Der Harz ist das größte Bike-Paradies im Norden. Allein das Wegenetz der Volksbank Arena Harz umfasst 74 MTB-Rundrouten mit 2300 Kilometern Länge und 50.000 Höhenmetern und bietet von Cross Country, Marathon und Freeride, Downhill oder Dirt alle Facetten des Bikens. Da ist für jede und jeden was dabei: von leicht bis extrem, steil hinauf oder rasant hinunter. 

Und natürlich gibt es auch viele Wege, den Harz zu durchqueren – von Nord nach Süd, von West nach Ost. Und genau das wollte reisereporterin Anna schon lange tun und hat sich den Wunsch nun erfüllt. Zwei Tage ging es durch die Region: 60 Kilometer und 630 Höhenmeter an Tag eins und 35 Kilometer sowie 880 Höhenmeter an Tag zwei. Wie es war, liest du hier.

TransHarz – zwei Tage Action in den Bergen

Als halbwegs sportliche, aber doch untrainierte Anfängerin entscheide ich mich für eine zweitägige Route, die am ersten Tag von Hahnenklee über Wildemann und Lautenthal, Wolfshagen und Goslar bis nach Bad Harzburg führt, und am zweiten Tag von Bad Harzburg zu Molkenhaus und Eckertalsperre, über Torfhaus, ein Stück den Goetheweg entlang auf die Achtermannshöhe zum Oderteich und über den Rehgraben nach St. Andreasberg.

Von Hahnenklee durchs Grumbachtal nach Wildemann.

Da ich mich zum einen ganz den Schönheiten der Strecke widmen will, zum anderen aber auch meine ganze Energie und Konzentration für das Radeln benötigen werde, begleitet mich Melanie Leunig, eine erfahrene Tourenführerin und leidenschaftliche Bikerin. Sie kennt jeden Trail im Harz und jede Steigung, sie weiß, wo der Blick am schönsten ist und welche Passagen besser zu umfahren sind.

Sie ist es auch, die die Route über den Tourenplaner „Komoot“ für uns ausgearbeitet hat und mir ein paar Tage vorher zuschickt. Und das ist der Moment, in dem sich mein Puls zum ersten Mal beschleunigt: „Schwere Tour, nur mit guter Kondition“, steht da. Mir bricht der Schweiß aus, ohne dass ich in die Pedale trete. Dann ploppt eine Nachricht auf, dass ich mich von der Beschreibung nicht abschrecken lassen solle. Ich würde das schon schaffen. 

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Mädels on tour: Guide Melli und ich auf Tour durch den Harz.

Tag 1: Klein-Tirol im Harz und das Oberharzer Wasserregal

Los geht's am Parkplatz nahe der Stabkirche in Hahnenklee. Durch das idyllische Grumbachtal am Grumbacher Teich vorbei fahren wir über kleinere Trails und Wurzeln abwärts nach Wildemann. Die hübsche Bergstadt, auch Klein-Tirol genannt, liegt eingebettet zwischen Innerste- und Spiegeltal und ist ein guter Ausgangspunkt für Wanderungen und Biketouren durch die Harzwälder.

Start der zweitägigen TransHarz ist an der Hahnenkleer Stabkirche.

Der Lauthentaler Kunstgraben, der schon 1570 angelegt wurde und heute zum Unesco-Weltkulturerbe Oberharzer Wasserregal mit seinen unzähligen Teichen und Wasserläufen gehört, verwandelt sich zunehmend in einen lichten Höhenweg. Immer wieder erlaubt er schöne Blicke auf die abwechslungsreiche Bergbaulandschaft und führt uns bei sanftem Gefälle entlang der Innerste nach Lauthental. 

Entlang der alten Bahntrasse radeln wir ein Stück meist flach oder leicht bergab auf dem schönen Innerste-Radweg bis zum Innerstestaudamm. Dort verlassen wir ihn, um ins Fischbachtal zu fahren und schon bald nach Wolfshagen zu gelangen.

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Beim Herrn der Ringe und in der 1000-jährigen Kaiserstadt

Völlig unerwartet taucht östlich von Wolfshagen eine bizarre Felsformation inmitten der Landschaft vor uns auf. Der ehemalige Diabas-Steinbruch ist allerdings nicht das Zuhause von Elben und Hobbits – obwohl die sich sicherlich wohlfühlen würden –, sondern von zahlreichen einheimischen Pflanzen und Tieren wie Uhu, Wanderfalke oder Glockenfrosch.

