Im Jahr 2020 wurde die ITB kurzfristig abgesagt. Im Jahr 2021 findet die weltweit größte Reisemesse zwar wieder statt (vom 9. bis 12. März), allerdings rein virtuell. Eigentlich zählt die ITB gut 160.000 Besucher und 10.000 Aussteller, die sich in den Messehallen in Berlin austauschen – wie soll das auf der Online-Plattform funktionieren? Darüber hat der reisereporter im Vorfeld mit David Ruetz (52), Direktor der Internationalen Tourismus-Börse, gesprochen. Er leitet die Messe seit dem Jahr 2003.

Herr Ruetz, die ITB Berlin 2020 wurde sehr spät abgesagt. Bereuen Sie das im Nachhinein?
Nein, die damalige Situation war völlig unbekannt für uns und das Risiko hätten wir nicht eingehen können. Uns waren auch in großem Ausmaß die Hände gebunden. Wir waren im ständigen Austausch mit allen Behörden und konnten es beim besten Willen nicht früher entscheiden. Die Entscheidung fiel uns natürlich wahnsinnig schwer, da wir uns ja auch bewusst waren, was das für unsere Aussteller und Fachbesucher bedeutete.

David Ruetz, Head of ITB Berlin, erklärt im reisereporter-Interview, wie die virtuelle ITB funktioniert.

Aktuelle Deals

In diesem Jahr soll die ITB Berlin erstmals virtuell stattfinden. Wie muss man sich das vorstellen?
Unter dem Motto „Der digitale Treffpunkt der Reiseindustrie. Jederzeit. Überall.“ bieten wir der Branche mit ITB Berlin Now eine Online-Plattform. Die Kernelemente sind Business, Networking, Content und News – man kann sie sich also als eine Mischung aus Linkedin, Zoom, Ted Talks und der täglichen Zeitungslektüre vorstellen. Auf den sogenannten Brand Cards präsentieren sich Aussteller und Unteraussteller, in Cafés finden sich Interessenten wichtiger Segmente und Speaker sind im Kongressbereich zu finden.

Warum braucht es eine virtuelle ITB – wäre es nicht „einfacher“, die Messe ein zweites Mal ausfallen zu lassen?
Auf keinen Fall. Das Messe- und Reise-Geschäft ist ein ausgeprägtes Peoples‘ Business. Die ITB Berlin ist Innovationstreiber und das führende Event der Tourismuswirtschaft für Reisetrends und -Business – angesichts der aktuellen globalen Lage gilt dies mehr als je zuvor. Die ITB Berlin wird auch 2021 zeigen, wie wichtig es ist, dass es eine Plattform wie ITB Berlin Now gibt, wo sich wie gewohnt die weltweite Reise-Branche an einem Ort trifft, wenn auch rein digital. Denn wir stehen alle weiterhin vor gigantischen Herausforderungen. Keiner kann diese alleine meistern, daher braucht es die geballte „Schwarmintelligenz“.

Glauben Sie, die virtuelle ITB Berlin kann die klassische Reisemesse ersetzen?
Nein, und den Anspruch haben wir auch nicht. Der echte menschliche Kontakt lässt sich durch digitale Begegnung natürlich ergänzen, aber niemals ersetzen. Monate geprägt von Homeoffice und Zoom Calls haben bei vielen Menschen eine Sehnsucht nach „echten“ Kontakten erhöht. Gleichzeitig hat die Digitalisierung auch als Katalysator gewirkt. Das dürfte jeder Einzelne von uns an sich selbst feststellen. Daher begreifen wir die neuen Gegebenheiten als Chance, das Konzept Messe neu zu denken. Es wird aber in der Tat künftig eine Mischung aus analogen und digitalen Komponenten geben. Die Erfahrungen werden in künftige Veranstaltungen maßgeblich einfließen, so testen wir im Oktober bei der ITB Asia ein hybrides Konzept.

Wie viele Aussteller wollen bei der ITB Berlin Now dabei sein? Wie viel ist das im Vergleich zu sonst?
Derzeit zählen wir insgesamt über 2000 Aussteller aus 120 Ländern. Darunter sind beispielsweise wieder alle 16 deutschen Bundesländer. Auch die wichtigen National Tourist Boards aus dem Ausland sind stark vertreten. Darüber hinaus begrüßen wir Dienstleister, Technologie-Unternehmen und Hotels aus zahlreichen Regionen und Ländern. Vergleichen lassen sich die Zahlen aktuell kaum, da Anmeldungen sowohl für Aussteller als auch Fachbesucher noch bis kurz vor Messebeginn möglich sind.

Weiterlesen nach der Anzeige

Anzeige

Mit wie vielen Fachbesuchern rechnen Sie?
Dies ist zum aktuellen Zeitpunkt sehr schwierig abzuschätzen. Wir sind sicher, dass sich viele Besucher erst kurzfristig entscheiden werden. Die Resonanz ist bisher aber sehr groß und wir erhalten zahlreiche Anfragen.

