Der Ausblick von Englands Südwest-Küste garantiert normalerweise Abgeschiedenheit und Ruhe. Das macht sie vor allem in den heißen Sommermonaten zu einem Ziel für jene Touristen, die genau das suchen. Doch jetzt hat die Corona-Krise auch Auswirkungen auf die ländliche Gegend rund um Weymouth in der Grafschaft Dorset.

Weil nach wie vor die meisten großen Kreuzfahrtschiffe weltweit nicht auf Reisen gehen, parken die Reedereien ihre Schiffe vor der Küste. Das ist zunächst einmal nicht ungewöhnlich: Reedereien rund um den Globus versuchen so, ihre Hochseeschiffe möglichst kostensparend durch die Krise zu bringen.

Bis zu fünf der Riesenschiffe liegen zwischen Mudeford Quay und Mudeford Sandbank.

So kam es zu den Geisterschiff-Touren

Fast vollständig verlassen – nur Rumpfmannschaften halten die Schiffe instant – ragen sie vor dem Horizont auf. Das Szenario zieht Touristen aus ganz Großbritannien an, die sich sonst eher nicht in diese ruhige Gegend verirren.

Doch auch Einheimische sind von dem Anblick fasziniert. Vor allem nachts, wenn die Beleuchtung der Schiffe eingeschaltet wird, bietet sich den Touristen ein besonderer Anblick. In kurzer Zeit wuchs das Interesse an den Kreuzfahrtschiffen derart an, dass sogar ein Angebot entstand, das es in dieser Form bisher nicht gegeben hat: Geisterschiff-Touren zu den Kreuzfahrt-Riesen.

Die Idee zu den Geisterschiff-Fahrten entsteht

Auf diese Idee kam Anwohner Paul Derham. Als ehemaliger Mitarbeiter der britischen Reederei P&O Cruises betreibt der Eigentümer von Mudeford Ferry seit einigen Jahren ein eigenes Fähr-Unternehmen. Auf seinen zwei eigenen Schiffen bietet der 62-Jährige unterschiedliche Abenteuer und Entdeckungstouren in den Gewässern vor Mudeford an. Dazu gehören branchenübliche Hafenrundfahrten, Begleitungsfahrten von Regatta-Touren, Tierbeobachtungen.

Touren ohne tatsächliches Alleinstellungsmerkmal – bisher. Seine neueste Idee ist in dieser Form aber einzigartig: Mit dem Lockdown der Kreuzfahrt-Branche Anfang des Jahres infolge der Corona-Pandemie bot sich Derham eine neue Gelegenheit. Der Unternehmer zögerte nicht lange und bot mit seinen Fähren Touren zu den Schiffen an. 

Verlassen vor der Küste: das ehemals größte Kreuzfahrtschiff der Welt 

Als ehemaliger Mitarbeiter von P&O Cruises kennt Derham einige der vor Anker liegenden Schiffe aus erster Hand: Während seiner Karriere auf hoher See arbeitete er selbst als zweiter Kapitän an Bord der „Aurora“. Das Schiff aus der Meyer-Werft in Papenburg hat seinen Heimathafen eigentlich in Hamilton auf den Bahamas. Jetzt liegt es vor der englischen Küste vor Anker.

Die leeren Kreuzfahrtschiffe – oder Geisterschiffe-Schiffe sind ein beeindruckender Anblick in Poole Bay.

Gleich daneben befinden sich die „Jewel of the Seas“, die „Britannia“, die „Anthem of the Seas“ und die gigantische „Allure of the Seas“ – bis immerhin zum Jahr 2010 das größte Kreuzfahrtschiff der Welt. „Sie sehen spektakulär aus. Aber selbst wenn sie sich in Anlaufhäfen wie Southampton oder anderswo befinden, kann man einem Schiff mit guter Sicht nie so nahe kommen“, sagt Derham dem Sender „CNN“. 

Mit der Fähre bis auf 50 Meter an die Geister-Riesen heran

Anstatt der üblichen bis zu 6300 Passagiere und 2100 Crew-Mitglieder befinden sich derzeit nur ein paar Dutzend Menschen an Bord der „Allure of the Seas“ – um Wache zu halten. Hin und wieder fahre zwar eines der Schiffe für Instandsetzungs- oder Logistikmaßnahmen in den nahe gelegenden Hafen von Southampton, doch aus Platz- und Kostengründen sei das Liegen dort nicht dauerhaft für alle Schiffe der P&O-Flotte möglich.

Dicht vorbei an den Ozeanriesen: Auch die Queen Mary 2 stattete der Weymouth Bay während der Corona-Pandemie einen Besuch ab.

Vor allem auf Facebook bewarb Derham seine „Ghost Ship Tours“: Die Fahrten starten am Hafen von Mudeford und dauern rund zweieinhalb Stunden. Bis auf 50 Meter dürfen die Fähren an die Kreuzfahrtschiffe heranfahren und machen die eindrucksvolle Höhe der Ozeanriesen erlebbar – eine völlig neue Perspektive für viele Touristen.

Ärmelkanal statt Karibik: Touren sind gut gebucht

Vor Anfragen könne sich der Unternehmer laut eigenen Angaben kaum retten. Da aber auch auf seinen Booten Hygiene-Vorschriften eingehalten werden müssen, könne er auf den mehrstündigen Touren maximal 20 bis 30 Passagiere mitnehmen. Voraussetzung für die Durchführung der Touren ist allerdings auch beständiges Wetter – bei zu starkem Wind sind die Fahrten zwischen den Kreuzfahrschiffen zu gefährlich.

Weiter westlich von Mudeford liegen derzeit Schiffe der Cunnard-Reederei mit manchen der größten und bekanntesten Schiffen der Welt: Hier liegen die „Queen Elizabeth“, die „Queen Mary 2“. Auch die P&O-Riesen „Ventura“ und „Azura“ liegen dort vor Torquay und warten auf ein Ende der Corona-Beschränkungen.

Mudeford Ferry | Adresse: Mudeford Quay, Christchurch, Dorset BH23 4AB | Telefon: 07968/334441 | Erwachsene: 20 Pfund, Kinder 10 Pfund per Barzahlung vor Fahrtbeginn