1. Reisen ist ein Privileg

Für uns in Mitteleuropa ist das Reisen eine Selbstverständlichkeit. Wir haben einen Reisepass, der uns problemlos in nahezu jedes Land der Welt einreisen lässt, die meisten haben das nötige Geld und Grenzen existieren maximal in unseren Köpfen. Wir sind gern gesehene Gäste auf der Welt, weil wir Geld bringen.

Dass das Reisen nicht für alle Menschen eine derartige Selbstverständlichkeit ist, wussten die meisten wohl auch. Die große Mehrheit der Erdbewohner kann es sich nicht erlauben, auf Reisen zu gehen – weil es an Geld fehlt oder schlicht keine Visa erteilt werden. 

2020 hat uns gezeigt, dass auch unsere Freiheit und das Selbstverständnis, das wir in Bezug auf das Reisen hatten, fragil sind – und sich schnell ändern können. Reisen ist ein Privileg, und so manch einem wurde das erst (wieder) bewusst, als Covid-19 dieses Privileg hat verschwinden lassen. Offene Grenzen, durch die Länder jetten, ohne sich Sorgen zu machen, ohne Einschränkungen vor Ort – das werden wir nach der Corona-Pandemie noch mehr zu schätzen wissen als zuvor. 

2. Deutschland ist ein unterschätztes Reiseziel

In Deutschland Urlaub machen? Das kann man ja immer noch, wenn man mal alt ist! Das dachten viele junge Menschen. Doch dann kam Corona – und wir lernten, unsere Heimat neu zu entdecken. Meer, Nationalparks, Wälder, Wanderwege, Täler, Schluchten, Burgen und Schlösser – Deutschland ist enorm vielfältig und bietet eigentlich für jeden etwas. 

Gut, das Wetter kann nicht unbedingt mit Spanien, Italien, Griechenland und Co. mithalten, dafür aber hat Deutschland etliche Naturschönheiten. Viele, die auch vorher Weltenbummler waren, werden wohl auch nach Corona wieder rund um den Globus tingeln. Aber wir wissen auch: Deutschland ist mehr als nur eine Alternative.

Weiterlesen nach der Anzeige

Anzeige

3. Wir alle können mehr wert auf Hygiene legen

Wer seit März auf Reisen ging, konnte sich auf deutlich höhere Hygiene-Standards freuen. Und auch wenn nicht alle besonders praktikabel sind und auf lange Sicht wohl nicht erhalten bleiben, so gibt es durchaus Aspekte, die das Reisen nachhaltig verändern könnten. Denn Corona hat ins Bewusstsein gebracht, wie wichtig Hygiene- und Sicherheitsregeln sind.

Wieso eigentlich nicht Desinfektionsmittel in Hotel-Lobbys stehen lassen? Immerhin gibt es nebst Coronavirus auch noch allerlei andere Viren und Bakterien, die sich von Mensch zu Mensch übertragen. So manch eine Erkrankung könnte damit vermutlich verhindert werden. Der deutliche Mehraufwand ist derzeit jedenfalls zugunsten der Reisenden – die sich auf wirklich saubere Zimmer ohne Haare und Krümmel vom Vormieter freuen dürfen.

Übrigens gibt es durchaus auch einige Lösungen, die das Leben für Menschen mit Behinderungen einfacher machen. Wenn sich beispielsweise aus Hygiene-Gründen Türen in Hotels automatisch öffnen, wird der Zugang für Gehbehinderte barrierefrei.

4. Digitale Projekte können das Reisen erleichtern

Dass Deutschland in Sachen Digitalisierung nicht unbedingt gut dasteht, ist bekannt. Das war auch in der Corona-Pandemie wieder zu sehen. Allerdings hat uns Covid-19 auch etwas gelehrt: dass digitale Angebote notwendig sind und teilweise auch schnell umgesetzt werden können.

