In Deutschland gibt es ihn nur in wenigen Regionen zuverlässig, aber am Nordpol liegt der Schnee meterhoch. Das wollte Lia mit eigenen Augen sehen. Also buchte ihre Tante Emma Zugtickets an den nördlichsten Bahnhof Europas – und das Abenteuer der beiden begann, wenngleich es nicht wirklich bis zum Nordpol führte. 

Gemeinsam reisten sie im Februar 2019 mit dem Zug zum nördlichsten Bahnhof Europas nach Narvik in Norwegen. Dabei musste Tante Emma (damals 26) viele Fragen ihrer sechsjährigen Nichte beantworten – und auch den ein oder anderen peinlichen Moment über sich ergehen lassen, wie sie in ihrem Buch „Tante Emma und der Schnee-Express“ festgehalten hat. Was sie auf der siebentägigen Reise erlebten, hat Emma Bessi dem reisereporter in einem Interview verraten. 

Wie seid ihr auf die Idee gekommen, mit der Eisenbahn in Richtung Arktis zu fahren?

Das war nicht meine Idee, sondern die meiner Nichte. Etwa zwei Monate vor ihrem sechsten Geburtstag saß ich mit ihr in ihrem Zimmer und wir haben uns das Buch „Briefe von Felix“ angeschaut. Da sind wir an einem Kapitel hängen geblieben, wo der Hase mitten im weißen Nirgendwo steht. Da wollte meine Nichte natürlich wissen, wo das ist. Als ich ihr erzählte, dass das am Nordpol ist, war sie so verwundert, dass es überhaupt so einen Ort gibt, an dem so viel Schnee liegt. Auf ihrer Landkarte musste ich ihr zeigen, wo der Nordpol liegt. Und weil sie im Frühjahr mit mir im Schnellzug gefahren ist, fragte sie mich, ob auch ein Zug dahinfährt. Also habe ich nachgeschaut und eine Strecke herausgesucht.  So hat das alles seinen Lauf genommen.

Mit dem Interrail Pass in Richtung Arktis – Emma und Lia haben es gewagt.

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Wie hat deine Schwester auf den Plan reagiert?

Meine Schwester fand das eher lustig. Ich bin ehrlich: Ich habe keine Kinder und habe es mir echt einfach vorgestellt, mit einer Sechsjährigen mit dem Zug in den Norden zu fahren. Meine Schwester wusste natürlich, wie anstrengend so etwas sein kann.

Was habt ihr alles für die Zugreise eingepackt? Musste für Lia etwas Bestimmtes mit?

Weil sie noch nicht lesen konnte, hatte ich ihr Karten mit diversen Symbolen gemacht, damit sie ihren Koffer selbst packen kann. Also zum Beispiel einen Teddybär, fünf Unterhosen und so weiter. Was die Kuscheltiere betraf, da wollte sie ziemlich viele mitnehmen. Dann stand da der ganze Flur voll mit ihren Sachen. Ich habe ihr gesagt: „Wie willst du denn das schleppen?“ Also erklärte ich ihr, sie könne nur das mitnehmen, was sie auch tragen kann. Ihre Trekking-Klamotten, die schnell und leicht trocknen, hatte ich dann bei mir mit im Gepäck.

Mit was für einem Zug seid ihr dann gefahren? 

Wir sind von Wuppertal aus nach Düsseldorf, Hamburg, Kopenhagen gefahren. In Stockholm hatten wir einen Aufenthalt von zwei Tagen, weil die Reise dorthin 14 Stunden dauerte. Nach Narvik sind wir mit einem Nachtexpress gefahren. Da wir aber viel Verspätung durch eine Rentierherde auf den Gleisen und einen Unfall hatten, waren wir 36 Stunden statt 20 Stunden im Zug. Insgesamt waren wir auf dem Hinweg etwa 64 Stunden unterwegs.

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Lia ist ganz erstaunt über den vielen Schnee.

Wie habt ihr die Zeit im Zug verbracht?

Irgendwie gab es immer etwas. Ich habe darauf geachtet, dass Lia sehr viel Beschäftigungsmaterial hatte – nicht nur ein Tablet zum Seriengucken. Zum Beispiel habe ich Material geholt, damit sie sich ein Tagebuch selbst basteln kann. Darunter auch eine Sofortbildkamera, damit sie die Bilder da hineinkleben kann. Damit war sie teilweise stundenlang beschäftigt. Außerdem haben wir viel Karten und Uno gespielt. Dafür musste ich ihr beibringen, dass man nicht schummelt. Und natürlich hat Lia mit vielen Leuten geredet und einige auf Trab gehalten. 

Durftet ihr zwischenzeitlich den Zug auch verlassen?