Am Diabas-Steinbruch bei Wolfshagen könnten Elben und Hobbits sich wohlfühlen.

Von dort geht's zur imposanten Granetalsperre, die mit ihrem 62 Meter hohen Staudamm und den gut 46 Millionen Kubikmetern Fassungsvermögen zu den größten Talsperren der Gegend gehört. Wer sicher im Sattel ist und noch genug Power hat, kann auch einen Abstecher zur Steinbergalm oberhalb der Talsperre machen. Dann führt die Route über den 472 Meter hohen Steinberg nach Goslar. Dort lohnt neben einer Einkehr auch ein Blick vom rund gemauerten Aussichtsturm Steinbergturm, der unter Denkmalschutz steht.

Wir entscheiden uns für die weniger anstrengendere Passage, die leicht bergab in die Weltkulturerbestadt Goslar führt. Durch die kleinen Straßen der Altstadt, am Marktplatz vorbei gelangen wir zur Kaiserpfalz und haben hier knapp zwei Drittel des Tagespensums hinter uns. Ohne Bike und weitere 19 Kilometer und vor allem noch etliche Höhenmeter vor uns würden hier zahlreiche Sehenswürdigkeiten locken – die historische Alstadt, Kaiserpfalz, Museen, gut erhaltene Gilde- und Bügerhäuser, die Stiftkirche oder der nahe gelegene Rammelsberg, in dem sich ein Besucherbergwerk befindet. Wir genießen nur einen Kaffee in der Sonne und schwingen uns wieder in den Sattel. 

Räder und Radlerinnen ruhen kurz aus.

Richtung Oker geht es zunächst auf Teer, dann auf Schotterwegen unterhalb des Hahnenbergs entlang. Wir überqueren die Oker und folgen dem Flusslauf. Kurz müssen wir die Räder über eine steile Treppe schieben, dann geht es noch einmal mit zwölf bis 13 Grad Steigung zur Sache beziehungsweise in die Beine.

Die untrainierten Oberschenkel brennen, die letzten zehn Kilometer fordern die Muskeln noch einmal heraus. Vorbei am hübschen Café Goldberg, oberhalb von Göttingerode und wunderschönen Gestütswiesen erreichen wir dann aber doch ohne schlappzumachen unser Ziel Bad Harzburg.

Tag 2: Vom Baumwipfelpfad hoch hinauf

Tag zwei auf der TransHarz-Route beginnt unter dem Baumwipfelpfad am Fuß des Burgbergs. Durch die Wipfel der Laubbäume fällt das Morgenlicht ins Kalte Tal. Wir treten gleichmäßig in die Pedale. Bestand der Streckenabschnitt des Vortags aus einem Auf und Ab, so gestaltet sich das Höhenprofi nun ganz anders: Es geht von Beginn an nur bergauf. Freundlich plätschert der Kaltentalsbach neben uns, während wir die ersten Kilometer auf einem kleinen Trail bergan fahren. Das letzte Stück zum bewirtschafteten Molkenhaus ist ein Forstweg. Selbst wenn hier noch nicht wirklich Höhenmeter geschafft sind, lädt eine Holzliege am Wasser zu einer kleinen Pause ein. 

Auf dem Weg von Bad Harzburg zum Molkenhaus durchs Kalte Tal

Einmal Seele baumeln lassen, bevor es auf den „Schotter des Todes“ geht. Die Meter auf dem lang gestreckten Weg an frisch gemähten Wiesen vorbei ziehen sich. Kurz vor der Eckertalsperrre passieren wir die Luisenbank, von wo aus sich ein wunderbarer Blick zum Brocken bietet.

Wir aber radeln weiter zur Eckertalsperre, die halb in Niedersachsen und halb in Sachsen-Anhalt liegt. Dort wartet ein kleiner Geschichts-Exkurs: Durch den Bau der Mauer 1961 wurde die Talsperre zum Grenzfall, mitten im Wasser verlief die Zonengrenze. Auch heute noch kann man auf der Staumauer den Grenzstein sehen, der Ost und West fast 30 Jahre teilte. Doch auch während der Teilung lieferte der Speicher „DDR-Wasser“ in den Westen.

