Die Startbahn ist nass und wackelig. Nervös blicke ich nach draußen und versuche das laute Dröhnen des Motors zu ignorieren. Mein Blick schweift nach links zum Piloten, der mir aufmunternd den hochgereckten Daumen zeigt. Ich lächle zurück und rücke die gelben Ohrenschützer auf meinem Kopf etwas zurecht. Gleich heben wir ab.

Nicht in einer Boeing oder einem Airbus, sondern in einer kleinen Beaver, einem Wasserflugzeug, das auf seinen Kufen über den Lac Tibériade, knapp 200 Kilometer nordwestlich von Montréal, gleitet.

Mit einer Beaver über die Seen und Wälder hinweggleiten: ein besonderes Erlebnis in der kanadischen Provinz Québec.


Der Propeller dreht sich schneller und schneller und ganz plötzlich sind wir in der Luft. Unter uns erstrecken sich kilometerlange Mischwälder, nur unterbrochen von unzähligen kleinen und großen Seen. „Nur von oben bekommt man ein wirkliches Gespür für die Weite und Unberührtheit der Wildnis“, brüllt der Pilot über den Lärm hinweg. Und er hat Recht.

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Québec wirkt wie der Abenteuerspielplatz Kanadas

Die Provinz Québec, über die wir hinweggleiten, ist wie der Abenteuerspielplatz Kanadas. Wilde Tiere sehen, Wandern, Kanufahren, Mountainbiken – für Naturfreunde gibt es hier viele Möglichkeiten. Nicht umsonst folgen wir auf unserer Reise der Route des Explorateurs, der Route der Entdecker. Sie führt uns in die westlichen Regionen von Québec: Laurentides und Abitibi-Témiscamingue. Man könnte auch sagen in den wilden Westen im Osten Kanadas.

In Laurentides befindet sich auch der Mont-Tremblant-Nationalpark. „Es gibt insgesamt 82 Kilometer, auf denen Besucher durch die Natur wandern können“, erzählt Guide Eric Loiseau bei einer Wanderung.

Der Mont Tremblant ist der größte Nationalpark Québecs. Er befindet sich nördlich von Montréal.


Der rund einstündige Weg zu einer der Aussichtsplattformen führt uns vorbei an kleinen Bächen und Wasserfällen, immer umgeben von hohen Bäumen. Nur manchmal erklingt ein Vogel in der Ferne oder das Rascheln der Blätter durchdringt die beruhigende Stille.

Die Wildnis hier bietet ein Zuhause für 40 Säugetierarten.

Eric Loiseau, Guide


„Die Wildnis hier bietet ein Zuhause für 40 Säugetierarten“, sagt Loiseau über den ersten Nationalpark Québecs. „Inklusive dem Wolf“, fügt er mit einem kleinen Grinsen an. Vor denen bräuchten Besucher aber keine Angst haben, versichert er. Warum, das erkennt man sobald man auf die Aussichtsplattform tritt. Der Blick schweift über die weite grüne Landschaft mit unzähligen Bäumen und riesigen Seen. Auf den 1.510 Quadratkilometern des Parks – das ist fast dreimal die Fläche des Bodensees – scheinen Mensch und Tier noch friedlich miteinander existieren zu können.

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Refuge Pageau ist Auffangstation für Wildtiere

Dass dies leider nicht immer der Fall ist, sehen wir bei einem Besuch im Refuge Pageau. Die Auffangstation für Wildtiere steht rund eine Stunde Fahrt vom Ort Val-d‘Or entfernt in der Region Abitibi-Témiscamingue. Wer der Route des Explorateurs weiter in Richtung Nordwesten gefolgt ist, der lernt hier einen Teil von Québec kennen, der noch ursprünglicher und vielen Touristen gänzlich unbekannt ist – und daher umso mehr einen Besuch wert. Ein Ort für Entdecker eben.

Ein Schwarzbärenbaby genießt die Ruhe im Refuge Pageau. Bald wird es wieder in die Wildnis entlassen.


Marie-Frédérique Frigon führt uns durch die 1986 gegründete Auffangstation. Die 31-Jährige ist eine von vielen ehrenamtlichen Helfern, die hier verletzte, kranke oder verwaiste Tiere pflegen. „Das Ziel ist es, sie in die Wildnis zurückzubringen“, sagt Frigon. „Tiere, bei denen das nicht mehr möglich ist, bekommen bei uns für immer ein Zuhause“.

Das amerikanische Stachelschwein Chewbaka aus der Auffangstation Refuge Pageau liebt es mit Mandeln gefüttert zu werden.


So wie Chewbaka. Gemächlich klettert das amerikanische Stachelschwein aus dem Käfig, als die Tierschützerin die Tür öffnet und bleibt abwartend vor ihr sitzen. „Er liebt es, Mandeln von den Besuchern zu bekommen“, erklärt die Pflegerin und reicht uns einige in die Hand. Wir lassen es uns nicht nehmen Chewbaka immer wieder eine Mandel hinzuhalten, die er vorsichtig mit den Zähnen greift und vor sich hin mümmelt.

