Einfach mal rauskommen und ein Abenteuer erleben – davon träumen viele Reisefans. Wie den meisten von ihnen fehlte auch Lukas Borchers lange die Zeit dafür. Doch als der Student im Herbst 2019 mehrere Monat frei nehmen konnte, nutzte er die Gelegenheit sofort: Mit seinem Kajak wollte er von Genf nach Gibraltar paddeln, rund 2000 Kilometer über die Rhône und das Mittelmeer. Und dann kam alles anders.

Warum der 26-jährige Göttinger letztendlich auf der Loire und dem Atlantik landete, ist eine längere Geschichte voller Rückschläge und neuer Möglichkeiten, über den Haufen geworfener Pläne und Herausforderungen, Abenteuer und Glücksmomente. Dem reisereporter hat Lukas diese Geschichte erzählt.

Auf ins Abenteuer!

Am Anfang von vier Monaten Abenteuer und rund 2000 Kilometern im Kajak und auf einem Segelschiff stand eine fixe Idee und rund ein Jahr Planung. Obwohl Lukas bis dato nur 1000 Kilometer auf der vergleichsweise wenig anspruchsvollen Donau gepaddelt war, packte er im September 2019 sein Faltkajak und 70 Kilo Gepäck, stieg in den Zug und fuhr nach Genf, um von dort aus rund 600 Kilometer auf der Rhône und 1400 Kilometer auf dem Mittelmeer zurückzulegen.

Mit rund 70 Kilogramm Gepäck reiste Lukas zu Beginn seiner Reise von Göttingen nach Genf.

Den größten Teil der Planung hatte er in seine Ausrüstung, ins richtige Boot, das richtige Zelt und die richtige Kleidung investiert. Weil er im Herbst und Winter unterwegs sein würde, stand auch schnell Südeuropa als Ziel fest. Und die Route wurde maßgeblich vom Flussverlauf bestimmt. Darüber machte sich Lukas bei der Planung also kaum Gedanken. „Der Fluss führt dahin, wo er hinfließt.“

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Trotzdem kam er am Ende nicht am Mittelmeer, sondern am Atlantik raus. Denn nach nur einer Woche auf der Rhône wurde Lukas klar: Das wird nichts. „Die Rhône war zwar wunderschön, die Landschaft war bergig mit tiefen Schluchten und das Wasser so blau, wie ich es noch nie zuvor gesehen habe.“ Aber: Der Fluss war leider gar nicht fürs Kajakfahren geeignet, wie Lukas feststellte. 

Die Rhône fließt durch eine spektakuläre Landschaft.

Ständig musste er an Staudämmen vorbei. Er musste sein Gefährt also immer wieder aus dem Wasser hiefen, teilweise gab es auch keine Rampen. Und vor den Staudämmen staute sich natürlich das Wasser, was das Paddeln wesentlich anstrengender machte. Nach einer Woche und zwölf Staudämmen entschied sich Lukas deshalb, den Fluss zu wechseln.

Zum ersten Mal muss der Reiseplan geändert werden

Von Lyon fuhr er mit dem Zug in einer halben Stunde nach Roanne und setzte seine Reise auf der Loire fort. Während er auf der Rhône nur etwa 20 Kilometer am Tag zurückgelegt hatte, schaffte er auf der Loire nun 30 bis 40 Kilometer täglich. Im Vergleich zu vorher war die Landschaft dafür ziemlich platt –„richtige Pampa“ – aber immer noch charmant und schön.

Auf der Loire kam Lukas wesentlich schneller voran – und wurde immer noch mit schöner Aussicht belohnt.

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Manchmal traf Lukas tagelang keine anderen Menschen – an die Einsamkeit mussteer sich erst gewöhnen. Er lernte sie aber auch schätzen. Vor allem, weil er mit den Einheimischen aufgrund der Sprachschwierigkeiten ohnehin mehr schlecht als recht kommunizieren konnte.

Alle paar Tage versorgte er sich in kleinen Orten mit Lebensmitteln. Nachts zeltete er meist am Flussufer, nur ab und an gönnte er sich einen Campingplatz und eine Dusche. Erst als sich Lukas immer mehr dem Atlantik näherte, wurde die Besiedelung der Gegend dichter. Schließlich erreichte er bei Saint-Nazaire nach etwas mehr als sieben Wochen das Meer. Und das sollte ihn noch einmal vor völlig neue Herausforderungen stellen.

Die Einsamkeit war Lukas’ ständiger Begleiter während der ersten Wochen seiner Reise.

Denn schon beim Flusswechsel hatte Lukas sich gefragt, ob das „so geil ist, was ich da mache“. Selbst das Mittelmeer wäre ohne Erfahrung im See-Kajak eine echte Challenge geworden. „Das habe ich mir aber noch zugetraut. Der Atlantik ist dagegen eine völlig andere Liga.“

Schnell merkte Lukas, dass die Wellen und das Wetter wesentlich anstrengender waren als die Zeit auf der Loire. Immer wieder musste er teilweise tagelang an Stränden ausharren, bevor er weiterpaddeln konnte. Doch er kämpfte sich voran. Der Wendepunkt kam kurz vor La Rochelle. Dort wurde er mit seinem Kajak von einer drei Meter großen Welle umgeworfen.

Vom Kajak aufs Segelschiff

Lukas schaffte es zwar zurück an den Strand, ihm wurde aber auch klar: Das hätte anders enden können. Tagelang harrte er am Ufer aus, wartete auf besseres Wetter und suchte nach einer Lösung. Denn dass das Wetter und die Wellen nur noch schwieriger werden würden, stand außer Frage. Lukas musste seine Reise anders fortsetzen, wenn er sich nicht wieder in Lebensgefahr bringen wollte.

