Sightseeing- und Erlebnistouren auf den Spuren des Berlins der Weimarer Republik sind spätestens seit der Fernsehserie „Babylon Berlin“ gefragter als je zuvor. Viele Reisende ließen sich bereits von 1920er-Jahre-Experten wie Arne Krasting die in der Hauptstadt erhaltenen Gebäude dieser Zeit zeigen. Die pandemiebedingte Zwangspause hat Krasting dazu genutzt, das Buch „Fassadengeflüster“ zu schreiben.

Seine szenisch-informativen Texte und Fotos helfen Berlin-Besucherinnen und -besuchern, auch auf eigene Faust dem Geist jener Zeit nachzuspüren. Das Buch enthält auch vier Radtouren, die Krasting und Gastautor Christian Tänzler gemeinsam erradelt haben. Sie führen kreuz und quer durch die Hauptstadt. Wir stellen ihre Höhepunkte vor.

Tour 1: Südwest/Bezirk Steglitz-Zehlendorf

Die Tour führt auf einer 17 Kilometer langen Strecke von Dahlem nach Nikolassee. Erste Station ist die Versuchssiedlung Schorlemerallee: Hier probierten die Architekten Alfons Anker, Hans und Wassili Luckhardt in den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts neue Baustile aus – ganz ohne Bauherren und deren Gestaltungswünsche. Die kubisch-strengen, oft weißen Wohnhäuser schockten anfangs viele Dahlemer Villenbesitzer; später zählte etwa Regisseur Fritz Lang (Hausnummer 7) zu den Bewohnern.

Ebenfalls ein Zankapfel und sogar Gegenstand des sogenannten Dächerkriegs war die Waldsiedlung im Stadtteil Zehlendorf (U-Bahnhof Onkel Toms Hütte): Die modernen Flachdachhäuser der Architekten Bruno Taut, Hugo Häring und Otto Rudolf Salvisberg wurden von Anwohnern und Architekten einer benachbarten Steildachhaussiedlung als optische Beleidigung empfunden; mancher verglich sie mit „orientalischen Gefängnissen“ oder nannte den Baustil „Zigarrenkastenkunst“.

Die Flachdachhäuser der einst umstrittenen Waldsiedlung in Berlin-Zehlendorf lösten den sogenannten Dächerkrieg aus.

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Nach weiteren spannenden Stationen endet die Tour am Wannsee-Strandbad (Wannseebadweg 25) in Nikolassee: Die gelb verklinkerten Gebäude – ebenfalls teilweise im Stil der Neuen Sachlichkeit errichtet – entstanden zwischen 1927 und 1930, nachdem das alte Strandbad zu klein geworden war. Unter der Ägide des Stadtbaurats Martin Wagner erhielt Berlin seine berühmte Badewanne – inklusive einer 1300 Meter langen Uferzone mit Sand vom Timmendorfer Strand.

Sehenswert ist auch das Gebäude des S-Bahnhofs Wannsee, das 1928 in Betrieb genommen wurde. Der expressionistische Klinkerbau beeindruckt mit achteckiger Kuppel – der Schalterhalle – und an Laubengänge erinnernden Spitzbogenfenstern. Die drei Eingangsarkaden mit ihren Leuchten und Keramikreliefs sind Denkmalschützern zufolge bis ins Detail original erhalten.

Die Eingangsarkaden des S-Bahnhofs Wannsee sind laut Denkmalschützern noch original erhalten.

Tour 2: Ost/Bezirke Friedrichshain-Kreuzberg, Lichtenberg, Treptow-Köpenick

Die 22,7 Kilometer lange Route führt zwischen Friedrichshain und Köpenick an etlichen Bauwerken der Weimarer Republik vorbei. Sie beginnt an der Spree am Eierkühlhaus (Stralauer Allee 1). Der Spitzname Eierspeicher war Programm: Bis zu 75 Millionen Eier wurden hier gelagert. Das Gebäude von 1929 bot und bietet bis heute mit seiner gelben Klinkerfassade mit Rautenmuster einen Kontrast zur benachbarten rot verkleideten Oberbaumbrücke.