Derzeit haben rund 186 Tiere eine Zuflucht hier gefunden, erklärt uns die 31-Jährige. Auf einem Teil der 160 Hektar Land mit Waldgebiet bekommen wir Braunbären, Elche, Raubvögel und Füchse zu sehen. „Viele Menschen wissen einfach nicht, wie sie sich in der Natur richtig verhalten oder auf wilde Tiere reagieren sollen“, sagt die Pflegerin. Das würde die meisten Probleme verursachen. Ihre Erzählungen machen uns nachdenklich und lehren uns, die Wildnis Kanadas noch mehr zu schätzen.

In Kinawit die Kultur der Ureinwohner kennenlernen

Wer der Route des Explorateurs weiter in Richtung Westen folgt, bekommt die Chance, auch etwas über die Kultur und Geschichte dieser Region zu erfahren. In Kinawit, was in der Sprache der indigenen Völker Kanadas „Wir“ bedeutet, wächst ein kulturelles Zentrum, das den Besuchern die Traditionen und Bräuche der sogenannten First Nations, also der Ureinwohner, näherbringt.

In dem kulturellen Zentrum Kinawit lernst du die Traditionen und Bräuche der kanadischen Ureinwohner kennen, der First Nations.


„Es ist ein Ort der Heilung für uns“, erklärt Branden Nodin Ratt bei einer Führung über das Gelände am Ufer des Lac Lemoine. „Kinawit ermöglicht es uns, unsere Kultur und Traditionen wiederzubeleben.“ Der 32-Jährige, der in der Sprache seines Volkes Simo Sagigan heißt, gehört dem Stamm der Algonquins an. Schon vor Tausenden von Jahren nutzten diese die Flüsse als Wasserwege, um Waren zu transportieren. So wie später auch die Siedler aus England und Frankreich, wie man im Fort Témiscamingue, einem Stützpunkt für den damaligen Pelzhandel, erfahren kann.

In Kinawit zeigt Branden Nodin Ratt sein selbstgebautes, traditionelles Kanu.


Wir folgen auf unserer weiteren Reise ebenfalls den Wegen entlang des Wassers bis zum Nationalpark d‘Opémican, eingebettet zwischen den Seen Kipawa und Témiscamingue direkt an der Grenze zu Ontario. Noch bis vor einhundert Jahren wurden hier in der Gegend Baumstämme in den dichten Wäldern geschlagen und über den Fluss gen Zivilisation in den Süden befördert.

Mit dem Kanu geht's aufs Wasser

Wer der Route der Entdecker folgt, sollte Québec nicht nur mit dem Auto erkunden. An unserem letzten Morgen nehmen wir deshalb Platz in einem Rabaska, einem traditionellen Kanu, das allerdings inzwischen für die Besucher des Nationalparks nicht mehr aus Holz gebaut ist. Während die Nebelschwaden noch durch den Wald ziehen, gleiten wir fast lautlos durch das Wasser. Die Stille des kühlen Herbstmorgens wird nur unterbrochen durch das Plätschern unserer Paddel, die ins Wasser tauchen, während die aufgehende Sonne die Gegend erhellt. Was für ein Morgen im wilden Westen von Québec.

Tipps für deine Reise nach Québec

Anreise: Air Canada fliegt unter anderem direkt von Frankfurt am Main nach Montréal. In Québec ist es ratsam, sich ein Auto oder Wohnmobil zu leihen, um die Provinz zu erkunden und nach Laurentides und Abitibi-Témiscamingue zu fahren.

Einreise: Aktuell ist die Einreise nach Kanada für Deutsche coronabedingt nicht möglich. Normalerweise müssen Reisende vorab online eine elektronische Einreisegenehmigung (eTA) beantragen. Dafür nötig sind ein gültiger Reisepass, eine E-Mail-Adresse und eine Kreditkarte, um die Gebühr von 7 kanadischen Dollar zu begleichen. In den meisten Fällen wird der Antrag innerhalb weniger Minuten genehmigt.

Unterkünfte: Außer klassischen Hotels in den Städten gibt es schöne Lodges, die an Seen in den Wäldern stehen – dort können zum Teil einzelne Zimmer oder auch ganze Hütten gemietet werden, zum Beispiel bei der Auberge du Lac Morency und der Rabaska Lodge. Zur Rabaska Lodge gelangt man auch mit einem Wasserflugzeug von Air Mont-Laurier.

Weitere Informationen: Québec ist die flächenmäßig größte Provinz Kanadas und die einzige Region mit einer französischsprachigen Mehrheit. Allerdings sprechen die meisten Menschen auch Englisch.

Die Reise wurde unterstützt von Bonjour Québec. Über Auswahl und Ausrichtung der Inhalte entscheidet allein die Redaktion.