Er hat schon auf 2000 Metern Höhe in den Alpen gespielt, am Strand von Thailand bei Sonnenuntergang und am Brombachsee auf einer schwimmenden Plattform bei Vollmond. Nur sein Klavier und seinen Campervan – mehr braucht Joe Löhrmann nicht während seiner Reisen um die Welt, auf denen er an spektakulären Orten in der Natur Konzerte spielt. Im Sommer tourt er mit dem Musikinstrument auf sechs Quadratmetern in einem Ford Transit durch Europa, im Winter gibt er Konzerte in Asien und komponiert neue Lieder.

Für das Abenteuer hat der 37-Jährige aus Hannover seinen Job bei einem Autokonzern an den Nagel gehängt. Seit 2012 widmet er sich hauptberuflich seiner Leidenschaft. In seinem neuen Buch „My Traveling Piano“ schreibt er darüber, wie man in seinem Leben den eigenen Träumen folgen und seine wahre Bestimmung finden kann, wenn man sich nur traut. Dem reisereporter hat er seine Geschichte in einem Interview erzählt.

Aktuelle Deals

Seit fast zehn Jahren reist du mit deinem Klavier um die Welt. Wie hat alles angefangen?

Nach meiner klassischen Ausbildung war ich nicht sehr glücklich – ich wollte unbedingt reisen. Also habe ich danach eine Weltreise gemacht. Diese wollte ich mit meiner Musik finanzieren. Wenn ich irgendwo hingekommen bin, habe ich immer als Erstes gefragt: Wo gibt es hier ein Klavier? Wo kann ich spielen? Und wo kann ich damit auch etwas verdienen?

Aber natürlich haben die alle nicht darauf gewartet, das Joe Löhrmann aus Deutschland kommt. Also hat das mit dem Geldverdienen nicht so geklappt. Viele wollten auch nicht, dass ich auf ihren Klavieren spiele. So bin ich auf die Idee gekommen, mit meinem eigenen Klavier um die Welt zu reisen.  

Nach meinem Studium im Jahr 2012 habe ich dann mit meinem Vater zusammen die rollende Plattform für mein Klavier gebaut. Ein paar Monate später habe ich mir meinen Campervan geholt und ihn so angepasst, dass ich mein Klavier reinschieben konnte. Ich musste nur dafür die Küche rausschmeißen – da musste ich Prioritäten setzen. 

Zunächst bin ich als Straßenmusiker durch Europa getourt, habe in Hotelbars, auf Kreuzfahrtschiffen, Hochzeiten und Galas gespielt. Nachdem ich aber angefangen hatte, eigene Konzerte zu spielen, wollte ich aus der Hektik raus, rein in die Natur. Also habe ich die Naturkonzerte ins Leben gerufen. Dabei stehe ich mit meinem Klavier immer an einem besonderen Ort und versammele die Menschen um mich herum. 

Weiterlesen nach der Anzeige

Anzeige

Die erste Tour mit seinem rollenden Klavier machte Joe in Bremen. Dort spielte er bei den Schweinen in der Sögestraße als Straßenmusiker.

Was war die ungewöhnlichste Kulisse, vor der du gespielt hast? 

Da gibt es einige. Ich habe einmal in 2000 Metern Höhe in den österreichischen Bergen umringt von einem traumhaften Bergpanorama gespielt. Da kam man nur mit einer Gondel hoch. Ein anderes Mal habe ich auf dem Brombachsee in der Nähe von Nürnberg auf einer schwimmenden Plattform bei Vollmond gespielt, mit knapp 2000 Zuhörern am Ufer. Das war eines der besonderen Konzerte, würde ich sagen. 

Ich habe auch schon in einem Wald in einem Naturpark gespielt, wo die Wölfe im Hintergrund geheult haben und man Rehe sehen konnte. Oder in Thailand an einsamen Stränden. Wo ich auftrete, erfahren die Zuhörer über Facebook oder meinen Newsletter.

Konzert auf über 2000 Metern Höhe in Wildkogel in Österreich.

In welchen Ländern warst du noch nicht mit deinem Klavier?

Es gibt ja sehr viele Länder, von daher gibt es noch einige zu erkunden. Insgesamt war ich schon in 47 Ländern – aber nicht in allen mit meinem eigenen Klavier. Für Japan zum Beispiel war es zu weit und zu teuer, mein Klavier hinzubringen. Dann habe ich für meine Tour dort ein Klavier gekauft. 

Wie war die Tour durch Japan so?

In meiner Fantasie habe ich mir ausgemalt, dass es ein großer Hit sein würde, wenn dann der Europäer während der Kirschblüte spielt. Denn dann strömen die Japaner aus den Städten in die Parks. Dort habe ich auch in den Parks unter den fallenden Blüten gespielt. Aber es war gar nicht so einfach, die Japaner zum Stehenbleiben zu bewegen, weil sie gleich zur nächsten Attraktion oder zum nächsten Termin wollten. 

Eine Belohnung für die Mühe gab es, als ich mich in einem Kaufhaus zu einem älteren Japaner gesetzt habe und mit ihm Klavier spielte. Das haben nur zwei Japaner gehört. Einer von ihnen hat aber ein Video davon ins Netz gestellt, und das ist viral gegangen. Über Nacht wurde es millionenfach angeklickt. In Japan hat es für eine Woche das Internet beherrscht und auch andere Kanäle wie 9gag und Instagram haben das aufgegriffen. So habe ich ganz viele neue japanische Follower bekommen. Die habe ich abstimmen lassen, wo ich mein nächstes Konzert machen soll. So habe ich zehn Tage später mein erstes Konzert in Tokio gespielt. 

Welches Land ist das nächste Ziel, in dem du mit dem Klavier spielen willst?

Ich würde gern nach Mexiko, da war ich noch nicht. Da würde ich gern mit meinem eigenen Klavier spielen, ebenso in Kolumbien. Grundsätzlich würde ich mal gern an allen sieben Weltwundern spielen. Oder an den Pyramiden. Ich war zwar schon in Ägypten, aber da hatte ich mein Klavier leider nicht dabei. Denn das wäre ein großer logistischer Aufwand gewesen.  

Wie beeinflusst die Corona-Pandemie deine Reisepläne?

Für die Wintermonate reise ich gern nach Thailand. Gerade jetzt bin ich auf der Insel Koh Phangan. Ich spiele hier viel an Stränden. Kürzlich habe ich ein Muttertagskonzert gespielt, allerdings online, weil es Beschränkungen für Menschenansammlungen gibt.

Im vergangenen Jahr wurden alle meine Konzerte aufgrund der Pandemie abgesagt. Das war einer der Gründe, weshalb ich mich entschieden habe, hier in Thailand zu bleiben – nun bin ich fast 18 Monate hier. So lange war ich schon lange nicht mehr an einem Ort. Insofern hat mich die Situation auch ein bisschen zur Ruhe gebracht. Denn ich möchte meine Besucher nicht dazu verpflichten, einen Test zu machen oder gar eine Impfung – das entspricht nicht meiner Vorstellung.

Deshalb muss ich genau beobachten, wie sich die Lage entwickelt und wie ich darauf reagieren kann. Für den 31. Juli ist ein Konzert in Schwäbisch Gmünd in Baden-Württemberg geplant. Ich hoffe, dass wir das umsetzen können. Aber wie es halt so ist, muss man sich in diesen Zeiten sehr flexibel zeigen.