Ja, in Kiruna in Schweden hatte unser Zug wegen des Unfalls einen langen Aufenthalt. Währenddessen waren wir viel auf dem Spielplatz, wo Lia auch mit anderen Kindern spielen konnte. Besonders klasse fand sie es, die Schneeberge hochzulaufen oder sogar im Schnee zu versinken. Da es dort sehr kalt war – sogar viel kälter als an unserem Zielort Narvik –, lag dort der meiste Schnee, den wir auf unserer Reise gesehen haben. Aufgrund des Golfstroms waren es in Narvik nur minus acht Grad, in Kiruna bis minus 32 Grad. 

Kleine Auszeit im Schnee.

Gab es einen außergewöhnlichen Moment, den ihr zwei geteilt habt?

Es gab viele solcher Momente. An der dänischen Grenze kamen Zollbeamte rein und fragten, ob es etwas zu verzollen gebe – viel Bargeld, Schmuck, Kameras und so weiter. Als das Wort Kamera fiel, meinte meine Nichte direkt: „Wir haben zwei große Kameras und eine fliegende Kamera.“ Das war mir unangenehm, weil die Beamten das natürlich sehen wollten und ich zuvor gesagt hatte, ich habe nichts dabei. 

Da das gebraucht war, musste ich keinen Zoll zahlen, aber es hat mich etwas geärgert, dass sie das einfach ausgesprochen hat. Ich sagte ihr dann, wenn noch mal so etwas passiert, dann soll sie einfach den Mund halten, wenn sie nicht angesprochen wird. Zehn Minuten später kam dann die Polizei rein und kontrollierte unsere Pässe. Dabei sprach ein Polizist meine Nichte an. Und die presste dann demonstrativ die Lippen aufeinander. Als ich zu ihr sagte: „Warum gibst du keine Antwort?“, antwortet sie: „Du hast gesagt, ich darf nicht mehr mit Polizisten reden.“ Da musste ich ihm erst mal die Situation erklären. Solche Momente gab es viele.

Was habt ihr aus dem Zug heraus alles gesehen?

Da wären die tollen weißen Schneelandschaften, die Polarlichter, die wir aus dem Zug gesehen haben, und eine Rentierherde, die auf den Gleisen stand. Besonders interessant war, als wir von einem Mitreisenden einige Fakten zu Rentieren erfahren haben, beispielsweise, dass sie Klickgeräusche machen, ihre Augenfarben zu den Jahreszeiten verändern und die weiblichen Tiere auch ein Geweih haben. Das wussten weder ich noch meine Nichte.

Auch weibliche Rentiere haben ein Geweih – ein Fakt, den Emma und Lia erst auf ihrer Reise lernten.

Als ihr am Ziel in Narvik angekommen seid, was habt ihr gemacht?

Irgendwie haben wir uns das anders vorgestellt. Der nördlichste Bahnhof Europas, der zweitnördlichste der Welt – und dann standen wir da. Meine Nichte sagte: „Das ist er?!“ Wir haben dann noch im Hotel übernachtet und uns Narvik angeschaut. Aber da gibt es halt nichts Großartiges – Narvik ist einfach nur eine kleine Industriestadt. Doch das war nicht schlimm. Uns ging es ja eher um die Fahrt dorthin. Am besten fand Lia es, im Nachtzug den Pyjama tragen zu können und sich dort ins Bett zu legen. 

Lia im Pyjama, bereit für ein Schläfchen im Zug.

Würdest du in Corona-Zeiten so eine Reise mit deiner Nichte auch noch mal starten?

Tatsächlich verreise ich mit meiner kleineren Nichte, die nun eingeschult wurde, im Oktober. Die will natürlich auch ein Abenteuer erleben. Schon damals, als ich mit Lia verreist war, habe ich ihr versprochen, wenn sie sechs Jahre alt ist, dann machen wir auch eine richtig coole Reise. Nun will sie auch mit dem Zug fahren, aber über Osteuropa nach Finnland zum Weihnachtsmann. Da gibt es ja den Polarexpress und das Weihnachtsdorf. Dort angekommen, wollen wir auch mit dem Auto in andere Länder weiterfahren und uns Wale anschauen. 

Und Lia möchte bei dem Abenteuer im Oktober nicht mitkommen?

Nein, ich habe ihr schon damals gesagt, dass ich mit ihr alleine eine Reise mache, wo sie hinwollte, und das werde ich auch mit ihrer Schwester machen. Nächstes Jahr haben wir aber gemeinsam vor, nach Kirgistan in ein Jurten-Camp zu fliegen. Aber erst einmal gilt es, für die Reise im Oktober zu sparen. Dafür lege ich schon seit etwa drei Monaten immer wieder Geld zurück – mal 20 Euro in der Woche, mal 50 Euro. Denn ich möchte auch meinen Nichten zeigen, dass es mit Sparen möglich ist, eine Reise zu machen. Dafür reicht es oft schon, wenn man auf Kleinigkeiten verzichtet, die viel Geld fressen: ein Coffee to go beispielsweise oder Fast Food. Auch meine kleine Nichte spart schon fleißig mit. Das Kleingeld, das sie von meinem Vater oder meiner Mutter bekommt, sammelt sie und tauscht es in der Bank dann zu Scheinen um. Das nächste Abenteuer kann also kommen.