Am Hörnle, einem beliebten Aussichtsberg in den Ammergauer Alpen, ziehen sich sattgrüne Wiesen hoch bis in Steillagen hinein. „Normalerweise würden die Bergbauern hier nicht mähen, weil es sich nicht lohnt“, sagt Nina Helmschrott, Koordinatorin im Naturpark Ammergauer Alpen. Einmal im Jahr tun sie es aber doch und bewahren die Hänge damit vor Verbuschung. „So entsteht ein einzigartiger Lebensraum für seltene Pflanzen- und Insektenarten“, schildert Helmschrott.

Was mit dem geernteten Heu passiert, lässt sich etwa 15 Kilometer weiter nördlich auf der Schönegger Käsealm in Erfahrung bringen. Dort kann man Bergbauern-Heumilchkäse probieren, den der Betrieb von Käsermeister Sepp Krönauer herstellt – naturnah, gentechnikfrei und ohne den Einsatz von Silage als Futtermittel für die Kühe. Mit seinem an mehreren Standorten vertretenen Familienunternehmen macht er das so erfolgreich, dass sein Käse mittlerweile in rund zwei Dutzend Länder exportiert wird.

Ammer-Amper-Radweg führt durch das Voralpenland

Hörnle und Schönegger Käsealm haben eine Gemeinsamkeit. Sie liegen am Ammer-Amper-Radweg, der sich auf exakt 202 Kilometern Länge aus den Alpen heraus durch das Voralpenland westlich an München vorbei bis zur Mündung der Amper in die Isar bei Moosburg zieht. Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) hat ihm als einzigem Fernradweg in Oberbayern für seine Qualität vier Sterne zugesprochen; das ist die zweithöchste Kategorie.

Der Ammer-Amper-Radweg führt aus den malerischen Ammergauer Alpen hinaus.


Wer ihn fährt, muss sich zunächst die Frage beantworten, in welche Richtung es gehen soll. Wählt man die Fließrichtung der Flüsse, ist man in der Regel auf angenehmen Gefällestrecken unterwegs. „In Gegenrichtung liegen immer die Berge am Horizont als Ziel vor Augen. Das ist auch nicht zu verachten“, erklärt Arvis Robalds, Qualitätsbeauftragter für den Fernradweg.

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Canyon bei Saulgrub ist ein erster Höhepunkt

Fährt man im für die Passionsspiele, Holzschnitzkunst und Lüftlmalereien an den Hausfassaden bekannten Oberammergau los, verläuft die Strecke an der Ammer entlang zunächst bis zur sogenannten Scheibum bei Saulgrub. Hier drücken Felswände den Fluss auf nur neun Meter Breite zusammen. Für die nächsten 20 Kilometer bildet er einen bis zu 70 Meter tiefen Canyon, der so eng ist, dass die Radstrecke den Flusslauf öfter verlassen muss.

In diesem Abschnitt durchfließt die Ammer den Pfaffenwinkel. Diese Bezeichnung mag für norddeutsche Ohren despektierlich klingen. „Bei uns ist Pfaffe kein Schimpfwort“, sagt Elisabeth Welz vom Tourismusverband. Der Theologe Franz Sales Gailler hat im 18. Jahrhundert die Region beschrieben als eine „Gegend vor dem Gebirg, die mehr als andere mit Klöstern ersten Ranges gesegnet ist“. Laut Welz gibt es heute noch 159 Kirchen und Klöster im Pfaffenwinkel. Ihre Türme und Kuppeln sind Landmarken in der ruhigen, malerischen Hügellandschaft.

Kurz vor Polling gibt es Kunst

Über Peiting und Peißenberg führt der Fernradweg Richtung Weilheim, der Kreisstadt mit mittelalterlich geprägter Fußgängerzone, die sich nach 65 Kilometern Strecke als erstes Etappenziel anbietet. Auf dem Weg dorthin hält die Tour eine echte Überraschung bereit. Der Künstler Bernd Zimmer hat in freier Landschaft kurz vor Polling die Stoa 169 verwirklicht, eine frei zugängliche Halle mit 121 von Künstlerinnen und Künstlern gestalteten Säulen.

Kurz vor Polling lohnt sich eine Besuch der Stoa 169, einer offenen Halle mit 121 Säulen, die von Künstlerinnen und Künstlern gestaltet wurden.

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Es gibt einen goldenen Knoten, eine Faust, ein Streichholz, Motivsäulen mit Zeitungsseiten und vieles mehr. „Es ist ein idealistisches Objekt, frei zugänglich und für jedermann offen“, sagt Bernd Meier, Sprecher der Stiftung, die für die Stoa 169 gegründet wurde. Obwohl sie erst im September vergangenen Jahres eröffnet wurde, waren seinen Angaben zufolge schon rund 70 .000 Besucher dort.

Ammermündung ist beliebt bei Birdwatchern

Auf dem Weg von Weilheim zum Ammersee liegt morgens in der Flußaue fast ständig Vogelgezwitscher in der Luft, verursacht etwa von einem Braunkehlchen. Dass es es ein solches ist, das da Warte auf dem obersten Zweig eines Strauchs bezogen hat, erfährt der Laie aber nur, wenn er jemanden wie Klaus Summa trifft. „Das Gebiet an der Ammermündung in den See ist bundesweit Ziel für Birdwatcher, es gibt sogar organisierte Bustouren“, berichtet er. Mit seiner Kamera mit sehr langem Stativ ist Summa unschwer als Vogelbeobachter und -fotograf zu erkennen. Kampfläufer, diverse Greif- und allerlei Singvögel hat er für diesen Tag schon auf seiner Liste.

