Mit dem Zug zu reisen bedeutet, die Kontrolle abzugeben. Wir setzen uns hin und können uns zurücklehnen, fahren einfach los. Wenn Schafe auf die Gleise laufen, kommt der Zug zum Halt und eine Zugbegleiterin sagt Sätze wie: „Wegen technischer Störungen verzögert sich die Weiterfahrt leider um wenige Minuten.“

Es sind beruhigende Abläufe wie diese, die uns in Gewissheit wiegen, dass da Dutzende Menschen im Hintergrund arbeiten und wir nichts weiter tun müssen, als zu atmen, um anzukommen.

Mit dem Zug zu reisen hat etwas Romantisches, unschlagbar durch andere Formen der Fortbewegung. Filme wie Alfred Hitchcocks „North by Northwest“ oder Wes Andersons „Darjeeling Limited“ porträtieren ein mondänes Leben in Zügen, in denen gut gekleidete Menschen das Bordrestaurant aufsuchen, als wären sie auf dem Weg in die Oper. Romanzen bahnen sich an in ausladenden Privatkabinen und das Personal ist dabei so diskret und vornehm, wie es sich für ein Vier-Sterne-Hotel gehört.

Die Realität von Zugreisen liegt weit weg von Romantik

Wie weit diese Vorstellungen von der Realität entfernt sind, darüber muss hier kein Wort verloren werden. Und doch schaffen Romantisierungen einen Mythos, der bis heute die Realität überlebt. Er lässt einige Menschen träumen von tagelangen Reisen, etwa mit der Transsibirischen Eisenbahn.

Ganze Kontinente zu durchqueren mit einem Zug: Das mag Beobachtern nostalgisch anmuten, wie die idealisierten Vorstellungen übers Zugfahren in den Filmen. Warum zum Teufel sollte jemand auch so viel Zeit in einem Zug verbringen, wenn es schnellere Alternativen gibt?

Ein Flug von Frankfurt am Main nach London benötigt gerade einmal zwei Stunden. Mit dem Zug sind es elf, wenn es gut läuft. Das ist beinahe sechsmal so lang. Lass uns gar nicht davon sprechen, wie viel teurer die Buchung einer Zugreise ist.

Vor dem Zug fängt der Alltag wieder an – im Innern hat der Stress aber Pause.

Die Argumente für eine Fahrt mit der Bahn werden immer dünner. Gerade wenn es um Urlaube geht, eingefasst in zwei Wochen, auf die sich Kinder und Eltern freuen. Wenn zwei Stunden schreiende Kinder schon schlimm sind – wie grauenvoll sind dann elf Stunden mit mehrmaligem Umsteigen? Verrückt muss man sein oder moralische Bedenken voranstellen. Doch so mutig und ehrenhaft das erscheint, so unnötig ist es auch.

Der Urlaub beginnt im Zug

Die Zeit im Zug, und das ist keine Übertreibung, kann den schönsten Teil einer Reise ausmachen. Wer sich darauf einlässt, erlebt entspannte Stunden in einem rollenden Wohnzimmer und hört dabei Musik, sieht Lieblingsserien und Lieblingsfilme, isst Erdnüsse und unternimmt Exkursionen zum Bordrestaurant für eine warme Mahlzeit und ein frisches Hefeweizen. Selbst Umstiege werden wahlweise zu kleinen Sportübungen oder Citytrips im Mikroformat.

Die Zeit, die wir meinten, nie zu haben. Wir haben sie im Zug.

Es sind die Dinge, die wir uns vom Urlaub wünschen: zur Ruhe kommen. Zeit für uns. Auch mit Kindern geht das! Man muss nur vorbereitet sein. Auf eine gute Zugreise mit Kindern müssen Malsachen, Bücher und digitales Spielzeug mitgenommen werden. Noch besser aber sind Gesellschaftsspiele. Während dann der kleine Phillip versucht, ein Hotel auf der Chausseestraße zu bauen, ziehen Rapsfelder am Fenster vorbei. Die Wut über verlorene Mieteinnahmen erscheint nichtig beim Ausblick von einer gewaltigen Brücke mit tiefem Blick in ein waldgefülltes Tal.

Das süße Nichtstun zelebrieren

Die Zeit, die wir meinten, nie zu haben. Wir haben sie im Zug. Warum? Weil es endlich keinen Ausweg gibt. Die Gehetztheit in unserem Alltag mag sehr viele Gründe haben. Ein ganz besonders wichtiger aber ist die Vielzahl an Optionen. In den Zehnerjahren sprach man von FOMO, fear of missing out, also der Angst davor, etwas zu verpassen. Sie lässt uns erstarren in Unruhe, versetzt uns in Angst, unsere Zeit mit dem Zweitbesten zu verbringen. An einem anderen Ort zu sein oder etwas noch Besseres haben zu können. Im Resultat tun wir oft nichts.

Nur Nichtstun gibt uns eine Garantie, das Falsche zu meiden. Gut, so könnte man nun argumentieren, oben im Flugzeug bin ich genauso eingesperrt ohne Ablenkungen. Auch dort kann ich über das Leben nachdenken, einen Käsetoast mit Dosenbier genießen oder auf meinem Handy Videos schneiden. Und es stimmt auch.

Aber wenn Menschen sie genießen, diese Zeit der Selbstreflexion, des Konsums und des Produzierens: Warum kürzen wir ausgerechnet an dieser Stelle? Ich denke, wir müssen uns von dem Gedanken frei machen, dass es eine Anreise gibt, die durch das Ziel abgelöst wird, und das dort gefundene Glück erst mit der Abreise endet.

