Lockdown, Krisenstimmung und Grenzschließungen: Die vergangenen Monate waren für alle hart, von der Coronavirus-Pandemie kalt erwischt wurden auch Backpacker weltweit. Die Träume vieler Reisender platzten, als die Länder dieser Erde plötzlich nicht mehr so leicht erreichbar waren. 

Backpacker-Paar gründet Initiative für Rucksacktouristen

Genau das haben auch die Holländerin Nikki de Weerd (25) und der Philippiner Miguel Fuentes (35) erlebt. Das Paar befand sich zu Beginn der Pandemie in Australien, mitten auf ihrem Rucksacktrip durchs Outback. Und damit sie und viele andere Backpacker trotz Pandemie ihren Traum leben können, eröffneten sie die Facebook-Gruppe „Adopt a Backpacker“, in der sich gestrandete Reisende und Menschen mit genügend Wohnraum treffen und in Kontakt treten können. Aus einer Facebook-Gruppe wurde eine Bewegung.

Im Interview erzählen die Gründer, wie sie der große Hype überraschte, was Reisen für sie bedeutet und was sie sich für die Zukunft nach Corona wünschen. 

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Hallo, ihr beiden. Fangen wir am besten vorn an: Wie habt ihr euch kennengelernt? 

Miguel: Ich bin schon seit sechs Jahren hier in Australien. Ich hatte ein Studentenvisum, als ich hierherkam. Mittlerweile habe ich ein dauerhaftes Visum und arbeite als Krankenpfleger. Nikki habe ich über gemeinsame Freunde kennengelernt. Sie ist aktuell noch mit einem Überbrückungsvisum hier und wartet auf das dauerhafte Visum. Ihr ursprünglicher Plan war es, als Au-pair hier zu arbeiten und sich so den Traum vom Outback-Roadtrip zu finanzieren. Seit zwei Jahren reisen wir nun schon gemeinsam um die Welt und leben in Perth. 

Miguel und Nikki haben gemeinsam eine Plattform für Backpacker gegründet.

Wie seid ihr dann genau auf die Idee mit der Facebook-Gruppe gekommen?

Miguel: Wir haben „Adopt a Backpacker“ gegründet, weil unsere gute Freundin Marielle aufgrund von Covid-19 ihren Job verloren hat und ohne Einkommen ihre Rucksackreise frühzeitig abbrechen und zurück nach Hause musste. Sie war so am Boden zerstört, dass sie nicht länger in Australien bleiben konnte. Eigentlich wollte sie ihre 88 Tage Farmarbeit abschließen und ein Visum für ein zweites Jahr in Australien beantragen. Ihre Träume wurden buchstäblich vor unseren Augen zerschmettert. Nikki brachte sie zum Flughafen und sie überließ uns einige ihrer Sachen und Lebensmittel. Es war so emotional und so traurig. Das brachte uns auf den Gedanken, dass wir etwas tun wollten, um Backpackern zu helfen. Also gründeten wir am 26. März 2020 die Facebook-Gruppe.

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Seitdem ist einiges geschehen. In eurer ersten Facebook-Gruppe sind mittlerweile weit mehr als 8000 Mitglieder, Tendenz steigend. Habt ihr mit einem solchen Ansturm gerechnet?

Miguel: Wir haben nicht erwartet, dass es ein so großer Erfolg wird, als wir die erste Facebook-Gruppe gegründet haben. Anfangs hatten wir ja nur die Absicht, einer Handvoll gestrandeter Rucksacktouristen zu helfen. Innerhalb einer Woche wurde Nikki aber dann vom Niederländischen Radio in Australien kontaktiert und eine weitere Woche später waren wir im Fernsehen bei „Channel 9 News“ in Perth. Nach ein paar Monaten haben wir Untergruppen in jedem Staat Australiens gegründet. Gruppen für Neuseeland, Kanada, Frankreich und Großbritannien sind zuletzt noch dazugekommen. Unser Netzwerk hat mittlerweile stolze 35.000 Mitglieder weltweit.

Das ist eine große Community. Wie nehmen die Rucksacktouristen und die Einheimischen euer Angebot generell an?

Miguel: Die anfängliche Reaktion der australischen Bevölkerung war sehr positiv. Die Leute waren sehr großzügig und bereit, uns zu helfen. Wir haben so viele tolle Angebote von Australiern erhalten, um Backpackern zu helfen. Es gab sogar Leute, die ganze Strandresort-Häuser angeboten haben, in denen Backpacker umsonst wohnen konnten. Aber natürlich kann man auch negative Kritik nicht verhindern. Die kommt aber vor allem von Leuten, die keine Erfahrung mit Reisen in andere Länder haben, da sie die Backpacker-Kultur nicht verstehen. Wir haben auch einige kleinere Rückschläge durch unangemessenes Verhalten einiger Gastgeber und Backpacker erhalten. Zwei Beispiele: Es gab Backpacker, die sich nicht respektvoll gegenüber dem Eigentum des Gastgebers verhalten haben, und Gastgeber, die mehr Arbeitsstunden von den Gästen verlangt haben, als ursprünglich abgemacht. 

