Währing ist einer jener Wiener Stadtbezirke, die gern als wohlhabend beschrieben werden, ohne dass hier an jeder Ecke edle Villen und teure Geschäfte zu sehen wären. Es ist mehr das Gesamtensemble. Die alten Wohnhäuser, die sich von der Volksoper bis zum Wiener Wald ziehen, sind geprägt von reichhaltigen Verzierungen und mächtigen Eingangstüren.

Dahinter verbirgt sich meist eines jener aufwendig gestalteten Treppenhäuser aus vergangenen Jahrhunderten, für die die österreichische Hauptstadt so bekannt ist. Die großen Touristenattraktionen mögen ein Stück entfernt liegen – doch das ist angesichts des Gesamteindrucks hier auch ganz egal. Währing ist vielleicht gerade deswegen so lebenswert, weil es abseits des Trubels liegt. Und weil es hinter den mächtigen Eingangstüren dennoch vieles zu entdecken gibt.

Martin Tardy ist ein Star bei Instagram

Der Künstler Martin Tardy betreibt genau hier sein Atelier. Gerade einmal 29 Jahre alt, hat sich Tardy bereits international einen Namen gemacht: als Mann der Linien. Asynchrones Zeichnen nennt er die Methode, mit der der gebürtige Wiener mit österreichisch-französischen Wurzeln im Internet bekannt wurde: Tardy zeichnet mit beiden Händen gleichzeitig. Seine Instagram-Videos, in denen er mit zwei Stiften parallel in weniger als einer Minute ein ganzes Porträt zu Papier bringt, werden von Zehntausenden Nutzern gesehen. Seine Werke verkauft er längst in die ganze Welt. „Die Performance ist ein großer Teil des Kunsterlebnisses“, sagt er. Schon seine Videos bei Instagram gelten für viele als Kunst.

Martin Tardy arbeitet in seinem Atelier im Weiner Stadtteil Währing.

„Es ist eine sehr ausgleichende Methode“, erklärt Tardy seine ungewöhnliche, beidhändige Herangehensweise. Entstanden sei sie aus ganz pragmatischen Gründen: Als Linkshänder habe er irgendwann damit begonnen, seine rechte Hand zu trainieren. Daraus entstand der Versuch, mit beiden Händen gleichzeitig zu arbeiten. In der Wiener Kunstszene galt Tardy, der sich nach der Schule zunächst mit einem T-Shirt-Label selbstständig machte, anfangs als Quereinsteiger. „Ich habe seit meiner Kindheit gezeichnet“, erinnert er sich. Doch erst 2017 sei in ihm das Verlangen gereift, seine Werke auch auszustellen. Heute lebt Tardy von seiner Kunst.

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Internationale Karriere beginnt in Wien

Für Künstlerinnen und Künstler wie ihn ist Wien eine Art kreative Oase. Die Szene ist groß, und nicht wenige schaffen von der österreichischen Hauptstadt den Sprung zur internationalen Karriere. Der Graffitikünstler Nychos etwa hat etliche Häuserwände mit seinen Figuren verziert. Heute lebt und arbeitet der 39-Jährige in Los Angeles und Wien. In seiner Heimatstadt hat Nychos längst Nachahmerinnen und Nachahmer gefunden: Unter anderem entlang des Donaukanals, auf dem die Wiener im Sommer gern im Badeschiff oder der Strandbar unweit des Schwedenplatzes feiern, entstehen fast täglich neue Graffitis. Nicht jedes trifft den Geschmack derjenigen, die hier etwa morgens in Scharen entlang joggen oder abends zum Sonnenuntergang entlangflanieren. Aber zusammen prägen sie diesen Teil Wiens.

Entlang des Donaukanals in Wien kommen Streetart-Fans voll auf ihre Kosten.

Seit dem Ende des Lockdowns zieht es Kunstinteressierte aber vor allem wieder ins 90.000 Quadratmeter große Museumsquartier an der Mariahilfer Straße mit seinem Mix aus Ausstellungsflächen, Cafés und Platz für Entspannung. Oder in die Museen der Stadt – die großen, bekannten wie die Albertina, das Schloss Belvedere oder das Kunsthistorische Museum; aber auch die kleineren oder neueren.