Lukas am Atlantik. Hier reifte langsam die Idee, mit einem Segelschiff weiterzureisen.

Die Lösung kam in Form eines 80 Jahre alten Segelschiffs, das von Dänemark nach Brasilien unterwegs war. Die „Labora“ fand Lukas über eine Facebook-Gruppe. Bevor er an Bord ging, schickte er sein faltbares Kanu nach Hause und begab sich auf den zweiten Teil seines Abenteuers.

Auf der „Labora“ schloss er sich einer Gruppe Gleichgesinnter an, von denen viele genauso wenig übers Segeln wussten wie Lukas zu dem Zeitpunkt. Die Crew wechselte oft, und bis auf den Kapitän und zwei Besatzungsmitglieder waren keine geübten Segler unter den je nach Zeitpunkt sieben bis zwölf Mitreisenden.

Auf der „Labora“ hat Lukas segeln gelernt. Und er ist sich sicher: Es wird nicht sein letzter Törn gewesen sein.

Deshalb bestand ein Großteil von Lukas’ Schiffsalltag aus „learning by doing“. Besonders bei starken Stürmen war das zum Teil eine große Herausforderung. Denn schon an Lukas’ zweitem Tag auf dem Schiff geriet die „Labora“ auf dem Weg nach Santander in einen Sturm mit Windgeschwindigkeiten von 40 Knoten (etwa 80 Stundenkilometer) und bis zu fünf Meter hohen Wellen.

Sturm und fünf Meter hohe Wellen: Der Atlantik zeigt sich von seiner rauen Seite

„Wenn man so etwas vorher noch nicht erlebt hat, kann man sich das nicht vorstellen“, erklärt Lukas. Am Abend hatte er sich ins Bett gelegt und aus dem Deckenfenster seiner Koje noch den Nachthimmel gesehen. Als er am nächsten Morgen aus dem Fenster schaute, sah er das Meer – weil sich das Schiff fast waagerecht in Schräglage befand. Als er dann zu den anderen an Bord gekommen sei, habe er schon kurz gedacht: „Was zur Hölle mache ich hier?“

„Gleichzeitig war es auch ein tolles Gefühl, so etwas überhaupt mal zu erleben“, so Lukas. Und das, obwohl er im Sturm erst mal seekrank wurde. „Ab und zu musste ich über die Reling, konnte aber zum Glück noch was machen.“ So führte Lukas die durch den Sturm zugebrüllten Anweisungen aus und half, das Schiff über die stürmische Biskaya zu bringen. Eine Bucht, über die im Wikipedia-Eintrag steht: „Dieses Seegebiet ist für schlechtes Wetter, starke Stürme und extremen Seegang bekannt.“

Hinzu kam, dass die „Labora“ die Bucht im Oktober überquerte – eigentlich endet die Saison dafür allerdings im September. Wie sich der Sturm für Lukas und den Rest der Crew angefühlt haben muss, zeigt dieses Video:

Neben diesen herausfordernden Momenten erlebte Lukas an Bord der „Labora“ aber auch einige der schönsten: Fast jeden zweiten Tag schwammen etliche Delfine vor dem Bug mit. Auch eines Nachts, als das Schiff durch leuchtendes Plankton fuhr und nur die Silhouetten der Meeressäuger erleuchtet wurden.

Nach der Biskaya-Überquerung ging aber auch auf der „Labora“ die Reise nicht immer wie geplant weiter. Meist schaffte das Schiff nur Tagestouren entlang der spanischen Küste, musste dann immer wieder tagelang in Häfen ausharren. Entweder waren die Wetterverhältnisse zu schlecht oder es mussten Teile des Schiffs repariert werden. Nach knapp zwei Monaten war Lukas noch Hunderte Kilometer von Gibraltar, seinem ursprünglichen Ziel, entfernt. Doch sein Rückflug ab Lissabon rückte immer näher.

Die Crew auf der „Labora“ bestand aus ständig wechselnden Mitgliedern – und bis auf den Käpitän und zwei andere Mitglieder hatte keiner am Anfang Ahnung vom Segeln.

In Camariñas im Norden von Galizien endete Lukas’ Zeit auf der „Labora“ deshalb. Er nahm den Bus nach Porto, erkundete drei Tage lang Portugal mit einem Mietwagen und flog dann pünktlich zu Weihnachten von Lissabon zurück nach Hause.

In einem Kinofilm zeigt Lukas sein großes Abenteuer

Rund ein Jahr ist Lukas’ Abenteuer nun her. Ob er eine Reise wie diese noch mal machen wird, weiß er noch nicht: „Ich habe keine Ahnung, ob ich jemals wieder Zeit dafür habe“, sagt er. Das letzte Mal mit dem Kajak oder Segelboot war er aber garantiert nicht unterwegs.

Erst mal konzentriert sich Lukas jetzt auf seine Masterarbeit – und darauf, einen Film über seine Reise ins Kino zu bringen:

Seine Abenteuer hat der Student nämlich mit der Kamera festgehalten. Der Film ist fast fertig – und wenn alles klappt wie geplant, könnten wir die Reise im Frühjahr 2021 in ausgewählten Kinos sehen. Aber dass im Leben nicht alles nach Plan läuft, hat Lukas spätestens auf seiner Reise gelernt. Denn ob die Corona-Lage eine Kinotour im April oder Mai schon wieder erlaubt, ist noch längst nicht abzusehen.

Aber egal welche Hindernisse das Leben Lukas künftig noch in den Weg legt: Die größte Lektion seines Abenteuers war eine „Einfach mal machen“-Mentalität. „Man sollte alles versuchen“, betont Lukas. „Und am Ende kommt es sowieso, wie es kommt.“