Im Eierkühlhaus wurden einst bis zu 75 Millionen Eier gelagert.

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Im Nachbarstadtteil Kreuzberg finden Radler auf der Lohmühleninsel eine von drei im Stadtgebiet stehenden Tankstellen der 1920er: Das an einen Schiffsaufbau erinnernde weiße Gebäude (Vor dem Schlesischen Tor 2) ist nur der Rest einer nicht erhaltenen Tank- und Großgaragenanlage mit 104 Autoboxen, einem Café und Läden. Heute nutzt eine moderne Tankstelle das Gelände.

Die Tour führt auch zu einem Monumentalbau jener Zeit: Im Stadtteil Rummelsburg entstanden zwischen 1929 und 1932 die Lichtenberger Schulen (Schlichtallee). Das Areal mit Oberlyzeum, Mittel-, Gemeinde- und Berufsschule sollte mit unter anderem sieben Turnhallen Deutschlands größter Schulkomplex werden. Obwohl die heutige Max-Taut-Schule – benannt nach ihrem Architekten – nie das geplante Ausmaß bekam, beeindruckt das Gebäude mit einer Länge von einem halben Kilometer.

Das Heizkraftwerk Klingenberg ist ein architektonischer Höhepunkt aus der Zeit der Weimarer Republik in Rummelsburg.

Weitere Höhepunkte der Tour sind das 1925/26 errichtete Heizkraftwerk Klingenberg in Rummelsburg (Köpenicker Chaussee) und eine 1930/31 erbaute Polizeidienstschule in Köpenick (Seelenbinderstraße 91). Letztere diente dem russischen Geheimdienst nach dem Zweiten Weltkrieg als Gefängnis. Die Radtour verläuft nie weit von Spree und Dahme entfernt und führt zum Teil durch den Stadtwald Wuhlheide. Sie bietet darum etliche schöne Rastmöglichkeiten.

Tour 3: West/Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf

Die etwa 15 Kilometer lange Westtour führt Interessierte am Lietzensee beginnend durch eine der wohl bekanntesten Ecken Westberlins – vorbei an höchst unterschiedlichen Bauwerken in den Ortsteilen Charlottenburg und Westend. Sehenswert sind unter anderem ein 1925 im sogenannten Heimatstil errichtetes Parkwächterhaus (Wundtstraße 39) im Volkspark Lietzensee, aber auch eine zwischen 1924 und 1928 errichtete Oberpostdirektion (Dernburgstraße 48).

Letztere wirkt fast verspielt: Das schneeweiße Gebäude hat Fenster- und Gebäudeeinfassungen in rotem Terrakotta und einen Anbau mit Zinnen. Die Tour führt auch am Berliner Funkturm (Hammarskjöldplatz) vorbei – der 146,7 Meter hohe Stahlfachwerkturm wurde 1926 in Betrieb genommen. Von ihm strahlte der Sender Witzleben 1929 erste noch stumme Fernsehbilder aus. Das Funkturmrestaurant in 50 Metern Höhe wurde originalgetreu im Stil der Zwanzigerjahre restauriert.

Der Funkturm auf dem Gelände des Internationalen Congress Centrums galt bis zur Wiedervereinigung als Wahrzeichen Westberlins.

Nur wenige Meter weiter können Radler am zwischen 1929 und 1931 entstandenen Haus des Rundfunks (Masurenallee 8–14) einen Stopp einlegen. Der von Hans Poelzig entworfene Bau ist von außen wie von innen sehenswert. Wirkt die Fassade wegen der dunklen Klinkersteine und rotbraunen Keramikfliesen fast streng, beeindruckt im Inneren ein fünf Stockwerke hoher Lichthof mit Glasdach und zwei riesigen, achteckigen Lichtampeln. Letztere hatte Poelzigs Ehefrau Marlene entworfen. Bei Führungen (Anmeldung erforderlich) können Besucher auch einen original erhaltenen Sendesaal besichtigen.

Das Haus des Rundfunks wurde einst von Hans Poelzig entworfen.

Zu den weiteren Stationen der Radtour gehören mehrere Wohnhäuser in Westend sowie die 1929 gebaute U-Bahn-Station Olympiastadion (Rossiter Platz).

