Dass die Arbeit in einem Museum noch viel mehr beinhaltet, als Exponante in vorteilhafte Positionen zu rücken – das ist vielen Besuchern gar nicht bewusst. Das Museum Boijmans van Beuningen in Rotterdam möchte diesem Irrglauben nun entgegenwirken und stellt all seine Exponate auf einen Schlag aus.

151.000 Kunstwerke im Boijmans – Besucher sehen aktuell nur acht Prozent davon

Über einen Zeitraum von 170 Jahren sammelten sich in dem Kunstmuseum etwa 151.000 Exponate an – holländische und europäische Kunst vom frühen Mittelalter bis ins 21. Jahrhundert. Kunstwerke von namhaften Größen wie Rembrandt, Monet, van Gogh und Dalí sind hier zu finden. Damit deckt das Repertoire zahlreiche Stile wie Impressionismus, Surrealismus und Modernismus ab. Aber: Aktuell sind dem Museum zufolge nur acht Prozent der Sammlung für die Besucher zu sehen. Das soll sich ändern.

Museum in Rotterdam holt Exponate aus dem Keller

Der gesamte Bestand soll nun umziehen, und zwar in ein riesiges Lagerhaus – das sogenannte Depot. Und dafür steht ein beeindruckendes Gebäude, das für sich schon ein Kunstobjekt ist: Futuristisch, mit Wänden aus Spiegelglas, die sich in einer Höhe von 40 Metern krümmen. In ihnen spiegeln sich die umstehenden Gebäude der Stadt. Und Besucher können auch mit einem Fahrstuhl auf den Dachgarten fahren und Rotterdam von oben sehen. 

Das Depot Boijmans van Beuningen wird das erste Museum der Welt sein, das Zugang zu einer kompletten Sammlung bietet. Die Dynamik des Depots unterscheidet sich von der des Museums: Hier finden keine Ausstellungen statt, aber die Besucher können – unabhängig oder mit einem Führer – auf 15.000 Quadratmetern die rund 151.000 Kunstobjekte betrachten. 

Der Direktor des Museums, Sjarel Ex, zeigt sich gegenüber dem „Guardian“ sehr erwartungsvoll, er scheint von der Idee des offenen und sichtbaren Speichers angetan zu sein. Er betonte, dass eine Menge von dem, was in einem Museum passiere, nicht sichtbar sei. Mit dem Projekt wolle man die Arbeit im Museum Boijmans van Beuningen nun ans Licht bringen. 

Nachdem es im Jahr 2013 zu einer Überschwemmung des Kellerlagers kam, war Sjarel Ex klar, dass das Boijmans dringend eine Modernisierung nötig hatte. Für die teilweise großformatigen Gemälde, Fotografien, Skulpturen und andere Exponate aus sieben Jahrhunderten Kunstgeschichte, müsse die Gefahr der Zerstörung durch Überschwemmungen reduziert werden. Und diese Gefahr ist nicht aus dem Nichts gegriffen – Rotterdam liegt zu großen Teilen unter dem Meeresspiegel. 

Museum Depot in Rotterdam eröffnet im September 2021

Nur wenige Hundert Meter vom Museumsaltbau entfernt entsteht nun das neue, moderne Boijmans. Der verspiegelte Koloss hat mitten im Rotterdamer Museumspark noch einen Platz gefunden.

Der Neubau, der seinen Entwurf der niederländischen Firma MVRDV zu verdanken hat, soll bis April 2021 mit dem Boijman-Bestand aufgefüllt und anschließend möbliert werden. Geöffnet werden soll er dann im September 2021.