„Es ist, als würde man einem Sportler sagen, dass er jetzt nicht mehr trainieren darf“ – das sagt Barbara Horvatits-Ebner zum Phänomen des Reiseentzuges. Sie ist Psychologin und Reisebloggerin und hat sich mit den Auswirkungen, die das Reisen auf die psychische Gesundheit haben kann, beschäftigt.

Reisen, das ist für manche Menschen nicht nur Hobby, sie schöpfen Kraft daraus. „Das dürfen wir nicht einfach ausblenden“, sagt die Grazerin dem reisereporter.

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Folgen von Reiseentzug können schwerwiegend sein

Während der Corona-Pandemie haben viele Menschen gemerkt, dass Reisen nicht so selbstverständlich ist, wie sie lange Zeit gedacht hatten. Die Grenzen sind zwar nun wieder offen, doch mit dem Krieg in der Ukraine rollen neue Herausforderungen an. Stichwort: Preissteigerungen. Schon jetzt hat mehr als jeder fünfte Mensch in Deutschland zu wenig Geld, um sich einmal im jahr einen einwöchigen Urlaub leisten zu können. Tendenz steigend.

Gerade für Menschen mit neurotischen Störungen wie Depressionen, Angst- und Panikattacken sowie Anpassungsstörungen oder Entwicklungsstörungen, denen das Reisen gesundheitlich geholfen hat, könne das fatal werden. 

„Es gibt keinen Ersatz in und um die eigenen vier Wände, es ist nicht das Gleiche, auch wenn man gewisse Dinge transferieren kann“, sagt Horvatits-Ebner, die in ihrem Hauptjob mit psychisch kranken Menschen arbeitet. Sie vergleicht die Situation mit Skifahrern im Sommer – wer gern auf Skiern im Schnee steht, für den ist Krafttraining im Fitnessstudio kein Ersatz. 

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Reisen kann für Menschen mit psychischen Erkrankungen Medizin sein

„Das Reisen ist eine große Spielwiese, viele Dinge sind Therapie pur, etwa im Sand spielen“, sagt Horvatits-Ebner zum reisereporter. Vor allem in vier Punkten könne das Reisen Menschen mit psychischen Erkrankungen helfen, wie sie als „Reisepsycho“ auch online schreibt: „Reisen als Therapie – geht das?

  1. Reisen stärkt das Selbstvertrauen
    Indem Reisende Situationen meistern, in die sie daheim nicht so häufig kommen, erlangen sie Kontrolle zurück, die sich auch auf andere Lebensbereiche auswirkt. Menschen können sich dadurch weniger hilflos fühlen – Hilflosigkeit ist ein omnipräsentes Gefühl bei psychischen Erkrankungen.
  2. Reisen schafft Glücksmomente
    Neuer Input, neue Dinge, raus aus dem Alltag: Die veränderte Umgebung, die Reisende erleben, bietet Möglichkeiten, viele schöne Dinge zu sehen und Momente intensiv zu erleben, ohne dass sie vom Alltag überlagert zu werden.
  3. Soziale Kontakte lassen sich beim Reisen steuern
    Wer beim Reisen die Einsamkeit sucht, kann gezielt an Orte reisen, an denen es keine andere Menschen gibt. Wer hingegen unter Menschen will, kann schnell Anschluss finden. Neue Menschen, sagt Horvatits-Ebner, geben oft auch eine neue Perspektive für einen selbst.
  4. Reisen führt zu Entspannung
    Reisen senkt in der Regel das Stresslevel, es lässt Menschen einfach mal durchatmen. Reisende können von Kämpfen, die im Alltag geführt werden (müssen), Abstand gewinnen und das Gedankenkreisen durch neuen Input unterbinden. Das senkt das Arousal-Level, das zeigt, wie angespannt Menschen sind.

Wann schlägt der Reiseentzug zu?

Wie Menschne mit einem Reiseentzug umgehen, hänge neben der Persönlichkeitsstruktur auch mit dem Reiseverhalten zusammen. Wer pro Jahr einen Pauschalurlaub buche, komme ohne Reisen vermutlich besser zurecht als jemand, der sehr viel unterwegs ist und immer auf der Suche nach dem nächsten Abenteuer ist.

Ein paar Monate könne man es dann schon schaffen, auf das Reisen zu verzichten, sagt Barbara Horvatits-Ebner, doch danach könne es kritisch werden. Denn es gehe auf die Psyche, wenn das Bedürfnis nach dem Reisen zu groß werde und gleichzeitig Alternativen sowie Ausblicke fehlen.

Sie selbst habe die Berge um sich, sagt die Österreicherin. „Ich kann damit viel kompensieren, weil ich in den Bergen auch sehr glücklich bin und dort Ausgleich und Zufriedenheit finde. Ich kann quasi täglich auf einen neuen Gipfel vor meiner Haustür steigen.“ Aber die Sehnsucht nach ferneren Orten kann sie nicht nur nachvollziehen, sie verspürt sie auch selbst.

Wenn das Reisen als Therapie wegfällt: Ausgleich in der Natur suchen

Doch was, wenn es mit Reisen schwierig ist? „Da haben die Leute beispielsweise in Bayern oder Österreich es natürlich etwas einfacher. Wir können wandern, Ski fahren oder einfach die schönen Berglandschaften genießen“, so Barbara Horvatits-Ebner. 

Auch wenn es kein gleichwertiger Ersatz sei, appelliert sie an Menschen, sich Ausgleiche zu suchen – und sei es nur durch Yoga im Park oder ein Spaziergang. „Jede Bewegung draußen an der frischen Luft, ohne Infrastruktur, kann guttun.“

Zudem könne man auch in der Umgebung Neues ausprobieren, beispielsweise in einen eiskalten See springen. „Der Kick, das Abenteuer, das sind Dinge, die das Reisen auch ausmachen. Stillt eure Abenteuerlust anderswo. Es ist nicht dasselbe, aber es kann helfen.“