Sind wir bald daaaaa? – Während immer mehr wanderbegeisterte Erwachsene durch die Natur stiefeln, Gipfel stürmen und sich an atemberaubenden Bergpanoramen erfreuen, trotten Kinder oft nur missmutig hinterher. „Wandern ist eigentlich eher ein Erwachsenending. Nur zu gehen finden Kinder eher langweilig“, sagt Rémy Kappeler. Dabei könnten auch Eltern die Wanderlust der Kinder wecken – wenn sie es richtig anstellen.

Rémy Kappeler weiß, wie es beim Wandern mit Kindern gut läuft. Der Schweizer ist Chefredakteur des Magazins „Wandern.ch“ und arbeitet seit neun Jahren bei den Schweizer Wanderwegen, der Dachorganisation, die die 26 kantonalen Wanderwegvereine bei der Unterhaltung des 65.000 Kilometer umfassenden Wegenetzes unterstützt. Als „Wanderpapa“ bloggt der dreifache Vater seit 2017 über seine Wanderungen mit der Familie. Das Buch „Wanderpapa: Familiengeschichten vom Wanderweg“ ist vor Kurzem erschienen und verbindet Erlebnisberichte mit theoretischem Wissen. Uns hat er die besten Tipps und Tricks für Wanderungen mit der Familie verraten.

Das Buch „Wanderpapa: Familiengeschichten vom Wanderweg“ ist 2021 im Verlag Helvetiq erschienen.

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Was ist das Schöne am Wandern mit Kindern?

„Für Kinder sind gemeinsame Wanderungen als Familie vor allem deshalb toll, weil sie die Eltern den ganzen Tag für sich haben und sie mit ihnen unterwegs sind, zusammen Abenteuer erleben und draußen Spiele machen. Quality-Time eben“, sagt Kappeler. Die Wanderungen mit seinen Kindern, die gemeinsamen Erlebnisse – und auch die ein oder andere Wander-Panne – hätten die Familie als Team zusammengeschweißt.

Kappeler erinnert sich selbst gern an seine eigene Kindheit zurück: Mit seinen Eltern fuhr er regelmäßig in das Bergdorf Adelboden. „Wir sind dort Beeren sammeln oder auch mal den Berg raufgegangen. An Bachbetten konnte ich Steine ins Wasser werfen, baden, etwas bauen. Wandern hieß Abenteuer! Das hat es für mich spannend gemacht. Und so ist es für meine Kinder heute auch.“

Wanderungen brächten Kindern außerdem die Natur und ihre Umgebung wortwörtlich näher. „Ich merke das bei meinem ältesten Sohn: Er schätzt es, dass er sich an vielen Orten auskennt, von denen gesprochen wird, weil er schon mal dort war“, erzählt der „Wanderpapa“. Durch die Wanderungen hätten seine Kinder auch die landschaftliche Vielfalt der Schweiz kennengelernt. 

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Welche Touren eignen sich zum Wandern mit Kindern?

Bevor es losgeht, sollten sich Eltern überlegen, was sie selbst bei einer Wanderung erleben wollen, rät Kappeler. „Wenn ich eine Idee habe und die mit Herzblut vortrage, kann ich auch meine Kinder begeistern – meistens jedenfalls.“

Dennoch sei es auch ratsam, sie schon bei der Planung miteinzubeziehen, damit sie „nicht einfach Papas Plan nachwandern müssen“, sondern vorher gemeinsam überlegen, was sie vor Ort erleben wollen. Das könne auch mal eine Fahrt mit der Seilbahn oder eine Übernachtung sein – „obwohl es nicht ganz billig ist“. Manchmal reiche auch schon die Aussicht auf ein Eis als Belohnung.

Für seine Wanderungen sucht der dreifache Vater stets nach Ecken, die weniger bekannt und trotzdem „wahnsinnig cool“ sind: zum Beispiel Höhlen, in denen Schiefer abgebaut wird, Wasserfälle oder Ruinen. Kappeler ist „kein Fan von künstlichen Höhepunkten“ wie Rodelbahnen: „Ich finde, das nimmt die Sponanität und fördert nicht die Fantasie der Kinder.“

Außerdem studiert Kappeler stundenlang Wanderkarten, bevor es losgeht. „Ich finde nichts langweiliger als breite, gerade Wege. Am besten sind schmale Weglein, die sich durch die Landschaft oder die Berge schlängeln und wo man hinter jeder Ecke etwas Neues entdecken kann.“ 

Ab wann können Eltern mit Kindern wandern?