In Dießen kommen die Radfahrerinnen und Radfahrer an den Ammersee.


In Dießen erreicht die Strecke den Ammersee, den drittgrößten See Bayerns. Auf der Promenade herrscht schon früh am Tag viel Betrieb, ebenso in der malerischen Fischerei, einem kleinen Viertel mit Fischgeschäften, Cafés und Geschäften. Ein Verweilen mit Blick auf den See lohnt sich, denn später ist so etwas oft nicht möglich. Stattdessen kann sich, wer mag, am „Villen-Watching“ erfreuen. Das Ufer ist außerhalb von Strandbädern und Ortslagen häufig zugebaut mit großen Häusern auf großen Grundstücken hinter soliden Mauern, die den Eindruck erwecken, als fürchteten manche sicherlich betuchte Besitzerinnen und Besitzer eine Revolution der niederen Stände.

Fürstenfeldbrück lockt mit seinem Kloster

In Eching am Nordufer spendiert der See den zweiten namensgebenden Fluss für den Radweg, die Amper. Sie führt den Radler zunächst nach Fürstenfeldbruck und dort über das Gelände des imposanten barocken Klosters. Weiter geht es nach Dachau, nach 136 Kilometern Gesamtstrecke als zweites Etappenziel geeignet.

In Fürstenfeldbrück ist die barocke Klosterkirche Mariä Himmelfahrt die Attraktion.


Die Kreisstadt ist weithin bekannt als Standort eines der ersten der von den Nationalsozialisten errichteten Konzentrationslager. Seit 1965 fungiert es als Gedenkstätte mit Museum und Archiv. Dachau hat aber mehr zu bieten. „Die Einwohner sind stolz, dass die Stadt erstmals 805 urkundlich erwähnt wurde und damit rund 350 Jahre früher als München“, sagt Stadtführer Matthias Schüßler.

Dachau: Historische Altstadt ist ein Muss

Die historische Altstadt mit Schloss, Hofgarten und der Renaissancekirche Sankt Jakob steht seit 1984 unter Ensembleschutz und befindet sich auf der weit und breit einzigen Erhebung in der Landschaft. „Von hier liegt einem München zu Füßen“, erklärt Schüßler. In der Tat: Bei entsprechendem Wetter präsentiert die Landeshauptstadt ihre Silhouette, sogar die Zwiebeltürme der Frauenkirche sind auszumachen.

Zu den Höhepunkten der Tour gehört auch die malerische, historische Altstadt von Dachau



Bleiben noch gut 60 Kilometer bis zur Isarmündung in Moosburg. Ehrlicherweise sei gesagt: Diese Etappe hält sich mit Sehenswürdigkeiten zurück und entfaltet ihren Reiz hauptsächlich für jene, die beim Radeln in der Natur Gedanken schweifen lassen und Angefangenes auch zu Ende bringen wollen. Immerhin bleibt so Zeit für einen Stopp am idyllischen Badesee Kranzberger See. Die Moosburger Altstadt mit ihren Kirchtürmen und den historischen Bürgerhäusern markiert dann das Ende der Reise.

Tipps für eine Tour auf dem Ammer-Amper-Radweg

Anreise: Mit dem Auto über München nach Oberammergau. Von München auf der Autobahn A 95 Richtung Garmisch-Partenkirchen und der Bundesstraße 2 bis zur Abfahrt Richtung Ettal und Oberammergau. Nach Moosburg geht es über Nürnberg und Ingolstadt, dann auf der A 93 bis Wolnzach und schließlich auf der Bundesstraße 301 bis zum Zielort. Alternativ mit der Bahn nach München. Von dort gibt es Regionalzugverbindungen über Murnau nach Oberammergau, direkt nach Moosburg sowie nach Dachau und Fürstenfeldbruck, falls man nicht die komplette Tour fahren will. Wegen des Fahrradtransports empfiehlt es sich, die Regionalbahnen nicht zu den Hauptverkehrszeiten zu nutzen.

Beste Reisezeit: Die geeignete Reisezeit ist abhängig von der Wetterlage in den Alpen. Am besten eignet sich der Zeitraum von Mai bis September.

Die Tour: Die Tour verläuft auf gut ausgebauten Straßen und Wegen und ist bestens ausgeschildert. Im Pfaffenwinkel ist das Profil wellig, ansonsten meistens gemütlich flach. Höhere Anforderungen bestehen nicht.

Unterkünfte: Weil der Radweg großenteils durch beliebte Touristengebiete verläuft, empfehlen sich Reservierungen. Eine Liste von vom ADFC als fahrradfreundlich empfohlenen sogenannten Bed+Bike-Betrieben lässt sich auf der Internetseite des Radweges aufrufen.

Weitere Informationen: Wer die Reise nicht individuell organisieren möchte, bucht eine siebentägige Pauschaltour mit Leihrad – wahlweise mit E-Bike oder Trekkingrad.

Die Reise wurde unterstützt von den teilnehmenden Tourismusverbänden und Gemeinden des Ammer-Amper-Radwegs. Über Auswahl und Ausrichtung der Inhalte entscheidet allein die Redaktion.