Einmal einen Fernwanderweg beschreiten – dieses Ziel haben einige hartgesottene Wanderer und Wanderinnen vor Augen. Christine Thürmer ist eine Meisterin darin. Sie hat weltweit mehrere dieser Wege bezwungen und viele, viele Etappen in Europa und Amerika zurückgelegt. 54.000 Kilometer zu Fuß! Daher präsentiert sie sich als „meistgewanderte Frau der Welt“.

Dem reisereporter hat die 54-Jährige einige Tricks für eine erfolgreiche Langstreckenwanderung aus ihrem neuen Buch verraten und von ihrer letzten Tour im Corona-Jahr 2021 erzählt. Denn die Pandemie hat ihre Wanderpläne kräftig durcheinandergewirbelt.

3500 Kilometer von Polen nach Finnland – Wanderung scheitert an Corona

Normalerweise läuft die deutsche Wanderexpertin nämlich im Frühjahr an Punkt A los und kommt im Herbst an Punkt B an. So ist sie schon vom Norden Norwegens in den Süden Spaniens gewandert (Nord-Süd-Route) – oder von Santiago de Compostela bis nach Bulgarien ans Schwarze Meer (West-Ost-Route).

Ihr Plan in diesem Jahr: 3500 Kilometer von Polen nach Finnland gehen. Mit dieser Wanderung wollte sie den ersten Teil ihrer Europawanderung von Sizilien nach Finnland mit einem zweiten Teil vervollständigen. Im Corona-Jahr 2020 war Christine bereits spontan von Görlitz nach Sizilien gelaufen, als Italien als erstes Land wieder für Reisende öffnete. Nun wollte sie von Görlitz über Polen nach Finnland. Dabei kam ihr aber erneut Corona dazwischen. „Im März konnte ich nicht mehr still sitzen, also wollte ich mein Ziel in Angriff nehmen“, sagt sie. Polen war für Reisende offen, Museen und auch Hotels.

Aktuelle Deals

Was sie zu diesem Zeitpunkt nicht wusste: Es sollte der kälteste Frühling seit 92 Jahren werden. 1200 Kilometer wanderte sie durch Polen, immer mit der Hoffnung: „Es kann nur kann besser werden. Wenn ich in sechs Wochen an den anderen Ländern ankomme, haben die wieder auf.“ Doch die Corona-Zahlen schossen in die Höhe, sodass, als sie Anfang Mai an der polnisch-litauischen Grenze ankam, kein Weg an einer Quarantäne vorbeiführte. Auch Lettland und Estland waren zu. Also brach sie die Reise an diesem Punkt ab und reiste nach Deutschland zurück.

Vom Schneesturm in die Hitze: Christine wandert spontan über Kreta

Da Mitte Mai Griechenland wieder die Einreise ermöglichte, flog sie spontan nach Kreta. Gerade also war Christine also noch durch den Schneesturm in Polen gestapft – und nun wanderte sie bei 28 Grad im Schatten auf dem europäischen Fernwanderweg E4 über Kreta. „Das war heftig“, sagt sie. 

Aber dieser Fernwanderweg war ohnehin ein Teil einer Wanderroute, die sie noch vervollständigen muss. Immerhin will sie auch einmal diagonal von Irland nach Griechenland laufen. Die Strecke von Irland, England, Belgien bis in die deutschen Alpen hat sie 2019 bereits geschafft. Da fehlt also nur noch der Teil von den Alpen bis nach Griechenland. „Da ich ohnehin durch Kreta wandern musste, dachte ich, ziehe ich es einfach vor. Da bin ich dann knapp 600 Kilometer gelaufen.“

Dass sie solch weite Strecken zurücklegen kann, trauen ihr die meisten Menschen allerdings gar nicht zu, erklärt sie. „Die Leute kommen immer ins Staunen, wenn sie mich sehen, weil ich eher wie der Typ gemütliche Hausfrau aussehe und nicht wie die meistgewanderte Frau der Welt“, verrät sie dem reisereporter. „Ich habe Plattfüße, X-Beine und bin ohne Brille blind wie ein Maulwurf und ich habe einen ganz bescheidenen Orientierungssinn – also alles, was mich nicht zum Wandern qualifiziert.“ Aber dennoch ist da die Leidenschaft für das Abenteuer und viele kleine Glücksmomente, die sie zum Wandern anspornen.

Weiterlesen nach der Anzeige

Anzeige

Tipps der Wanderexpertin: So lassen sich Fernwanderwege meisten 

Im Laufe der Jahre hat sie einige Tricks gelernt, die bei ihren Langstreckenwanderungen zum Einsatz kommen. Die ersten beiden Tricks sind psychologischer Natur. 

Wer eine Langstreckenwanderung durchhalten will, sollte sie nicht als einen „Once in a lifetime“-Urlaub sehen, sondern als Job. Denn wie in einem Job gibt es nicht nur schöne Momente, sondern auch viele Tiefpunkte. „Am Anfang habe ich mit Trekkingstöcken auf Bäume eingeschlagen und habe weinend die Berge angebrüllt.“ Wer nun die Wanderung als Job ansieht, schraubt seine Erwartungen etwas herunter und hat damit eine viel höhere Chance, eine solche Wanderung auch zu schaffen.

Minimalistisch reisen gehört zum Langstreckenwandern dazu, ebenso wie das Baden in und gelegentlich auch Trinken aus fließenden Gewässern.