Tour 4: Nord/Bezirke Mitte, Pankow, Lichtenberg

Radler, die die 20 Kilometer lange Nordtour abfahren wollen, gehen in den Ortsteilen Wedding, Gesundbrunnen, Weißensee, Prenzlauer Berg und Alt-Hohenschönhausen auf die Suche nach Spuren der Weimarer Republik. Zu den Sehenswürdigkeiten gehören das von außen schlicht und von innen farbenfroh gestaltete Weddinger Rathaus (Müllerstraße 146/147) sowie die Brauerei Groterjan an der Prinzenallee 75–79. Letztere war seinerzeit Berlins größter Malzbierproduzent. Erhalten sind ein 1928/29 errichtetes Verwaltungs- und ein Flaschenabfüllgebäude, ein alter Groterjan-Firmenschriftzug an einer kurzen Gebäudeseite erinnert an die Zeit, als Karamellbier ein Verkaufsschlager war.

Das ehemalige Stummfilmkino Delphi ist heute eine Kunst- und Kulturstätte. Es war in der Fernsehserie „Babylon Berlin“ das verruchte Moka Efti.


Ein Muss ist ein Stopp beim ehemaligen Stummfilmkino Delphi (Gustav-Adolf-Straße 2). Das von außen nüchtern und verwittert wirkende Gebäude wurde 1929 als das letzte Kino seiner Art eröffnet. Heute ist das Delphi eine Kunst- und Kulturstätte mit Tanz- und Musiktheater sowie mietbare Eventlocation. Den Saal mit seinem Tonnengewölbe und den muschelförmigen Stuckbögen kennen „Babylon Berlin“-Fans genau: Er war der Drehort für das verruchte Lokal Moka Efti.

Das Umspannwerk Humboldt wirkt wie eine Trutzburg.


Weitere Stationen und mögliche Abstecher der Nordradtour führen Radler unter anderem zur zum Unesco-Kulturerbe zählenden Wohnstadt Carl Legien (Erich-Weinert-Straße), zum wie eine Trutzburg wirkenden Umspannwerk Humboldt in Prenzlauer Berg (Kopenhagener/Sonnenburger Straße), aber auch zum von 1925 bis 1929 errichteten Holländerviertel in Weißensee (Woelckpromenade/Amalienstraße/Schönstraße/Paul-Oestreich-Straße). Die roten Ziegelhäuser mit ihren Treppengiebeln und zinnenähnlichen Abschlüssen erinnern an niederländische Baustile des 18. Jahrhunderts.

Tipps für deine Reise nach Berlin

Anreise: Zugverbindungen nach Berlin gibt es von jedem größeren Bahnhof in Deutschland. Nach einer coronabedingten Pause hat Flixbus seinen Betrieb im März wieder aufgenommen und bietet erste Fernbusverbindungen nach Berlin an. Wer per Auto anreist, erreicht die Hauptstadt von Norden kommend auf der A 20, A 24, A 11 und A 10, von Osten auf der A 13 und A 113. Reisende aus dem Süden erreichen die Stadt auf der A 9 und A 10, aus dem Westen sind die A 2 und die A 10 die wichtigsten Verbindungen.

Buch:„Fassadengeflüster, Berliner Bauten der Weimarer Republik, Zeitreisen mit Arne Krasting“, 272 Seiten, 20 Euro, ISBN 978-3-948052- 00-3, Verlag für Regional- und Zeitgeschichte.

Attraktionen: Autor Arne Krasting ist Mitinhaber des Städtetourenanbieters Zeitreisen. Das Unternehmen ist offizieller Kooperationspartner der Fernsehserie „Babylon Berlin“ und bietet unter dem Namen Babylon-Berlin-Tour unterschiedliche Touren rund um die Serie und das Berlin der Zwanzigerjahre an. Das Spektrum reicht von der Stadtrundfahrt im Videobus inklusive Filmszenenvorführung über iPad-gestützte Rundgänge zu Drehorten und Originalschauplätzen bis hin zur historischen Sondertour.