Die Albertina Modern, ein Ableger des traditionsreichen Albertina-Museums, hat 2020 in Wien eröffnet.

Albertina Modern lockt an den Karlsplatz

Erst im vergangenen Jahr hat mitten in der Pandemie die Albertina Modern eröffnet, ein Ableger des traditionsreichen Albertina-Museums. Im fulminanten Künstlerhaus am Karlsplatz zeigt es seitdem Gegenwartskunst – Werke österreichischer Künstler aus den vergangenen 80 Jahren. In der Ausstellung „Wonderland“ sind sie noch bis Sonntag, 19. September, jeweils denen internationaler Künstler von Andy Warhol bis Roy Lichtenstein gegenübergestellt. Mit ihrer Sammlung von mehr 60.000 Werken von 5.000 Künstlerinnen und Künstlern zählt die Albertina Modern schon heute zu den größten Museen für die Kunst der Moderne und der Gegenwart.

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In der Albertina Modern am Karlsplatz sind vor allem die Werke österreichischer Künstler aus den vergangenen 80 Jahren zu sehen.

Freud Museum zeigt auch Kunst

In die Gegenwart geholt wurde auch eines der traditionsreichen Museen Wiens, das früher wenig mit Kunst zu tun hatte: das Freud Museum. Die frühere Wohnung und Wirkungsstätte des Psychoanalytikers Sigmund Freud in der Berggasse feiert in diesem Jahr ihr 50-jähriges Bestehen – im vergangenen Jahr war es in großem Stil saniert worden. „Das Museum war über 30 Jahre unverändert“, beschreibt es Direktorin Monika Pessler. Nun ist es mit einem neuen Konzept als Ursprungsort der Psychoanalyse erlebbar. Statt bloße Erinnerungen sehen Besucher auch Werke von Kunstschaffenden über Freud. Außerdem sind nun erstmals sämtliche Privaträume der Familie zugänglich.

Im Wiener Freud Museum sind seit einer umfangreichen Sanierung 2020 auch Werke von Kunstschaffenden über den Psychoanalytiker zu sehen.

Hundertwasserkunst gehört zum Pflichtprogramm

Pflichtprogramm für jeden Wien-Besucher sind die Hinterlassenschaften des im Jahr 2000 gestorbenen österreichischen Künstlers Friedensreich Hundertwasser. Als „Gegner der geraden Linie“ war er bekannt geworden, als Kämpfer gegen jegliche Standardisierung. Seine goldenen Kuppeln, unebenen Böden und gnubbeligen Säulen zieren mehrere Stellen Wiens, allen voran das Kunsthaus, das Hundertwasser Anfang der Neunzigerjahre selbst gestaltete und das seitdem vor allem seine Werke zeigt.

Das Kunsthaus gehört zum Pflichtprogramm für Fans von Friedensreich Hundertwasser in Wien. Der Künstler hat nicht nur das Gebäude gestaltet, darin sind auch seine Werke zu sehen.

Das von 1983 bis 1985 erbaute Hundertwasserhaus im dritten Bezirk ist mit seiner bunten, begrünten Fassade längst eines der meistfotografierten Motive der Stadt, obwohl es sich dabei streng genommen lediglich um ein Wohnhaus handelt. Auch bei der Müllverbrennungsanlage Spittelau hinterließ Hundertwasser seine Handschrift: Als sie 1987 nach einem Großbrand neu gebaut werden musste, gestaltete er sie von Grund auf in seinem sehr speziellen Stil.

16. Bezirk ist Zentrum der Subkultur

„Kunst ist sehr wichtig für Wien“, sagt Stadtführerin Susanne Maurer, die Reisenden ihre Heimat zu ganz unterschiedlichen Themenbereichen näherbringt. „Viele Wiener leben in irgendeiner Art und Weise von der Kunst.“ Während im ersten der durchnummerierten Stadtbezirke die großen Museen die Hauptrolle spielten, seien es in den anderen immer wieder kleinere Kunstprojekte. Der 16. Bezirk etwa gelte als Zentrum der Subkultur.