Mitten auf der Staumauer verlief die Grenze zwischen beiden deutschen Staaten.

Auf den Spuren berühmter Männer: Kaiserweg und Goetheweg

Das nächste Ziel ist Torfhaus. Auf dem Weg dorthin gelangen wir kurz hinter der Eckertalsperre auf den steinigen Kaiserweg. Zum Teil weist der an einigen Stellen noch die historische Wegpflasterung auf und ist daher eher etwas für sehr geübte Biker. Wir könnten das ganze Stück auf einem schotterigen Forstweg umfahren oder ein kleines Stück Kaiserweg genießen und die schwierigen Passagen einfach schieben. Wir entscheiden uns für Letzteres, lassen Torfhaus rechts liegen und gelangen alsbald zu der Kreuzung, an der Kaiserweg und Goetheweg aufeinandertreffen.

Hier wird es plötzlich voll, aber der Weg Richtung Brocken ist breit genug für Menschen auf zwei Beinen und zwei Rädern. Kurz hinter der Schutzhütte am Eckersprung kommt der Moment der Wahrheit: hoch zum Brocken oder nicht? Wer hier „Ja“ sagt, der hat einen etwa drei Kilometer langen Aufstieg auf den 1142 Meter hohen Berg vor sich – und denselben Abstieg zurück. Der Brocken als DER Gipfel des Harzes lockt natürlich ... Aber mir reicht es, ihn von Ferne zu sehen.

Wir biegen rechts ab Richtung Dreieckiger Pfahl auf den Grenzweg, oder das Grüne Band, wie der ehemalige Grenzstreifen genannt wird. Wir radeln auf den breiten Platten durchs Rote Bruch, an der Großen Bode entlang und kommen dem mit 925 Höhenmetern höchsten Gipfel unserer Tour immer näher: der Achtermannshöhe.

Viel totes Holz rund um Brocken und Wurmberg.

Auf der Achtermannshöhe

Nicht zum ersten Mal bemerken wir auch hier die vielen toten Bäume, die dem Borkenkäfer zum Opfer gefallen sind. Wo wir hinschauen, liegen abgestorbene Fichten wie Mikadostäbe am Weg und auf den Hängen. Doch beim genauen Hinsehen lässt sich auch Schönes beobachten: Am Waldboden zeigen frisches Grün und lilafarbene Blüten, die neben den grauen Tothölzern am Boden leuchten, dass die Natur lebt.

Die vorletzte Passage auf dem Weg zur Achtermannshöhe ist anstrengend und steil. Zu steil für mich. Ich muss absteigen und schieben. Die durchtrainierte Melanie wird oben auf mich warten. Die letzten Meter bis zum Gipfel müssen ohnehin erklettert werden. Oben bietet sich ein fantastischer 360-Grad-Blick auf Brocken, Wurmberg und in Richtung Sankt Andreasberg, dem Ziel der heutigen Runde.

Die Achtermannshöhe ist mit 925 Höhenmetern der dritthöchste Berg des Harzes.

Auf dem Milliardenweg fahren wir ab gen Oderbrück, müssen die befahrene B 4 überqueren und ein kleines Stück auf der B 242 fahren, bis rechterhand der Oderteich auftaucht. Wir biegen links ab auf den Parkplatz Rehgraben, um diesem einige Kilometer zu folgen. Der Schotterweg führt meist sanft bergab; die steilen Anstiege des Tages haben wir hinter uns. Links fließt tief unten im Tal die Oder, rechts begleitet uns recht flott der Rehbach. 

Wir passieren das Rehberger Grabenhaus und fahren das letzte Stück nach Sankt Andreasberg auf einer asphaltierten Straße durch lichten Laubwald. Noch ein paar Kurven, ein paar kurze Trails durch Wiesen und wir sind am Ziel: am Bikepark am Matthias-Schmidt-Berg, wo ein kaltes Radler auf die Radlerinnen wartet. Ein herrlich entspannter Abschnitt nach den Mühen des langen Anstiegs in der warmen Septembersonne ...