Der Themenweg Hirschhagen, dem wir zu großen Teilen folgen, steht unter dem Titel "Von einer der größten Sprengstofffabriken des Dritten Reiches zum Industriegebiet”. Und er verbindet Wissensvermittlung mit Erlebnisfaktor, denn wir bekommen ein Gefühl dafür, wie es sein muss, “Lost Places” zu entdecken.

Die ausgewiesene Route verlassen wir, um auch in die Gefilde zu gelangen, die nicht mit Infotafeln versehen sind, aber spannende Anblicke bieten. Und doch gehen wir längst nicht alle Wege, an denen die Überreste der Gebäude der Rüstungsindustrie der Nazizeit zu sehen sind.

Bereits die Karte am Startpunkt zur Themenwanderung an der Dieselstraße in Hirschhagen macht deutlich: Die Anlage muss immens groß gewesen sein. Allein 3,5 Kilometer umfasst der einfache Rundweg durch das heutige Industriegebiet, eine Erweiterung auf fünf Kilometer ist ebenfalls beschildert. Unser Weg führt dort entlang und streift zudem einige Gebäude, die ebenfalls zu den Anlagen des Geländes gehörten, aber weiter außerhalb liegen. Wir bewegen uns zwischen Industriegebiet und Wald, Neubauten und Ruinen.

Das sind die Eckdaten:

  • Länge: 8 Kilometer
  • Dauer: 3 Stunden

Zu Beginn erfahren wir, wie es zum Bau der Sprengstofffabrik kam: Das nationalsozialistische Reich beauftragte 1935 die Dynamit-Aktiengesellschaft, mit Reichsmitteln eine Fabrik zu bauen. Die fertige Anlage ging in die „Montan“ über, die im Besitz des Reiches war. Die DAG sicherte den Betrieb zu und hatte zugleich Sicherheit hinsichtlich des Absatzes, aber kein Risiko, was Folgeschäden, wie beispielsweise durch Bodenbelastung, anging. Ein ebenso ausgeklügeltes wie perfides System. Beispiele dafür werden uns an diesem Tag noch häufiger begegnen. Wie etwa die Tarnbezeichnung: „Friedland-Werke“.

Nur wenig blieb von den Gebäuden der Sprengstofffabrik übrig.

Kaum ein Vierteljahr verging bis zum Baubeginn. Tag und Nacht waren Arbeitskolonnen im Einsatz, immer wieder wurden Erweiterungen beauftragt. „Die Anlagenerweiterungen waren noch im Bau, als am Gründonnerstag 1945 die Produktion eingestellt wurde“, ist auf einer Infotafel zu lesen.

Diese setzen die noch bestehenden Gebäudeteile in ihren historischen Kontext oder schildern dort, wo heute nichts mehr zu sehen ist, was einst dort geschah. Besucherinnen und Besucher sollten also Zeit einplanen, um die ausführlichen Texte zu lesen. Die überwachsenen Bahngleise erinnern daran, warum unter anderem dieser Standort für die Fabrik gewählt wurde, nur wenige Schritte entfernt werden die einzelnen Produktionsarten geschildert - in Hirschhagen wurden TNT und Pikrinsäure hergestellt und Nitropenta abgefüllt. „Insgesamt wurden ca. 142000 Tonnen Sprengstoff produziert“ - einmal mehr stockt uns unterwegs der Atem, auch ob der Gefahr, die eine solche Produktion birgt. Auch darüber klärt der Themenweg auf: Datum, Ort, Anzahl der Toten sind aufgelistet.

Mitten im Wald befinden sich einige der Gebäude, in denen teils Vandalen gewütet haben.

Was genau die Arbeit so gefährlich machte und wie die Gebäude ausgestattet waren, um im Fall einer Explosion den Druck kontrolliert entweichen zu lassen, wird ebenso erklärt wie die Rolle der Arbeiterinnen und Arbeiter. Und wieder macht sich ein mulmiges Gefühl breit: Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter kamen zum Einsatz, die Arbeitsbedingungen waren katastrophal. So gab es beispielsweise Menschen, die als “Kanarienvögel” bezeichnet wurden. Die Sprengstoffstäube hatten ihnen Haut und Haare gelb verfärbt. Bis zu 6000 Menschen, darunter Strafgefangene und KZ-Insassen, arbeiteten unter teils menschenunwürdigen Bedingungen.

Eigenwillige Idylle: Blumenkasten vor einem teils zerstörten Fenster eines der im Verfallen begriffenen Gebäude.

Geschichten wie diese erzählen die teils eigenartig geformten, wenn auch in ihrem Erscheinungsbild entmilitarisierten und nicht selten zu Ruinen verfallenen Betonbunker, denen wir unterwegs begegnen. Einigen sind die Maßnahmen zum Zwecke der Tarnung noch anzusehen, andere wirken wie überdimensionale Skelette. Das bedrohliche Aussehen der Gebäude hinterlässt ein bedrückendes Gefühl. Was wir nicht sehen können, aber anhand von Tafeln geschildert bekommen, ist die Umweltverschmutzung, die das Gelände belastete. Jahrzehntelang mussten Boden und Wasser aufbereitet werden, um es sicher nutzbar zu machen und die Gefahr für die Menschen in der Umgebung auszuschalten.

Versteckt in der Erde: An einigen Stellen wird noch immer deutlich, welcher Wert auf die Tarnung der Gebäude gelegt wurde.

148 Bauwerke wurden nach Ende des Krieges zerstört, einige dienen heute als Industriehallen, andere verfallen. Insbesondere sie sind es, die die Wanderung entlang des Themenwegs zu einem besonderen Erlebnis der Erinnerungskultur machen.

TIPP 1: Führungen auf dem Themenweg

Den Themenpfad auf eigene Faust zu erkunden kann keine Führung durch das Gelände mit fachkundigen Menschen ersetzen, das wird nach Ende des Rundweges klar.

Buchungen sind im Bürgerbüro Hessisch Lichtenau (05602/807-100) und im Bürgerbüro Helsa (05605/8008-0) möglich. Eine öffentliche Führung auf dem Themenweg Hirschhagen wird am Tag des offenen Denkmals, Sonntag, 12. September, angeboten. Interessierte starten um 13 Uhr an der Ecke Dieselstraße / Daimlerstraße in Hirschhagen.

Tipp 2: Actionpark Hirschhagen

Escape Room, Mind Arena, Paintball oder Lasertag: Fans actiongeladener Freizeitbeschäftigung kommen im Actionpark Hirschhagen auf ihre Kosten. Die Abenteuer können online gebucht werden auf actionpark-hirschhagen.de.

Tipp 3: Die Rohrbachkaskaden bei Helsa

Der Eco Pfad Industrie- und Kulturgeschichte führt entlang der Rohrbachkaskaden. Bei den Kaskaden handelt es sich um einen künstlichen Wasserlauf, der Ende des Zweiten Weltkriegs wegen der kontaminierten Abwässer der Sprengstofffabrik in Hessisch Lichtenau-Hirschhagen erbaut wurde und der noch heute das Wasser des Rohrbachs in die Losse führt. Zum Bau der Kaskaden von Ende 1944 an wurden auch jüdische Frauen aus dem Lager “Vereinshaus”, einer Außenstelle des KZ Buchenwald, eingesetzt.