unternehmen oder ein Hotel zwar ökologisch vorbildlich sein, aber ob die sozialen Auswirkungen katastrophal sind, wird nicht untersucht. 

Strandgut: Plastikmüll am Strand der Ostsee bei Kiel.

So ist es also nicht verwunderlich, dass in der Tourismusbranche mehr als 140 verschiedene Umwelt-Siegel in Umlauf sind. Unser Tipp: Achte auf offizielle Label. Die EU hat beispielsweise das Ecolabel erfunden, europaweit gilt zudem das Europäische Umweltzeichen. International kannst du bei Reisen auch auf das TourCert-Label (CSR) oder auf Green Globe achten. 

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Aber wie soll man denn nun als Laie die Übersicht behalten? Keine Angst, das musst du gar nicht. Es gibt nämlich seitens der Verbraucherzentrale sowie des Umweltbundesamtes Kataloge, die die wichtigsten Siegel listen. 

Greenwashing im Tourismus: Nachhaltige Unterkünfte erkennen

Eco-Lodges sind voll im Trend – aber sind sie auch wirklich so eco? Grundsätzlich ist der Begriff Eco-Lodge nicht geschützt, es kann sich also quasi jede Unterkunft so nennen. Und dann wäre da noch eine zweite Ebene: Während man im englischsprachigen Raum mit Eco-Lodges vor allem naturnahe Unterkünfte verbindet, ist die erste Assoziation im Deutschen eher, dass es sich um nachhaltige und ökologische Übernachtungsstätten handelt. 

Der Begriff allein hilft Reisenden also nicht weiter. Dafür aber eine Art kleine Checkliste, nach der du dein ausgewähltes Hotel untersuchen kannst. So können Reisende vor dem Buchen gezielt danach fragen, wie die Müllentsorgung funktioniert, wie viel Einwegplastik genutzt wird, woher das Essen beim abendlichen Buffet kommt (Stichworte: lokale und saisonale Lebensmittel) und was mit den Essensresten geschieht, ob das Hotel auf ökologischen Strom oder Stromsparmodelle setzt und wie es mit dem Wassermanagement aussieht.

Ein Irrglaube sei, schreibt das Europäische Verbraucherzentrum, dass nachhaltige Unterkünfte teuer und unkomfortabel seien. Das mag früher so gewesen sein, heute jedoch finden sich beispielsweise zahlreiche klimaneutrale Gebäude, die gleichzeitig Luxus versprechen. Ein Tipp: Schau doch mal auf der Plattform „Socialbnb“ vorbei. Dort werden ausschließlich Unterkünfte gelistet, die sich für Umweltschutz, soziale Fragen vor Ort oder Tierschutz einsetzen.

Zelt in einer Landschaft mit Blick auf den Mount Rainier in Washington.

Dennoch: Die nachhaltigste Unterkunft ist nach wie vor der gute alte Campingplatz: Eine Studie von Stiftung Warentest hat im Frühjahr 2021 ein Vier-Sterne-Hotel und einen Campingplatz verglichen. Das Ergebnis: Das Hotel verursacht fast fünfmal so viele Emissionen wie der Campingplatz. 

Greenwashing auf Reisen: Touristinnen und Touristen sollten kritisch sein

Während durch Label offiziell die Ambitionen und Tätigkeiten von Unterkünften, Reiseveranstaltern und Tourangeboten untersucht werden, können auch Reisende selbst einiges herausfinden. So gibt es einige Tipps und Tricks, um sich selbst von der Ernsthaftigkeit der beworbenen Umweltfreundlichkeit zu überzeugen. 

Ein Punkt ist beispielsweise, sich die Website des Tourismus-Unternehmens einmal genauer anzusehen. Finden sich dort Informationen zu den nachhaltigen Projekten und wer dahintersteckt? Und wenn ja, sind diese glaubhaft dargestellt? Im besten Fall findest du ausführliche Berichte über die beworbenen Tätigkeiten – immerhin sind sie ein Aushängeschild. 

Kiefernwald mit Moos im Nationalpark Unteres Odertal.

Wirbt eine Unterkunft beispielsweise damit, plastikfrei zu sein, solltest du dich mal nach Fotos umschauen – zum einen auf der Website, zum anderen aber auch bei Google oder anderen Suchmaschinen.