Trotz dieser kleinen Hürden scheint euer Projekt gerade so richtig Fahrt aufzunehmen. Was plant ihr denn mit eurer Initiative für die Zukunft?

Miguel: Wir arbeiten derzeit mit einem tollen Team quasi Tag und Nacht daran, unsere Website zu entwickeln. Wir haben nämlich Zuwachs bekommen: Abel und Hélène aus Airlie Beach in Queensland sind auch ein Paar und nun unsere Mitgründer, weil sie viel zur Entwicklung der Bewegung beigetragen haben. Unser Ziel ist es, die Art und Weise, wie Backpacker um die Welt reisen, zu verändern. Dafür möchten wir ihnen die Chance geben, von einer netten und sicheren lokalen Familie in den Ländern adoptiert zu werden. Dies gibt ihnen die Möglichkeit, sich mehr in die lokale Kultur zu integrieren und gleichzeitig Geld für die Unterkunft zu sparen.

Abel und Helene gehören auch zum Team hinter "Adoptabackpacker".

Euer Konzept erinnert ein wenig an Couchsurfing, was ja bereits zahlreiche Reisefans umsetzen. Was unterscheidet euch von anderen Angeboten dieser Art?

Miguel: Das Wichtigste, was uns von Couchsurfing und anderen Plattformen unterscheidet, ist, dass wir Backpacker wirklich dazu ermutigen, etwas im Tausch für die Unterkunft zu tun. Das entwickelt die Arbeitsmoral der jungen Backpacker und lehrt sie Respekt und gute Werte, während sie auf Reisen sind. Wir richten unser Website-Modell darauf aus, das Reisen so spaßig, sicher und erschwinglich wie möglich zu machen. Darüber hinaus können wir mit dieser Website den Rucksacktouristen und Gastgebern eine besser organisierte, benutzerfreundliche Plattform in Echtzeit zur Verfügung stellen und ihnen eine viel bessere Sicherheit bieten. 

Was bedeutet das Reisen für euch persönlich? 

Miguel: Reisen ist ein großer Teil unseres Lebens. Vor der Corona-Pandemie sind wir alle paar Monate weggefahren und um die Welt gereist. Wir lieben es, neue Orte zu erkunden, neue Kulturen kennenzulernen und umwerfende Küchen und Köstlichkeiten aus verschiedenen Teilen der Welt zu probieren. Am wichtigsten ist es, die Chance zu bekommen, in die Lebensweise anderer Menschen in anderen Kulturen einzutauchen – das ist eine Erfahrung fürs Leben. Reisen eröffnet grenzenlose Möglichkeiten des Lernens und der Erfahrung. Es hilft jungen Menschen wie uns, zu wachsen und so viele Lebenskompetenzen zu erlernen, wie man reibungslos durch die verschiedenen Gezeiten des Lebens segeln kann. Es erweitert unsere Perspektive, um akzeptabler, fürsorglicher und weniger verurteilend gegenüber anderen menschlichen Rassen, Religionen und Kulturen zu sein. Ohne unsere Erfahrungen mit dem Reisen wäre „Adopt a Backpacker“ nicht entstanden.

Jetzt ist das Reisen ja leider nicht ganz so einfach umsetzbar. Welche Tipps habt ihr für Rucksacktouristen für die Zeit der Pandemie? 

Miguel: Am wichtigsten ist es, sich an die Regeln der Regierung zu halten. Denn: Es ist unsere Pflicht, uns gegenseitig in Sicherheit zu bringen. Wenn man diese Richtlinien befolgt und sich an die Regeln hält, wird das Leben aller so schnell wie möglich wieder normal sein. Und alle Backpacker, die jetzt und in Zukunft eine sichere Bleibe suchen, können sich jederzeit an uns wenden. 

Irgendwann werden wir zum Glück auch diese Krise überstanden haben. Was wünscht ihr euch für das Reisen nach der Pandemie? 

Miguel: Wenn es wieder möglich ist, ermutigen wir jeden Menschen, die Welt zu erkunden. Das Leben ist so kurz und sehr zerbrechlich und niemand bleibt ewig jung. Nehmt euch Zeit zum Reisen und lebt euer Leben in vollen Zügen, denn wenn ihr alt werdet, werden nur diese erstaunlichen Erinnerungen bleiben. Und wenn ihr noch nicht wisst, wo es hingehen soll, dann sucht euch doch gleich ein Land aus, das vom Tourismus abhängig ist. Zum Beispiel Länder wie Indonesien, Thailand, Kambodscha, die Philippinen und einige Teile Europas wie Malta, Kroatien,Griechenland