Zimmerreservierung online, Check-in ohne direkten Kontakt mit dem Gastgeber, bezahlen über Handy oder Paypal und die digitale Passkontrolle: Auch in Deutschland gab es solche Angebote bereits vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie, aber die Notwendigkeit und die Vorteile erkannten viele erst in diesem Jahr. Das spart übrigens teilweise auch Ressourcen, nicht nur, was Personal angeht, sondern auch, was unnötige Ausdrucke betrifft.

Apropos Digitalisierung: Ein Vorteil, den Corona uns gebracht hat, ist der barrierefreie Zugang zu Sehenswürdigkeiten. Museen haben plötzlich online Ausstellungsrundgänge angeboten, auf Youtube konnte man Tourguides bei der Safari begleiten, und selbst Strände und Nordlichter wurden über Apps und Webcams direkt ins heimische Wohnzimmer übertragen. Durch Corona wurde die Welt somit für viele zugänglicher und kleiner.

5. Nachhaltigkeit geht vor Masse

Regionen, die allein auf Tourismus setzten, hatten in der Corona-Pandemie besonders zu leiden, darunter etliche Inselstaaten in der Karibik oder im Pazifik. Wenn die Wirtschaft zu 90 Prozent am Tourismus hängt, beginnt ein Kampf ums Überleben, wenn ebenjener Sektor wegbricht. Aber nicht nur in ärmeren Ländern war das zu sehen, auch in Touristen-Regionen in Italien, Spanien oder Griechenland – überall klagten Wirte, Hotelbesitzer, Tourguides über die Folgen von ausbleibenden Touristen.

Die Corona-Pandemie hat uns aber gezeigt, dass es kein Weiter-so geben kann. In einer globalisierten und vernetzten Welt können Pandemien oder auch andere Dinge, die den Tourismus einschränken, immer wieder passieren.

So manch ein Traumziel hat sich deshalb Alternativen überlegt, um durch die Krise zu kommen und auch in Zukunft gerüstet zu sein. Auf den Seychellen setzt man auf umweltbewussten Tourismus statt auf Masse, Mauritius wirbt um Langzeitreisende und bietet spezielle Visa an, damit digitale Nomaden sich dort niederlassen können, und auf Barbados wurde von Menschen, die im Tourismus arbeiten, ein Fonds gegründet, in den künftig alle einzahlen – eine Art Versicherung für den Notfall.

6. Auch zu Hause ist Urlaub möglich

Wer nur damit beschäftigt ist, in die weite Welt hinauszuziehen und nach den großen Abenteuern in der Ferne zu suchen, verpasst sie vielleicht direkt vor seiner Haustür. Die eigene Stadt oder Region erkunden wir oft nur, wenn Besuch da ist. In der Corona-Zeit hingegen haben wir unser direktes Umfeld viel mehr schätzen gelernt.

Wie viele Museen gibt es eigentlich im näheren Umkreis deines Wohnorts? Wie viele Wälder, Naturparks und Wanderrouten? 2020 hat uns gelehrt, auch wieder zu schauen, was in unserer Stadt möglich ist. Und so manch einer wird erstaunt gewesen sein, was sich da alles findet. Das Gute: Eine Auszeit im heimischen Wald lässt sich auch gut in den Alltag integrieren – für das Urlaubsgefühl auch während der Arbeitswoche.

Apropos Urlaubsgefühl: Nicht nur im Umfeld, sondern auch in der eigenen Wohnung ist Urlaub möglich. Zelten im Garten oder im Wohnzimmer, eine kulinarische Weltreise in der heimischen Küche oder ein Wellness-Urlaub in der eigenen Badewanne – Ideen für Mikro-Abenteuer, die wir vor 2020 vielleicht für etwas verrückt hielten, die aber zu einer kleinen Alternative geworden sind.

7. Urlaub ist auch ohne Party möglich – vorübergehend

Ein Cocktail oder Bier am Abend, das gehört für viele zum Urlaub dazu. Tanzen, Freunde treffen, Après-Ski, Party machen. Seit Covid-19 wissen wir, dass Urlaub auch ohne Party und Ausgehen möglich ist. Es war stattdessen an der Zeit, sich mehr auf Natur und sich selbst zu fokussieren. 

