Es muss ein bewegender Anblick gewesen sein, als sich am 23. August 1989 beinahe zwei Millionen Menschen an den Händen fassten, um gemeinsam eine mehr als 600 Kilometer lange Menschenkette durch Litauen, Lettland und Estland zu bilden. Die Baltinnen und Balten protestierten so gegen die Folgen des Hitler-Stalin-Paktes, aufgrund derer sie bereits fast 45 Jahre unter russischer Herrschaft standen. Der Ausgangspunkt des sogenannten Baltischen Weges war damals der Kathedralenplatz in der litauischen Hauptstadt Vilnius.

Kunstwerk soll Wunder bewirken können

Ein eher unscheinbares Kunstwerk in Form einer flachen Bodenplatte vom einheimischen Künstler Gitenis Umbrasas erinnert heute an das eindrucksvolle Ereignis. Es wurde zwischen der Kathedrale St.-Stanislaus-und-St.-Ladislaus und seinem frei stehenden 57 Meter hohen Glockenturm inmitten der anderen Bodenplatten verlegt. Stebuklas steht darauf geschrieben, das litauische Wort für Wunder. Und ein solches ist es für viele Litauer bis heute, dass sie nur wenige Monate später ihre Unabhängigkeit wiedererlangen konnten.

Auf dem Kathedralenplatz in Vilnius liegt die Stebuklas-Bodenplatte, die Wunder bewirken soll.

Man muss sich nur auf die Platte stellen, an seinen Wunsch denken und sich dann dreimal um die eigene Achse drehen.

Daine Juodiskiene, Touristenführerin

Kein Wunder ist hingegen, dass die Bewohnerinnen und Bewohner von Vilnius heute dem kleinen Kunstwerk zuschreiben, dass es selbst die Macht hat, Wunder zu bewirken. „Litauer sind ziemlich abergläubisch“, gesteht Touristenführerin Daine Juodiskiene und verrät auch gleich, wie Menschen, die sich ein Wunder erhoffen, die Chancen darauf erhöhen: „Man muss sich nur auf die Platte stellen, an seinen Wunsch denken und sich dann dreimal um die eigene Achse drehen.“

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Vom Kathedralenplatz aus die Stadt erkunden

Der zentrale Platz ist ein guter Ausgangsort, um einige der wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt zu erkunden. Gegenüber beginnt die Gediminas-Allee, die nach dem Großfürsten (1275–1341) benannte Hauptstraße, an der die meisten politischen Institutionen ihren Sitz haben und die eine beliebte Einkaufsstraße ist. Direkt neben der Kathedrale steht der wieder aufgebaute Großfürstenpalast, daneben ist dem Regenten ein Denkmal gewidmet, auf dem auch ein Wolf zu sehen ist.

Am Ende der Hauptstraße der Altstadt von Vilnius, der Pilies gatve, steht der Großfürstenpalast.

Großfürst machte Vilnius einst zum Herrschersitz

Einst soll es hier ein Waldgebiet gegeben haben – wie heute noch an so vielen Orten im Land. Großfürst Gediminas ging hier jagen. Nach einer langen Jagd soll er die Nacht am Fuß eines Hügels verbracht haben. Während dieser Nacht soll er davon geträumt haben, wie ein Wolf von dem Hügel aus den Mond anheulte. Weil ihn der Traum nicht mehr losließ, bat er einen Priester, ihn zu deuten. Er riet Gediminas, an dieser Stelle eine Burg zu errichten. 1323 ließ dieser tatsächlich eine Burg bauen und verlegte seinen Herrschersitz und so auch die Hauptstadt aus dem knapp 30 Kilometer entfernten Trakai hierher.


Von der einstigen Anlage ist nur noch der achteckige Backsteinturm auf dem 142 Meter hohen Hügel zu sehen, der heute als Wahrzeichen der Stadt mit ihren mehr als 580.000 Einwohnerinnen und Einwohnern gilt. Von ihm aus hat man einen guten Blick über große Teile von Vilnius – vor allem auf die gegenüberliegende Altstadt, die seit 1994 zum Unesco-Weltkulturerbe gehört.

Kunstfans sollten in der Altstadt von Vilnius das Haus und Museum des litauischen Künstlers und Sammlers Kazyz Varnelis besuchen.