Bei Durchhängern nicht zuerst die Familie anrufen

Der zweite Trick ist, bei einem Durchhänger auf keinen Fall als Erstes die Familie anzurufen. „Die werden natürlich sagen: ‚Komm nach Hause, tu dir das doch nicht an.‘“

Besser ist es: „Geh einfach runter vom Trail in die nächste Stadt in ein schönes Hotel, nicht in die letzte Absteige. Dusch erst mal. Dabei denkst du gar nicht übers Abbrechen nach. Wäschst deine Klamotten, gehst richtig gut Abendessen und anschließend schläfst du erst mal. Am nächsten Morgen gehst du richtig groß Frühstücken. Danach holst du tief Luft und überlegst dir: ‚Will ich jetzt immer noch aussteigen?‘“ Etwa 90 Prozent der Betroffenen sagen dann: Nö! Ich will weiterlaufen, weiß Christine. „Und erst dann darfst du Mama und Papa anrufen“, so die Wanderexpertin.

Wichtig bei der Ausrüstung: Ein leichter Rucksack und Trailrunning-Schuhe

Zudem trägt richtige Ausrüstung ganz entscheidend zum Durchhalten bei. Ein Rucksack mit maximal fünf Kilogramm macht das Wandern leichter. Dann können auch nicht trainierte Personen lange Strecken wandern, verrät die Wanderexpertin.

Und entgegen aller Ratschläge anderer Wanderratgebern empfiehlt Christine, keine Wanderschuhe zu tragen. „Denn so ein Wanderstiefel presst einen Fuß wie in ein Korsett. Durch immer dieselben Bewegungen bekommt man schnell Blasen.“ Besser seien ganz leichte Trailrunning-Schuhe. „Sie sind flexibel. Mit denen rollt man immer anders ab, belastet andere Sehnen, andere Muskeln und Hautpartien. Dadurch habe ich nie Blasen“, so die 54-Jährige.

Mit der richtigen Ausrüstung kann fast jeder und jede eine Langstreckenwanderungen überstehen. Der Rucksack sollte aber nicht mehr als fünf Kilogramm wiegen.

Diese Strecken kann die Wanderexpertin empfehlen – oder auch nicht

Jedem Wanderer und jeder Wanderin rät sie außerdem, sich genau über die Strecke zu informieren. „Ich bin vor ein paar Jahren durch Norwegen zum Nordkap gewandert. Die Tundra war spektakulär, wie sie im Bilderbuch steht. Aber es war kalt und sehr teuer.“ Wer sich also quälen will und viel Geld ausgeben möchte, könne dorthin reisen. 

Anfängerinnen und Anfängern legt sie aber ihren Lieblingstrail nahe: den Kéktúra in Ungarn. Eine Wanderung dort sei gemütlich, günstig und biete viele Möglichkeiten, auch mal in einer Ferienwohnung unterzukommen.

So wurde Christine zur meistgewanderten Frau der Welt

Christine selbst ist zum Wandern gekommen „wie die Jungfrau zum Kinde“, scherzt sie. Prägend waren drei Ereignisse: Im Jahr 2003 gönnte sie sich in den USA einen Urlaub in Kalifornien. Dabei machte sie eine Wanderung durch den Yosemite-Nationalpark. Dort traf sie auf die ersten Thru-Hiker, die von Mexiko nach Kanada wanderten. Ihr minimalistisches Auftreten sowie ihr Vorhaben, auf dem Fernwanderweg „Pacific Crest Trail“ 4277 Kilometern zurückzulegen, faszinierten Christine. 

Als sie dann 2004 eine unfreiwillige Berufspause machte und kurz darauf ein guter Freund schwer erkrankte und starb, bestärkte es sie darin, ihre erste Langstreckenwanderung anzutreten. 

Seither hat sich viel getan. Die Wanderexpertin ist so gut wie alle Langstrecken-Trails in den USA gelaufen und ist kreuz und quer durch Europa gewandert. Mit 54.000 Kilometern zu Fuß gilt sie daher als meistgewanderte Frau der Welt. Es gibt zwar Männer, die mehr gewandert sind, aber weltweit keine andere Frau mit einer solchen Laufleistung. 

Den Status als solchen leitet die Thru-Hikerin mit dem Ausschlussverfahren ab. Denn es ist nur eine kleine Community von Langstreckenwanderern, die alle miteinander vernetzt und in den sozialen Medien unterwegs sind. Darunter ist sie die einzige Frau mit einem solch hohen Kilometerstand fürs Wandern.

Auch wenn es in vielen Ländern verboten ist, sucht sich Christine meist ein Plätzchen zum Wildcampen.

Ihr Buch „Weite Wege wandern“: Das können Leser erwarten  

Ihre Erfahrungen gibt sie bei Vorträgen zum Thema Langstreckenwandern, bei Interviews und in ihren drei Büchern weiter. Das zuletzt veröffentlichte Buch heißt „Weite Wege wandern“. Darin räumt sie unter anderem mit allen gängigen Vorurteilen auf, weshalb das Wandern gerade nicht zum Lebensstil passt. Denn niemand sei zu alt, zu jung, zu dick oder habe zu wenig Geld. Außerdem bekommen Leser und Leserinnen darin weitere psychologische und praxisnahe Tipps zu günstiger Ausrüstung und zu Flussüberquerungen bis hin zu Tourtipps für Anfängerinnen und Anfänger bis Fortgeschrittene.

Ihr nächstes Ziel ist es, die Strecke Polen–Finnland zu vervollständigen. „Estland macht jetzt auf und mit zwei Impfungen komme ich nun weiter.“ Weiter geht es also für sie an der Grenze zu Litauen durch Lettland, Estland bis nach Finnland. Dort angekommen, kann sie sich insgesamt weitere 3500 Kilometer auf ihr Wanderkonto schreiben.