Eigentlich soll man ja im Frühtau zu Berge ziehen, aber wir haben uns dieses Mal Zeit gelassen und sind erst am späten Vormittag vom Wanderparkplatz in Plangeross im Tiroler Pitztal Richtung Rüsselsheimer Hütte aufgebrochen. Der Grund: Wir wollen Steinböcke in ihrem Revier besuchen. Die Könige der Alpen, wie sie hier respektvoll genannt werden, verbringen die heißen Stunden des Tages gut versteckt auf ihren Ruheplätzen. Erst am Nachmittag erscheinen sie auf der Bildfläche.

Bei Wanderungen im Pitztal lohnt es sich, auch die heimische Flora und Fauna genauer in den Blick zu nehmen.

Hochalpine Vegetation bestimmt das Bild

Ernst Partl, Geschäftsführer des Naturparks Kaunergrat im Pitztal und an diesem Tag unser Wanderführer, lässt sich dann auch Zeit beim Aufstieg zur in 2.328 Metern Höhe auf der Hohen Geige gelegenen Hütte. Zeit, um uns Einblicke in die hochalpine Vegetation zu geben. Wir trinken Tau, der sich in den kelchförmigen Blättern eines Frauenschuhs angesammelt hat, entdecken Taubnesseln und Spitzwegerich. Den Meisterwurz lassen wir stehen, obwohl er gegen Fieber und Vergiftungen wirken soll.

Währenddessen verziehen sich Wolkenbänder und geben den Blick auf die gegenüberliegende Watzespitze als höchstem Berg im Nationalpark frei. Beim Spähen entdecken wir zwei braune Punkte, die sich an einem Geröllfeld bewegen. „Es sind Gämsen“, erklärt Partl nach einem Blick durch sein Fernglas. König Steinbock ruht noch.

Um Kraft, Mut und Schwindelfreiheit der Steinböcke zu erlangen, trank man deren Blut. Pulver aus den zerriebenen Hörnern galt als Potenzmittel.

Ernst Partl, Geschäftsführer des Naturparks Kaunergrat

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„Eine Garantie, dass wir Steinböcke sehen, gibt es nicht. Aber die Chance ist sehr groß“, sagt unser Wanderführer. Bis vor einigen Jahrzehnten hätte es nicht einmal die Chance gegeben. Die Tiere, die immerhin das Wappen des Pitztales zieren, wurden vom 15. Jahrhundert an fast im gesamten Alpenraum vor allem durch Wilderei ausgerottet.

„Es ging dabei nicht nur um Fleisch, sondern auch um Aberglauben. Um Kraft, Mut und Schwindelfreiheit der Steinböcke zu erlangen, trank man deren Blut. Pulver aus den zerriebenen Hörnern galt als Potenzmittel“, schildert Partl und schwärmt von der „enormen Kraft, die in diesen etwa 1,10 Meter hohen und bis zu 100 Kilogramm schweren Tieren steckt“. Eine Geiß könne aus dem Stand 3,50 Meter weit springen.

In der Bergwelt des Pitztals leben heute rund 1.200 Steinböcke.

König Viktor Emanuel II. von Sardinien-Piemont und später des geeinten Italien stellte Mitte des 19. Jahrhunderts die übrig gebliebene Schar von rund 60 Tieren im Aostatal unter den Schutz der Krone. So schuf der Monarch die Voraussetzung dafür, dass die Art überleben konnte. Über den Umweg Graubünden kamen Steinböcke von dort 1952 ins Pitztal. „Zuchtversuche in einem Gehege scheiterten; die Steinböcke rissen alle aus“, erzählt Partl.

In der Rüsselsheimer Hütte steht Steinbock auf der Speisekarte

Was niemand ahnte: Ungestört in freier Wildbahn entdeckten sie ihre Triebe. Heute leben wieder rund 1.200 Tiere in der Bergwelt des Pitztals. Und dass Wirt Florian Kirschner in der Rüsselsheimer Hütte Steinbock-Gulasch und -Carpaccio auf der Speisekarte anbietet, muss keinen erschrecken. „Wenn wir das Steinwild nicht bejagen, breitet es sich zu stark aus und verdrängt die Gämsen“, sagt Partl.


Bei klarem Himmel und bester Sicht ziehen wir weiter zu unserem eigentlichen Ziel, dem Gahwinden-Joch mit dem Gipfelkreuz auf 2.649 Metern Höhe. Die Aussicht hier auf die Pitztaler Bergwelt ist grandios, sogar die entfernte Wildspitze als höchster Berg Nordtirols kommt in den Blick. Wir lassen das aber nicht zu lange auf uns wirken, sondern legen uns an die Kante und suchen mit Ferngläsern die gegenüberliegende Bergflanke ab. „Wenn die Steinböcke kommen, dann dort“, sagt Partl.

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Am Gahwinden-Joch hat man die besten Chancen, den Steinbock in freier Wildbahn zu beobachten – am besten, wenn man sich ganz ruhig hinlegt.


Und sie kommen. Erst sind es nur wenige, die wir im Grün zwischen Geröllfeldern entdecken. Dann werden es immer mehr, schließlich zählen wir 40 Tiere. Um die Schau perfekt zu machen, wechseln zwei Böcke zum Gahwinden hinüber und streifen langsam in weniger als 20 Metern Entfernung an uns vorbei – so nah, dass wir das Muskelspiel in ihrer Bewegung beobachten können. „Ruhig bleiben. Sonst schrecken sie auf und fliehen“, flüstert Partl.