In den kopfsteingepflasterten Straßen und Gassen gibt es viel zu entdecken. Die meisten gehen von der Pilies gatve, also der Burgstraße, ab, die später in die Didzioji gatve übergeht. Hier stehen nicht nur zahlreiche Kirchen, sondern auch das Rathaus.

Zu den besonderen Sehenswürdigkeiten zählen das Haus und Museum des litauischen Künstlers und Sammlers Kazys Varnelis, aber auch das Tor der Morgenröte, das Ausros Vartai. Es ist Teil der Stadtmauer aus dem 16. Jahrhundert. In einer Torkapelle hängt eine Ikone, die das Tor zu einem Wallfahrtsort für Katholiken und Orthodoxe macht: eine schwarze Madonna. Das Bildnis gilt als eines der bedeutendsten Heiligtümer in Litauen, Polen und Weißrussland und als wundertätig.

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Unbedingt die Hinterhöfe erkunden

Es gibt zahlreiche Cafés und Restaurants und viele kleine Geschäfte, die vornehmlich Souvenirs anbieten. Es lohnt sich aber unbedingt, auch in die Hinterhöfe zu schauen.

In einem davon befindet sich die Werkstatt von Jonas Bugailiskis (Ausros Varty gatve 17). Der Kunsthandwerker fertigt Skulpturen, Musikinstrumente und Kinderspielzeug aus einem Werkstoff an, den es im Überfluss im Land gibt: Holz. Ein paar Häuser weiter würdigt eine Galerie einen der anderen Naturschätze: Bernstein. Dem Gold der Ostsee ist in einer Seitenstraße (Sv. Mykolo gatve 8) auch ein ganzes Museum gewidmet.

Juostos haben lange Tradition

Einige Straße davon entfernt geht Vladas Daskevicius in seinem Auskim Studio (Zydu gatve) einem traditionellen Handwerk nach: dem Weben von Schärpen, den Juostos. Die reich verzierten Handarbeiten aus Wolle und Leinen werden zu besonderen Anlässen geschenkt und getragen. Die Fertigung hat der 51-Jährige von seiner Mutter gelernt. Heute gibt er sein Wissen auch an der Kunstakademie weiter.

„Mehr und mehr junge Menschen interessieren sich für die alten Techniken“, sagt Daskevicius und ergänzt: „Ich suche immer nach neuen Wegen, um das historische Erbe zu erhalten und weiterzuentwickeln.“ Deshalb fertigt er längst auch Gürtel, Taschen, Teppiche und andere Textilien in der traditionellen Webtechnik an.

Vladas Daskevicius fertigt in seinem Atelier im Glasviertel Webarbeiten im traditionellen Stil an.

Graffitti erinnern an jüdische Bürgerinnen und Bürger

Das Auskim Studio befindet sich im Glasviertel, dem ehemaligen jüdischen Viertel der Stadt, die einst als Jerusalem des Nordens galt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts soll ein Drittel der Bevölkerung jüdisch gewesen sein. Mehr als 200.000 der Menschen wurden während des Zweiten Weltkriegs ermordet. An sie erinnern heute großformatige Graffiti mit jüdischen Frauen, Männern und Kindern in traditionellen Gewändern, die auf einigen Häusern zu sehen sind, in denen einst Juden lebten. Von den einst rund 100 Synagogen ist nur eine übrig geblieben. Wo einst Glasbläser und Goldschmiede ihre Werkstätten hatten, sind aber auch heute wieder viele Kunsthandwerker ansässig.

Großformatige Graffiti erinnern an die mehr als 200.000 Juden aus Vilnius, die während des Zweiten Weltkriegs ermordet wurden.

In der Markthalle Spezialitäten probieren

Wer die Altstadt durch das Tor der Morgenröte verlässt, erreicht nach wenigen Schritten auf der rechten Seite die Markthalle Hales turgus (Pylimo gatve 58). Seit einigen Jahren wird hier von dienstags bis sonntags nicht nur mit Obst, Gemüse, Brot, Käse, Fleisch, Wurst und vielerlei landestypischen Delikatessen gehandelt. Vor Ort gibt es auch Gelegenheiten, selbige zu probieren – zum Beispiel bei Roots, einem kleinen Feinkostgeschäft. Hier gibt es außer einer großen Auswahl an Craftbieren auch litauische Weine. Die sind allerdings nicht aus Trauben, sondern aus Früchten wie Blaubeeren, Himbeeren oder schwarzen Johannisbeeren gemacht. Aber einige davon stehen traditionellen Traubenweinen in nichts nach.