Neben der Transparenz solltest du auch einen Blick ins Impressum werfen: Wer steckt hinter einem nachhaltigen Projekt und/oder wer hat ein Siegel vergeben? Wenn du dort keine oder keine zufriedenstellenden Informationen findest, ist das schon einmal ein Anzeichen dafür, dass etwas nicht ganz richtig sein kann. 

Ein weiterer Faktor ist der Preis. Du solltest dir überlegen, wie realistisch der Preis ist, den Tour-Anbieter, Hotel, Reiseveranstalter, Airline und Co. verlangen. Ist es im Vergleich zur Konkurrenz deutlich günstiger, bleibt die Frage, wie auf diese Art noch Geld für nachhaltige Projekte, soziale Interessen der Angestellten oder gar Mindestlohn und Co. übrig bleiben kann. Generell heißt es allerdings: Teuer ist nicht gleich gut! 

Nachhaltig reisen: Dein ökologischer Fußabdruck bleibt

Hotels, die Korallenriffe aufforsten, Lodges, die Ausbildungsprogramme auferlegen. Airlines, die Bäume pflanzen: Was auf den ersten Blick nachhaltig wirkt, ist es nicht immer. Denn: Um das Hotel zu besuchen, das Korallenriffe aufzuforsten, ist ein Langstreckenflug notwendig. Der wiederum hinterlässt, auch wenn die Airline als Ausgleich zum CO2-Ausstoß Bäume pflanzt, einen ökologischen Fußabdruck.

Korallenriff auf Fidschi.

Stefan Gössling, Professor für nachhaltigen Tourismus und Mobilität an der Universität Lund, kritisiert die Praxis, durch Baumpflanzungen einen CO2-Ausgleich zu suggerieren, denn: „Niemand kann garantieren, dass der Wald in 100 Jahren noch steht“, sagte er der „Süddeutschen Zeitung“. Solange es kein Zeitfenster gebe, wie lange die Bäume stehen bleiben würden, sei die Flugkompensation auf diese Art Greenwashing. 

Reisen sind, auch wenn sie über Anbieter mit umweltfreundlichen Labels stattfinden, generell nicht nachhaltig oder umweltfreundlich. Wenn du auf das Reisen nicht verzichten willst, kannst du mit der Wahl deines Reisestils, deines Fortbewegungsmittels, deiner Unterkunft oder deiner Aktivitäten lediglich beeinflussen, wie sehr die Umwelt belastet wird.  

Ein in der Ukraine an den Strand angespülter toter Delfin zwischen Plastik.

Gössling fordert ein generelles Umdenken der Branche. Die Tourismusbranche würde in Sachen Nachhaltigkeit nur an der Oberfläche kratzen. Nicht einmal Investitionen, die sich finanziell für Hotels und Unterkünfte lohnen würden, würden gemacht, etwa das Austauschen alter Heizsysteme.

Und er macht auch klar: So kann es nicht weitergehen. Es gebe keine menschliche Aktivität, die binnen so kurzer Zeit so viele Emissionen verursache wie eine Fernreise. „Die Frage ist, ob wir anders reisen können und was wir von einer Reise erwarten.“ 

Nachhaltig reisen: Die Verantwortung liegt (auch) bei dir

Ein großer Aspekt ist beim möglichst nachhaltigen Reisen aber auch die Eigenverantwortung. Beim Thema Umweltschutz stehen nicht nur Unternehmen in der Pflicht: Auch du selbst kannst Greenwashing betreiben. Wenn du im Urlaub in einer Eco-Lodge übernachtest, aber einmal in der Woche innerdeutsch fliegst, täglich in die Badewanne steigst und täglich Fleisch isst, hat die Übernachtung an sich keine positive Auswirkung auf deinen ökologischen Fußabdruck. 

Generell gilt also: Du solltest auch dein eigenes Verhalten reflektieren und schauen, wo du selbst noch nachhaltiger sein kannst. Zu den Klassikern zählen, beim Verlassen des Zimmers die Klimaanlage und den Fernseher auszustellen, beim Zähneputzen den Wasserhahn abzustellen oder die Handtücher nicht täglich in die Wäsche zu geben.

Aber auch im Kleinen kannst du viel bewirken. Nimm doch eine Trinkflasche von zu Hause mit und fülle sie mit Trinkwasser auf, um unnötigen Müll durch Plastikflaschen zu vermeiden.