Wie sieht die virtuelle ITB aus – erzählen Sie bitte etwas zum Set-up und den einzelnen Möglichkeiten für Aussteller und Fachbesucher.
Hervorheben möchte ich neben den Brand Cards, den Cafés und dem Kongressbereich unsere Möglichkeiten fürs Networking. Hier bieten wir allen Teilnehmern nämlich einen innovativen Discovery Graphen an. Er schlägt pro-aktiv interessante Kontakte vor. Die Funktionsweise basiert auf einem speziellen Algorithmus und orientiert sich an den jeweils bisherigen Kontakten sowie an den Profilinformationen aus der Brand Card. Je detaillierter man also sein Profil pflegt, desto genauer werden die Kontaktvorschläge.

Können sich Touristiker das Set-up im Vorfeld anschauen?
Sie können es nicht nur, sie sollen es sogar. Die ITB-Berlin-Now-Plattform ist kein Spielzeug, sondern ein Werkzeug. Heißt: Bereits jetzt sollten sich Aussteller und Fachbesucher dezidiert mit den Möglichkeiten und Features auseinandersetzen, um während der Kernmessetage vom 9. bis 12. März den maximalen Nutzen für sich herauszuholen. Aussteller können bereits jetzt ihre Brand Card pflegen, Fachbesucher und Medien. Sie können dann kontaktiert werden, um zum Beispiel Termine zu vereinbaren. Zur ersten Orientierung haben wir zudem Tutorials erstellt, die sich mit den einzelnen Bereichen der Plattform beschäftigen, und am 8. März findet unser Soft-Launch statt – ein Orientierungstag einen Tag vor Messebeginn.

An den Besuchertagen ist es traditionell voll in den Messehallen, die Fachbesucher schlendern, viele nehmen gerne kleine Geschenke mit. Wie muss sich ein Reisefan einen virtuellen Gang über die ITB vorstellen?
Über eine alphabetische Suche hat er die Möglichkeit, die unterschiedlichen Brand Cards aufzurufen und sich bei den Aussteller-Präsenzen – dem Show Floor – umzuschauen. In insgesamt 13 thematischen ITB-Cafés, die ausschließlich während der vier Messetage geöffnet sind, kann er sich in seinen Interessengebieten buchstäblich virtuell unters Volk mischen. Beispiele für unsere Cafés sind Youth Travel, Adventure Travel, LGBT, Medical Tourism, Home of Luxury, Career, Blogger oder Travel Tech. Die Cafés sollten nicht unterschätzt werden, hier spielen sich viele Events zum Netzwerken ab. Holland ist ein gutes Beispiel, die Yoga-Sessions und After-Work-Cocktailpartys anbieten. Und wie auf dem echten Messegelände lässt sich der Besucher bei Vorträgen und Diskussionen des Kongressbereichs von spannenden Speakern inspirieren. Sogenannte Goodie Bags gibt es wie auf einer echten Messe in einem speziell dafür vorgesehenen Bereich auf der Plattform.

Wie lange war die Vorbereitungszeit im Vergleich zur klassischen ITB Berlin?
Ehrlich gesagt ähnelt sich die Vorbereitung inhaltlich wie zeitlich. Wir stellen aber natürlich fest, dass es viele technische Fragen aufseiten von Ausstellern und Fachbesuchern gibt. Da steht unser Team vom Service & Support Helpdesk mit Rat und Tat allen Beteiligten zur Seite. Zudem haben wir wie bereits erwähnt umfangreiche Videotutorials erstellt.

Was passiert während der Messezeit auf dem Messegelände in Berlin, sind Sie vor Ort?
Wir nutzen zwei Kongress-Studios auf dem Messegelände: eins im CityCube und eins in Halle 7.1a. Letzteres ist ein festes Studio, das bereits zur Internationalen Grünen Woche 2021 zum Einsatz kam. Wir senden also teilweise aus den zwei Studios und teilweise per Live-Zuschaltung. Ob und in welchem Ausmaß das ITB-Team auf dem Gelände ist, hängt jedoch stark von den politischen Reglementierungen zur Pandemie ab. Die Sicherheit aller Beteiligten hat für uns absolute Priorität. Ein Hygiene- und Sicherheitskonzept für Veranstaltungen hat die Messe Berlin bereits vor Monaten entwickelt. Wir haben verschiedene Szenarien für den physischen Einsatz des Teams erarbeitet, die wir der Lage jeweils anpassen können. Das Gute: Auch wir als Arbeitgeber haben uns digital maßgeblich weiterentwickelt. Wir sind daher in der Lage, die virtuelle Messe auch dezentral zu organisieren.

Hinter der ITB Berlin Now steckt jede Menge Aufwand, wollen Sie das für die nächsten Jahre auch nutzen?
Auf jeden Fall. Aktuell planen wir eine physische ITB Berlin live vor Ort vom 9. bis 13. März 2022 und halten uns gleichzeitig auch alle Optionen offen, um die ITB Berlin mit einer zusätzlichen Online-Veranstaltung inhaltlich und zeitlich zu erweitern. Das Gute: Alle Zielgruppen erhalten so auf die beste Weise die Chance, am Messe- und Kongresserlebnis teilzuhaben – und zwar komplett unabhängig vom jeweiligen Aufenthaltsort. Unsere nächste Möglichkeit zur Erweiterung unseres hybriden Konzepts wird die ITB Asia sein, die im Oktober in Singapur stattfinden wird.