Wir vergessen dabei all die Frustrationen und Wartezeiten, die Verschwendung, die wir an unseren Reisezielen erleben. Schlimmer noch: Wir stehlen uns selbst den Genuss der möglicherweise ruhigsten beiden Phasen unserer gesamten Reise. Na ja, zumindest, wenn wir keine schreienden Kinder dabeihaben.

Vorfreude ist oft besser als die Realität

Die Anreise kann sogar noch viel mehr sein als nur eine Chance zur Kontemplation, also eine Phase ultimativer Ruhe. Voller nicht eingelöster Erwartungen türmt sich unsere Vorstellung vom Ziel vor uns auf. Je langsamer, desto besser: Denn wie wir uns dem Ziel nähern, nähern wir uns auch der Realität. Und die ist niemals so wunderbar wie die Welt in unserer Fantasie.

Das Ziel mag uns mit Überraschungen beglücken, neue Bekanntschaften mögen uns in neue Richtungen stoßen. Gleichzeitig wird jeder Ort unsere Erwartungen zwangsläufig enttäuschen. Wir müssen einsehen, dass unsere Vorstellungen, die Romantik, ein Teil von uns sind. So müssen wir sie auch behandeln.

Sehr oft sprechen wir deswegen von Erinnerungen an Urlaube oder Reisen, die wir niemals missen wollen. Genauso sollten wir jedoch auch Erwartungen wertschätzen: Sie sind das Gefühl der Vorfreude nach dem Moment der ersten Buchung. Die Glücksgefühle, die uns durch Monate und Wochen im Büro retten.

Mit dem Zug langsam ans Ziel

Es ist ein bisschen wie bei der Liebe. Je schneller wir am Ziel sind, desto schlechter war es. Okay. Was aber tun wir mit einer solchen Erkenntnis? Wie pflegen wir diese Vorfreude? Wie also steigern wir das Gefühl der Vorfreude ins Unermessliche?

Machen wir die Reisezeit zu einem Spiegelkabinett unserer Reflexionen. Dafür müssen wir unsere Ungeduld in die richtigen Bahnen lenken. Nähern wir uns dem Ort mit allen Sinnen: Dazu schauen wir während der Fahrt aus dem Fenster und beobachten die Veränderung der Landschaft.

Bei einer Reise in den Süden ändern sich mit der Zeit die Bäume und das Licht wird scheinbar wärmer. Im Norden bemerken wir eine veränderte Architektur und dramatische Felsformationen. Diese Veränderungen zeichnen sich nur zaghaft ab. Wir müssen schon sehr aufmerksam sein, um sie wahrnehmen zu können.

Ein Stück Zuhause auf Zeit

Je mehr wir dies verinnerlichen, desto mehr synchronisieren sich unsere Gefühle mit dem Ziel unserer Reiselust. Einen Film zu schauen, der am Zielort spielt, oder Musik zu hören kann unsere Verbundenheit auf emotionaler Ebene weiter steigern. Wir können uns ein Buch mitnehmen und ein paar Worte in einer fremden Sprache lernen oder über die Geschichte eines anderen Ortes lesen.

Wir können Pläne schmieden, wie wir uns am Zielort weiterbewegen: Was wir besuchen, was wir unbedingt einmal probieren wollen. Dann sind wir wieder ermüdet und dösen ein wenig mit nur einem Auge geschlossen und einem immer noch gierig aus dem Fenster blickend. 

Als Nächstes vertreten wir uns ein wenig die Beine. Kommen mit einer Flasche Wein zurück zum Platz und genießen ein Glas beim Blick auf den See, der die Sonnenstrahlen in kurvigen Linien reflektiert, während wir an ihm vorbeifahren. „Un bicchiere di vino ...“ – Was war noch mal das Wort für bitte? „Per favore.“

Die Bäume werden länger, das Licht wärmer und der Sitz ist bereits eine gewisse Verbundenheit mit unserer Körperform eingegangen, sodass wir den Zug am Ende mit etwas Wehmut verlassen. Begeistert geht unser Blick auf die Decke des gläsern überkuppelten Ankunftsbahnhofes. Plötzlich müssen wir uns wieder durch Menschenmassen kämpfen.

Zurück im Trubel

Das Buch neben dem Weinglas in unserem Wohnzimmer auf Zeit ist nun nicht mehr da, um uns einen sicheren Blick in die Kultur und Sprache dieses Landes zu erlauben. Wir sind gezwungen, wieder zu funktionieren. In welcher Richtung liegt das Hotel? Wo ist die U-Bahn-Station? Brauchen wir ein Taxi? Und wo kriegen wir Bargeld her?

Dann verlassen wir den Bahnhof durch schwere Holztüren und vor uns eröffnet sich ein Ensemble von Gebäuden. Wir werden ins Herz der Stadt katapultiert. Mopeds zischen an uns vorbei und aus jeder erdenklichen Richtung drängen sich Menschen vorbei.

Plötzlich gibt es so unglaublich viele Möglichkeiten. Wir freuen uns darauf, dass alles hier endlich greifbar geworden ist. Unsere Vorstellungen werden jetzt abgelöst von der Realität. Und die ist unendlich schön. Aber ein wenig vermissen wir auch das Spiel mit den Bildern, die in unserem Kopf hausten. Für eine Millisekunde trauern wir um das Gefühl der Vorfreude und den Entzug der Pflicht, Entscheidungen treffen zu müssen. Die Ankunft nach einer Reise bedeutet das Ende der einmaligen Freiheit, Fortschritte zu machen, ohne dass wir dafür aktiv werden müssten.

Dieser Text von Richard Kaufmann ist ein Auszug aus dem Buch „Landreisen“ (Verlag Raz el Hanout), das bei Startnext vorbestellt werden kann.