So sehen wir schweigend und gebannt zu, wie die majestätischen Tiere Richtung Hohe Geige ziehen, in Regionen, die für Menschen unerreichbar bleiben, die die Tiere aber spielerisch durchmessen. Es dauert lange, bis wir uns vom Anblick der Steinböcke lösen können und unsere Gespräche wieder aufnehmen. Die Audienz beim König hat Eindruck hinterlassen.

Steinbockzentrum informiert seit Juli über die Tiere

Die Wanderung von Plangeross zum Gahwinden-Joch dauert etwa 3,5 Stunden. Es geht teilweise steil bergauf, aber die Route ist nicht schwierig. Wer die Mühen scheut und trotzdem mehr über Steinböcke erfahren will, hat seit Mitte Juli eine Alternative. In St. Leonhard im Pitztal eröffnete das Steinbockzentrum mit von Wanderwegen durchzogenem Gehege, Ausstellungshaus und Café.

Das neue Steinbockzentrum in St. Leonhard hat eine markante Architektur.

Die Architekten Daniela Kröss und Rainer Köberl haben ein Gebäude aus rötlichem, strukturiertem Beton entworfen, das hoch und schroff wirkt – „und damit zur Landschaft im Pitztal passt“, wie Partl befindet. Sieben Tiere sind in das Gehege eingezogen, bis zu 20 sollen es einmal werden.

Im neuen Infozentrum wird auch dokumentiert, warum die Könige der Alpen wegen ihrer Hörner gejagt wurden.


Das Zentrum, das 3,7 Millionen Euro gekostet hat, will nicht nur die Steinböcke würdigen, sondern auch Verbindungen zur Natur- und Kulturhistorie des Tals knüpfen. Dazu passt, dass direkt nebenan der Schrofenhof aus dem Jahr 1265 steht. Es ist das älteste erhalten gebliebene Gebäude weit und breit, ist mittlerweile nicht mehr bewohnt und soll bald renoviert werden.

Mit dem Floß auf dem Rifflsee entspannen

An einem der Folgetage fahren wir mit der Bergbahn von Mandarfen aus zum Rifflsee in 2.232 Metern Höhe. Die Hütte dort ist Ausgangspunkt oder Station zahlreicher Wanderungen in die Pitztaler Berg- und Gletscherwelt, aber uns lockt etwas anderes. Auf dem Bergsee, dem Partikel im ihn speisenden Gletscherwasser eine türkise Farbe verleihen, verkehrt in den Sommermonaten ein Floß, 40 Tonnen schwer, 15 Meter lang und zehn Meter breit.

Die schwimmende Aussichtsterrasse haben Mitarbeiter der Bergbahn vor drei Jahren aus Fichtenstämmen zusammengebaut. „Da steckt keine einzige Metallschraube drin“, sagt Kapitän Reinhold, der seinen Nachnamen verschweigt – „mich nennen ohnehin alle nur Meck“, sagt er.

Auf dem Rifflsee verkehrt in den Sommermonaten auf mehr als 2000 Metern Höhe ein Floß.


Angetrieben von einem Elektromotor gleitet das Floß gemächlich über den See. Vom Liegestuhl aus und mit einem Kaltgetränk versehen lässt sich der Blick auf Mittagskogel, Seekogel und all die anderen Berge genießen, die nach Einschätzung von Kapitän Meck „den schönsten Talabschluss der Welt bilden“. Man könnte das vielleicht im Himalaya, den Anden oder einfach nur im benachbarten Ötztal hinterfragen – oder aber einfach stehen lassen und sich am Panorama erfreuen.

Steinböcke sieht man am Rifflsee zumindest tagsüber nicht, dafür herrscht zu viel Publikumsverkehr. Die Bugfigur des Floßes aber zeigt die Silhouette eines – ja, genau.

Tipps für deine Reise ins Pitztal

Reiseziel: Das zwischen den bekannteren Kauner- und Ötztal gelegene Pitztal ist ein etwa 40 Kilometer langes Sacktal. Nur eine Straße führt aus dem Inntal hinauf bis ins Örtchen Mandarfen, das bereits auf 1.700 Metern Höhe liegt. 38 Berge bringen es hier auf mehr als 3.000 Meter. Vor den Gipfeln im Bereich der Wildspitze erstreckt sich der riesige Pitztaler Gletscher, der gut durch Bergbahnen erschlossen ist. Im gesamten Tal leben 7.400 Menschen, und viel mehr werden es nicht werden. Wegen der Lawinengefahr herrscht fast überall Bauverbot. Es gibt im Pitztal 380 Kilometer Wanderwege, 37 Berghütten, 178 Kletterrouten und 131 Kilometer Mountainbikestrecken.

Anreise: Mit dem Auto über München und Innsbruck auf der Inntalautobahn 12 bis Imst. Von dort zweigt die Straße durch das Pitztal ab. Mit der Bahn ebenfalls über München und Innsbruck bis Imst. Vom Bahnhof aus fahren regelmäßig Busse durch das gesamte Tal. Sie sind auf die Ankunftszeiten der Züge getaktet.

Beste Reisezeit: Wegen des hochalpinen Charakters ist die Zeit für Wanderungen und ähnliche Sommeraktivitäten kurz – je nach Witterungslage von Mitte Mai bis Ende September.

Weitere Informationen: Tourismusverband Pitztal, Unterdorf 18, 6473 Wenns, Telefon: (00 43) 5 41 48 69 99. 

Die Reise wurde unterstützt vom Tourismusverband Pitztal. Über Auswahl und Ausrichtung der Inhalte entscheidet allein die Redaktion.