Das muss der kleinste Flughafen sein, auf dem ich jemals angekommen bin. Das Wetter ist gut. Wenig Wind, kaum Wolken, klare Sicht für den Piloten. Dass die Zehn-Sitzer-Propellermaschine über dem Nordatlantik trotzdem ruckelt und rumpelt wie ein Zugvogel mit Schluckauf, macht mir nichts aus. Ich bin wahnsinnig aufgeregt. Voller Vorfreude. Aber auch Angst.

Seit mehr als zwei Jahren möchte ich unbedingt nach Fair Isle. Eine Reportage schreiben über das Leben auf der entlegensten bewohnten Insel Großbritanniens, auf der sich 55 Bewohner eine ganze Welt teilen. Ich habe vorab recherchiert, mit den Einheimischen geschrieben und telefoniert. Nun ist es endlich so weit.

Acht Quadratkilometer, zwei Leuchttürme: Willkommen auf Fair Isle!

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Weil ich Fair Isle bereits so gut kenne, weil ich grob weiß, wie es auf der Insel aussieht, wer hier wohnt, wo der kleine Hafen ist oder der Tante-Emma-Laden steht, befürchte ich, enttäuscht zu werden. „Never meet your hero“ heißt es, denn die Realität könne nie so schön sein wie die eigene Vorstellung davon.

Doch die Skepsis verfliegt fast augenblicklich, als ich die ersten Umrisse der knapp acht Quadratkilometer großen Insel erkenne. Die zwei weißen Leuchttürme, die beiden großen Straßen, die sich wie dunkle Seeschlangen über das Eiland ziehen und die einzelnen Gehöfte miteinander verbinden. Die großen Weideflächen und schroffen Klippen. Und dort, Malcolm’s Head und Sheep Rock, die imposantesten Wahrzeichen der sonst unscheinbaren Insel.

Der Pilot macht noch einen letzten Schlenker, dann beginnt der Sinkflug. Allerdings steuern wir keine opulente Asphaltbahn an, sondern eine beunruhigend kurze Schotterpiste. Statt riesiger, metallener Zäune, die unliebsame Gäste vom „Runway“ fernhalten, sehe ich einen hüfthohen, weißen Holzzaun. Und das „Terminal“ ist eine kleine Hütte mit zwei Räumen, die mal wieder frische Farbe vertragen könnten. Einen Tower gibt es nicht. Aber der ist bei zwei, maximal drei Flügen am Tag wohl auch kaum nötig.

Die Anreise nach Fair Isle ist auch mit dem Flugzeug möglich, die Verbindung ist aber stark wetterabhängig.

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Als ich aussteige, spüre ich sofort das charmante Herz der Insel. Es riecht nach Salzwasser, nach saftig grünen Wiesen, nach Schafdung. Die Leute sind herzlich und versprühen selbst Touristen gegenüber ein besonderes Gemeinschaftsgefühl.

Fair Isle: kein Restaurant, kein Kino, kein Pub, kein Friseur

Fair Isle, mitten im Ozean gelegen, auf halber Strecke zwischen Orkney und Shetland, ist ein malerischer Ort. Wenn das Wetter mitspielt. Hier gibt es weder ein Restaurant noch ein Kino, einen Pub oder einen Friseur. Großartig! Für Besucher die ideale Gelegenheit, endlich einmal abzuschalten. Stundenlange Spaziergänge zu machen, Vögel zu beobachten, die Insulaner und ihr Leben kennenzulernen.

Ein Papageientaucher auf Fair Isle – die Vögel mit ihrem clownähnlichen Aussehen locken Besucher auf die Insel.

Da ist etwa John Best, mit 83 Jahren der älteste Bewohner, der mich schon nach zwei Tagen auf der Insel in sein Haus einlädt. John und seine Frau Betty kamen 1973 nach Fair Isle. Inzwischen hat er mehr als die Hälfte seines Lebens hier verbracht. Sein weißer Bart und der wache, leicht schelmische Blick lassen Johns vom Wetter gegerbtes Gesicht jünger erscheinen. Auch die Arbeit im Garten und in seinem Atelier halten ihn fit. Wer John trifft, wird garantiert auf eine Tasse Tee und einen Plausch eingeladen.

Dann sitzt der alte Mann in seinem Lieblingsstuhl im geräumigen Wohnzimmer seines Hauses – ein Haus, das er vor Jahren selbst gebaut hat, wie er voller Stolz erzählt. Der Blick aus dem Fenster zeigt ein atemberaubendes Panorama: die schroffen Klippen an der Südspitze der Insel, an denen sich die Wellen brechen, davor der imposante, weiße Leuchtturm. „Es gibt keinen besseren Ort, eine Familie großzuziehen“, sagt er, als wir über seine Tochter Fiona und seinen Sohn Ian sprechen, die ebenfalls beide auf der Insel leben. „Außerdem sind wir hier eigentlich alle wie eine große Familie.“

55 Menschen leben auf Fair Isle

Was klingt wie eine inhaltsleere Floskel, ist für die Bewohner von Fair Isle aber überlebenswichtig. Denn eine gesamte Insel am Laufen zu halten – noch dazu mit so wenig Personal –, gleicht einer Mammutaufgabe. Wer hier lebt, hat nicht nur einen, sondern mehrere Jobs.

„Viele Touristen fragen uns: Und was macht ihr am Abend – oder im Winter? Dass wir Probleme haben, unsere Zeit rumzukriegen, ist einer der größten Irrtümer über das Leben auf der Insel“, sagt Johns Tochter Fiona, die als zehnjähriges Mädchen nach Fair Isle kam. Sie selbst leitet mit ihrem Mann Robert den lokalen Supermarkt und die Post, gibt Kunstunterricht in der Grundschule, ist für die Feuerwehr auf Fair Isle zuständig, strickt und sitzt als ehrenamtliches Mitglied in diversen Gemeinderäten. „Für uns ist kein Tag wie der andere und es gibt immer etwas zu tun“, sagt Fiona.

Der Friedhof von Fair Isle.

55 Leute, die auf einer kleinen Insel ein beschauliches Leben führen … Da kann es ja nichts zu entdecken geben?! Wer so denkt, liegt falsch. Denn Fair Isle ist ein außergewöhnlicher Mikrokosmos, der weitaus komplexer ist, als es zunächst scheint.

Und nach acht Tagen auf dem kleinen Eiland weiß ich: Bei manchen seiner Helden sollte man durchaus auf ein persönliches Treffen bestehen.