Der Dalai-Lama, Ben Affleck und Mette-Marit von Norwegen haben (und hatten) eines gemeinsam: Flugangst. Sie sind nur drei prominente Betroffene – denn es gibt noch viele weitere Leidensgenossinnen und Leidensgenossen. Laut einer Untersuchung des Instituts für Demoskopie Allensbach haben allein in Deutschland 15 Prozent der Menschen Angst vor dem Fliegen. Weitere 20 Prozent verspüren ein ungutes Gefühl im Flugzeug. Insgesamt löst das Fliegen also bei jeder dritten Person hierzulande Angst, Stress und Unwohlsein aus.

„Ich reise selbst gern und habe schon vor Jahren festgestellt, wie limitierend die Flugangst sein kann“, erzählt Ingrid Richter. Sie ist seit 40 Jahren im Bereich Coaching tätig und bietet Seminare speziell für Kundinnen und Kunden an. Aus Furcht vor dem Fliegen lassen sich Betroffene die schönsten Urlaubsziele entgehen – auch zum Leidwesen der Mitreisenden. Sie vermeiden auch Geschäftsreisen oder verzichten lieber jahrelang auf Familienbesuche, anstatt sich für ein paar Stunden in ein Flugzeug zu setzen. 

Ingrid Richter hilft Menschen, die unter Flugangst leiden.

Dabei lässt sich die Flugangst überwinden, sagt Ingrid Richter. Im Gespräch mit dem reisereporter verrät sie, wie das gelingt und was hinter der Angst steckt.

Wie äußert sich Flugangst bei Betroffenen?

Der Puls wird schneller, das Herz hämmert in der Brust. Der Magen grummelt, der Schädel brummt. Betroffene verspüren Beklemmungsgefühle, sie leiden unter Schlafstörungen, bisweilen kommt es zu Panikattacken. Denn die Flugangst lässt im Körper sämtliche Alarmglocken schrillen: Achtung, Gefahr!

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„Flugangst macht sich körperlich bemerkbar“, sagt Ingrid Richter. Dabei gebe es auch schon Vorstufen: ein leises Kribbeln, eine leichte Anspannung, die sich schon am Flughafen im Körper breitmacht und die Vorfreude auf die Reise verdrängt. „Bei manchen löst schon das Foto eines Flugzeugs ein komisches Gefühl aus“, sagt Ingrid Richter. Dieses komische Gefühl sei manchmal der erste Schritt, die Vorstufe der Flugangst.

Und die wiederum befällt nicht nur den Körper, sondern auch die Gedanken. Menschen mit Flugangst malen sich die schlimmsten Szenarien aus, wollen nur noch raus – und wieder wortwörtlich sicheren Boden unter den Füßen spüren. Da nütze es auch nichts, dass es viel wahrscheinlicher ist, von einem Auto überrollt zu werden als bei einem Flugzeugabsturz ums Leben zu kommen, erklärt die Expertin. Denn bei der Flugangst übernimmt das Gefühl das Ruder, der Verstand hat Sendepause. 

Zwei Stewardessen im Inneren eines Flugzeugs. Menschen mit Flugangst beobachten das Verhalten des Flugpersonals meist genau.

Bei Betroffenen löst deshalb auch jede Turbulenz, jedes Wackeln, jedes Knacken im Flugzeug Stress aus. Sie beobachten sogar die Stewards und Stewardessen: Ist ihr Gesichtsausdruck neutral oder bedächtig? Setzen sie sich hin oder laufen sie herum? Und meist wird das Beobachtete als Hinweis gedeutet, dass irgendetwas nicht stimmen könne. „Für Menschen mit Flugangst ist ihre Angst rational. Sie können sich die schlimmen Szenarien vorstellen, also sind sie für sie real“, erklärt Ingrid Richter. „Deshalb muss man Flugangst ernst nehmen.“

Was ist Flugangst?

Auch wenn der Heißluftballon der Brüder Montgolfier bereits im Jahr 1783 zwei Reisende durch die Luft beförderte, so ist bis heute das Fliegen für den Menschen eigentlich etwas Unnatürliches. „Wir sind eigentlich dafür gestrickt, am Boden zu bleiben“, sagt Flugangst-Expertin Ingrid Richter.

Sobald ein Flugzeug abhebt, können deshalb Urängste vor dem Unbekannten ausgelöst werden. Gerade unvorhersehbare Ereignisse wie plötzlich auftretende Fallwinde seien für Betroffene ein Graus. Ähnlich ergehe es manchen Menschen auf einem Schiff, die nicht wissen, was sich unter ihnen im Wasser herumtreibt oder die bei jedem Wackeln zusammenzucken.

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„Wenn man zum Beispiel in eine Achterbahn einsteigt, dreht sich ja auch alles, man fällt hinunter – aber man sieht die Kurve oder den Looping, ist sich der Situation bewusst. Beim Fliegen ist das nicht so. Und das ist es, was vielen Angst macht“, erklärt die Coachin. „Dass Flugzeuge so gut ausgestattet sind, dass nicht viel passieren kann, spielt dann keine Rolle mehr.“

Bei Menschen mit Flugangst kämen zumeist mehrere Ängste zusammen, etwa Höhenangst, Platzangst oder Todesangst. Und auch die Angst vor der Angst plage manche: Sie fürchten sich davor, an Bord eine Panikattacke zu bekommen. 

Was hilft bei Flugangst?

Die Flugangst-Expertin unterscheidet zwischen kurzfristigen Maßnahmen, mit denen Betroffene auch mal einen Flug über die Runden bringen können, und langfristigen – mit denen die Flugangst dauerhaft verschwindet.