Das Feinkostgeschäft Roots in der Markthalle Hales turgus bietet jede Menge köstliche einheimische Spezialitäten an.

Uzupis ist eine eigene Republik

Einen weiteren Stadtteil, der im Osten an die Altstadt grenzt, sollten Reisende bei ihrem Vilnius-Besuch keinesfalls verpassen: Uzupis. Der Name bedeutet übersetzt „jenseits des Flusses“ und tatsächlich ist Uzupis von drei Seiten von der Vilnia umgeben. Ein schnöder Stadtteil ist er aber nicht. Denn das gerade einmal 0,6 Quadratkilometer große Gebiet ist eine eigene kleine Republik.

Ein Schild an der Brücke über die Vilnia zeigt: Hier beginnt die Republik Uzupis.


Einst vornehmlich von Juden bewohnt, siedelten sich nach deren Vertreibung und Ermordung hier vor allem Kriminelle und Prostituierte an. In den Neunzigerjahren entdeckten Künstler die damals heruntergekommenen Häuser für sich und machten Uzupis zu einer Art Künstlerkolonie. Als Kunstaktion riefen sie die unabhängige Republik Uzupis aus. Heute gibt es zahlreiche Galerien und auch in Straßen und auf den Plätzen steht, hängt und liegt jede Menge Kunst.

An einer Mauer an der Paupio gatve hängt die Verfassung der Republik Uzupis – übersetzt in zig verschiedene Sprachen.


Wer die unsichtbare Grenze über die Brücke an der Uzupio gatve überschreitet, kann sich im Souvenirshop dahinter einen Stempel in seinen Pass geben lassen. Hier ist auch eine gedruckte Version der eigenen Verfassung erhältlich. Schon in der nächsten Querstraße, der Paupio gatve, hängt diese aber auch auf großformatigen Tafeln übersetzt in mehr als 20 Sprachen.

41 Regeln sind darauf vermerkt. Jeder Mensch hat das Recht zu lieben, steht da zum Beispiel. Und: Jeder Mensch hat das Recht, glücklich zu sein. Aber auch: Jeder Mensch hat das Recht zu glauben. Ob das auch für den Glauben an Wunder gilt, ist nicht übermittelt. Aber das würden wohl ohnehin die meisten Litauerinnen und Litauer so sehen.

Tipps für deine Reise nach Vilnius

Aktuelle Situation: Das Auswärtige Amt warnt aktuell vor nicht notwendigen, touristischen Reisen nach Litauen. Das Land ist als Hochrisikogebiet eingestuft. Um Tests und Quarantäne zu vermeiden, müssen Reisende eine abgeschlossene Impfung oder ihre Genesung nachweisen und sich vorab online bei den litauischen Behörden registrieren.

Anreise: Von verschiedenen deutschen Flughäfen gibt es Direktflüge nach Vilnius– etwa von Frankfurt am Main, Bremen und Berlin.

Beste Reisezeit: Reisen nach Vilnius sind vom Frühling bis in den Herbst möglich. Am angenehmsten sind die Temperaturen von Juni bis August. Im Winter kann es sehr kalt werden.

Essen: In Vilnius gibt es eine große Auswahl an Cafés und Restaurants. Besonders empfehlenswert ist das Restaurant Mykolo 4 (Sv. Mykolo gatve 4), in dem traditionelle Gerichte modern interpretiert werden. Auf der Speisekarte finden sich typische Spezialitäten wie die Rote-Bete-Suppe aber auch Besonderheiten wie mit Blaubeeren marinierter Hering.

Die Hering, der in Heidelbeeren eingelegt wurde, ist eine der zahlreichen traditionellen litauischen Spezialitäten, die im Mykolo 4 modern interpretiert werden.

Die Reise wurde unterstützt von Go Vilnius. Über Auswahl und Ausrichtung der Inhalte entscheidet allein die Redaktion.