Doch es ist auch völlig legitim, Partyurlaub zu vermissen. Für viele Jugendliche und junge Erwachsene gehört das auf Reisen einfach dazu. Das Gute ist: Es wird wiederkommen, irgendwann. Und wenn Corona vorbei ist, haben wir vielleicht die ein oder andere Möglichkeit verpasst, es warten aber noch viele unvergessliche Partys auf uns.

8. Wir brauchen mehr Angebote mit öffentlichen Verkehrsmitteln

Der Roadtrip mit dem Auto oder dem Camper war im Corona-Jahr 2020 so angesagt wie noch nie. Das lag auch daran, dass wir auf diese Art nicht in engen Kontakt mit anderen Reisenden gekommen sind. Isolation war viel einfacher möglich – und man musste sich auch nicht über Maskenverweigerer ärgern oder jene, die von Abstand noch nichts gehört haben.

Dass während der Corona-Pandemie aber mehr Menschen auf das umweltschädlichere Auto zurückgegriffen haben, zeigt auch, dass unsere öffentlichen Verkehrsmittel nicht pandemietauglich sind. Überfüllte Züge, kein Platz für Sicherheitsabstand in Zug, Bahn, Bus und Flugzeug und eingeschränkte Angebote waren auch Zeichen dieser Pandemie.

Wenn das Reisen und generell unser Leben also wirklich klimafreundlicher werden sollen, muss es mehr und sichere Verbindungen geben. Die geplanten neuen Nachtzugverbindungen durch Europa sind ein erster Schritt. 

9. Durchatmen in der Natur statt in überfüllten Städten spazieren

Venedig, Rom, Florenz, Paris, Amsterdam, London– die Metropolen in Europa waren immer für einen Kurztrip gut. Nur in diesem Jahr war es anders. Denn auch wenn genau die Orte, die sonst ob des Overtourism stöhnten, nun über mangelnde Touristen klagten, so zogen doch viele Reisende die Natur den Städten vor – immerhin ist dort das Infektionsrisiko geringer. 

Es braucht vielleicht also gar nicht immer mehr Input, mehr Eindrücke, mehr Museen, mehr Sehenswürdigkeiten, mehr Gebäude, mehr Geschichte – vielleicht reicht es auch manchmal, einfach nur zu sein, die Gedanken schweifen zu lassen und sich der Schönheit um einen herum zu erfreuen. Ganz ohne von Highlight zu Highlight zu hetzen.  

10. Wir brauchen das Reisen für die Seele

Reisen ist nicht nur ein Lifestyle, Reisen hat auch einen Nutzen für die Seele. Was der ein oder andere von uns vielleicht schon vor Corona wusste, wurde dem anderen erst jetzt bewusst. Reisen ist ein Luxusgut und Privileg, das wir nicht nur für den sozialen Status brauchen, sondern auch für unsere mentale Gesundheit.

Reisen bedeutet Selbstständigkeit und Unabhängigkeit, es bedeutet, sich neu kennenzulernen und sich Herausforderungen zu stellen, es bedeutet, neue Eindrücke zu bekommen und kreative Lösungen auf Probleme zu finden. Reisen lässt uns die Person sein, die wir gern sein möchten. Reisen ist eine Auszeit für Seele, Körper und Geist, macht glücklich und gibt uns Mut und Zuversicht. Reisen gibt uns Energie und lässt uns abschalten. 

„Kannst du nicht einmal ein Jahr einfach zu Hause bleiben?“, war in zahlreichen sozialen Medien immer wieder zu lesen. Und das zeigt, dass viele noch nicht verstanden haben, was das Reisen mit so manch einem Menschen macht. Es gibt nämlich jene, die das Reisen brauchen wie die Luft zum Atmen.