Lange war unklar, wie stark sich Urlaub im Ausland auf die Corona-Inzidenz auswirken. Eine neue Studie des Robert-Koch-Institutes (RKI) hat nun den Zusammenhang zwischen Reiserückkehrern und den Infektionszahlen in Deutschland untersucht. Über die Ergebnisse hatte das „RedaktionsNetzwerk Deutschland“ zuerst berichtet. 

Das Ergebnis: Auslandreisen haben tatsächlich einen Anteil am Anstieg der Inzidenz im Spätsommer in Deutschland– allerdings sind nicht die klassischen Pauschalreisen das Problem.

Das RKI stellt fest: „Auslandsreise-assoziierte Covid-19-Fälle, insbesondere bei Einreisenden aus Risikogebieten, hatten einen großen Anteil an den gesamtdeutschen Fallzahlen zu Beginn der ersten Covid-19-Welle und vor allem auch am Anstieg der Fallzahlen gegen Ende der Sommerferien.“

Der Höhepunkt wurde in der Woche vom 17. bis zum 23. August erreicht – als Bundesländer, in denen mehr als 70 Prozent der Deutschen leben, gleichzeitig Schulferien hatten. Fast die Hälfte aller in Deutschland gemeldeten Corona-Infektionen, nämlich 48 Prozent, war in diesem Zeitraum auf Auslandsreisen zurückzuführen gewesen.

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In diesen Ländern steckten sich die meisten Urlauber an

Die meisten Neuinfektionen stammten während der Sommerferienzeit – nach Deutschland selbst – aus dem Kosovo mit 4369 Fällen zwischen dem 20. Juli und 20. September. Auf Platz drei der sogenannten Expositionsländer stand Kroatien (3903), dahinter folgten die Türkei (3131), Bosnien und Herzegowina (1193), Rumänien (1096), Spanien (1059) und Frankreich (760).

Schlange stehen für den Coronatest: Reiserückkehrer müssen an Flughäfen mit Wartezeiten rechnen.

Auffällig: Die Liste umfasst viele Heimatländer von Menschen mit Migrationshintergrund und Länder, aus denen Saison- und Vertragsarbeiter nach Deutschland kommen. Einen hohen Anteil von Infektionen im Ausland führt das RKI daher auf Reisen zur Familie oder Freunden zurück. Gestützt werde diese Annahme dadurch, dass sich im Sommer vor allem Menschen mittleren Alters und Kinder im Ausland infiziert hätten, so das RKI.

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Den klassischen Pauschalurlaub in Spanien, Italien oder Frankreich sieht das RKI nicht als Hauptinfektionsherd im Ausland an. Denn hier komme es auf Reisen zu weniger intensiven Kontakten mit der einheimischen Bevölkerung und damit „zu einem geringeren Ansteckungsrisiko im Verhältnis zu den Inzidenzen des Reiselandes”. Dazu beigetragen hätten vermutlich auch die Übernachtungen in Hotels, die im vergangenen Sommer oftmals strengen Hygieneregeln unterlagen.

Als Risikofaktor sei aber auch der Partyurlaub zu bewerten, so das RKI. Im Sommer hatten Szenen von feiernden Menschen am Ballermann auf Mallorca und in Kroatien für Aufsehen gesorgt. Das Verhalten der Menschen sei so wichtig wie das Reiseziel, schreiben die Wissenschaftler. Denn das Risiko von Menschen, die mit anderen ohne Abstand feierten, engen Körperkontakt zu Freunden und Verwandten vor Ort haben oder in einem überfüllten Hotel wohnen, ist höher als das von Urlaubern, die in einem Hotel mit Hygieneregeln untergebracht ist, Abstand hält und Menschenmengen meidet.

RKI betont die Wichtigkeit von Corona-Testpflicht

Das Robert-Koch-Institut betont in der Studie zudem die Wichtigkeit von Corona-Tests für Reiserückkehrer: Ohne die breite Testmöglichkeit von Einreisenden wäre jedoch ein hoher Anteil der so erkannten Fälle verborgen geblieben, und die Eintragung in die Allgemeinbevölkerung wäre deutlich höher gewesen.”

Vom 8. August an konnten sich sogar Einreisende aus allen Ländern kostenlos an Flughäfen oder anderen Stellen testen lassen, nach dem 15. September war der Test nur noch für Einreisende aus Risikogebieten kostenlos. „Ein längeres Angebot zur freiwilligen, kostenlosen Testung für Reiserück­kehrer hätte vielleicht die Eintragungen vor und während der Herbstferien besser erfasst, die zweite Infektionswelle aber nicht verhindert“, schreiben die Forscher.

Auch zum Zeitpunkt des Corona-Tests für Reiserückkehrer teilen sie ihre Einschätzung – idealerweise solle er „mit einigen Tagen Abstand zum Rückreisedatum er­folgen, um auch kurz vor oder bei Einreise erworbe­ne Infektionen zu entdecken“. Unter diesen Umstän­den könnte eine mögliche Verbreitung in Deutschland, ausgehend von reiseassoziierten Infektionen, am besten verhindert werden.

Deutscher Reiseverband sieht sich bestätigt

Der Deutsche Reiseverband (DRV) sieht sich durch die Studie in seinen Ansichten bestätigt: „Die Studie des RKI sollte von Branche und Politik für die stufenweise Entwicklung eines Restart-Konzepts für den Tourismus genutzt werden“, sagt DRV-Präsident Norbert Fiebig. Die Untersuchung mache deutlich, wie groß der Erkenntnisgewinn durch systematisches und strategisches Testen ist.