Zu Ehren seiner an Corona verstorbenen Oma will der 19-jährige Hugo Rittel aus Potsdam einmal zum Gardasee in Italien wandern – über 1000 Kilometer zu Fuß, allein und komplett ohne Wandererfahrung. Sein Abenteuer teilt er auf Tiktok, um auch andere zum Wandern zu motivieren und aller Covid-Verstorbenen zu gedenken.

Denn seine Oma war für ihn eine der wichtigsten Personen in seinem Leben. Zu seinem 18. Geburtstag ist er sogar in ihre Nähe gezogen, um sie im Alltag zu unterstützen, nachdem sein Opa ins Heim musste. „Auch wenn ich es da noch nicht wusste, konnte ich so die letzte Zeit ihres Lebens mit ihr verbringen. Das war eine der schönsten Zeiten in meinem Leben“, sagt er dem reisereporter im Interview.

Hugo ist mit 18 Jahren in die Nähe seiner Oma gezogen, um ihr im Alltag zu helfen.

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Hugos Oma träumte zu Lebzeiten von einer Reise an den Gardasee 

Als sie dann mit 73 Jahren vor einigen Monaten an den Folgen einer Corona-Erkrankung starb, wollte er etwas Bewegendes für sie machen. Warum die Wanderung nach Italien?

„Ich habe mit Oma immer ganz viele Dokus geguckt und da kam immer wieder was zum Gardasee“, so der 19-Jährige. „Sie war nie im Ausland, hat aber immer gesagt, wenn sie irgendwo hingehen würde, dann zum Gardasee.“ Da sie die Reise nicht mehr selbst antreten kann, übernimmt ihr Enkel nun das Abenteuer.

Wandern ohne Vorbereitung und Wandererfahrung – Hugo wagt es

Eine Flugreise oder eine Autofahrt zum Gardasee wären Hugo aber zu langweilig gewesen. Also entschied er sich für eine Wanderung vom Schloss Sanssouci in Potsdam zum Gardasee. Allerdings gibt es einen kleinen Haken: Seine Wandererfahrung liegt bei null.

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„Ich bin noch nie gewandert – da hatte ich früher gar keinen Bock drauf. Aber jetzt habe ich eine persönliche Motivation zu wandern.“ Vorbereitet habe er sich dennoch nicht. Statt Sport für den Muskelaufbau zu machen, habe er lieber mit seinen Freunden gechillt und Zeit mit der Familie verbracht.

Erst zwei Tage vor dem Start habe er dann seine Wanderausrüstung zusammengesucht. „Der Rucksack ist von meiner Mutter, das Zelt von meinem Vater, der Schlafsack von meiner Stiefmutter“, so der 19-Jährige. „Ich habe alles zusammengewürfelt, weil ich kein Geld hatte, und bin dann mit meinen Turnschuhen losgelaufen.“ 

So hat es Hugo bereits nach Bayern geschafft

Die ersten Tage seien zwar sehr hart gewesen, aber nach zwei bis drei Wochen hätte er keine Schmerzen mehr gehabt, so der Potsdamer. „Statt am Anfang 15 bis 20 Kilometer, laufe ich nun 30 bis 35 Kilometer.“ Eine Wander-App hilft ihm bei der Orientierung, sodass er es bereits nach Bayern geschafft hat. Dort genießt er gerade das Berg-Panorama. Etwa Anfang bis Mitte August möchte er am Gardasee sein.

Dabei schläft er etwa jede zweite Nacht in einem Hotel oder bei seinen Tiktok-Zuschauern. „Ich bin an sich ja gar nicht so der Outdoor-Typ“, gesteht er. Dennoch bleiben Übernachtungen im Zelt und tierische Abenteuer nicht aus. So hat er beispielsweise auch schon erlebt, wie Wühlmäuse nachts versuchten, sich in das Zelt zu knabbern. 

Hugo will Menschen mit seinen Tiktio-Videos motivieren

Tagsüber gehört gelegentliche Wasserknappheit zu den üblichen Problemen eines Wanderers. „Ich habe auch schon einfach aus einem Fluss getrunken, ohne einen Plan zu haben, ob ich es überhaupt trinken kann“, erzählt der 19-Jährige. Durch seine völlige Ahnungslosigkeit sei er aber auch eine Inspiration für andere, einfach ihren Träumen zu folgen. „Das haben mir bereits viele Zuschauer geschrieben“, sagt er.

Mit seinem Tiktok-Tagebuch möchte Hugo andere Menschen außerdem motivieren loszuwandern und sie dazu bringen, mehr Zeit mit ihren Großeltern zu verbringen. Denn: „Man lebt nur einmal, das Leben ist viel zu kurz. Zudem hat man als Enkel am wenigsten Zeit mit seinen Großeltern. Also sollte man nicht zu viel nachdenken, sondern einfach loslaufen.“ 

Wandern zum Gardasee – ein Zeichen für alle Corona-Verstorbenen

Mit dieser Botschaft und seiner Wanderung möchte er so neben seiner Oma auch all jener gedenken, die aufgrund von Corona verstorben sind. „Es gibt viele Touren und Wanderungen für krebskranke Kinder, aber solche Aktionen, um Corona-Verstorbenen die Ehre zu erweisen oder die Angehörigen von ihnen zu unterstützen, habe ich noch nie gesehen“, sagt er. 

Noch ist er selbst auf finanzielle Unterstützung angewiesen. Seine Reise wird größtenteils mit Spenden finanziert – ein Sponsor sei zwei Tage vor dem Start abgesprungen. Aber irgendwann möchte er als Travelblogger mit bezahlten Werbepartnerschaften genügend Geld verdienen, um eingehende Spenden an ausgewählte Wohltätigkeitsorganisationen zu stiften.

Beim Wandern immer dabei: Hugo trägt die Kette seiner Oma zum Gardasee

Ihn selbst erinnert eine Kette seiner Oma täglich an sein Ziel. „Die hat sie etwa in den letzten 25 Jahren immer mit sich getragen. Ursprünglich wollte ich sie in den Gardasee werfen, um Oma symbolisch mit dem Ort zu verbinden“, sagt der Langstreckenwanderer. „Aber dadurch, dass ich bei der Reise einen Teil von ihr immer bei mir trage, ist die Kette etwas Besonderes. Ich will sie gar nicht mehr weggeben, denn so habe ich etwas, um an meine Oma zu denken.“  

Das Reisen generell helfe ihm, den Tod der Oma zu verarbeiten. „Weil ich Zeit zum Nachdenken habe“, sagt der Potsdamer. Dadurch habe er sogar zu Gott gefunden. Denn er ist sich sicher, seine Oma wacht vom Himmel aus über ihn. „Die Kraft durchzuhalten und dass mir bisher nichts passiert ist, die schickt sie mir von oben.“