Ihr Lieblingsmuseum? „Die Secession“, sagt die Wienerin. Das im Wiener Jugendstil gehaltene Ausstellungsgebäude am Naschmarkt wurde 1897 unter anderem von Gustav Klimt, Josef Hoffmann und Ernst Stöhr gegründet. Bis heute gilt es als eines der wichtigen Häuser für zeitgenössische Kunst in Wien.

Wiener fertigt Design nach Maß

Wer durch den zweiten Bezirk schlendert, vorbei am traditionsreichen Karmelitermarkt mit seinen kleinen Verkaufszeilen, umgeben von einem Ensemble wunderschöner Wohngebäude, entdeckt mehr die unbekannteren, aber nicht minder feinen Wiener Kunsterzeugnisse. Franz Maurer und seine Frau Karin Lebinger haben sich hier mit ihrer Designgalerie angesiedelt.

Franz Maurer und Karin Lebinger betreiben ihr Design-Geschäft im zweiten Bezirk.


Früher hat Maurer in großem Stil für die industrielle Fertigung Möbelstücke entworfen. Mit dem kleinen, eigenen Domizil wollten er und seine Frau sich einen Traum erfüllen: Design nach Maß statt Design für die Serienproduktion. Tresen, Tische, Stühle, Etageren – es gibt kaum etwas, das Maurer nicht angeht. Seine Handschrift: Funktional muss es sein und mit einer gewissen Spannung durch das Zusammenwirken zweier Materialien. „Espressomöbel“, nennt Maurer seine Kreationen: „Niemand braucht sie, aber jeder hat einen Platz dafür.“ Über allem schwebt seine Grundthese: „Design darf kein elitärer Gedanke sein.“ Kunst für jeden ist die Devise. Heute verkauft Maurer seine Werke längst weit über die Wiener Stadtgrenzen hinaus.

Martin Tardy experimentiert dreidimensional

Auch Künstler Martin Tardy arbeitet weiter an seiner markanten Kunst: Seit dem vergangenen Jahr hat er seine Linienporträts auch in Bronze gegossen, nicht ohne auch im Dreidimensionalen seine Linien unterzubringen. Er experimentiert nun mit schwarz überzogenen Aludrähten und anderem. „Experimentieren macht am meisten Spaß“, findet Tardy, der noch jede Menge Ideen hat. In einer Stadt, in der der Kunstszene niemals die Kreativität auszugehen scheint.

Tipps für deine Reise nach Wien

Beste Reisezeit: Frühjahr und Herbst sind ideal, im Sommer kann es heiß werden, im Winter kann viel Schnee fallen.

Wiener Kunstmuseen: Albertina Modern, Karlsplatz 5, täglich 10 bis 18 Uhr.
Albertina, Albertinaplatz 1, täglich 10 bis 18 Uhr.
Schloss Belvedere, Prinz Eugen-Straße 27, täglich 10 bis 18 Uhr.
Kunsthaus Wien, Untere Weißgerberstraße 13, täglich 10 bis 18 Uhr.
Museumsquartier: Ein ganzes Viertel zum Thema Kunst, unter anderem mit dem Leopold Museum und dem Mumok, täglich 10 bis 18 Uhr.
Kunsthistorisches Museum, Maria-Theresien-Platz, täglich 10 bis 18 Uhr.
Naturhistorisches Museum Wien, Burgring 7, mittwochs bis montags 9 bis 18.30 Uhr.

Vienna City Card: Mit der Vienna City Card (ab 17 Euro) können Reisende die öffentlichen Verkehrsmittel im Innenstadtbereich wahlweise 24, 48 oder 72 Stunden nutzen, außerdem gibt es Ermäßigungen in Museen und vielen Sehenswürdigkeiten.

App: Die neue kostenlose App Ivie (iOS und Android) von Wien Tourismus verrät Geheimtipps zu vielen Sehenswürdigkeiten und bietet themenbezogene Stadtspaziergänge.

Die Reise wurde unterstützt von Wien Tourismus. Über Auswahl und Ausrichtung der Inhalte entscheidet allein die Redaktion.