Was bedeutet eigentlich reisen? Die wenigsten werden darüber nachdenken, sondern es einfach machen. Indem sie andere Städte, Länder oder Kontinente erkunden. Aber was, wenn man Reisen als das Entdecken von Neuem versteht? Dann könnte man die Ferne schon in unmittelbarer Nähe erleben. Zum Beispiel in einer fremden Wohnung in der eigenen Stadt.

Das ist das Konzept der „Zimmerreisen“, eines Kunstprojekts der „AG Minimales Reisen“. Gerade die Corona-Zeit hat uns gezeigt, dass es sinnvoll sein könnte, Tourismus und Reisen neu zu denken. Bei diesem Projekt kannst du das hautnah ausprobieren.

„Für mich ist es spannend zu überlegen, was Reisen überhaupt ausmacht“, erklärt Künstlerin Stefie Steden im Gespräch mit dem reisereporter. „Reisen ist in erster Linie eine wichtige zeitgenössische Kulturtechnik.“ Sie selbst habe sich irgendwann aus Gründen der Nachhaltigkeit die Frage gestellt, wie weit sie eigentlich reisen müsse, um zu finden, was sie suche.

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„Bei jeder Reise ist es wichtig, Neues zu erfahren. Selbst wenn man immer wieder an denselben Ort reist.“ Überraschung sei ein wichtiger Aspekt beim Reisen. Und das kann man auch in „naher Ferne“ erleben.

Nah statt fern, individuell statt in der Masse: So funktionieren „Zimmerreisen“

Vielleicht kennst du das auch: Wenn du Gegenstände bei Onlineverkäufern abholst oder auch nur Pakete zu deinen Nachbarn bringst – oft erhaschst du nur einen kurzen Blick in fremde Wohnungen, dann schließt sich die Tür schon wieder. Meist ist die Neugier entfacht. Aber einfach zu fragen, ob man sich mal umsehen darf? Das trauen sich die wenigsten.

Die „Zimmerreisen“ verschaffen einen privaten Einblick in fremde Wohnungen – und ins eigene Innenleben.

Ähnliche Situationen waren es auch, die Stefie schließlich auf die Idee zu den „Zimmerreisen“ brachten. Zunächst habe sie das Projekt nur für sich selbst gestartet, um die Möglichkeit zu haben, sich in einer anderen Wohnung in Ruhe umzuschauen. Dabei gehe es immer auch darum, was man dort erfahre. „Fremde Wohnungen sind fast wie Museen.“

Oftmals würden dabei Erinnerungen in uns wachgerufen. „Für mich ist jede Reise eine Reise zu mir selbst“, so Stefie. Es gehe nicht darum, währenddessen Texte, Bilder oder Ähnliches zu produzieren – auch wenn das bei vielen Reisenden passiere. „Es geht immer um den Moment.“

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Beim „Zimmerreisen“ geht es um das individuelle Erlebnis, um genaue Beobachtung, ja, darum zu fühlen, wie sich ein anderes Leben anfühlen könnte. Und welche Erinnerungen die ungewohnte Umgebung in einem selbst auslöst. Also ein ziemlich krasses Gegenstück zum Massentourismus und dem Drang, dasselbe zu sehen wie alle anderen auch – Stichwort: Bucket Lists.

Darf man Schubladen öffnen? Fragt man da vorher nach? Das sind Grenzen, die ausgelotet werden.

Bislang seien die Leute eigentlich immer begeistert gewesen von ihren „Zimmerreisen“, sagt Stefie. Sie seien überrascht worden von der Offenheit und der Gastfreundschaft der Teilnehmenden. Trotzdem müssten einige natürlich erst mal lernen, sich auf das Abenteuer einzulassen.

„Was darf man und was nicht? Darf man Schubladen öffnen? Fragt man da vorher nach? Das sind Grenzen, die  ausgelotet werden.“ Wichtig sei dabei immer, gut miteinander umzugehen und niemanden zu verletzen. Das Kunstprojekt sei von einem „zarten Ton“ geprägt. Kein großes Abenteuer also, sondern eines, das im Kleinen, Leisen und Nahen erlebbar wird.

Spannend ist das vor allem auch für alle, die sich für die Ästhetik von Wohnen interessieren. Und die gerne erfahren möchen, wie Fremde ihre eigene Wohnung wahrnehmen. Letztlich ist es ja genau das, was Reisen in uns auslösen: eine neue Perspektive auf die Heimat.

So kannst du selbst in fremde Wohnungen reisen

Das nächste Online-Event findet am 7. Januar statt, dafür kannst du dich online anmelden. Bei dem Event kannst du den Reiseberichten anderer lauschen und deine Tauschpartnerin oder deinen Tauschpartner kennenlernen. Von ihm oder ihr kannst du zu einem späteren Zeitpunkt etwa zwei Stunden die Wohnung erkunden, und eine andere Person besucht deine Wohnung. Aktuell geht das je nach Teilnehmerzahl auch in anderen Städten als Berlin oder zum Beispiel über Webcam. Vier Wochen später folgt dann der virtuelle Austausch über das Erlebnis.

Wenn du schon mal einen Vorgeschmack auf die Reisen in fremde Wohnungen bekommen möchtest, kannst du dich durch das Reiseberichte-Archiv lesen. Die „Zimmerreisen“ sind zwar ein Kunstprojekt, trotzdem gibt es dafür keine bestimmten Voraussetzungen. Auch Nicht-Künstler können teilnehmen, betont Stefie Steden.

Gefällt dir das Konzept von Einfachheit und Nähe beim Reisen? Dann könnte auch die Kunsthalle Below spannend für dich sein. Dort können sich Einzelpersonen und Kleingruppe fürs künstlerische Arbeiten oder auch einfach für eine Pause inmitten der Natur einmieten.