Flugangst: Diese Maßnahmen versprechen kurzfristige Hilfe

Die Liste der kurzfristigen Hilfen bei Flugangst ist, nun ja, kurz. Betroffene, die nicht um einen Flug herumkommen, sollten sich in jedem Fall vor dem Start an das Flugpersonal wenden, rät Flugangst-Expertin Ingrid Richter. „Wenn die Flugbegleiter eingeweiht sind, schauen sie regelmäßig, ob es einem gut geht.“ Außerdem sei es ratsam, die Sitznachbarin oder den Partner zu informieren. Das nütze aber nur dann, wenn diese oder dieser die Furcht auch ernst nimmt und bereit ist, die ängstliche Person zu unterstützen.

Alles, was von der Angst ablenkt und positive Gefühle hervorruft, kann ebenfalls helfen. Zum Beispiel: einen Film anschauen, die Lieblingsmusik hören oder sich gedanklich schon mal an den Urlaubsort begeben – und sich mit geschlossenen Augen den Anblick von Strand und Meer, das Gefühl von Sonne auf der Haut, den Geruch des Salzwassers und das Rauschen der Wellen vorstellen.

Eine Frau sitzt im Flugzeug am Fenster und schläft. Auch die Wahl des Sitzplatzes kann helfen, dass Betroffene stressfrei fliegen.

Auch die bewusste Wahl des Sitzplatzes kann dafür sorgen, dass der Flug mit weniger Stress verbunden ist. Besonders ruhig ist es über den Flügeln, als besonders sicher gelten die hinteren Sitzplätze – dafür wackelt es dort mehr. „Welcher Platz besser ist, hängt davon ab, was einen mehr stresst.“

Am Fensterplatz können Fluggäste zudem hinaussschauen und sich auch besser anlehnen, wenn sie schlafen. Denn: „Wer schläft, hat keine Angst“, sagt die Expertin. Wer sich allerdings vor dem Kontrollverlust fürchte und kein Vertrauen habe, könne vermutlich kaum beruhigt schlafen – und sollte das Problem deshalb gezielter angehen.

Flugangst dauerhaft verlieren: Mit diesen Tipps geht’s 

Wer seine Flugangst dauerhaft loswerden möchte, benötigt laut der Expertin vor allem zweierlei: die Zeit und den Willen, an dem Problem zu arbeiten. „Um die Flugangst zu überwinden, ist ein Umdenken im Fühlen und Handeln nötig – und das geht nicht von heute auf morgen.“ Drei bis sechs Monate müssten Betroffene investieren, in denen sie mithilfe unterschiedlicher Übungen ihre Angst angehen – bis sie wirklich verinnerlicht haben, dass das Fliegen nichts ist, vor dem sie sich fürchten müssen.

„Meine Erfahrung hat gezeigt: Fast alle brauchen einen Druck, etwa durch ein wöchentliches Treffen. Denn viele Menschen wollen zwar ihr Problem angehen und die Angst loswerden – aber wenn es scheitert, dann an der mangelnden Konsequenz“, erzählt Stresscoachin Ingrid Richter.

Wichtig sei, dass sich Betroffene bewusst mit ihrer Angst auseinandersetzen – gerade weil die Flugangst oft mit anderen Ängsten zusammenhänge. Was steckt hinter der Flugangst? Wovor konkret fürchten sie sich? Das setze aber auch voraus, dass die Person überhaupt zu ihrer Flugangst stehe und sie nicht vertusche.

Wer Muskelentspannungsübungen trainiere, könne diese auch beim Fliegen anwenden. Außerdem sollten sich Betroffene mit dem Fliegen an sich auseinandersetzen. Gerade bei technischen Fragen empfehle sich ein Besuch eines Flugsimulators. Auch die Flugangst-Coachin arbeitet mit einer solchen Einrichtung zusammen: „Dort ist ein Pilot, der einem alle Szenarien vorspielen kann, Start und Landung etwa, oder einem alle Geräusche erklärt, die im Flugzeug auftreten und ganz harmlos sind.“

Das Cockpit eines Flugsimulators zeigt einen Landeanflug.

Wer sich bereit fühle, könne außerdem bei einer Flugschule einen Rundflug mitmachen. Bisweilen erlauben diese sogar, dass Personen unter Aufsicht selbst einmal das Flugzeug steuern. „Dieses Gefühl der Kontrolle kann dabei helfen, die Angst zu überwinden.“ Allerdings sollten sich Betroffene ganz sicher sein, bevor sie diesen Schritt wagen.

Flugangst: Vorsicht mit Alkohol und Beruhigungsmitteln

Doch es gibt auch Dinge, die laut Stresscoachin Richter wenig hilfreich für Menschen mit Flugangst sind: Alkohol, Beruhigungsmittel und andere Tabletten. „Zu solchen Mitteln greifen zwar einige, doch sie können die Angst sogar noch verstärken“, warnt die Expertin.

Außerdem sei es keine Lösung, einfach komplett auf das Fliegen zu verzichten, um nicht mehr mit der Angst konfrontiert zu werden. „Ich würde auch deshalb nicht dazu raten, weil einem einfach zu viel entgeht.“

Ein Mitreisender hat Flugangst: Wie kann ich helfen?

Und was kann man tun, wenn man nicht selbst, sondern der Sitznachbar oder die Sitznachbarin unter Flugangst leidet? Wenn der Partner, die Partnerin oder das eigene Kind unter hohem Stress leidet, sobald ein Flugzeug abhebt? Auch Außenstehende können Betroffene unterstützen, sagt Ingrid Richter. Zum Beispiel, indem sie sie in ein Gespräch verwickeln und dabei nicht über die Angst, sondern über komplett andere, positive Dinge reden. Netter Nebeneffekt: So vergeht auch die Zeit wie im Flug.