Auch wenn die Kinder selbst noch nicht laufen, können sie doch mit zum Wandern. Dank Tragetuch, Ergocarrier und Rucksacktrage sei das kein Problem, so Kappeler. „Wir hatten das Glück, dass unsere drei Kinder das immer gut mitgemacht und den Körperkontakt gern gespürt haben.“ Allerdings müssten gerade Eltern mit Babys viel Zeit für Ausflüge einplanen. „Man wandert dann nicht stundenlang – aber ist trotzdem mehrere Stunden unterwegs“, sagt Kappeler.

Kind auf den Rücken und los geht’s! Rémy Kappeler hat seine Kinder von Anfang an zum Wandern mitgenommen.

Gerade zu Beginn sollten sich Familien nicht zu viel vornehmen, lieber mit kurzen Wanderungen beginnen und sich dann allmählich steigern. Auch generell sei es ratsam, beim Wandern mit Kindern mehr Zeit für Spiele und Pausen einzuberechnen. „Ich verdopple immer die Wanderzeit, damit ich keinen Stress bekomme“, erzählt Kappeler.

Welche Ausrüstung brauchen Kinder zum Wandern?

Bei der Wanderausrüstung für Kinder lohne es sich, wenn Eltern in zwei Dinge investieren. Erstens: gute (und eingelaufene) Schuhe. „Sobald die Kinder Blasen an den Füßen haben, ist es nicht mehr lustig“, erzählt „Wanderpapa“ Kappeler. Zweitens sollten die kleinen Wanderer einen guten, wasserdichten Regenschutz dabeihaben. Optional sei auch eine spezielle Wanderhose „nice to have“ – weil diese schnell trocknet, etwa nach einer Wasserschlacht. 

Bei Rucksack, T-Shirt, Hut oder Sonnenbrille reichten oft die Dinge, die sowieso schon im Schrank sind. „Die Kinder wachsen. Und wenn man immer die komplette Wanderausrüstung erneuern muss, ist das sehr teuer.“

Was hilft, wenn die Kinder nicht mehr können – oder wollen?

Wer kurze Beine hat, macht mehr Schritte – und ist vielleicht auch eher erschöpft als ein Erwachsener. „So lange die Kinder noch kleiner sind, ist es immer eine Option, sie auf die Schultern zu nehmen und zu tragen – das habe ich selbst schon x-mal gemacht“, erzählt Rémy Kappeler.

Allerdings liege es oft nicht an der Kondition, sondern an der fehlenden Motivation, wenn Kinder nicht mehr weiterwandern wollen. Laut Kappeler helfe es, wenn Eltern dann nachfragen, was das Problem sei. „Einmal wollte meine Tochter nicht mehr weiter, weil wir zu lange fotografierten. Sie wollte nicht immer wieder warten, sondern vorankommen“, erzählt er. „Wenn ich so eine Information bekomme, kann ich etwas ändern.“

Bisweilen hätten Kinder aber schlichtweg grundsätzlich keine Lust mehr zu Wandern. Dann helfe Ablenkung: mit einer Geschichte oder mit spannenden Fakten, die die Eltern vorab recherchiert haben, oder mit bekannten Spielen wie „Ich sehe was, was du nicht siehst“ oder „Wer bin ich?“. Rémy Kappeler hat in seinem Rucksack immer ein paar Spiele dabei, die er in solchen Situationen zücken kann. Das neueste: zwei Würfel, die beim Kauf noch leer waren, und die er mit seinen Kindern mit verschiedenen Farben bemalt und mit Adjektiven beschriftet hat. „Und jetzt würfeln wir unterwegs ein paarmal und dann muss jeder Dinge suchen, die zum Beispiel grün und spitz oder rot und flach sind.“

Generell rät Kappeler allen, die mit der Familie wandern wollen, sich nicht vorher zu genau auszumalen, wie es laufen soll. Einfach locker bleiben, rausgehen, schauen, ob es funktioniert – und beim Wandern auch selbst ein bisschen Kind sein.