„Es ist, als würde man einem Sportler sagen, dass er jetzt nicht mehr trainieren darf“ – das sagt Barbara Horvatits-Ebner. Sie ist Psychologin und Reisebloggerin und hat sich mit den Auswirkungen, die das Reisen auf die psychische Gesundheit haben kann, beschäftigt. Reisen, das ist für manche Menschen nicht nur Hobby, sie schöpfen Kraft daraus. „Das dürfen wir nicht einfach ausblenden“, sagt die Grazerin dem reisereporter.

Und genau hierin liegt auch die Herausforderung in der Corona-Pandemie, wenn sich nämlich viele Reiselustige in einem beschränkten Umfeld aufhalten müssen und sollen, statt die Welt zu erkunden. Gerade für Menschen mit neurotischen Störungen wie Depressionen, Angst- und Panikattacken sowie Anpassungsstörungen oder Entwicklungsstörungen, denen das Reisen gesundheitlich geholfen hat, könne das fatal werden. 

„Es gibt keinen Ersatz in und um die eigenen vier Wände, es ist nicht das Gleiche, auch wenn man gewisse Dinge transferieren kann“, sagt Barbara Horvatits-Ebner, die in ihrem Hauptjob mit psychisch kranken Menschen arbeitet. Sie vergleicht die Situation mit Skifahrern im Sommer – wer gern auf Skiern im Schnee steht, für den ist Krafttraining im Fitnessstudio kein Ersatz. 

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Reisen kann für Menschen mit psychischen Erkrankungen Medizin sein

„Das Reisen ist eine große Spielwiese, viele Dinge sind Therapie pur, etwa im Sand spielen“, so Barbara Horvatits-Ebner zum reisereporter. Vor allem in vier Punkten könne das Reisen Menschen mit psychischen Erkrankungen helfen, wie sie als „Reisepsycho“ auch online schreibt: „Reisen als Therapie – geht das?

  1. Reisen stärkt das Selbstvertrauen
    Indem Reisende Situationen meistern, in die sie daheim nicht so häufig kommen, erlangen sie Kontrolle zurück, die sich auch auf andere Lebensbereiche auswirkt. Menschen können sich dadurch weniger hilflos fühlen – Hilflosigkeit ist ein omnipräsentes Gefühl bei psychischen Erkrankungen.
  2. Reisen schafft Glücksmomente
    Neuer Input, neue Dinge, raus aus dem Alltag: Die veränderte Umgebung, die Reisende erleben, bietet Möglichkeiten, viele schöne Dinge zu sehen und Momente intensiv zu erleben, ohne dass sie vom Alltag überlagert zu werden.
  3. Soziale Kontakte lassen sich beim Reisen steuern
    Wer beim Reisen die Einsamkeit sucht, kann gezielt an Orte reisen, an denen es keine andere Menschen gibt. Wer hingegen unter Menschen will, kann schnell Anschluss finden. Neue Menschen, sagt Horvatits-Ebner, geben oft auch eine neue Perspektive für einen selbst.
  4. Reisen führt zu Entspannung
    Reisen senkt in der Regel das Stresslevel, es lässt Menschen einfach mal durchatmen. Reisende können von Kämpfen, die im Alltag geführt werden (müssen), Abstand gewinnen und das Gedankenkreisen durch neuen Input unterbinden. Das senkt das Arousal-Level, das zeigt, wie angespannt Menschen sind.

Ein paar Monate könne man es schon schaffen, auf das Reisen zu verzichten, sagt Barbara Horvatits-Ebner, doch dann könne es kritisch werden. Denn es gehe auf die Psyche, wenn das Bedürfnis nach dem Reisen zu groß werde und gleichzeitig Alternativen sowie Ausblicke fehlen.

Schwieriger Reiseverzicht: Reise-Psychologin appelliert für mehr Verständnis

Sie selbst habe die Berge um sich, sagt die Österreicherin. „Ich kann damit viel kompensieren, weil ich in den Bergen auch sehr glücklich bin und dort Ausgleich und Zufriedenheit finde. Ich kann quasi täglich auf einen neuen Gipfel vor meiner Haustür steigen.“ Aber die Sehnsucht nach ferneren Orten kann sie nicht nur nachvollziehen, sie verspürt sie auch selbst. Sobald es die Situation wieder zulässt, will sie nach Italien.

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Sie möchte all jene sensibilisieren, die wenig Verständnis aufbringen für Menschen, die trotz der globalen Pandemie reisen – auch wenn sie selbst auf Auslandsreisen verzichtet: „Anderen ein Bedürfnis, das man selbst nicht hat, abzusprechen, ist problematisch. Der Wunsch nach Reisen lässt sich nicht auf Knopfdruck abstellen“, sagt sie. 

Alle müssten in der Corona-Pandemie verzichten, das würden auch alle auf die ein oder andere Art tun – „aber das heißt nicht, dass wir es gern tun müssen“. Es komme eben auch auf die Art des Reisens an. Wer in einem Hochrisikogebiet lebe und mit der Bahn zur Arbeit fahren muss, sei gefährdeter, sich mit Covid-19 zu infizieren, als eine Person, die in der Natur Einsamkeit sucht. „Solch eine Reise sollte jedem zugestanden werden.“ 

Die moralische Komponente einiger Menschen, auch in sozialen Medien, die immer wieder Unverständnis zeigen, wenn Menschen verreisten, stört sie. „Wir kennen die Umstände doch gar nicht. Jeder hat einen guten Grund, jedes Verhalten lässt sich legitimieren.“ Auch wenn einige aus purem Egoismus weiterhin reisten, so geht die Psychologin davon aus, dass die Mehrheit es tut, um ein wichtiges, vielleicht gar überlebenswichtiges Bedürfnis zu stillen. 

Wenn das Reisen als Therapie wegfällt: Ausgleich in der Natur suchen

Doch was nun, da es mit Reisen ja schwierig ist und nicht jeder ein Auto zur Verfügung oder Natur um sich herum hat? „Da haben die Leute beispielsweise in Bayern oder Österreich es natürlich etwas einfacher. Wir können Ski fahren, schneeschuhwandern oder einfach die schönen Berglandschaften genießen“, so Barbara Horvatits-Ebner. 

Auch wenn es kein gleichwertiger Ersatz sei, appelliert sie an Menschen, sich Ausgleiche zu suchen – und sei es nur durch Yoga im Park oder ein Spaziergang. „Jede Bewegung draußen an der frischen Luft, ohne Infrastruktur, kann guttun.“ Zudem könne man auch in der Umgebung Neues ausprobieren, beispielsweise in einen eiskalten See springen. „Der Kick, das Abenteuer, das sind Dinge, die das Reisen auch ausmachen. Stillt eure Abenteuerlust anderswo. Es ist nicht dasselbe, aber es kann helfen.“